Unerschütterlich

Leseprobe "Da Ben Ferencz' Werdegang aber aufs Engste mit der deutschen Geschichte verknüpft ist, scheint es an der Zeit, dass er nun auch im deutschen Sprachraum jene Aufmerksamkeit erhält, die er meiner Ansicht nach verdient."
Unerschütterlich

Foto: Christof Stache/AFP via Getty Images

Mehr als ein Anfang

Als ich Benjamin B. Ferencz im März 2018 das erste Mal traf, hätten wir beide nicht gedacht, dass sich daraus eine intensive Zusammenarbeit und schließlich sogar eine Biografie entwickeln würde. Vermittelt durch die damalige liechtensteinische Außenministerin Aurelia Frick, die Ferencz von seinem völkerrechtlichen Engagement bei der UNO in New York kannte, besuchte ich ihn für einen Zeitschriftenartikel an seinem Zweitwohnsitz in Delray Beach, Florida. Er wohnte dort in den Wintermonaten in einer Seniorensiedlung mit kleinen Bungalows und künstlich angelegten Teichen. Doch die Gespräche mit ihm verliefen gleich so animiert, dass er bald die beiläufige Bemerkung fallen ließ, ich hätte ja schon fast das Material für ein ganzes Buch beisammen. Das war zwar reichlich optimistisch, aber der Gedanke ließ mich nicht mehr los. Der alte Mann war mir auf Anhieb sympathisch, und die Faszination, aber auch der Respekt für sein außergewöhnliches Leben wuchsen, je mehr ich davon erfuhr. Das positive Echo auf den journalistischen Bericht über ihn ermunterte mich dann dazu, das Projekt in Angriff zu nehmen. Ferencz sicherte sofort seine Unterstützung zu, obwohl er wusste, dass es auch für ihn einige Arbeit bedeuten würde. Dabei ging es ihm nie um seine Person – er war in seiner langen Karriere schon genug im Rampenlicht gestanden –, sondern um die Weiterverbreitung seiner Ideen und Anliegen.

Was er propagierte, ging unmittelbar aus den Erfahrungen seiner außergewöhnlichen Tätigkeiten hervor. Im Jahr 1947 – mit gerade einmal siebenundzwanzig – war er nämlich Chefankläger im größten Mordverfahren der Geschichte geworden. Bei den Nürnberger Nachfolgeprozessen brachte er hochrangige SS-Offiziere vor Gericht, die im Zweiten Weltkrieg mit ihren Killerkommandos – den sogenannten Einsatzgruppen – in der von der Wehrmacht eroberten Sowjetunion über eine Million Menschen ermordet hatten. Mit der Verfolgung der Täter sah der brillante Jurist seine Mission jedoch mitnichten als beendet an. Er setzte sich in der Nachkriegszeit im Rahmen der Wiedergutmachungspolitik der Bundesrepublik vehement für die Entschädigung der Opfer des Nationalsozialismus ein und gehörte zu den maßgeblichen Promotoren des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag. Das alles gehörte für ihn untrennbar zusammen. Nürnberg war ein Meilenstein der Rechtsgeschichte – aber die damals angestoßene Entwicklung musste weitergehen.

Der Ideenreichtum und die Konsequenz, mit denen Ferencz seine weit gesteckten Ziele verfolgte, beeindruckten mich tief. Ich empfand es als Privileg, einem der letzten großen Augenzeugen der Weltkriegsepoche zu begegnen, der, wie er selbst sagt, einen »Blick in die Hölle« getan hat – und seither alles daransetzte, eine Wiederholung solcher Gräuel zu verhindern. Hörte ich ihm zu, wie er auf seine unverwechselbar lebendige und anschauliche Art den ungeheuren Erfahrungsschatz seines beinahe hundertjährigen Lebens ausbreitete, kam es mir vor, als ob ich im Theater der Geschichte in der ersten Reihe säße.

Die Darstellung in diesem Buch beruht – neben Ferencz’ Studien und den autobiografischen Aufzeichnungen, die er unter dem Titel Benny Stories im Internet veröffentlicht hat – auf zwei Hauptquellen. Zum einen auf ebenjenen Gesprächen, die ich im März 2018 und nochmals Ende Januar 2019 mit Ferencz in Florida geführt habe. In den mehrtägigen Treffen verblüffte er mit seiner mentalen Frische und einem annähernd fotografischen Gedächtnis. Im Hintergrund lauschte seine Frau Gertrude, die an Alzheimer litt. Er kümmerte sich liebevoll um sie, nebst einer Krankenpflegerin, die regelmäßig vorbeikam. An den Diskussionen beteiligte sie sich nicht mehr; aber wenn er etwas Lustiges erzählte, lachte sie unverhofft mit. Sie kannten und liebten sich nun schon seit über achtzig Jahren. Zu diesem Zeitpunkt war Ferencz längst der letzte lebende Chefankläger der Nürnberger Prozesse und ihr lebendiges Symbol. Es ist nicht unbedingt selbstverständlich, dass er mich in diesem hohen Alter empfangen hat – und so die Leserinnen und Leser an seinen Erinnerungen und Gedanken teilhaben lässt.

Die zweite wichtige Quelle ist das umfangreiche Privatarchiv, das Ferencz dem United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) in Washington vermacht hat. Es umfasst Briefe, Tagebücher, offizielle Dokumente, Zeitungsausschnitte, Fernseh- und Radiointerviews, Fotografien und anderes. Im Januar 2019 durfte ich mich während des »Government Shutdown« in die dort lagernden Schätze vergraben, Originale sichten und Mikrofilme kopieren.

In Amerika genießt Ben Ferencz so etwas wie einen Kultstatus – zum Beispiel als Held mehrerer Fernseh- und Kinodokumentationen. Da sein Werdegang aber aufs Engste mit der deutschen Geschichte verknüpft ist, scheint es an der Zeit, dass er nun auch im deutschen Sprachraum jene Aufmerksamkeit erhält, die er meiner Ansicht nach verdient. Ben Ferencz selbst hofft, dass dieses Buch zukünftige Leser »informieren, unterhalten und inspirieren« werde.

Wenn Ferencz im Zusammenhang mit einer Geschichte, deren Dreh- und Angelpunkt der Holocaust an den europäischen Juden ist, von »unterhalten« spricht, ist das kein Zufall – und auch kein Fauxpas. So fürchterlich die Verbrechen waren, deren Zeuge er wurde, so unerschütterlich sind sein Humor und sein Glaube an die Werte von Toleranz und Mitgefühl. Als Handelnder und Chronist eines Zeitalters der Extreme verbindet sich in ihm die große Geschichte mit vielen kleinen Anekdoten. Sie erheitern den Geist und sorgen für Entspannung. »Das Leichte schwer, das Schwere leicht«, ist ein ästhetischer Grundsatz, dem er sicher ohne Zögern zustimmen würde.

Verschiedene Personen haben bei der Realisierung des Projekts entscheidend mitgeholfen. Wertvolle Unterstützung erhielt ich jederzeit von Donald Ferencz, Benjamins Sohn; er war Reiseleiter und Türöffner in Amerika. Henry Mayer, Liviu Carare, Nancy Hartman, Anatol Steck und Anna Cave vom United States Holocaust Memorial Museum leisteten unverzichtbare Dienste bei den Recherchen in der »Benjamin B. Ferencz Collection«. Mayer stellte sich auch als Chauffeur zur Verfügung, um den Teil der Akten zu erreichen, die im Shapell Center aufbewahrt werden, einem modernen Archiv- und Forschungszentrum im Niemandsland außerhalb von Washington. Inga Huber begleitete den Schreibprozess administrativ und inhaltlich. Last but not least bleibt »Ben« – wie er allgemein genannt wird – selbst zu erwähnen. Ohne seine aktive Mitwirkung und geduldige Bereitschaft, die Geschichte seines bewegten Lebens zu erzählen, wäre Jahrhundertzeuge Ben Ferencz in dieser Form nicht möglich gewesen. Seine fesselnden Schilderungen und sein gewinnendes, charmantes Wesen werde ich nie vergessen. Wenn etwas davon auch auf den folgenden Seiten aufschiene, wäre das mehr als nur ein schöner Anfang.

Lenzburg, im Februar 2020

Philipp Gut

15:32 26.03.2020

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