Leseprobe : Hafenmetropole als letzter Hoffnungsort

Lissabon 1941, ein "Fegefeuer der Identitäten und Gewissheiten" : In den Kiosken lag neben dem "Völkischen Beobachter" die Londoner "Times", im Café traf man auf Gestapo-Agenten oder auf Hannah Arendt. Lesen Sie hier den fesselnden Prolog des Buches

Foto: Alexander Spatari/Getty Images
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Lissabon 1941

Lissabon 1941

Alexander Smoltczyk

Hardcover

348 Seiten

26 €

In Kooperation mit dtv

Lissabon 1941

PROLOG

Im Archivkeller des portugiesischen Ministeriums für Äußeres gibt es

einen Raum, in dessen Regalen eine Reihe von Holzkisten ruhen, alpha-

betisch sortiert und versehen mit Etiketten in Kanzlistenschrift:

»Consulado Berlim«, »Consulado Bordéus«, und so fort.

Mit weißen Handschuhen hebt die Archivarin einen Dokumentenband aus einer Box.

»Esto a lista.«

Das ist die Liste. Eine Liste mit einigen Tausend Namen, handschriftlich und oft nur mühsam lesbar, wie niedergeschrieben in großer Hast. Sie liegt in dem Kasten »Consulado Bordéus«. Es ist die Liste des portugiesischen Konsuls in Bordeaux, Aristides de Sousa Mendes, und erstellt im Juni 1940. Es ist ein Dokument von außergewöhnlicher Zivilcourage, ein Lichtblick in einem der dunkelsten Kapitel von Europas Geschichte. Die Wehrmacht hatte Paris eingenommen, und ganze Völkerschaften waren auf der Flucht nach Süden. Franzosen, aber auch Menschen, die sich aus Deutschland, den Niederlanden, aus Luxemburg, Belgien, Österreich, der ehemaligen Tschechoslowakei nach Paris geflüchtet hatten, in der Hoffnung, dort sicher zu sein vor den Nazis. Lissabon wurde über Nacht zum Hoffnungsort, zur letzten freien Hafenmetropole des alten Kontinents. Gegen den ausdrücklichen Befehl seiner Regierung stellte Konsul Sousa Mendes, ein tiefgläubiger Landadeliger, innerhalb weniger Tage rund zehntausend Transitvisa aus, für die Weiterreise nach Portugal und nach Lissabon. Die Liste des Konsuls von Bordeaux liest sich stellenweise wie ein Who is who. Für den 14. Juni 1940 ist der Name Hannah Arendt eingetragen. Eine Seite weiter steht »Dalí, Salvador«. »Koestler, Arthur«. »Otto von Habsburg«. Und so weiter. Es war ein Sommertag im Juli 2019, als eine Gruppe Reisender in dem Archivraum des Außenministeriums in Lissabon stand und die Liste gezeigt bekam. Manche kamen aus den Niederlanden, andere aus Brooklyn, eine ältere Dame war aus Buenos Aires angereist. Allesamt waren sie Kinder von Überlebenden, gerettet durch die Unterschrift des Aristides de Sousa Mendes. Sie waren gemeinsam von Bordeaux nach Lissabon gereist, auf den Spuren ihrer Eltern, deren Namen sie jetzt mit dem Finger vorsichtig in der Liste suchten. So entstand die Idee zu diesem Buch. Offenbar gab es dort, am äußers ten Westrand Europas, Geschichten, die noch nicht erzählt, noch nicht auserzählt waren. Wie kam es, dass Max Schmeling und Josephine Baker und Erika Mann in Lissabon auftauchten? Was war das für eine Stadt, in deren Cafés für ein paar Monate SS-Sturmbannführer und jüdische Schriftsteller Tisch an Tisch saßen? Es ist kein Zufall, dass Ian Fleming genau hier seinen James Bond erdachte, während ein paar Cafés weiter Hannah Arendt das Manuskript der »Thesen über die Geschichte« las, das Walter Benjamin ihr in Marseille kurz vor seinem Selbstmord anvertraut hatte. Lissabon war eine Mixed Zone, wo man am Kiosk den »Völkischen Beobachter« und die Londoner »Times« kaufen konnte. Wo der freundliche Kunde im Tabakladen ebenso ein Gestapo-Agent wie ein Überlebender des Pyrenäenlagers Gurs sein konnte. Abgesehen von der Sowjetunion verfügten alle Krieg führenden Mächte über Vertretungen in der Stadt. Man traf sich bei Empfängen, in Theatern, am Strand oder im Casino. Im Hafen von Lissabon wurden Gefangene ausgetauscht, Charles de Gaulle schlug in Lissabon sein Hauptquartier auf, während die Vichy-Regierung des Marschall Pétain ebendort mit den Engländern Geheimverhandlungen führte. Lissabon, offene Stadt. Fluchtpunkt, Transitstation und – dank der Neutralitätspolitik des Regimes Salazar – auch Tummelplatz für Geheimagenten und Schmuggler, Verräter, Heldinnen und Kriegsgewinnler. »Lissabon ist ja heute ein internationaler Nachrichtenumschlagsplatz geworden, wie er komplizierter überhaupt nicht gedacht werden kann«, notiert sich Joseph Goebbels im September 1941. Bei Kriegsende hat der MI6 allein in Lissabon Karteikarten von 1900 erwiesenen und 350 mutmaßlichen Feindagenten gesammelt, neben 200 suspekten deutschen Geschäftsleuten und 46 Tarnfirmen. Und darin sind die Doppelagenten noch nicht gerechnet. Ob letztlich der Erkenntnisgewinn dem Ausmaß dieses Gewimmels auch nur im Entferntesten entsprach, darf angezweifelt werden. Natürlich gab es überzeugte Nationalsozialisten in der Stadt, und nicht wenige. Angesehene Geschäftsleute, die in den besseren Schulen Lissabons über das junge Deutschland Vorträge hielten. Gattinnen, die patriotische Lesezirkel führten, den neuen Friedrich Sieburg feierten oder sich vom Kulturattaché Propagandafilme ausliehen, um sie im Deutschen Klub, dem Clube Alemão, zu zeigen. Lissabon war ein Fegefeuer der Identitäten und Gewissheiten. Ein Paradies für Zyniker und ein Wartesaal für die anderen. Die Stadt wurde zur geistigen Hauptstadt eines freien Europas, übernahm, ungewollt und unvorbereitet, die Rolle von Wien, Prag, Paris, Budapest, Barcelona, Amsterdam und Berlin und wurde nach der Besetzung Marseilles der letzte freie Hafen zum Atlantik. Es ist eine Zeit surrealer Bilder. Während vom Eiffelturm die Hakenkreuzfahne weht, versucht Ian Fleming die restlichen Barren des belgischen Staatsschatzes in Sicherheit zu bringen. Der britische MI6-Agent Dudley Clarke wird in Frauenkleidern und Stöckelschuhen der Größe 45 festgenommen, während Josephine Baker Staatsgeheimnisse in ihrer Unterwäsche über die Grenzen schmuggelt. »1940 war Lissabon eine Welt für sich, eine geschützte Enklave der Neutralität, in der sich alle Krieg führenden Parteien vermischten. Sie war voller Flüchtlinge aller Arten und aus allen Nationen«, so erlebte Dušan/Duško Popov die Stadt, der britische Doppelagent und das spä tere Vorbild für James Bond. Die einen hatten ein Giftfläschchen in der Jackentasche, für alle Fälle, die anderen schlugen die Zeit tot, an den Spieltischen des Casino Estoril. Zwischen Juni 1940 und Mai 1941 passierten etwa 40000 Flüchtlinge die Stadt und die angrenzenden Seebäder Estoril und Cascais. Darunter waren nicht weniger als sieben vertriebene Monarchen, Mitglieder der Familie Habsburg, und eine Liste von Schriftstellern, Intellektuellen, Künstlern, die sich liest wie das Kompendium des europäischen Geistes dieser Jahre: Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger, Peggy Guggenheim, Max Ernst, Man Ray, Siegfried Kracauer, Josephine Baker, Max Ophüls, Jean Renoir, Alfred Döblin, Hans Sahl oder Vigoleis Thelen. Der spätere SPD-Vorsitzende Erich Ollenhauer hätte dem frühen Hitlerfreund Otto Strasser begegnen können oder dem SS-Agenten Walter Schellenberg. Lenins Vorgänger Kerenski hätte in einem Reisebüro das Ehepaar Elsbeth und Herbert Weichmann, später Erster Bürgermeister Hamburgs, über den Weg laufen können. Die Hafenstadt Lissabon wurde zur Arche eines gefluteten Europas, das ganze Land wurde zu einer Drehscheibe für Informationen, Waren und Menschen. Francos Außenminister Jordana y Souza hat über die damaligen Flüchtlinge gesagt, die durch Spanien nach Portugal zogen, sie seien »wie Licht, das durch Glas dringt, ohne Spuren zu hinterlassen«. Das mag für Spanien zugetroffen haben, für Portugal gewiss nicht. Viele der Fremden waren wie Licht, aber es war das Licht der Aufklärung. Auf den folgenden Seiten werden sehr unterschiedliche Personen auftreten. Ihre Schicksale berühren sich manchmal, verknäulen sich oder laufen nur parallel. Manche zeigen sich kurz, um erst später wieder zu Wort zu kommen. Graham Greene kommt nach Lissabon, als die Windsors schon von dort abgereist sind. Der aufrechte Konsul Sousa Mendes wird im Juni 1940 zum Helden, um sich dann für einige Zeit aus der Geschichte zurückzuziehen. Der Wolframrausch in der Serra da Estrela bricht aus, als die Familien Mann und Döblin schon das rettende Ufer in New York erreicht haben. Das Geschehen spielt auf mehreren Bühnen zugleich, am Tejo, in London, an der Garonne und in der Grenzstation Irún. Und es verdichtet sich bisweilen so, dass an manchen Tagen mehr geschieht als sonst in Wochen. Dieses Buch versucht, im bescheidenen Rahmen seiner Möglichkeiten, diesen Verdichtungen und Parallelen, diesen Gleich- und Ungleichzeitigkeiten gerecht zu werden. Es folgt dem Geschehen Tag für Tag, geleitet von der Maxime: Ein Originalzitat hat Vorrang vor allen nachempfundenen Sätzen. Deswegen werden auch die Hauptfiguren wechseln und sich manchmal die Staffel übergeben. Nicht jeder hat über alle Wochen gleichermaßen Buch geführt, nicht jeder konnte oder wollte es. Die meisten schauten nicht zurück, sondern notgedrungen nach vorn, in ein aufgezwungenes neues Leben. Von dem britischen Autor Ronald Bodley ist ein Tagebuch über seine Reise von Paris nach Lissabon erhalten. So wird er öfter zu Wort kommen als Hannah Arendt, die in Lissabon viel nachgedacht, aber wenig über ihren Alltag dort geschrieben hat. Josephine Baker hat lange über ihr Doppelleben als Geheimagentin Schweigen bewahrt. Umso redseliger war ihr Führungsoffizier Jacques Abtey. So viele Schicksale. Doch etwas ist allen gemein. Diese Leben bewegen sich in diesen beiden Sommern 1940 und 1941 wie Teilchen zwischen zwei Kraftfeldern. Da ist »Berlin«, die Reichshauptstadt, von der aus ein Wille zur Herrschaft die Vernichtung Europas betreibt. Und da ist »Lissabon«, der Hafen der Hoffnung, die helle Stadt an der Mündung zum Meer. Lissabon ist heute eine andere Stadt. Es sind andere Fremde, die sich in den Cafés, den Hotels und Herbergen drängeln. Die Pensãoes von 1941 heißen jetzt Airbnbs. Die Emigrantencafés am Rossio-Platz sind zu Modeboutiquen oder Hotels verwandelt worden, die Pastelaria Suíça verkauft an einen Immobilientrust. Und doch ist die Stadt sich auf eigenartige Weise treu geblieben. Es ist die gleiche Trambahn, die vor demselben Gebäude der Hauptpost vorbeirattert, und es ist das gleiche Quietschen in den Kurven, das schon Alfred Döblin den Nerv geraubt hat. Lissabons Straßen sind vom Krieg verschont geblieben. Es ist möglich, in die Buchhandlung zu gehen, wo die Geheimagentin Josephine Baker ihre Botschaften versteckt hat. Mit etwas Suchen lässt sich auch der Briefkasten am Tejo-Kai noch finden, an dem – auf dem ikonischen Foto von Roger Kahan – die vom Warten erschöpfte Dame lehnt, noch elegant und doch am Ende. Alles ist anders, alles ist noch da. So ist dieses Buch nicht nur eine Einladung nach Lissabon. Es soll ein Zeitfenster öffnen, durch das man schauen und auch steigen kann, um den Geschichten der geschilderten Personen nachzuspüren.

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"Lissabon, Arche eines gefluteten Europas"

"Lissabon, Arche eines gefluteten Europas"

Für seine erzählerischen Fähigkeiten wurde Journalist und Autor Alexander Smoltczyk vielfach ausgezeichnet. Mit seinem neuen Buch über eine wenig beachtete Zeitspanne in Lissabon, 1940 und 1941 ein "Hafen der Hoffnung", geht er auch auf Lesereise