Ein ganz linkes Ding

Leseprobe Martin Sonneborn und Gregor Gysi testen im Gespräch, wie weit man gehen muss, um aus dem Rahmen zu fallen. „Die PARTEI und die Linke an der Macht: Martin, da wäre was los in Deutschland!“ – „Punk! Es wäre Punk. Purer Punk!“
Ein ganz linkes Ding
Ein Abgeordneter auf dem Weg zu einer Sitzung, im Hintergrund der Berliner Reichstag

Foto: Michele Tantussi/Getty Images

Als der Redner ankündigte er rede zur Sache,
fragten sich viele:
Warum nicht zu uns?

– Kurt Bartsch

Parteipolitisches

»Martin, wenn du zur Linken kommst, ist das für dich rufschädigend.«

»Gregor, wenn du zu uns kommst, verbessert das deinen Ruf.«

G. hat Furcht, von S. veralbert zu werden. Der erinnert sich an abgesägte Ikea-Stuhlbeine in einer Bar – als Voraussetzung, um mit G. auf Augenhöhe ins Gespräch zu kommen. Eine Unterhaltung über politische Kundgebungen von zu Hause aus, einen Bundestag, der unbedingt die Union braucht, und über das, was Linkspartei und Die PARTEI verbindet. Und was sie trennt. Und wie man mit 299 Kanzlerkandidaten Bayern in die Verwirrung stößt.

S Gregor, sobald wir an der Macht sind ...

G Ja, wir beide. Dann ist aber was los in Deutschland.

S Wir müssen allerdings noch eine Quote erfüllen. Wir brauchen zwei Frauen. Die müssen Humor haben, ironisch und selbstironisch sein. Nicht einfach zu finden. Ihr habt’s da besser: Ihr habt bestimmt eine Frauenquote von 100 Prozent. Also bei den 87-Jährigen.

G Es fängt nicht gut an, unser Gespräch. S Soll ich noch mal zur Tür reinkommen? G Wir fangen am besten noch mal an.

S Gut, dann noch mal ganz von vorn. In einer Veranstaltung im Kabarett »Die Distel« hast du vor allen Leuten wörtlich über mich gesagt: »Ich wusste, er verarscht mich die ganze Zeit.«

Bist du mir gegenüber misstrauisch, bloß, weil ich Politiker bin?

G Ja, wirklich. Als wir unser erstes gemeinsames Gespräch führten, war ich sehr misstrauisch. Ich hatte regelrecht Manschetten. Ich dachte, du würdest mich nur veralbern. Und ich wusste nicht, ob ich da immer angemessen reagieren könnte. Du hast aber sehr seriös argumentiert. Also teilweise. Was mich völlig durcheinanderbrachte. Auf deine Seriosität war ich nicht vorbereitet, sie überraschte mich.

S Da hab ich was falsch gemacht. Lieber wäre mir gewesen, meine Unseriosität hätte dich überrascht.

Wir saßen hier in Berlin mal zusammen in der Manyo Bar, um uns vor der Kamera über Politik zu unterhalten.

G Das »Kanzlerduell der Herzen«.

S So hieß es. Ein Kanzlerduell in einer Szene-Bar! Es war demütigend, denn da standen zwei Ikea-Stühle für uns an der Theke, und an meinem waren die vier Stuhlbeine abgesägt – sodass wir uns von Angesicht zu Angesicht unterhalten konnten.

G Du lügst.

S Das ist filmisch festgehalten, steht bei YouTube. Wenn du es nachschauen willst, der Link lautet: www.fckaf.de/cjl. FCK AfDe kannst du dir leicht merken, und dann cjl.

G Immer auf die Kleinen! Peter Altmaier hat mir mal erzählt: Als er noch CDU-Hinterbänkler im Bundestag war und körperlich noch weit weniger raumverdrängend als heute, fuhr er eines Tages im ICE, ging ins Bordbistro, trank einen Kaffee, und neben ihm stand eine Gruppe Damen. Er hörte sie tuscheln, herübersehen, und schließlich schnappte er den entscheidenden Satz ihrer leichten Verstörtheit auf: »Das hätte ich nicht gedacht«, sagte nämlich eine der Frauen, »dass der Gregor Gysi so groß ist!«

S Was hast du nur für einen Umgang! Das ist dringend reformbedürftig. Wir haben in unserem Programm die Forderung, Peter Altmaier zu fracken. Wir glauben, dass in diesem Koloss irre Energiereserven schlummern. Damit könnten wir unser Land, unsere Heimat auf Jahrzehnte hinaus unabhängig machen vom Russengas. Übrigens: Als ich in der Manyo Bar auf die Toilette ging, hast du schnell einen Schnaps in mein Bier gegossen. Es war Wodka, oder?

G Ja. Ich wollte, dass du in die richtige Stimmung kommst.

S Bis auf die Toilette habe ich das Gelächter gehört. Und als ich rauskam, habe ich gesagt: »Egal, was hier passiert ist, ich will ein neues Bier.«

G Hast du bekommen.

S Ein alkoholfreies Bier.

G Schon das Bier vorher war alkoholfrei. Also im Grunde Wasser. Da kann man auch einen Wodka hineinkippen. Ins Wasser ein »Wässerchen«.

Wenn du den Namen deiner Partei aussprichst, wird eigentlich nicht klar, was gemeint ist.

S Also: Wir sind nicht die Partei, wir sind Die P-A-R-T-E-I, also: Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative. Wir sind die Partei der extremen Mitte. Übrigens gleichzeitig kapitalistisch und kommunistisch. Eine Partei ganz neuen Typs.

G Kommunistisch?

S Vernünftige soziale Marktwirtschaft, wie sie im Ahlener Programm der CDU gefordert wurde, gilt heutzutage doch schon als kommunistisches Gedankengut. Also: wahrscheinlich bald verboten.

G Das T in deiner Partei steht für Tierschutz.

S Eigentlich haben wir das T nur deswegen so besetzt, weil jede Partei, die den Begriff Tierschutz im Namen hat, bei Wahlen schon aus Prinzip drei, vier Prozent der Stimmen erhält, ohne irgendetwas dafür zu tun. Allerdings müssen wir Tierschutz in Deutschland komplett neu ordnen, das ist klar. Nach der Machtübernahme werden wir Julia Klöckner einsperren und dafür allen Schweinen und Ochsen in der Massentierhaltung die Freiheit schenken.

G Und wo leben die dann?

S In Sachsen-Anhalt natürlich. Gregor, wenn wir an der Macht sind ...

G Ich frage mich: Warum hast du es auf deinem politischen Weg nicht bis in unsere Partei geschafft?

S Ich habe mich mal mit deiner ehemaligen Parteichefin Katja Kipping getroffen. An einer Theke. Gleichhohe Stühle. Aber die Dame ist absolut humorlos. Und als Mann hatte ich in meiner Partei bessere Chancen.

G Ich habe dich mal angesprochen, ob du nicht zu uns in die Linkspartei kommen willst, du hast später in einem anderen Kreis davon erzählt und gesagt: »Gysi hat mich gefragt, und ich habe ein bisschen abgewunken. Es wäre rufschädigend für mich.«

S Es wäre für beide rufschädigend. Für die Linke – und für mich. Umgekehrt ist das was anderes. Wenn du zu uns kommst, verbessert das deinen Ruf.

G Abwerbung?

S Legen wir die Karten auf den Tisch: Wir arbeiten doch mit

diesem Gespräch an nichts anderem als an deinem Übertritt.

G Würdet ihr mich denn überhaupt nehmen in der PARTEI?

S Vielleichtwarichdochzuvoreilig.Malsehen.EinVorteilist, du bist kein Konvertit wie Merkel.

G Und wenn einer von der SPD käme?

S Ermüsstenachweisenkönnen,dassertrotzseinerSPD-Mitgliedschaft Sozialdemokrat war.

Da kommen nicht so viele infrage.

G Und FDP?

S Ein paar wirkliche Liberale gibt’s, aber die müsste man exhumieren. Gerhart Baum, Frau Leutheusser-Schnarrenberger, Burkhard Hirsch, den dicken Brüderle.

G Brüderle?

S War nur Spaß. Auch fracken, wie Altmaier.

G Dass ihr mich – selbst bei Vorbehalten – trotzdem nehmen würdet, das verstehe ich, denn ihr habt keinen Kanzlerkandidaten.

S Stimmt doch gar nicht! Wir haben sogar deutlich mehr als ihr. Nachdem die SPD Olaf Scholz nominiert hat – entweder haben sie jeden Funken sozialdemokratischer Ideen aufgegeben oder Suizid-Absichten – wollen wir ein Zeichen setzen und mit 299 Kanzlerkandidaten antreten. Wir werden versuchen, alle 299 Wahlkreise zu besetzen, und jeder, der kandidiert, darf sich Kanzlerkandidatin oder Kanzlerkandidat der PARTEI nennen. Man stelle sich das in Bayern vor, wo in den ländlichen Bezirken mit Vorliebe die einfacheren Charaktere leben: Von Dorf zu Dorf wechseln die Kanzlerkandidaten.

G Kennst du Wähler, die von der NPD zu deiner Partei gewechselt sind?

S Smiley.Nein.DenenwürdenmöglicherweiseunsereWahlplakate mit dem Slogan »Hier könnte ein Nazi hängen« nicht gefallen. Die waren eine Reaktion auf ein Plakat der Rechten, auf denen stand: »Wir hängen nicht nur Plakate.« Die NPD ist wie die SPD: Deren Zeit ist einfach vorbei. Die (verfickte) AfD ist die coolere NPD. Und vielleicht sind die Grünen die coolere SPD.

G AneurenAktionenfindeichgut,dasssieimbestenSinnedes Wortes so un-verschämt sind. Ich würde mich gar nicht trauen ...

S Wir dürfen das. Es ist wie im Märchen von des Kaisers neuen Kleidern. Der Kaiser ist nackt. Aber nur das Kind sagt es.

G Ihr seid das Kind.

S Wir versuchen, hochprofessionell naiv zu bleiben.

G Zur letzten Bundestagswahl sind Leute von euch als Sandwich durch Berlin gelaufen.

S Mit »Merkel ist doof«-Plakaten, ja. Wir können aber auch anders, ich erinnere an unseren Fackelzug durchs Brandenburger Tor, mit dem wir die NPD geärgert haben. Oder unsere iDemo. Als politischer Dienstleister haben wir uns mit 30 iPads und einem Großbildschirm auf dem Pariser Platz aufgebaut und eine solide Demo veranstaltet – ohne eigene Inhalte. Die kamen von Bürgern aus dem ganzen Land. Über eine eigens eingerichtete Homepage konnte man seine Forderungen an Merkel eintippen, die erschienen dann auf allen hochgehaltenen Bildschirmen, und ich habe sie übers Megaphon verlesen, eine Stunde lang. Wir warben damit, dass man praktisch vom Sofa aus demonstrieren konnte: »Kein Risiko! Kein Regen! Keine Bullen!« Es gab insgesamt über 25 000 Zuschriften.

G Waren die Forderungen alle seriös?

S Gott bewahre! Etwa die Hälfte der Zuschriften war unseriös. Die haben wir weggelassen, also die, in denen es nur um kompletten Blödsinn ging, ums Biertrinken oder die FDP.

G Du hast dich ja auch schon mal mit Leuten von uns getroffen, so von Partei zu PARTEI.

S Das war nach der Europa-Wahl.Wir hatten in Berlin 4,8 Prozent der Stimmen und lagen knapp vor der Spaßpartei FDP. Wir müssen also damit rechnen, hier in der Hauptstadt jetzt erstmals die Fünf-Prozent-Hürde zu überschreiten. Wenn wir keine größeren Fehler machen.

G Die Fehler machen doch immer nur die anderen.

S Stimmt. Wir haben uns ein wenig ausgetauscht mit Leuten deiner Partei. Von jeder Seite waren etwa zehn Vertreter anwesend. Klaus Lederer war dabei, Dietmar Bartsch kam auch dazu. Lederer hatte die lustige Idee, dass wir bei der nächsten Wahl einmal aussetzen sollten.

G Befürchtete er Stimmenklau?

S Ich kenne das Argument, dass wir linken Parteien Stimmen wegnehmen, seit wir an Wahlen teilnehmen. Ich glaube nicht, dass das wirklich stimmt. Wir sind eine Protestpartei für intelligente Wähler, für Leute, die sich im Parteienspektrum nicht mehr repräsentiert fühlen. Deswegen habe ich das Ansinnen auch zurückgewiesen. Vorsichtshalber sehr ernsthaft, man weiß bei euch Berufslinken nie so richtig, wie viel Humor ihr nun wirklich habt.

G Ja, bei uns trägt man gern das Gesicht geballt zur Faust. Überall Front, immer Kampf, rundum Feinde. Aber Lederer und Bartsch sind nicht so. Viele andere auch nicht.

S Weiß ich. Ich habe zu Lederer gesagt, wir stellen ihm lieber einen Koalitionspartner, stabiler als die SPD. Wenn wir das Zünglein an der Waage spielen können, zwischen einer sozialeren, wirklich grünen und linken Politik und dem, was FDP und CDU in Berlin veranstalten würden, da wissen wir doch sehr genau, wo unsere Präferenzen liegen. Das weiß ich auch bei Abstimmungen in Brüssel. Aber wir werden in Berlin natürlich die besten Köpfe der Partei aufstellen, fürs Abgeordnetenhaus, junge Frauen und alte Männer. Da muss Lederer durch.

G Das mit dem Stimmenklau ist ja im Grunde eine abwegige Befürchtung. Diejenigen, die die Linke wählen, wählen nicht Die PARTEI. Wer euch wählt, will bewusst provozieren. Für eure Wähler kommen nicht die Linke, nicht die SPD, nicht die

Grünen in Betracht. In der Ablehnung des Angebots von euch gibt es also schon eine rot-rot-grüne Koalition.

S Nicht zu vergessen auch die Koalition aus Konservativen und noch Konservativeren. Eigentlich sind alle gegen uns. Damit werden wir in der Bundestagswahl werben: Wir sind die einzige Partei, die auch nach der Wahl mit 100-prozentiger Sicherheit in der Opposition sein wird ... Die Linke scheint mir übrigens ideologischer zu sein als alle anderen Parteien.

G Das stimmt. War sie schon immer. Und wenn du ideologisch bist, glaubst du fortwährend, dass die reine Lehre verletzt wird durch alles andere.

S Bist du da nicht automatisch immer so was wie der Besserwisser, zumindest ein bisschen?

G Das mag sein, und wenn du ehrlich bist: Ein bisschen hat man ja auch recht damit. Oft weiß man’s als Linker doch auch wirklich besser. Deshalb hat es die Opposition ja so schwer.

S Wenn wir an der Macht sind, wird’s am besten sein: gar keine Opposition mehr.

G Es kommt hinzu, dass sich Linke manchmal dagegen wehren, was dazuzulernen. Denn da hast du nun vermeintlich den Gang der Geschichte begriffen, da ist es doch verständlich, dass du nicht wieder durcheinandergebracht werden willst, nur weil die Geschichte ständig Haken schlägt, statt sich auf deiner vorgedachten Linie zu bewegen. Und dann gibt es natürlich, wie in jeder Partei, die Konkurrenz, wer was wird – Posten sind immer knapp, aber eben mit lockenden Privilegien verbunden.

S Das ist genau das, was wir für Die PARTEI nicht wollen. Wir haben gerade ein ehernes Prinzip begründet: Wir schicken nur noch Leute in Mandate, die das absolut nicht wollen. Also auf Landesebene oder höher. Kommunal ist mir das egal. Für

die Berlin-Wahl habe ich die guten Leute teilweise ein halbes Jahr bearbeiten müssen, bis sie bereit waren, zu kandidieren.

G Das unterscheidet uns von Satirikern. Die Feinfühligkeit. Ich denke, man muss im Umgang miteinander viel vorsichtiger werden.

S Du meinst im Untergang.

G Wenn man im Umgang miteinander grob und unnachgiebig ist, dann sagen die Leute: Wer weiß, wie der mit mir dann umgeht, wenn er mal mehr über mich zu entscheiden hat, als es gegenwärtig der Fall ist.

S Wenn wir an der Macht sind, fragt keiner mehr, verlass dich drauf.

G Ich bin sehr für die repräsentative Demokratie. Das bedeutet, dass es unterschiedliche Interessen gibt und man sie geltend machen darf. Ja, sogar muss. Denn wenn es unterschiedliche Interessen gibt, dann gehört dazu, dass sie vertreten werden. Die Unterschiedlichkeit der Interessenvertretung ist das Gütezeichen einer Demokratie. Ich bin gegen einen Bundestag ohne Union, weil doch auch konservative Interessen vertreten werden müssen, ich selbst tue es ja nicht. Natürlich sollte die Union mit weniger Stimmen vertreten sein, das will ich einräumen.

S Eine Stimme reichte. Ich brauche auch keinen Marktextremisten wie Christian Lindner, dessen staatstragende politische Äußerungen angesichts der tatsächlichen Bedeutung seiner Apotheker-Partei fast noch lustiger sind als das, was wir so von uns geben.

G Einige Konservative wollen noch immer am liebsten,dasses gar keine Linke im Bundestag gibt. Die haben die repräsentative Demokratie nicht begriffen, obwohl sie sich als deren Gralshüter empfinden.

S Die Linke im Bundestag stellt wichtige Anfragen. Viel Wahnsinn kommt doch erst durch kleine Anfragen ans Licht. Sevim Dağdelen ist eine der wenigen in der deutschen Politik, die sich für Julian Assange einsetzen, an dem die USA gerade menschenrechtswidrig ein Exempel statuieren, um Whistleblower abzuschrecken, und bei dem fast die komplette EU und sämtliche deutschen Medien wegschauen. Fabio De Masi treibt Scheuer und Scholz vor sich her, weil er unbestritten der beste Wirtschaftsexperte ist – und auch noch Humor hat. Sabine Lösing hat im EU-Parlament herausgearbeitet, wie viel Steuergeld verbotenerweise in die Aufrüstung fließt. Und dich habe ich sogar in einem meiner Bücher verewigt. Soll ich es dir mal vorlesen?

G Musst du nicht. Ist bestimmt eine Frechheit.

S Es ist eine Eintragung in meinem Brüssel-Buch, vom Februar 2017, eine Szene im Reichstag, es war während der Stimmabgabe bei der letzten Bundespräsidentenwahl, die mein Vater – von uns aufgestellt – gegen den doofen Steinmeier verloren hat, mit 931 zu 10 Stimmen. Gott, was für ein Debakel! »Gregor Gysi steht ein paar Meter weiter, ich sage ihm kurz Guten Tag. Als eine Dame von der Linkspartei uns zusammen fotografieren will, knicke ich leicht ein in den Knien ...«

G Ich wusste es. Eine Variante der abgesägten Ikea-Stühle.

S »... und mache mich einen halben Meter kleiner. Ich weiß, dass Gysi das hasst. Sofort winkt er energisch ab: ›Nein, nein, bitte hoch!‹ Gut, kann er haben.« Und dann habe ich mich gestreckt. Das gab ein lustiges Bild und ...

G Es reicht.

S Vergiss nicht, es gilt, was ich dir früher schonmal angeboten habe: Ich mache keine Witze über Kleinwüchsigkeit, wenn du keine Witze über meine Frisur machst.

G Angesichts meiner Lockenpracht kann ich mir solche Witze leisten. Für eine Zeitschrift beantwortete ich einen Fragebogen, der auch wissen wollte, wie ich einem Blinden mein Äußeres beschriebe. Ich gab an: »Groß, kräftig, dichte blonde Locken.«

S Behaupte es und steh dazu.AlternativesFaktum.Trumpkam jahrelang durch mit so etwas. Jogi Löw auch.

G Die Redaktion erhielt einige Leserbriefe, von denen einer auch veröffentlicht wurde. Darin stand: »Von einem Linken hätten wir natürlich erwartet, dass sich seine Phantasie in dieser Frage an Karl Marx orientiert: dichter langer Bart und wallendes dunkles Haar.« Stimmt.

S Besser als an Lenin: lallend und brüllend nach dem zweiten Gehirnschlag.

G Du beleidigst gern. Wie gehst du selber mit Beleidigungen um?

S Ich habe das Glück, dass ich relativ wenig angefeindet werde. Aber mir ist das auch egal, weil ich in der »Titanic«-Redaktion den Umgang mit Anfeindungen gelernt habe. Wir waren ja nie auf Konsens oder auf eine Mehrheitsmeinung aus, wir haben den Mainstream nicht bedient. Wir haben gemacht, was uns Spaß machte und haben uns eigentlich über empörte Reaktionen gefreut. Das gehörte zur Wirkung, die wir anstrebten.

G Eine Zeit lang waren wir als Linkspartei auch erschrocken, wenn es im Bundestag ausnahmsweise mal Applaus für uns gab. Hatten wir etwas falsch gemacht? Weißt du, was der Unterschied zwischen uns ist? Wenn du im politischen Alltag agierst, so, wie ich über die Jahre gerne agiert habe, dann bist du wirklich darauf angewiesen, von einer möglichst wachsenden Zahl von Leuten akzeptiert zu werden. Denn wenn keine Steigerung an Zustimmung kommt, dann fühlst du dich eines Tages wie im völligen Stillstand. Das kann sich sogar bis zu dem Gefühl steigern, völlig sinnlos zu sein, also vergeblich zu arbeiten. Nur auf der Stelle zu treten? Wozu?! Du, Martin, bist auf einer anderen Schiene. Du hast dich für die Provokation entschieden, die das Außenseitertum kultiviert. Satire, der alle zustimmen, ist keine mehr. Das wäre nur noch Comedy. Der satirische, der witzige Geist verbreitet sich wie ein gutes Virus? Witz muss die Ausnahme bleiben, und er wird die Ausnahme bleiben. Die Klügeren lachen, die Dummen schreiben böse Briefe.

S »Jeder Witz ist eine überrumpelte Katastrophe«, hat George Tabori mal gesagt. Die Katastrophen nehmen zu, die Witze folglich auch.

G Witz rettet die Welt allerdings auch nicht.

S Aber den einzelnen Menschen. Ich mache die Witze ja nicht in erster Linie für andere. Sie sind eine Art Notwehr gegen das zunehmend irrer werdende System, in dem wir leben. Und jeder gute Witz stärkt Die PARTEI.

G Ich habe Interviews von dir gelesen.Einmal wurden dir drei Schlagzeilen zur Auswahl angeboten, unter einer davon sollte das Interview veröffentlicht werden: »Ich habe als Kind meine Oma geschlagen – sie hatte es verdient.« Dann: »Sachsen-Anhalt braucht Atomwaffen.« Und: »Ich habe mit Ingo Zamperoni geknutscht.«

S Ich erinnere mich, gewählt habe ich dann: »Meine Oma hat mit Ingo Zamperoni geknutscht – er hatte es verdient!« Die Forderung nach Atomwaffen und Aufrüstung wäre ja eher eine für die Unionsparteien. Oder die neuen Grünen.

GYSI VS. SCHÄUBLE

Es gibt eine These, die auch die Bild-Zeitung verbreitet: Die deutschen Steuerzahler finanzieren Griechenland. Das ist der größte Quatsch, den ich je gelesen und gehört habe. 90 Prozent der 240 Milliarden Euro für Griechenland gingen an die Banken und die Gläubiger. Dazu gehörte auch die Deutsche Bank. Dazu gehörten auch französische Banken. 90 Prozent dieser Summe gingen also nicht an die Griechinnen und Griechen; sie haben kaum etwas davon gesehen. Wie soll Griechenland bei diesem Abbau überhaupt jemals die Darlehen zurückzahlen können? Darüber scheint sich hier keiner Gedanken zu machen.

Ich sage Ihnen jetzt Folgendes: Die Bundesregierung hat Europas Akzeptanz bei vielen Bürgerinnen und Bürgern im Süden Europas zerstört. Was glauben Sie, was mir die Jugendlichen in Griechenland sagen würden, wenn ich sie nach Europa fragte? Ihre Antwort kann ich mir sehr gut vorstellen. Diese Jugendlichen haben durch Europa vor allem Abbau und Not erlebt. Wir brauchen aber Aufbau. Schulden darf es nur noch für Aufbau, nicht für weiteren Abbau geben. Sonst sind sie nicht bezahlbar.

Ich sage es noch einmal, auch aufgrund unserer eigenen Geschichte: Wir brauchen für den Süden Europas einen Marshallplan. In Griechenland muss investiert werden: in Bildung, in Schiffsindustrie und in Tourismus. Dann kommt das Land auch voran. Es geht nicht, die Löhne, die Renten zu kürzen und alles zu verkaufen, wie Sie es als deutsche Bundesregierung mit vorgeschrieben haben.

Deutscher Bundestag, Februar 2015

SONNEBORN VS. EUROPA IM ZOO

Dank, dass Sie alle heute hier erschienen sind. Es soll nicht zu Ihrem Schaden sein: Im Anschluss an diese Parlamentssitzung wird unter allen Anwesenden ein exklusiver Reisegutschein im Wert von 100 Euro verlost.

(Den Gutschein hochhalten)

Und auch ein Wort an die, die nicht hier erschienen sind: Meine knappe Redezeit verbietet es, Sie alle namentlich aufzurufen. Aber: Ihr steht auf meiner Liste, Arschlöcher!

Heute, liebe Mit-Europäer, auf den Tag vor acht Jahren, am 16. Februar 2007, starb Tanja. Tanja war das letzte Walross in einem deutschen Tierpark. Sie starb im Zoo von Hannover, so, wie viele Europäer und Europäerinnen: einsam, im Kreise ihrer Pfleger. Gerade einmal 33 Jahre wurde sie alt.

Das alles wissen Sie natürlich selbst. Warum ich es trotzdem erwähne? Weil mir scheint, dass sich Europa heute in einer ganz ähnlichen Situation befindet wie das Walross Tanja. Wir, liebe Kollegen, spielen dabei die Rolle der Pfleger; das Europäische Parlament ist der Zoo, und Brüssel ist Hannover. Der 16. Februar aber ist und bleibt der 16. Februar.

Daran können wir nichts ändern. Aber: Wir können die Geschichte des 16. Februar ändern. Aus einer Geschichte der Unfreiheit können wir eine Geschichte der Freiheit machen. Hier und heute. Denn ein Walross gehört nicht in den Zoo, schon gar nicht in den von Hannover!

Ich fordere Sie daher auf, mit mir Ihre rechte Hand zu heben, wenn Sie der sofortigen Auflösung des Europäischen Parlaments und der Befreiung Europas zustimmen.

Ich denke, dieses Ergebnis spricht für sich. (Mit dem Gutschein wedeln)

Europäisches Parlament, Februar 2016
Aus dem Aktenordner »Nicht gehaltene Reden (I)«

11:19 19.05.2021

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Gysi & Sonneborn | Kanzlerduell der Herzen

Video Schlandkette? Stinkefinger? Bocksbeutel mit Brüderle? Nein. Das Kanzlerduell der Herzen mit Gregor Gysi und Martin Sonneborn -- neulich an der Theke in der Berliner Manyo-Bar


Martin Sonneborn | DISSLIKE

Video Martin Sonneborn, Mitglied des Europäischen Parlaments und Vorsitzender der Partei DIE PARTEI, ist sich für nichts zu Schade. Bei Disslike stellt sich der Troll-Jedi dem wütenden Internet-Mob und spricht über die Kinder in seinem Keller