Letzte Chance

Leseprobe "Aber damit wir überleben, muss sich alles ändern. Wirklich alles. Radikales Handeln, basierend auf einem richtigen Verständnis des Finanzsystems und auf moralischem Mut, kann die Gegenwart verändern und uns eine Zukunft sichern."
Letzte Chance

Foto: Mark Wilson/Getty Images

Vorwort

Wir können uns leisten, was wir tun. Das ist das Thema dieses Buches. Es gibt Grenzen für das, was wir tun können – insbesondere ökologische Grenzen, doch dank dem öffentlichen Gut, welches das Währungssystem darstellt, können wir uns innerhalb der uns als Menschen gesetzten Grenzen und der Grenzen unserer Umwelt leisten, was wir tun.

Damit die Menschheit auf einem bewohnbaren Planeten überlebt, ist es dringend geboten, dass wir handeln. Uns droht die Auslöschung. Die komplexen Lebenserhaltungssysteme der Erde, bestehend aus Atmosphäre, Ozeanen, Landmassen und Lebensformen, stehen nach Einschätzung von führenden Wissenschaftler*innen vor dem Kollaps. George Monbiot hat gewarnt: »Nur eines der vielen Lebenserhaltungssysteme, von denen wir abhän- gen – Böden, Grundwasser, Regen, Eis, die Muster der Wind- und Wasserströmungen, Bestäuber, biologische Fülle und Vielfalt –, muss ausfallen, damit alles ins Rutschen kommt.«

Der Weltklimarat der Vereinten Nationen (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) hat 2018 eindeutig und eindringlich zum Handeln aufgerufen. Wir müssen die jährlichen weltweiten Emissionen in den nächsten zwölf Jahren halbieren und Mitte des Jahrhunderts Klimaneutralität erreicht haben. Jason Hickel schrieb in der Zeitschrift Foreign Policy:

»Man kann die Dramatik dieser Veränderung gar nicht über- treiben. Sie erfordert nicht weniger als eine totale und rasche Abkehr von unserem bisherigen Weg als Zivilisation. Die Größe der Herausforderung ist überwältigend, und noch überwältigender ist, was auf dem Spiel steht. Wie der Co-Vor- sitzende einer Arbeitsgruppe des IPCC formulierte: ›Die nächsten Jahre sind wahrscheinlich die wichtigsten in unserer Geschichte.‹ Nach Jahrzehnten der Verzögerung ist das unsere letzte Chance, es richtig zu machen.«

Für Großbritannien und die USA genau wie für andere OECD-Länder bedeutet die Abwendung der Klimakatastrophe, dass sie ihre CO2-Emissionen bis 2030 um 80 Prozent senken und ihre Volkswirtschaften bis 2040 CO2-neutral sein müssen. Dann werden die OECD-Staaten im gleichen Ausmaß reduzieren wie die Nicht-OECD-Staaten (wie es in einem Papier der UN-Klimakonferenz von 1992 über die »gemeinsamen, aber differenzierten Verantwortlichkeiten« heißt, wonach die OECD-Länder zuerst und am meisten reduzieren müssen).

Um die Lebenserhaltungssysteme der Erde zu schützen und eine so radikale Transformation zu erreichen, müssen wir das globalisierte Finanzsystem überwinden, das so viel Kohlendioxid ausstößt – entworfen und ausgelegt dafür, Billionen von Dollar an unregulierten Krediten auszugeben, um vermeintlich grenzenlosen Konsum zu finanzieren, was im Gegenzug die toxischen Emissionen immer rasanter antreibt. Dieses Wirtschaftssystem hat innerhalb einer relativ kurzen Phase der Menschheitsgeschichte die natürlichen Systeme der Erde ruiniert. Und weil zum Kapitalismus auch Imperialismus, Rassismus und Sexismus gehören, hält er alle menschlichen Gesellschaften in einer Form von Sklaverei.Trotzdem haben manche Personen historisch einmalige Kapitalgewinne aus diesem System eingestrichen. Sie sind das »eine Prozent«.

Wie der Economist bereits 2012 schrieb, haben die Amerikaner*innen, die zum reichsten einen Prozent zählen, nicht nur mehr von dem Kuchen abbekommen, immer öfter sind sie auch Geschöpfe der Finanzwelt. Steve Kaplan und Joshua Rauh von der Northwestern University haben festgestellt, dass Investmentbanker*innen, Wirtschaftsanwält*innen, Manager*innen von Hedgefonds und Private-Equity-Firmen die Vorstände von Unternehmen an der Spitze der Einkommenshierarchie abgelöst haben. 2009 verdienten die reichsten 25 Hedgefonds-Manager*innen über 25 Milliarden Dollar, ungefähr sechsmal so viel wie alle Vor- standsvorsitzenden der im Aktienindex S&P gelisteten Unterneh- men zusammen.Doch das Finanzsystem, dem sie ihren Reichtum verdanken, ist kein privater Vermögenswert. Es ist vielmehr ein großer öffentlicher Vermögenswert und wird finanziert, garantiert und am Laufen gehalten von Millionen ganz normaler Steuerzahler*innen in allen Ländern der Welt. Mit anderen Worten: Das eine Prozent hat ein großes öffentliches Gut gekapert. Und dieses Gut muss wieder zurück in öffentlichen Besitz gebracht werden.

Gleichzeitig haben Umweltschützer*innen das Ökosystem viel zu lange als nahezu unabhängig vom dominierenden Wirtschaftssystem angesehen, das auf einem deregulierten globalisierten Finanzsystem beruht. Die Makroökonomie und besonders die Geldtheorie gelten als Themen für »Expert*innen« – die »Geschöpfe der Finanzwelt«, die das globalisierte Finanzsystem kontrollieren. Viel von dem, was innerhalb dieses Systems passiert, bleibt bewusst vor den Blicken der Gesellschaft verborgen. Allerdings wenden auch viele ihren Blick von den Aktivitäten des Finanzsektors ab, teils weil er ihnen zu komplex und entrückt erscheint, aber auch, weil wir alle in der einen oder anderen Form davon profitieren. Millennials und Ruheständler*innen freuen sich gleichermaßen über die Freiheit, die das globalisierte Finanzsystem all jenen verschafft, die ausgiebige Reisen in ferne Länder und zu fernen Kulturen unternehmen wollen und sich leisten können. Viele schätzen die Leichtigkeit, mit der sie an abgelegenen Orten Zugriff auf ihr Bankkonto haben, und die Möglichkeit, Güter überall auf der Welt zu kaufen und von dort liefern zu lassen, nachdem sie mit einem Klick auf einer Computertastatur eine Überweisung getätigt haben.

Ich argumentiere in diesem Buch, dass wir es uns nicht länger leisten können, solche Freiheiten und solche Macht in Anspruch zu nehmen, und auch nicht, uns dem Willen der Götter der Finanzwelt zu unterwerfen. Es gibt keine Chance, die Lebenserhaltungssysteme der Erde zu schützen, wenn wir uns nicht vom Griff der Herrscher*innen des globalisierten Finanzsystems befreien. Dieses kapitalistische System ist blind für das allerwichtigste Kapital: das Kapital, das die Natur zur Verfügung stellt, während sie parasitär ausgebeutet und in rücksichtslosem Tempo aufgezehrt wird, wie schon E. F. Schumacher in seinem klassischen Werk aus dem Jahr 1973 (deutsch 1977) Small Is Beautiful schrieb.

Wenn wir dem unerbittlichen Zugriff der Herrscher*innen des Finanzuniversums entkommen sind, werden wir feststellen, dass wir uns ein neues, besser ausbalanciertes System leisten können, das weltweit wirtschaftliche und ökologische Gerechtigkeit verbindet. Dass wir es uns auch leisten können, riesige Gebiete auf den Kontinenten und an den Küsten wiederaufzuforsten. Wir werden feststellen, dass wir es uns leisten können, kurzfristig die Abhängigkeit der globalisierten Wirtschaft von fossilen Energieträgern zu beenden. Dass wir es uns leisten können, unsere Wirtschaft so umzubauen, dass ihre Fixierung auf »Wachstum« überwunden wird. Dass wir im Rahmen unserer körperlichen und intellektuellen Grenzen beginnen können, unser beschädigtes Ökosystem zu heilen. Dass wir alle gemeinsam daran arbeiten können, uns zu schützen, unsere Familien und Gemeinschaften und die Umwelten, in denen wir überleben, wachsen, uns entwickeln und schöpferisch tätig sind.

Mit anderen Worten: Wir können – und wir müssen, um zu überleben – in den nächsten zehn Jahren das gescheiterte kapitalistische System verändern und überwinden, denn es droht, die Lebenserhaltungssysteme der Erde zu zerstören und mit ihnen die menschliche Zivilisation. Wir müssen dieses Wirtschaftssystem durch eines ersetzen, das Schranken und Grenzen akzeptiert, das »Böden, Grundwasser, Regen, Eis, die Muster der Wind- und Wasserströmungen, Bestäuber, biologische Fülle und Vielfalt«erhält und uns soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit bringt.

Wir Anhänger*innen des Green New Deal wissen, dass wir das in den rund zehn Jahren schaffen können, die wir nach Ansicht der UN-Wissenschaftler*innen noch haben. Ein Grund, warum wir es für machbar halten, ist diese wichtige Tatsache: Nur 10 Prozent der weltweiten Bevölkerung sind für rund 50 Prozent aller Emissionen verantwortlich. Wenn wir bei den Konsum- und Fluggewohnheiten von nur 10 Prozent aller Menschen ansetzen, können wir in sehr kurzer Zeit 50 Prozent der Emissionen reduzieren. Diese Einsicht hilft uns zu erfassen, was möglich ist und in welchem Tempo, wenn wir wirklich überzeugt sind, dass die Klimakatastrophe die menschliche Zivilisation bedroht.

Wir wissen auch, dass wir das leisten können, weil wir in der Vergangenheit große Veränderungen in kürzerer Zeit bewältigt haben, als der IPCC-Bericht von 2018 uns zubilligt. Unser Zutrauen sollte nicht nur auf dem Wissen über Transformationsprozesse in der Vergangenheit gründen, sondern auch auf einem neuen Verständnis von Geld und Geldsystemen. Ich bin entschlossen, dafür zu sorgen, dass dieses Wissen Allgemeingut wird, um Aktivist*innen und Umweltschützer*innen mit wirtschaftlichen Daten und Argumenten zu versorgen, damit sie selbstbewusst allen Verfechter*innen der kapitalistischen ökonomischen Lehre, den Klimaleugner*innen, Schwarzmaler*innen und Neinsager*innen entgegentreten können. Allen, die es für utopisch halten, dass die Gesellschaft in der Lage sein könnte, das tief verwurzelte System eines mit rassistischen Ideen durchdrungenen Kapitalismus zu beseitigen. Allen, die überzeugt sind, »es sei kein Geld da« für Veränderungen und Staatsausgaben wirkten inflationstreibend. Allen, die finden, die kapitalistische Hyperglobalisierung funktioniere bestens. Armut und die ungleiche und ungerechte Behandlung je nach Hautfarbe und Geschlecht seien nicht das Ergebnis des globalisierten Kapitalismus, sondern eher eine Folge menschlicher Schwäche. Anständige Jobs für alle seien eine Illusion. Die Menschheit habe bereits ernste Klimakrisen überlebt – und werde sie auch in Zukunft überleben. Die Menschen seien im Wesentlichen böse und von Gier und Egoismus getrieben. Es gebe keine Hoffnung.

Da stimmt nicht. Es gibt Hoffnung, und sie beruht nicht auf einer utopischen Vision der Menschheit, sondern auf unserem Wissen über die Genialität, das Einfühlungsvermögen, den Einfallsreichtum, die Kooperationsbereitschaft, die Integrität und den Mut der Menschen. Wir wissen, dass es möglich ist, das globalisierte Finanzsystem zu verändern, weil Menschen das schon früher getan haben – in gar nicht so ferner Vergangenheit. Auch das wird ein Thema dieses Buches sein.

Um das aktuelle Wirtschafts- und Finanzsystem zu verändern, müssen wir die Schwarzmaler*innen von links wie von rechts ignorieren und uns mit solidem Wissen wappnen. Solches Wissen kann Millionen Menschen Macht verleihen und ein Motor für das Handeln sein.

Vor allem anderen dient es dazu, verbreitete, gezielte Desinformationen über die Funktionsweise des großen öffentlichen Guts, welches das Geldsystem darstellt, zu korrigieren. Falsche Behauptungen, mit denen die Anhänger*innen von Hayek und Ayn Rand hausieren gehen, orthodoxe Ökonom*innen, fanatische Verfechter*innen von Kryptowährungen und all jene, die passiv oder aktiv ein finanzialisiertes kapitalistisches Wirtschaftssystem verteidigen, das in voller Absicht die wertvollen endlichen Ressourcen der Erde erschöpft.

In einer großen Rede kündigte Präsident John F. Kennedy 1962 kühn an:

»Wir haben den Mond und andere Dinge in diesem Jahrzehnt als Ziel gewählt, nicht weil sie leicht zu erreichen sind, sondern weil es schwierig ist, weil das Ziel uns helfen wird, das Beste von unseren Energien und Fähigkeiten aufzubieten und zu messen, weil wir diese Herausforderung annehmen und sie nicht hinausschieben wollen, und weil wir entschlossen sind, diese Herausforderung wie auch die anderen zu bestehen.«

»Wir haben den Mond als Ziel gewählt.« 1962 bestanden ernsthafte Zweifel, ob die Wissenschaftler*innen und Ingenieur*innen weltweit die geistigen und materiellen Ressourcen besaßen – und die Astronauten den Mut –, um ein Raumschiff zu bauen und zu lenken, das den Mond erreichen konnte. Aber es gab nicht die geringsten Zweifel oder auch nur Fragen, ob der »Moonshot«, der Aufbruch zum Mond, finanzierbar sein würde. Bei dem Projekt arbeiteten Wissenschaftler*innen aus der ganzen Welt zusammen, es war eine der ambitioniertesten internationalen Teamleistungen aller Zeiten. Gerade einmal sieben Jahre nach Kennedys Rede, 1969, setzte Neil Armstrong als erster Mensch den Fuß auf den Mond.

Wir können als Ziel wählen zu überleben. Aber damit wir überleben, muss sich alles ändern. Wirklich alles. Radikales Handeln, basierend auf einem richtigen Verständnis des Finanzsystems und auf moralischem Mut, kann die Gegenwart verändern und uns eine Zukunft sichern.

»Manchmal müssen wir einfach einen Weg suchen. In dem Augenblick, in dem wir beschließen, etwas zu vollbringen, können wir alles tun. Und ich bin sicher, dass wir in dem Augenblick, in dem wir beginnen, uns so zu verhalten, als wären wir in einer Notlage, die Klima- und Umweltkatastrophe abwenden können. Die Menschen sind sehr anpassungsfähig: Wir können es schaffen. Aber das Zeitfenster dafür wird nicht sehr lange offen sein. Wir müssen heute anfangen. Wir haben keine Entschuldigungen mehr.«

14:45 21.05.2020

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