Misswirtschaft und Korruption

Leseprobe Nuzzis Enthüllungen zeigen, dass der Vatikan sich in großem Stil verspekuliert hat: Die Bilanzzahlen sind katastrophal. Sollten nicht umgehend die dringend nötigen Finanzreformen vorgenommen werden, wird der Bankrott der katholischen Kirche erfolgen
Misswirtschaft und Korruption
Papst Franziskus winkt während des wöchentlichen Angelusgebets im Vatikan aus dem Fenster des Apostolischen Palastes mit Blick auf den Petersplatz

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Der unersättliche Parasit

Papst Franziskus könnte mit seinem Pontifikat scheitern, weil die strategischen Angriffe strengkonservativer Katholiken überhandnehmen, es an Priestern mangelt oder die Zahl der Gläubigen zurückgeht. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass er scheitert, weil der katholischen Kirche der finanzielle Ruin jeden Tag ein wenig mehr droht. Die Finanzlücke im Vatikan ist mittlerweile »strukturell«, wie es die Berater des Papstes ausdrücken. Das heißt, das Vermögen, das die Kirche dank der barmherzigen Spenden der Gläubigen über Jahrhunderte anhäufen konnte, wird kontinuierlich, wie von einem gierigen, unersättlichen Parasiten, geschmälert. Und gegen diesen Bazillus gibt es offenbar kein Mittel. Jedenfalls hat er bislang alle Behandlungsversuche mehr oder minder unbeschadet überstanden. Da konnten die Papstgetreuen noch so engagiert versuchen, dem finanziellen Ruin der Ämter und Behörden, die die katholische Kirche von Rom aus verwalten und die theologische Richtung von 1.299.000.000 Gläubigen auf der ganzen Welt vorgeben, Einhalt zu gebieten.

Die Folgen der Epidemie sind verheerend und offenbaren sich immer deutlicher. Wenn es dem Vatikan an finanziellen Mitteln fehlt, kann der Papst den Armen, den Geflüchteten, den Bedürftigen nicht so helfen, wie er will. Doch ohne konkrete, überzeugende Taten kann Gottes Wort innerhalb und außerhalb von Rom leicht verblassen. Leere Kassen schwächen die weltweite Mission der Kirche und gefährden letzten Endes das Überleben des Kirchenstaats.

Je mehr sich die Zukunft verdunkelt, desto häufiger muss sich der Papst mit Ausnahmesituationen und den schlechtesten vatikanischen Finanzzahlen aller Zeiten auseinandersetzen und angesichts wirtschaftlicher Zwänge Entscheidungen treffen, die mit der katholischen Lehre, einer sozialen Kirche oder einem ethischen Finanzgebaren nur noch bedingt vereinbar sind. Ende März 2019 hatte der Papst den Jahresabschluss der vatikanischen Güterverwaltung (APSA – Amministrazione del Patrimonio della Sede Apostolica) auf dem Tisch, das Gesundheitszeugnis des wichtigsten Dikasteriums. Diese Behörde ist die finanzielle Lunge des Kirchenstaats, sozusagen seine Zentralbank. Wie der Papst in dem knappen Papier lesen konnte, hat die Güterverwaltung 2018 »erstmals in der Geschichte« mit Verlusten abgeschlossen. Das hatte es noch nie gegeben: minus 27 Prozent beim Betriebsergebnis, minus 67 Prozent beim Finanzergebnis und minus 56 Prozent bei der Immobilienverwaltung, wobei sich der Absturz letzterer, eigentlich hätte er 115 Prozent betragen, nur durch massive Eingriffe hatte auffangen lassen.

Eine katastrophale Immobilienverwaltung

Die Gründe dafür liegen für jeden, der es wissen will, auf der Hand. Man muss sich nur anschauen, wie das Immobilienvermögen der APSA verwaltet wird: Noch immer stehen gut 800 Objekte leer, bringen also gar nichts ein. Weitere 3200 Objekte werden mietfrei überlassen, die Miete beträgt also sage und schreibe 0 Euro, und mindestens die Hälfte aller Mieter zahlt nur eine ermäßigte Miete. Man wirft zu Lasten des Staates mit Mietnachlässen nur so um sich, obwohl die Objekte häufig von großzügigen, überzeugten Gläubigen geschenkt oder vererbt wurden. Und dabei hatte man, wie in den Medien nach Erscheinen meines Buchs Alles muss ans Licht1 2015 zu lesen war, allgemein versichert, nun sei mit den Privilegien aber Schluss und die Immobilienverwaltung werde endlich normalisiert. Doch die Situation hat sich nicht nur nicht verbessert, sondern im Gegenteil noch verschlechtert: Die Kardinäle wohnen alle in 400oder 500-Quadratmeter-Wohnungen, während die Papstwohnung leer steht, weil Papst Franziskus sich in das Gästehaus Santa Marta zurückgezogen hat und seine Mahlzeiten lieber dort im Speisesaal einnimmt, wo er sein Menü bis zuletzt geheim halten kann. Denn auch die Sicherheitsfrage stellt ein erhebliches Problem dar. Man lese nur das vertrauliche Papier zu den entsprechenden Maßnahmen für die beiden Päpste und den Vatikanstaat, das im Anhang angeführt ist.

Doch zurück zur Güterverwaltung, denn die »Zentralbank« ist nicht nur wegen ihrer katastrophalen Immobilienverwaltung in Schwierigkeiten, sondern auch wegen freizügig gewährter Großkredite und Investmentanlagen. Letztere sind zwar 2018 um 100 Millionen gesunken, aber die Kreditvergabe lässt nichts Gutes ahnen. So erhielt etwa die Kongregation der Söhne der Unbefleckten Empfängnis 2014 für die finanzielle Sanierung ihres römischen Krankenhauses Idi einen ASPA-Kredit über 50 Millionen Euro. Das Geld wird die Zentralbank nie mehr wiedersehen. Und was ist mit den beträchtlichen Anteilen am Pharmariesen Roche: Die APSA hat die Anteile zwar abgestoßen, doch haben sich die 2016 und 2017 dafür erhaltenen 22,5 beziehungsweise 15,9 Millionen kaum positiv bemerkbar gemacht. Während sich auf der einen Seite die Spendenkassen des Vatikans immer weiter leeren, werden auf der anderen die Ausgaben und Kosten des schwerfälligen Staatsapparats immer weiter aufgebläht.

Der Heilige Stuhl erwägt auf der verzweifelten Suche nach Geldquellen sogar erstmals, sein Tafelsilber zu verkaufen, sich also von Immobilienvermögen zu trennen: Zur Diskussion stehen 424 Hektar auf dem Gemeindegebiet Santa Maria di Galeria, nordöstlich von Rom, ein riesiges Gelände, fast zehnmal so groß wie der Kirchenstaat. Papst Franziskus steht an einem Scheideweg: Soll er das Gelände verkaufen und die Verluste des Vatikans damit abfedern oder soll er es behalten und sich Bauspekulationen entgegenstellen, die so gar nicht der kirchlichen Lehre entsprechen? Bei einem Treffen mit einigen Kardinälen am 12. Februar 2018 bleibt der Papst standhaft: »Ich bin gegen Spekulationsgeschäfte, die auf reine Profitmaximierung zielen.« Daraufhin ließen ihm nahestehende Kardinäle Alternativen erarbeiten, von einer Fotovoltaikanlage bis zu einer Einrichtung für Bedürftige. Bislang wurde allerdings noch nichts davon umgesetzt.

Der gute Ruf hat für Papst Franziskus einen hohen Stellenwert. Mehr noch als bei früheren Päpste ist das mögliche Medienecho einer Entscheidung für ihn von höchster Bedeutung. Das zeigt nicht nur die Einrichtung einer Kommission, die jede einzelne Initiative bezüglich ihrer möglichen Öffentlichkeitswirkung, also vor allem die möglichen Folgen für den Ruf der Kirche, bewerten soll, sondern auch die Verschärfung der Strafen für die Preisgabe vertraulicher Informationen aus dem Vatikan.

Obwohl die tiefgreifende finanzielle Krise, die eine Insolvenz als durchaus möglich erscheinen lässt, die Kirche also beunruhigt, werden die eigentlich erforderlichen radikalen Sofortmaßnahmen aus Angst vor Imageschäden oder möglichen Konflikten mit den Grundsätzen einer sozialen Kirche verwässert oder verschoben.

Ein vielsagendes Beispiel: Die Zahl der Vatikanbeschäftigten ist unverhältnismäßig hoch, und, wie es im Bericht des Wirtschaftsrats vom Februar 2018 heißt, arbeitet »die Vermögensverwaltung nicht wegen Korruption, sondern wegen Inkompetenz schlecht«. Die Zahl der Überstunden ist schwindelerregend hoch (2016 waren es allein im Governatorat 500.413), doch niemand würde auch nur erwägen, einen unfähigen Beschäftigten zu entlassen oder jemanden, der sich bereichert, vor die Tür zu setzen. Andererseits hat man kein Problem, sich von Leuten zu trennen, die dem Papst beim Aufräumen helfen, wie Generalrevisor Libero Milone, oder von einem engen päpstlichen Mitarbeiter wie Prälat Dario Viganò, dem man das Vertrauen aufgrund von Anschuldigungen entzog, die dank dieses Buches wohl in einem neuen Licht betrachtet werden müssen.

Im Übrigen ist es wohl zu einfach, die Schuld nur bei den Beschäftigten des Kirchenstaats zu suchen. Denn hinter den Mauern des Vatikans fehlt es seit jeher an einer vernünftigen Personalpolitik, was zur Folge hat, dass qualifizierte Beschäftigte Mangelware sind und es für die wenigen, die da sind, keine adäquate Ausstattung und zu wenig Fortbildungen gibt. Wie die mit Wirtschaftsfragen befassten papstnahen Kardinäle am 4. Juli 2017 in den Jahresabschlussunterlagen 2016 lesen konnten: »Der Anteil der manuell durchgeführten Vorgänge ist noch immer hoch, und das bedeutet bei mangelhaften Kontrollen ein erhöhtes Fehlerrisiko.«

Brechen wir endlich das Schweigen

In diesem Buch schildere ich, wie Papst Franziskus darum kämpft, dem gefährlichen Finanzkurs des Vatikans Einhalt zu gebieten und den drohenden Bankrott der Kirche abzuwenden. Schon Papst Benedikt XVI. hatte die finanzielle Entwicklung der Kirche große Sorge bereitet, und er wusste, dass sich der Zusammenbruch nur durch eine Kehrtwende verhindern lassen würde. Doch unter ihm konnte der Wandel noch nicht umgesetzt werden oder zumindest nicht so schnell wie erhofft.

Wenn ich auf den folgenden Seiten über die dramatischen Ereignisse berichte, beziehe ich mich stets auf über 3000 geheime, bislang unveröffentlichte Dokumente, die ich seit 2013 zusammensammeln konnte. Sie enthalten die ganze Wahrheit: über die unterschlagenen Gelder, das Missmanagement, die gierigen Kardinäle und andere hohe Würdenträger, die alles andere als christliche Machtkämpfe ausfechten, und über die drei nebulösen Banken mit rätselhafter Buchhaltung. Auch über diese Dinge muss berichtet werden, wie ich meine, und zwar aus demselben aufklärerischen Geist heraus, wie dies bei meinen vorigen Büchern geschah: zuerst in Vatikan AG (2009), dann veröffentlichte ich in Ihre Heiligkeit (2012) die Schreibtischunterlagen von Benedikt XVI., schilderte in Alles muss ans Licht (2015) die katastrophalen Verhältnisse, die Papst Franziskus im Vatikan antraf, und ging in meinem letzten Buch Erbsünde (2018) schließlich den schlimmsten Geschichten im Vatikan auf den Grund, die zeigen, dass für manche im Kirchenstaat Geld wichtiger ist als die Seele.

Auch wenn die Päpste schon seit dem vorigen Jahrhundert voll guter Absichten sind, ist eine echte Reform der römischen Kurie bislang ausgeblieben, weil jeder kleinste Ansatz dazu im Keim erstickt, abgeblockt und sabotiert wird. Auf den folgenden Seiten können Sie sich ein plastisches Bild davon machen, wie groß das Geflecht aus Eigeninteressen, Geld und Macht ist, in das manche Kardinäle und Würdenträger verstrickt sind. Das festgeknüpfte Netz aus Konten, Finanzgeschäften und Spekulationen, das den Vatikan fest im Griff hat, wird hier erstmals wirklich offengelegt.

Der Vatikan wird von einer Unterwelt beherrscht, die vollkommen unbekümmert persönliche Machtkämpfe entfacht und befeuert und sich nicht nur gegenüber dem sich am Horizont abzeichnenden Finanzcrash vollkommen gleichgültig zeigt, sondern auch gegenüber allen Mahnungen des Papstes, der ihr religiöser Führer und eigentlich absoluter Monarch des Kirchenstaats ist. Mit diesem Buch wird der Mantel des Schweigens, der den drohenden Bankrott des Vatikans bislang umgab, endlich gelüftet. Das dürfte nicht nur unter Katholiken für Unruhe sorgen. Doch in diesem Buch findet sich nichts als die Wahrheit, und ihr kann man sich nur stellen, wenn man sie nicht verschweigt, sondern öffentlich macht.

Die Insolvenz der Kirche

Ein Geheimtreffen, um dem Abgrund zu entgehen

Frühjahr 2018, über den Petersplatz weht ein leichtes Lüftchen. Es ist noch früh. Die ersten Gläubigen strömen gerade auf den Platz, so gesittet wie immer. Staunend betrachten sie die überwältigende Schönheit um sie herum. Die Wirksamkeit der Sicherheitsmaßnahmen wegen möglicher islamistisch motivierter Attentate kümmern sie kaum. Ein heikles Thema, in der Kurie ist man besorgt, aber darüber redet man nicht. Gerade haben einige Kardinäle die Porta Sant’Anna hinter sich gelassen und bahnen sich ihren Weg durch die Pilger. Es ist Dienstag, der 15. Mai, kurz nach halb neun, sie müssen zu einer geheimen Sitzung des Wirtschaftsrats, ein eingeschworener, kleiner Kreis, der den Papst in Finanzfragen unterstützt.

Die Sitzungsteilnehmer kommen aus allen Ecken der Welt: Juan Luis Cipriani Thorne aus Peru, Daniel DiNardo ist der Vorsitzende der US-Bischofskonferenz, Wilfrid Fox Napier kommt aus Südafrika, Norberto Rivera Carrera aus Mexiko. Mit dem Apostolischen Administrator der Diözese Hongkong, John Tong Hon, ist sogar das kommunistische China vertreten. Und aus Europa sind natürlich viele da: vom Italiener Agostino Vallini bis zum Franzosen Jean-Pierre Ricard und dem deutschen Reinhard Marx, der wie ehemals Ratzinger der Diözese München vorsteht und Koordinator des Wirtschaftsrats ist.

Abgesehen vom altgedienten Kurienmitglied Vallini, noch von Benedikt XVI. zum Kardinal erhoben und Protegé von Ex-Staatssekretär Tarcisio Bertone, sind alle Papst Franziskus treu ergeben. Jeder einzelne wurde speziell dafür ausgewählt, den Papst bei der finanziellen Neuordnung des Vatikans zu unterstützen und diese dann vor allem gegen jeden Widerstand aus der Kurie, gegen jeden Versuch, mehr Transparenz zu verhindern, durchzusetzen. Eine Aufgabe, die unmöglich scheint.

Die Kardinäle betreten die Sala Bologna, in der Mitte ein großer hufeisenförmiger Tisch in Massivholz, drumherum über zwanzig Intarsienstühle mit bequemer Samtpolsterung für die wichtigen Sitzungen. Weil ich über aktuelle Unterlagen zur wirtschaftlichen Situation des Vatikans verfüge und meine Quellen bei dieser und anderen vertraulichen Sitzungen anwesend waren, kann ich die Spannungen und Auseinandersetzungen zwischen den Schlüsselpersonen der vatikanischen Finanzen so realgetreu nachzeichnen.

Die Kardinäle gehen über das knarrende, im Schachbrettmuster verlegte Parkett und nehmen Platz. Wir befinden uns im pulsierenden Herz des Heiligen Stuhls, im dritten Stock des Papstpalastes, dem vornehmsten Vatikangebäude mit über tausend Zimmern, zu denen nur höchste Würdenträger Zugang haben. Die Sala Bologna liegt symbolträchtig genau in der Mitte des Gangs, zwischen der nun leerstehenden Papstwohnung und den Büros des Staatssekretariats.

Die Begrüßungen ziehen sich hin, zwischen Umarmungen und Händeschütteln unterhält man sich kurz tête-à-tête. Derweil werden die Sitzungsunterlagen verteilt, und schon beim ersten Durchblättern wird deutlich, dass diese Sitzung anders sein wird als sonst. Dann verstummen plötzlich alle und blicken zur Tür. Ein neuer Gast betritt den Raum, Kardinalsstaatssekretär Pietro Parolin. Papst Franziskus’ engster Mitarbeiter hat seine Wohnung im ersten Stock verlassen, um mit seinen Brüdern an der Sitzung teilzunehmen. Seine angespannten Gesichtszüge verraten mehr denn je, wie heikel die Lage ist, wie schwerwiegend die ausgeteilte Dokumentation und vor allem, wie bedeutsam die heutige Sitzung ist.

Um Punkt neun Uhr bittet Kardinal Marx mit kurzem Kopfnicken um Ruhe, man versammelt sich für das traditionelle Gebet, das an diesem Tag vielleicht notwendiger ist denn je. Die bevorstehende Aufgabe wird nicht einfach sein und erfordert große innere Ruhe. Der Koordinator weiß das nur zu gut. Er ist der neue Stern am Himmel der vatikanischen Wirtschaft, nachdem der Australier George Pell gestürzt ist. Pell war 2014, als Symbol des Wandels, zum Präfekten des Wirtschaftssekretariats ernannt, dann aber des Kindesmissbrauchs beschuldigt und im Februar 2019 verhaftet worden.

Um den Tisch reihen sich siebzehn Personen, die meisten Männer. Frauen scheinen, wie sonst auch bei Treffen auf höchster Ebene, quasi ausgeschlossen. Von seltenen Ausnahmen abgesehen. Neben neun geistlichen Würdenträgern sitzen in der Sala Bologna diesmal acht Laienvertreter, darunter drei Frauen. Auch sie haben Zugang zu den geheimen Sitzungen über die undurchsichtige vatikanische Finanzwelt, die die Spenden der knapp 1.300.000.000 Gläubigen aus aller Welt verwaltet. Doch natürlich sind sie auch hier nicht unbedingt mit den allerhöchsten Aufgaben betraut. Die stille Elisa Fantini und die zurückhaltende Paola Monaco haben am Sekretariatstisch zu tun, der direkt neben dem Platz des Papstes steht.

Etwas eingehender sollten wir uns dagegen mit der dritten Frau beschäftigen, die scheinbar etwas abseits, beinah im Halbschatten sitzt. Obwohl zierlich, wirkt sie sehr bestimmt. Sie heißt Claudia Ciocca und leitet die Aufsichtsund Kontrollabteilung des Wirtschaftssekretariats. Der breiten Öffentlichkeit ist sie eher unbekannt, obwohl sie in nur wenigen Jahren in den Kreis der einflussreichsten Laienvertreter im Vatikan aufgestiegen ist. Helle Augen, ein schmales, klares Gesicht, eingerahmt von einem kastanienbraunen Kurzhaarschnitt. Beiläufig, beinah unsichtbar bewegt sie sich zwischen den Großen der katholischen Kirche. Claudia Ciocca bringt nicht nur solide Finanzerfahrungen mit, sondern verkörpert auch perfekt die heutige Vorstellung von kirchlicher Macht, insbesondere die von Papst Franziskus: Sie besitzt eine natürliche Begabung zum aufmerksamen Zuhören, zur sorgfältigen Wahl der genau passenden Worte und den richtigen Sinn für Barmherzigkeit und Nachsicht, um die Ziele des Papstes ohne Nachsicht umzusetzen.

Auf dem Tisch liegen streng geheime Unterlagen über den wahren Gesundheitszustand der Kirche, besser gesagt ihres Nervenzentrums, des Vatikans. Die Zahlen waren noch nie entmutigender, die Aussichten noch nie katastrophaler: stark eingebrochene Einnahmen, kaum mehr bezifferbare Abgründe bei Pensionsfonds und Krankenkasse, unkontrollierbar aufgeblähte Personalkosten und ein kaum noch bewertbares Vermögen. So werden die riesigen Immobilienbestände nach wie vor von Klientelansprüchen in Geiselhaft genommen, und bei den Wertpapierund Aktienanlagen entstehen immer wieder Millionenverluste, weil die Strategie und Diversifizierung fehlen.

Papst Franziskus hat zwar von Anfang an die Konten des Heiligen Stuhls in Angriff genommen, aber obwohl das eine unvergleichliche Schockwelle auslöste, blieb die erhoffte Wirkung aus. Dank bis dahin unveröffentlichter vertraulicher Finanzdokumente aus dem Vatikan habe ich diese Anfänge in meinem Buch Alles muss ans Licht (2015) bis in den Winter 2013/2014 nachgezeichnet. Damals gab es allerdings noch Handlungsspielraum. Wie die jetzigen Dokumente auf beunruhigende Weise offenbahren, ist Papst Franziskus mit seinem Vorhaben gescheitert. Die Unterlagen sprechen eine deutliche Sprache: Der Papst wurde Opfer eines systematischen Boykotts.

Die Seilschaften im Vatikan haben sich jeder Veränderung widersetzt und ihre Privilegien, ihre missbräuchlichen und sonstigen undurchsichtigen Interessen erfolgreich verteidigt. Die Richtung, die der Jesuit vom anderen Ende der Welt vorgab, wurde im Vatikan sabotiert, man warf seinen Getreuen Knüppel zwischen die Beine, sie wurden Opfer von taktischen Schachzügen und Intrigen. Am Ende blieb jede Maßnahme wirkungslos. Die Revolution ist im Sande verlaufen. Und was am schlimmsten ist: Der eigentliche Verlierer ist nicht der Papst oder sein Pontifikat, sondern, viel wesentlicher und grundsätzlicher, die katholische Kirche, die kirchliche Organisation, das pulsierende Herz in Rom, das die katholische Welt belebt und koordiniert. Die Kirche selbst ist in Gefahr. Die Zeit drängt, der Untergang ist nah.

Nur noch fünf Jahre bis zum Crash

Die Laienvertreter in der Sala Bologna sind zutiefst angespannt. Sie warten so reglos, als hielten sie die Luft an. Einzig die Augen der alten Kardinäle bewegen sich, während sie die vertraulichen Unterlagen lesen, und ihre runzeligen Hände, mit denen sie bedächtig umblättern. Dort steht die ganze Wahrheit, und alle Berichte kommen zu demselben Schluss, prägnant zusammengefasst in einer angehefteten Anmerkung:

Der Wirtschaftsrat möchte seiner Besorgnis hinsichtlich des Defizits des Heiligen Stuhls erneut Ausdruck verleihen und erachtet es darum für notwendig, dem Heiligen Vater folgendes mitzuteilen: Es besteht ein anhaltendes, strukturelles Defizit von besorgniserregender Höhe, das, sofern keine Eilmaßnahmen ergriffen werden, zur Insolvenz führen kann.

Es droht die Insolvenz der katholischen Kirche. Da steht es: Insolvenz. Die Kardinäle nehmen die Brille ab, blättern in den Papieren, malen sich vielleicht aus, wie man sich doch noch vor dem drohenden Finanz-Tsunami retten könnte. Die apokalyptische Szenerie ist aus zwei Gründen besonders erschreckend. Erster Grund, katastrophal genug: Eine Insolvenz würde den gesamten Vatikan strukturell bedrohen, weil er dann über keine Finanzmittel mehr verfügen würde. Die katholische Kirche würde dies weltweit auf unvorhersehbare Weise durch einen Dominoeffekt zu spüren bekommen. Wenn der Vatikan insolvent ist, stehen keine Gelder mehr für die notwendigen Ausgaben zur Verfügung, nicht einmal mehr für die Gehälter der Beschäftigten in den Dikasterien und Kongregationen. Die kirchliche Maschinerie käme unweigerlich zum Erliegen, und wenn die Zentralregierung der Theokratie fehlt, stände die Zukunft jeder Diözesen, jedes katholischen Ordens und jeder einzelnen Pfarrei auf dem Spiel.

[...]

19:15 23.09.2020

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