Leseprobe : Weltumspannendes Gegenwarts-Epos

So gegenwärtig, so international, so politisch und leichtfüßig zugleich war vor „Liefern“ lange kein deutscher Roman –entstanden ist er in Zusammenarbeit mit Anne Birkenhauer, die auch den Teil »Mimesis« aus dem Hebräischen übersetzt hat

Chongqing, China: Ein Essenslieferant trotzt dem heftigen Monsunregen und fährt mit seinem Motorroller über eine regennasse Straße

Foto: Cheng Xin/Getty Images

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Liefern

Liefern

Tomer Gardi

Hardcover, gebunden

320 Seiten

25 €

In Kooperation mit Tropen Verlag

Liefern

INDIE-GO

Filmon, sagte der Wächter zu mir, willkommen im glo-balen Dorf. Wir brauchen hier einen Dorftrottel. Wäre das nicht was für dich?

Und ich sagte ja. Und ich dachte mir, fuck, nein. Und lächelte, ganz groß. Und ging rein.

Gut,aber die ist irgendwie zu kurz,diese Geschichte,nicht wahr? Irgendwie zu knapp.Und worum geht es im Leben, wenn nicht um Zeit? Tick tack tick tack – nicht gleich zum Handy greifen! Um Zeit und Weite. Zeit und Drang.

Also, dann eben ein Perspektivwechsel, meine Damen und Herren, Perspektivwechsel. Wirkt wie ein mittel-alterliches Allheilmittel. Wie ein Alchemisten-Zauber-trank. Ein Seelendünger. Ein Horizontextrakt.

Kommen Sie her, meine Damen und Herren, treten sie näher, Mitbewohner des globalen Dorfes, Perspek-tivwechsel! Perspektivwechsel! Hilft auch gegen Selbst-mitleid! Auch gegen Aussichtslosigkeit! Erlöst von chronischem Purismus! Lindert Erbnabelschau! Lockert identitäre Fixationen! Hilft zudem gegen Opferglorie! Perspektivwechsel! Perspektivwechsel! Treten Sie näher, meine Damen und Herren, kommen Sie her!

Noch näher bitte.

Bitte noch einen Schritt. Ja, danke. Also.

*

Er stand also in der Küche und wischte die Arbeitsfläche und die Spüle sauber. Der Edelstahl erstrahlte im Neonlicht, das Radio spielte irgendwas. Bestimmt was Fröhliches. Etwas Erhebendes. Er streckte sich, seine Schuhe seifenwassernass,warf die Putzlappen in den Eimer, ging aus der Küche nach vorne und stand da im leeren Raum des Cafés, seit drei Tagen schon ohne Stühle und Tische. Er suchte sein Abbild, aber auch der große Spiegel war nicht mehr da. Das Foto des Mannes mit der Perlenkette – seine Haut in der Farbe reifer Pflaumen, harte Perlmuttkugeln auf den weichen Altersfalten seines Nackens – hatte der Zweitehandhändler nicht mitnehmen wollen. Zwei beinlose Stühle lagen aufeinander in der Ecke, wie nach einer Schlacht. Die Kaffeemaschine hatte er schon geputzt und demontiert, also kochte er Wasser im Wasserkocher, machte sich so seinen Kaffee. Rauchte eine Zigarette unter dem Deckenventilator bei der Bar, trank seinen Kaffee, warf die Kippe auf den Boden. Er wird hier später sowieso noch ein letztes Mal sauber machen müssen. Durch die großen Fensterscheiben sah er, dass draußen ein Parkplatz frei wurde, und holte die kaputten Stühle aus der Ecke, stellte sie auf die Straße, um den Parkplatz für Andrej freizuhalten. Dann ging er wieder rein, durch das leere Café nach hinten in die Küche. Nur den großen Ofen musste er noch machen und seinen Geschirrspüler. Die Kühlschränke hatte er schon sauber, die Kabel waren ausgesteckt, ihre Türen ganz weit offen, wie bei einem letzten Keuchen. Wie tote Fische in einem verschmutzten Waschmittelflussbett.

Jedes dritte Café, das in Tel Aviv aufmacht, geht pleite und macht nach weniger als einem halben Jahr zu. In dieser Küche hatte er schon drei Jahre fast jeden Tag verbracht. Also konnte er sich auch freuen. Hatte ja länger gehalten als erwartet. Und zum Glück ist das Café nicht seins. Perspektivwechsel, Perspektivwechsel. Hilft auch gegen Aussichtslosigkeit. Hilft auch gegen Zukunftsängste. Hilft auch gegen Hab-keine-Kraft-mehr.

Er machte die Ofentür auf, schüttelte die Spraydose und bespritzte die Ofeninnereien mit weißem Schaum. Ließ den Reiniger darin flüstern, chemisch wispern, machte dann mit seinem Geschirrspüler weiter. Ein letztes Mal vor der Maschine. Ließ sie leer laufen, nur mit Finish und viel Antikal, hörte wie das Wasser drinnen spritzte und rauschte und rieselte.Wasser. Gut fürs Nachdenken.Auch wenn es nur aus Rohren und aus Sprüharmen fließt und nicht von Meereswellen kommt oder vom Regen. Drei Jahre hat er vor dem Spüler gestanden, ihn mit dreckigem Geschirr gefüllt, es dann dampfend rausgeholt. Die Teller und Schalen auf die Regale in der Küche, die Gläser und das Besteck für die Kellner auf die Durchreiche. Heute kommt Andrej und holt das alles ab, verkauft es wieder. Und wer wird nach mir vor dieser Spülmaschine stehen? Vielleicht wieder ich. Neues Café, alter Job. Und wer hat die Spülmaschine eigentlich vor mir benutzt? Die Dynastie ist lang. In dieser Stadt spülen nur noch Eritreer das Geschirr in Restaurants.Aber wir sind auch nicht schon immer hier gewesen. Wer hat hier vor uns das Geschirr saubergemacht? Er ließ das letzte Wasser aus der Maschine fließen, schob sie von der Wand weg, nahm ein Messer vom Regal und ritzte seinen Namen auf die Rückseite in den Edelstahl.

Filmon was here.

Gut, Filmon war hier, aber where wird Filmon morgen be? In seiner Wohnung, ohne Arbeit. Kann noch lang dauern, bis jemand in der Stadt eine neue Küchenhilfe brauchen wird. Die Plage plagt. In den Cafés darf jetzt wieder keiner sitzen. So viele schließen, und das für immer. Jetzt auch hier.

Eine Weile hatte es noch funktioniert mit dem Café, mit Papp-Boxen,Tüten und Essenslieferanten,Typen mit Helmen und viereckigen Rucksäcken. Die stürmten ins Café, rannten vollbeladen wieder raus. BringBring, Indie-Go, Yamm. Viel Geschirr war da nicht mehr zu spülen, Filmon hat nur noch die Pfannen und die Töpfe abgewaschen. Jeden Morgen kam er früh in die Küche, schnitt und schälte, putzte das Gemüse und bereitete alles vor. Später vormittags kam dann Simon und kochte das warme Essen. Filmon machte die Salate und die Sandwiches, packte das Essen in Boxen, die Boxen in Tüten, und die Tüten mit Bons stellte er auf die Bar für die Riders. Die stürmten herein, Handy in der Hand, jeder mit seinem kubischen Globus auf dem Rücken, packten die Tüten in ihre klobigen Rucksäcke und liefen dann wieder raus in die Stadt,Riders auf Rädern und Riders auf E-Bikes,Riders auf Motorrädern und Riders auf E-Rollern, schwitzend auf den schwarzen Asphaltstraßen, unter dem overhead Glühen der Sonne.Es war sein achtes Jahr in Tel Aviv,acht Jahre seit er zusammen mit zwölf Menschen die ganze Sinai-Wüste durchquert hatte und in einer Nacht auch die Grenze von Ägypten nach Israel. Die Israelis sagen, es sei hier im September noch nie so heiß gewesen, aber er wusste nicht, ob er ihnen glauben konnte oder ob das bloß Nostalgie war. Kann sich ein Körper wirklich erin-nern, wie heiß es ihm vor fünfundzwanzig Jahren gewesen ist? Bald wird es aber cooler, bald wird es aber cooler, murmelten die Riders und fuhren weiter. Algorithmisch. Fernbedient.

Bis auch das nicht mehr funktionierte für Romy und ihr Café. Sie hatte zumachen müssen. Konkurrenz zu hoch, Gewinn zu niedrig. Die Kellner waren schon lange weg, Simon war nach Hause gegangen, Filmon noch drei Tage geblieben, um alles sauber zu machen, was noch zu verkaufen war. Zum Schluss ging auch er.

Kurz und ungut, ein Mann, sein Name ist Filmon, verliert seinen Job. Er muss jetzt einen neuen finden. Draußen plagt die Plage, alles zu. Freie Arbeitsplätze gibt’s kaum noch. Die Preise steigen ständig. Und morgen muss er auch noch zu Shai Miete bezahlen, und auch die für den nächsten Monat. Und weiter Geld nach Deutschland schicken muss er auch noch, an seine Daniat und die kleine Israel. Es wird noch lange dauern, bis Daniat es hinkriegt, alles in Deutschland so zu erledigen, dass auch er endlich dorthin kann, zu seiner Frau und seiner Tochter. Morgen wird er Daniat anrufen, endlich mit ihr darüber sprechen. Daniat, ich hab meine Arbeit verloren. Das hat er gestern schon vorgehabt. Und auch vorgestern. Und an dem Tag davor auch. Hat sich nicht dazu bringen können, es ihr zu sagen. Bloß kein Selbstmitleid jetzt, Filmon, bloß nicht da reinfallen. So ist es halt. Du bist nicht der Einzige, der davon betroffen ist. Die Perspektive. Die Perspektive. Filmon stand also in der Küche und wischte die Arbeitsfläche und die Spüle sauber. Der Edelstahl erstrahlte im Neonlicht.

Und gegen fünf Uhr oder vielleicht sechs kam Romy. Vielleicht war es eher sechs, weil die Hitze nicht mehr so unerträglich war. Endlich sank die Sonne. Und sie standen beide draußen vor der Tür. Was mal die Caféterrasse gewesen war, ist keine Caféterrasse mehr, nur ein leerer Gehsteig. Und auf dem leeren Gehsteig standen sie, warteten auf Andrej. Ein Polizeiwagen jubelte vorbei, ein paar gestresste Autos, die Fenster zu, wie Kühlschränke auf Rädern. Wer kauft sich in so einem heißen Land ein schwarzes Auto? Kaum Fußgänger unterwegs. Die drei Indie-Go-Kuriere, die vorbeifuhren, zerquetschten Romys Herz, oder warum schaute sie sonst plötzlich weg und ging ins Café hinein? Vielleicht einfach pinkeln. Vielleicht einfach Gesicht waschen. Wasser trinken. Als sie wieder rauskam, war Andrej mit seinem LKW schon da, Filmon wies ihn in den schmalen Parkplatz ein. Von Andrej hatte Romy ihre Ausrüstung für das Café gekauft, sie hatte nie daran gedacht, dass sie die nach drei Jahren wieder an ihn zurückverkaufen würde. Obwohl sie es natürlich gewusst hatte: jedes dritte Café, jedes dritte Café, jedes dritte Café.

Romy und Filmon, Andrej und seine Mitarbeiter trugen die großen Geräte aus der Küche und luden sie in den LKW. Als Filmon und Andrej den Spüler auf ihre Schultern hoben, lächelte Andrej plötzlich und schaute Filmon an. Filmon was here, sagte er mit seinem tiefkehligen, zungigen, postsowjetischen Akzent. Filmon was here, sagte er noch einmal, und dann gingen sie beide aus der Küche durch den leeren Raum des Cafés und dann raus und luden die Spülmaschine in den Wagen.

Andrej und seine Arbeiter fuhren weg, Filmon und Romy blieben vor der Tür stehen, wussten nicht, was tun. Über den Dächern,zwischen anachronistischen Fernsehantennen und apokalyptischen Mobilfunkmasten, verrückte sich der Mond. Und,was machst du jetzt? Ich weiß nicht, sagte Filmon, vielleicht Yamm, vielleicht Indie-Go. Romy seufzte.Alle versuchen das jetzt. Ich weiß nicht, ob du da überhaupt einen Platz kriegst. Ich habe gehört, die Wartelisten sind enorm. Das wusste Filmon. Dafür hab ich vielleicht eine Lösung, über Shai, meinen Vermieter. Ich muss es jedenfalls versuchen.Eine andere Lösung seh ich nicht.Und du? Ich werde versuchen, meine Wohnung unterzuvermieten, sagte Romy, für eine Weile zu meinen Eltern ziehen, so etwas Geld sparen und von dort aus versuchen, die ganze Bankrott-Bürokratie zu erledigen.

Mit gegenseitigen Glückwünschen verabschiedeten sie sich voneinander. Tel Aviv ist ja nicht groß, wir wer-den uns eh wiedersehen. Filmon schloss sein E-Bike am Laternenpfahl auf, die Lampe oben war schon seit Monaten kaputt, das Ganze war nur noch als Fahrradständer gut oder als Hundeklo. Da stand er im Unschein an dem Laternenpfahl, während der Mond übervoll und exaltiert über ihnen erstrahlte. Filmon schaute Romy von der Seite an. Jetzt geht sie noch ein letztes Mal rein. Das Licht drinnen geht an. Romy verabschiedet sich von ihrem Café. Jetzt kommt sie raus und schließt ihr Café ab, das letzte Mal. Jetzt geht sie nach Hause. Nur das Foto des alten schwarzen Mannes hängt noch da, mit den Lachfalten um Mund und Augen, seiner glatten Glatze, der weißen Perlenkette um den Hals.

Und dann fuhr auch er nach Hause. Da schliefen alle bestimmt schon. Nur Dawit ist vielleicht noch wach, mit seinen rastlosen, betäubenden Spielen auf dem Handy. Viel zu spät jetzt, um Daniat anzurufen. Kann bis morgen warten. An der roten Ampel, wo Allenby auf Montefiore trifft, bog er ab, stellte sich mit seinem E-Bike auf den Gehsteig.Vor Dixie Burger ballten sich die Lieferanten, in Yamm-Gelb und in BringBring-Grün und Indie-Go-Blau und Chick-Chack-Rot. Klar, zentrale Lage, viele Restaurants rundherum, strategisch platziert, da kann man gut warten oder einfach Pause machen, mit Freunden reden, bis in einem Restaurant in der Nähe eine Bestellung fertig ist. Er stellte sein Handy auf Selfie und schickte eine Videonachricht an Daniat und die kleine Israel. Wenn sie aufwachen, werden sie sie sehen. Wünschte ihnen einen guten Morgen, schaut, der Mond ist voll, über mir und über euch. Er versuchte, sein Gesicht zusammen mit dem Vollmond aufzunehmen. Daniat wird bestimmt was merken. Schon wieder kann der Filmon mit mir nicht reden. Morgen rede ich mit ihr, heute ists zu spät. Er wollte nur nach Hause. Wollte duschen. Vielleicht sogar ein Bad nehmen. Eigentlich unglaublich, unvorstellbar, dass es in so einer Wohnung einen solchen Luxus gibt, eine echte Badewanne.

Und zu Hause schien der Mond tatsächlich durch das Fenster, wie er es manchmal tut, wenn er voll ist. Ab und zu stimmt der Winkel. Dawit schlief schon, alle anderen auch. Sechs Flüchtlinge aus Eritrea in einer Dreizimmerwohnung. Filmon ging ins Badezimmer, zog sich aus, füllte die Badewanne mit lauwarmem Wasser. Auf der Wasserfläche spiegelte sich der Mond. Filmon stieg in die Wanne,streckte sich aus,konnte sich aber nicht entspannen. Schüttete Duschgel ins Wasser,ließ es aufschäumen. Versuchte, den Mond im Waschmittelschaum zu ertränken. Doch der tauchte wieder auf. Tauchte immer wieder auf. Wollte einfach nicht untergehen.

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