Leseprobe : Die Verwirrung ist verwirrt

Tahir Chaudhry und Tariq Hübsch begeben sich auf Spurensuche durch das Silicon Valley, um die geistige Brutstätte Peter Thiels zu erkunden. Wie konnte dieser Mann zum Strippenzieher werden, wie so ein großes Imperium aufbauen?

Foto: Justin Sullivan/Getty Images

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Peter Thiel

Peter Thiel

Tahir Chaudhry & Tariq Hübsch

In Kooperation mit Grenzgänger Verlag 2026

Peter Thiel
Vorwort
von Tahir Chaudhry
Eine Frau mit Radler-Sonnenbrille, schwarzer Maske und Handschuhen schaltet das Mikrofon ein und prüft den Pegel am Audio-Mischer. Immer wieder wirft sie mir dabei einen skeptischen Blick zu. Dann greift sie zu einer Spraydose mit schwarzer Farbe. Sie zieht eine etwa drei Meter lange Linie auf den Boden. Während die Dose zischt, trete ich ein paar Schritte auf sie zu und rufe: „Was machen Sie da?“ Ohne aufzusehen, antwortet sie: „Ich ziehe eine Grenze. Wo wollen Sie stehen? Dahinter oder davor?“ Ich zucke mit den Schultern und blicke auf das Gebäude hinter mir. Es ist der Commonwealth Club of California in San Francisco an der US-Westküste, nur wenige Schritte von der Uferpromenade am Embarcadero entfernt – was auf Deutsch so viel wie „Anlegestelle“ bedeutet. Viele Orte in Kalifornien tragen spanische Namen, weil die Region im 18. Jahrhundert zum spanischen Kolonialreich und später zu Mexiko gehörte, bevor das Gebiet 1848 an die United States fiel. Jedenfalls gilt der Commonwealth Club als renommiertes öffentliches Debattenforum der USA.
Vor dem Eingang steht ein kleiner, aber breit gebauter Sicherheitsmann mexikanischer Herkunft. Sein Gesicht ist angespannt. Von den Unterarmen ziehen sich dichte, ornamentale Tätowierungen bis zum Nacken. Er steht fest auf seinem Posten. Aus wenigen Metern Entfernung beobachte ich ihn aus dem Augenwinkel. Plötzlich dreht er sich um, die automatische Schiebetür gleitet auf, und er tritt ins Gebäude, offenbar um mit seinen Kollegen vom Sicherheitsdienst etwas zu besprechen. Ich nutze den Moment und gehe zügig hinter ihm her durch die Tür. Kaum bin ich im Eingangsbereich, schreien eine Frau und ein Mann in schwarzen Anzügen wütend auf: „Back off! Back off!“ („Zurück! Zurück!“) Obwohl mir klar ist, dass es nichts nützen wird, sage ich: „Ich bin extra aus Deutschland gekommen, um hier dabei zu sein – aber ich habe kein Ticket.“ Der Sicherheitsmann stellt sich sofort wieder vor mich, wie eine Mauer. Hinter ihm rufen seine Kollegen: „Close the door!“ („Schließt die Tür!”).
Die Frau am Mikrofon lacht leise und kommentiert die Szene: „Ich glaube, die denken, dass du zu uns gehörst.“ Ich frage: „Was habt ihr vor?“ Sie antwortet: „Wir protestieren gegen diesen Vortrag. In einer Stunde geht es los.“ Ich stelle mich hinter die schwarze Linie und komme mit den Menschen ins Gespräch, die nach und nach mit bedruckten T-Shirts, Plakaten und Flyern zu dem kleinen Protest dazustoßen. Auf einem Schild steht: „Bekämpft die Oligarchie“, auf einem anderen: „Sie werden reich, wir bekommen Überwachung, Razzien und Völkermord.“ Jeden Moment soll Peter Thiel eintreffen. Es ist der letzte Abend seiner vierteiligen Vortragsreihe mit dem Titel „Der Antichrist“. Der Antichrist ist ein Konzept aus der christlichen und islamischen Endzeitlehre. Er gilt als eine machtvolle Gestalt, die am Ende der Zeiten auftritt, sich als Retter oder Friedensstifter inszeniert, viele Menschen täuscht und verführt – und schließlich den Anspruch auf Göttlichkeit erhebt. Eine ältere Frau streckt ein Plakat in die Luft: „Peter Thiels jüngste Übernahme ist die US-Regierung.“ Ein Mann im Satan-Kostüm ruft in die Menge: „Spoiler: Peter Thiel ist der Antichrist!“
Organisiert wird der Vortrag vom ACTS 17 Collective („Acknowledging Christ within Technology and Society“), einer gemeinnützigen Initiative, die sich zum Ziel gesetzt hat, den christlichen Glauben gezielt in der Tech-Branche zu verbreiten. Gegründet wurde das Kollektiv von Michelle Stephens. Sie ist mit Trae Stephens verheiratet, einem Investor bei Thiels Risikokapitalfirma Founders Fund und Gründer der Rüstungsfirma Anduril Industries, die KI-gesteuerte Waffensysteme entwickelt. Michelle Stephens will sich mit ACTS 17 gezielt an Eliten wenden. Nachdem Peter Thiel 2023 auf der Feier zum 40. Geburtstag ihres Mannes eine Rede gehalten hatte, sei ihr bewusst geworden, dass „die Seelsorge für Eliten ebenso wichtig ist wie die christliche Lehre von der Fürsorge für die Armen“.
ACTS 17 ist sowohl ein Akronym als auch ein Verweis auf die Bibelstelle in der Apostelgeschichte, in der Paulus am Areopag – dem geistigen Zentrum der Elite des antiken Athens – das Evangelium verkündet. Die Reaktionen sind gemischt: Einige spotten, andere zeigen sich interessiert und wollen mehr hören, wieder andere schließen sich ihm an und werden seine Anhänger. Ähnlich wie hier am Commonwealth Club of California, wo sich nun die Gäste des Vortrags anstellen. Sie gehören zu den Glücklichen, die wenige Minuten nach Verkaufsstart eines der Tickets ergattern konnten – 200 US-Dollar für alle vier Abende. Innerhalb weniger Stunden war die Vortragsreihe ausverkauft.
Die rund 200 Gäste haben eine Geheimhaltungsvereinbarung unterzeichnet und der zentralen Regel zugestimmt: Die Vorträge finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt und dürfen weder aufgezeichnet noch öffentlich wiedergegeben werden. Auch meine Anfragen an Peter Thiel und die Veranstalter prallen an einer Mauer des Schweigens ab. ACTS 17 teilte mir per E-Mail mit, man wisse meinen „Enthusiasmus sehr zu schätzen“, doch die Veranstaltung sei „völlig ausverkauft“; aus Sicherheitsgründen könnten „keine zusätzlichen Gäste zugelassen“ werden.
Vor dem Eingang bilden sich zwei Schlangen: „Guests“ und „VIP Guests“. Die Reihe der regulären Besucher zieht sich über mehrere hundert Meter die Straße entlang. Ich komme mit einigen von ihnen ins Gespräch – sofern man es so nennen kann. Die meisten geben sich zurückhaltend, sprechen leise, wägen jedes Wort ab. Einer sagt: „Es ist doch interessant, einem der wichtigsten Vordenker unserer Zeit zuzuhören.“ Ein anderer meint: „Ich bin froh, hier dabei sein zu dürfen. Erst später habe ich verstanden, wie groß das weltweite Interesse daran ist.“ Wieder ein anderer gibt zu: „Ich habe ehrlich gesagt keinen blassen Schimmer, wovon Thiel eigentlich spricht. Ich bin eher verwirrt.“ Der Letztere ist wohl der Ehrlichste. Ich spreche mit Dutzenden Gästen – doch niemand scheint wirklich zu verstehen, worum es Thiel im Kern geht. Sie scheinen hier zu sein, als ob schon das bloße Dabeisein alles wäre.
Noch 30 Minuten bis zum Vortragsbeginn. An der Kreuzung rechts vom Gebäude halten drei schwarze Cadillac-SUVs, fast sechs Meter lange Fahrzeuge, schwer und glänzend im Abendlicht. Eine Demonstrantin ruft: „Aufgepasst – jetzt kommt Thiel!“ Doch aus den Wagen steigen lediglich betont wohlhabend gekleidete Männer und Frauen. Maßanzüge, randlose Brillen, kontrollierte Bewegungen. Peter Thiel selbst nimmt heute offenbar den Hintereingang.
Vor dem Haupteingang haben sich inzwischen rund dreißig Menschen zum Protest versammelt. Dann ergreift eine als Satanisten verkleidete Gruppe das Wort. Ihre Botschaft ist ironisch: Die Verwirrung ist verwirrt – selbst Satanisten hielten Thiel für einen Satanisten. In satirischer Verehrung rufen sie ins Megafon: „Umarme die Dunkelheit. Heil Thiel!“ In dunkler, zerfranster Grufti-Kleidung bieten sie den eintreffenden Gästen ein Weinglas mit „Blut“ an. Singend und taumelnd flehen sie Thiel an, ihr Opfer anzunehmen, sie zu vernichten und ihnen eine neue Existenz zu schenken – für immer digital verschmolzen mit Künstlicher Intelligenz. Die okkulte Performance dauert etwa fünfzehn Minuten. Sie endet, als sich die Türen des Clubs schließen und die „Satanisten“ zu Boden sinken, mit letzter Kraft kreischend: „Peter Thiel, erlöse uns!“
Unter den Protestierenden kursiert das Gerücht, Thiel habe angeblich einige Teilnehmer bezahlen lassen, um besonders radikale Parolen zu skandieren. Will Thiel – wie einst Paulus – Erlösung verkünden und vor dem Untergang warnen? Erst Wochen später werden Mitschnitte des Vortrags nach außen dringen. Fest steht: Was wäre eine solche Predigt ohne Widerspruch, ohne Spott, ohne das Interesse einer breiteren Öffentlichkeit – und ohne eine loyale Anhängerschaft, die ihr erst Gewicht und Bedeutung verleiht?
Langsam kehrt Ruhe vor dem Commonwealth Club of California ein. Zwischen mir und Peter Thiel liegen nun rund hundert Meter, ein Dutzend Sicherheitsleute – und eine geschlossene Tür. Zeit für den Rückzug.
Welch unheimliche Ironie, dass ein Mann, der so viel Energie darauf verwendet, über den Antichristen zu sprechen, gleichzeitig eine digitale Infrastruktur aufbaut, die ihn wohl zum mächtigsten Mann der Welt machen könnte. Erfüllt Peter Thiel nicht jenes Potenzial, um selbst der Antichrist zu sein, der täuscht, verführt und sich an die Stelle Gottes setzt?
Dieses Buch schreibe ich gemeinsam mit meinem Kollegen Tariq Hübsch. Ich werde mich auf eine Spurensuche durch das Silicon Valley begeben, um die geistige Brutstätte Peter Thiels zu erkunden. Ich will seinen Aufstieg zum Strippenzieher der US-Politik nachzeichnen und die Netzwerke sichtbar machen, die er gemeinsam mit Elon Musk, der sogenannten PayPal-Mafia und staatlichen Strukturen aufgebaut hat. Im Zentrum steht die Frage, wie sich ein digitales Geflecht aus Künstlicher Intelligenz, Kommunikationstechnologie, Finanzinfrastruktur, Überwachung und moderner Kriegsführung formt – und ob daraus ein neues globales System entsteht.
Ich habe die Kapitel Eins, Drei, Fünf und Sieben verfasst, während Tariq Hübsch die Kapitel Zwei, Vier, Sechs und Acht geschrieben hat.
Vorwort
von Tariq Hübsch
Um was geht es in diesem Buch? Diese Frage wurde mir in letzter Zeit oft gestellt. Warum ein Buch über Peter Thiel? Viele kennen ihn nicht einmal. Nachdem ich die letzten Sätze meiner Kapitel beendet hatte, stellte mir erneut jemand diese Frage. Und diesmal war die Beantwortung wesentlich schwieriger als zuvor.
„Ist das Peter Thiel?“, so begann das Gespräch mit meinem siebenjährigen Sohn. Er zeigte auf ein Bild auf dem Monitor, ein Thumbnail auf YouTube. Ich bejahte. Mein Sohn weiß, dass ich ein Buch über diesen Mann schreibe. Nicht selten kam er in mein Arbeitszimmer, stellte sich neben mich und fragte, wie viele Kapitel ich schon geschrieben hätte. Mein Sohn schaut auf das Gesicht von Peter Thiel, richtet sich an mich und fragt: „Ist Peter Thiel böse?“ Ich zögere und denke nach: „Viele sind der Meinung, dass er böse Dinge macht.“ Mein Sohn reagiert prompt: „Was macht er denn?“ Ich muss kurz nachdenken, doch dann weiß ich, was ich sagen möchte: „Er will die Welt verändern.“ Nun will er mehr wissen: „Und was will er verändern?“ Das Gespräch wird nun zu einer echten Herausforderung. Wie vermittelt man einem siebenjährigen Kind, was Peter Thiel vorhat? Wie reduziere ich das Streben dieses Mannes auf einen Satz, der auch von Erstklässlern verstanden wird. Mein Kopf rattert. Dann habe ich eine Idee: „Peter Thiel will die Menschen in Maschinen verwandeln!“
Das trifft es haargenau, denke ich mir. Ich freue mich über diese Antwort, die Gefühlslage meines Sohnes ist völlig anders. Seine Augen werden größer. Man kann Furcht darin sehen. Mit angstverzerrter Mine sagt er, dass er keine Maschine werden möchte. Und überhaupt: „Warum macht der das?“ Nun fällt mir die Antwort nicht schwer: „Wenn Menschen zu Maschinen werden, kann man sie besser kontrollieren. Sie sind dann wie Roboter, die man steuern kann. Wie mit einer Fernbedienung.“ Ich merke, dass ihm all das Unbehagen bereitet; nun will er wissen, wie man Menschen zu Robotern macht.
Die von mir verfassten Kapitel beschäftigen sich im Wesentlichen mit genau dieser Frage: Wie schafft man es, Menschen in Maschinen zu verwandeln? Als mein Sohn mich ebendies fragt, nutze ich die Gelegenheit für eine pädagogische Maßnahme: „Je länger du an diesen Bildschirmen klebst, desto mehr wirst du zu einer Maschine.“ Natürlich ist dies zu kurz gedacht, und doch steckt viel Wahrheit darin. Und ich finde es nicht verkehrt, wenn meine Kinder ein Bewusstsein über die Gefahren erlangen, die von diesen technologischen Geräten, von diesen Smartphones, Notebooks und Tablets, ausgehen.
Wenn das Ziel darin besteht, Menschen zu Robotern zu verwandeln, dann sind diese technologischen Geräte, auf die wir den ganzen Tag starren, gleichsam Fernbedienungen, durch die wir gesteuert werden. Ist dies der Fall, dann besteht die propagandistische Meisterleistung darin, dass wir selbst es sind, die diese Geräte kaufen und steuern. Der Mensch als derjenige, der sich selbst kontrolliert. Sanft wird er in eine Richtung gestupst, werden ihm Überzeugungen vermittelt, bekommt er ein Weltbild übergestülpt. Man kann auch Ideologie dazu sagen. Und das Problem bei Ideologien ist, man erkennt erst, dass man von einer beherrscht wird, wenn man aus ihr heraustritt. Das ist ja die Idee einer Ideologie: Ein nicht hinterfragtes Glaubenssystem. Ein aus Überzeugungen und Glaubenssätzen gezimmertes Weltbild, das einem zur zweiten Natur wird.
Meine Kapitel sind demnach Übungen in Ideologiekritik. In Technologiekritik. Mir geht es darum, zu verstehen, wie man uns den Glauben an Technologie verkauft. Und insofern sind diese Kapitel im besten Fall auch eine Darstellung der Dinge, wie sie wirklich sind. Das Heraustreten aus der Ideologie bedeutet, zu sehen, wie es wirklich ist. Was die Realität ist. Ich hoffe, dass man nach der Lektüre der Kapitel zumindest einen neuen Blick auf die Realität der digitalen Technologien erhält, die immer mehr Einfluss auf uns bekommen.
Die Ideologie, um die es in diesem Buch geht, ist der seligmachende Glaube an Wissenschaft und Technologie. Und Peter Thiel gehört zu den größten Verfechtern dieses Glaubens, dieser säkularen Religion. Beim Verfassen dieses Buch war ich angetrieben davon, zu verstehen, woher dieser Glaube kommt, wie er historisch gewachsen ist und vor allem, auf welche Weise er den Menschen schmackhaft gemacht wird. Mich interessiert die PR, ja, das Marketing dieser uns beherrschenden Ideologie.
Woher kommt das Silicon Valley, die Geburtsstätte dieser Techno-Religion? Was sind die geistigen und ideengeschichtlichen Wurzeln dieses mythischen Ortes, in dem die Religion unserer Zeit ihr Zentrum hat? Dieser Ort, an dem die Geräte gebaut werden, die uns umbauen sollen. Warum und zu welchem Zweck die digitale Revolution? Wohin soll das Ganze führen?
Geht man zurück zu den Wurzeln, erhält man Einblick in die Zukunft. Und die Zukunft soll für die Ideologie des Silicon Valley eine sein, die beherrscht wird von künstlicher Intelligenz. Peter Thiel ist der Mann, der ebendiese Technologie wie kein Zweiter vorantreiben will. Er ist der Gestalter einer Zukunft, in der die künstliche Intelligenz alle Bereiche der Lebenswelt durchdringen soll. Er schafft die politische und soziale Realität, in der sie sich entfalten kann – frei von demokratischer Zähmung und moralischen Bedenken. Deswegen unterstützt er Donald Trump, die menschliche Abrissbirne, den Zerstörer der alten Ordnung. Und deswegen verachtet er die Demokratie, die Platz machen soll für eine neue Herrschaftsform. Für einen Technofeudalismus, in dem Menschenrechte und Freiheiten nur für den neuen Adel gelten, für die Kaste der Wohlhabenden, zu denen er sich zählt.
Die künstliche Intelligenz scheint der Fluchtpunkt seiner Unterfangen zu sein. Und sieht man, welche Eigenschaften die Anhänger des Technologie-Kultes der KI zuschreiben, so scheint es, als wollte man einen neuen, digitalen Gott aus der Taufe heben. Einen, den die Menschen selbst erschaffen, einen Götzen. Dieser KI-Gott soll Thiel ewiges Leben schenken, denn die Furcht vor dem Tod scheint ihn anzutreiben. Oder aber diese Ideen einer gottgleichen künstlichen Superintelligenz, die den Tod besiegen, Krankheiten ausmerzen und materielle Fülle schenken soll, sind nur Teil des Marketings, Teil der Ideologie, ein Blendwerk. Ebendies versuche ich in meinen Kapiteln zu zeigen, versuche deutlich zu machen, dass der KI-Gott weniger jemand ist, der erlöst, als einer, der versklavt. Ein Herrschaftsinstrument der Wenigen zur Knechtung der Vielen.
Fällt der Name Peter Thiel, wird nicht selten spöttisch angemerkt, dass er sich Blut transfundieren lasse, er ein sogenannter Transhumanist sei, der sich ein technologisches Upgrade verpassen will. Viele halten das für die verrückte Spinnerei eines Milliardärs, der zu viel Geld und Angst vor dem Tod hat. Doch solange wir uns an diesen exzentrischen Fantasien ergötzen, verlieren wir aus dem Blick, worum es bei diesem sogenannten Transhumanismus wirklich geht. Es ist nicht allzu kompliziert: Der Mensch soll mit Maschinen verschmelzen.
Jetzt schon sind wir biologische und digitale Wesen. In den Zukunftsvisionen unserer Weltengestalter soll der Prozess, den wir in den letzten Jahren durchlaufen haben, konsequent weitergeführt werden. Wir sollen demnach nicht nur durch unsere Geräte mit dem omnipräsenten Internet verbunden sein, sondern körperlich Teil der digitalen Welt werden. Dies soll ermöglicht werden durch eine Veränderung des Menschen, durch eine Überwindung und letztlich Auslöschung des biologischen Menschen 1.0.
Im Kern geht es darum, die Evolution des Menschen selbst in die Hand zu nehmen. Ihn weiterzuentwickeln. Traurig ist nur, dass dieses Upgrade des Menschen eigentlich ein Rückschritt ist. Denn der Maschinenmensch der Zukunft soll nicht mehr das besitzen, was ihm Würde verleiht: Autonomie, einen freien Willen und Selbstbestimmung. Nein, es ist wirklich simpel, selbst mein siebenjähriger Sohn hat es verstanden. Und intuitiv hat er sich erschrocken und furchterfüllt von dieser Dystopie abgewandt. Nein, er will kein Roboter sein.
Kapitel Eins
Phoenix aus der Asche
Drei Tage vor meiner Recherchereise in die USA sitze ich mit Shayan Garcia in einer Pizzeria in Wiesbaden. Garcia ist einer der erfolgreichsten YouTuber und Podcaster des Landes. Unsere Gespräche beginnen meist leise und langsam. Das liegt weniger an ihm als an mir. Ich war schon als Kind und Jugendlicher ein stiller, zurückhaltender, beobachtender Mensch. Einer, der nicht nach Öffentlichkeit strebte, sondern später durch berufliche Umstände in sie hineingedrängt wurde.
Garcia ist mein Gegenpol. Extrovertiert und schlagfertig. Er nimmt mühelos Räume ein. Nicht book smart, sondern außergewöhnlich street smart. Was uns verbindet, ist unsere gemeinsame Hauptschulvergangenheit. Wir beide trugen früh den Stempel des Versagers. Und wir beide fanden unsere Berufung erst über Umwege.
Der Kellner tritt an den Tisch und bittet um unsere Bestellung. Garcia behauptet, keinen Hunger zu haben. Für mich heißt das: Er ist wohl auf Diät. Er bestellt einen schwarzen Tee. Ich bestelle wie immer eine Tonno und einen Minztee. Während wir essen, sprechen wir über Garcias verdiente und verlorene Millionen, über Banken und landen schnell bei den Nutznießern des Systems, bei den Superreichen. Ich gerate in einen Redeschwall. Spreche über Schlüsselfiguren, über ihre Machenschaften, über das gezinkte Spiel. Ich bin im Flow. Der selten erreichbare Punkt zwischen Unterforderung und Überforderung.
Ich merke, dass es Garcia beeindruckt und amüsiert. Ich eröffne ihm meinen Plan, ein Buch über Peter Thiel und seine skurrilen Zukunftsvisionen zu schreiben. Ich spreche von San Francisco und Palo Alto, Washington D.C. und New York City. Immer wieder nehme ich einen Schluck von meinem Minztee. Und jedes Mal, wenn ich einen Schluck aus der Tasse nehme, landet ein Teil des Inhalts auf meinem Pullover.
Mitten im Philosophieren versuche ich herauszufinden, woran es liegt. Dann wird mir klar: Ich habe vergessen, vor dem Trinken das Sieb abzunehmen. Peinlich. Garcia unterbricht mich lachend und sagt: „Moment, Tahir, bis hierhin hatte ich noch Respekt vor dir… redet von San Francisco und Washington D.C., aber weiß nicht mal, wie man richtig trinkt.” Wir lachen.
Ich sage: „Man darf bei allem nicht vergessen, dass man ein Mensch ist. Weißt du, Shayan, hinter Caesar stand immer ein Begleiter, der ihn daran erinnerte, dass er nur ein Mensch war.“ Tatsächlich war das ein römisches Staatsritual, eine Tradition, die viel älter war als Caesar selbst. Ein Sklave stand bei einem Triumphzug hinter dem Triumphator und flüsterte ihm zu: „Respice post te. Hominem te esse memento.“ (Blicke hinter dich. Bedenke, dass du ein Mensch bist.)
Wer wünscht sich nicht ein Leben „wie Gott in Frankreich“ – ein Dasein mit maximalem Komfort, mit Sicherheit und Genuss, frei von materiellen Sorgen und existenziellen Zwängen. Die Redewendung spielt auf die Vorstellung eines „Gottes“ an, der es sich in Frankreich gut gehen lässt. Sie bezieht sich auf die gesellschaftliche Stellung des katholischen Klerus im Ancien Régime, also in der Zeit vor der Französischen Revolution von 1789. Die Kirche gehörte damals zu den privilegiertesten Machtträgern des Landes. Geistliche verfügten über erheblichen Reichtum, umfangreichen Landbesitz, politische Nähe zur weltlichen Herrschaft und weitgehende Steuerfreiheit. Wer zur Kirche gehörte, lebte geschützt und versorgt, weitgehend abgeschirmt vom harten Alltag der breiten Bevölkerung.
Etwa 200 Jahre später ist diese Ordnung formal zwar verschwunden, sie kehrt jedoch in einer neuen Gestalt zurück. Der Thron wurde ersetzt durch digitale Plattformen, Landbesitz durch Daten, kirchliche Autorität durch technologische Infrastruktur, durch Algorithmen. Internet-Konzerne nehmen heute in vielerlei Hinsicht die Rolle mittelalterlicher Feudalherren ein. Sie schaffen eine Wirtschaftsordnung, in der wenige Tech-Riesen Geld, Macht und eine Kontrolle haben, die an die Leibeigenschaft erinnert. Nicht der Staat oder die Kirche, sondern Tech-Giganten strukturieren Kommunikation, Wissen, Märkte und soziales Verhalten. Manche nennen dieses System: Technofeudalismus. Einer der prägendsten Akteure dieses modernen Machtgefüges ist Peter Thiel.
Der Alltag des modernen Feudalherren Thiel ist minutiös vorbereitet, kuratiert und gefiltert. Er ist von banalen Tätigkeiten vollständig entlastet. Kein Einkaufen, kein Putzen, kein Kochen, kein Anstehen, keine Reparaturen, keine dämlichen Behördengänge. Das nennt sich Funktionsoptimierung. Entsprechend beginnt der Morgen mit optimierten Routinen: kurzes, aber intensives Workout, Leistungsprotokolle, Auswertung der Schlaf- und Konzentrationsdaten sowie große Mengen an Mikronährstoffen, Bakterien und Hormonen. Er nimmt Wachstumshormon-Präparate zur Steigerung der Muskelmasse und Metformin, das die Zuckerbildung hemmt, die Insulinwirkung stärkt und die Zuckeraufnahme reduziert. Zusätzlich spritzt er sich wöchentlich Mounjaro, ein Antidiabetikum zur Gewichtsreduktion.
In einem Bloomberg-Interview vom Dezember 2014 offenbarte Thiel seine Ernährungsgewohnheiten: Er wolle mindestens 120 Jahre alt werden und setze deshalb auf die Paleo-Diät – eine vermutete Steinzeiternährung, die auf Fleisch, Fisch, Gemüse, Obst, Nüsse und Samen basiert. Sie verzichtet hingegen auf Getreide, Milchprodukte, Hülsenfrüchte, Zucker und verarbeitete Lebensmittel. Für Thiel ist Paleo jedoch nur eine Zwischenlösung – die eigentliche Hoffnung liege „in neuer Technologie“.
Im November 2023 konfrontierte ein Autor des Magazins The Atlantic Thiel mit einer Szene aus der HBO-Serie Silicon Valley, in der viele eine Anspielung auf ihn sehen. Einer der Charaktere hat dort einen „Blutjungen“, der ihm regelmäßig frisches, junges Serum spendet. Thiel habe ohne zu lachen reagiert und gesagt: „Ich habe mir all diese, ich weiß nicht, etwas heterodoxen Dinge angeschaut“ und verwies darauf, dass Parabiose – also Bluttransfusionen zwischen Jung und Alt – bei Mäusen offenbar den Alterungsprozess verlangsamt.
Die Fixierung auf Langlebigkeit bleibt nicht kulinarisch - sie bestimmt auch die Organisation seines Alltags. Der Weg nach draußen führt aus kunstvoll gestalteten Residenzen durch schalldichte, massive Türen. Bewaffnete Bodyguards sitzen in gepanzerten schwarzen Stretch-Fahrzeugen. Alles ist Bewegung ohne Reibung, ohne Zufall, ohne direkten Kontakt zur unberechenbaren Außenwelt.
Ein enger Kreis aus Assistenten, Beratern, Scouts und Analysten organisiert das Leben wie eine ständig aktualisierte Schaltzentrale. Der Terminkalender besteht aus einer Abfolge verdichteter Begegnungen: HighPerformer, Technologiepioniere, Serienunternehmer, visionäre Forscher, Business Angels, Vertreter des globalen Geldadels. Diese permanente Verdichtung verleiht jedem Moment, jedem Wort Gewicht. Es geht um große Ideen, um das Setzen von Botschaften, das Testen von Narrativen und um gezielte Wetten auf Technologien, Märkte und gesellschaftliche Entwicklungen. Immer auf der Suche nach dem nächsten großen Wurf.
Zeit ist Geld. Informationen sind Macht. Netzwerke sind Schutz. Gesundheit ist Produktivität. Freundschaft, Nächstenliebe und Vertrauen sind Währungen. Wer Gelder streut, Projekte aufbaut, Menschen fördert und bindet, lebt bald in einer eigenen Realität. Bei Peter Thiel trägt diese Realität den Namen Thiel-Verse.
26.500.000.000. Das sind 26,5 Milliarden. So hoch wird das geschätzte Privatvermögen von Peter Thiel beziffert. Würde er täglich eine Million Euro ausgeben, bräuchte er mehr als 70 Jahre, um dieses Vermögen aufzubrauchen. Zwischen 2014 und 2021 stagnierte Thiels Vermögen weitgehend und bewegte sich konstant zwischen zwei und drei Milliarden US-Dollar. Der Aufbruch kam mit dem Börsengang seiner CIA-finanzierten Überwachungssoftware Palantir, dem KI-Boom sowie stark wachsenden Regierungs- und Militäraufträgen. Vor allem durch Palantir wuchs Thiels Vermögen in der Folge um fast 1.000 Prozent. Und dennoch reicht dieses Vermögen laut dem US-Wirtschaftsmagazin Forbes, das jährlich Ranglisten der vermögendsten Menschen der Welt veröffentlicht – gerade einmal für einen Platz unter den Top 100 der Reichsten. Ist Peter Thiel da überhaupt noch wichtig?
Erstens: Peter Thiel mag nach rein monetären Maßstäben nicht zu den Top 10, also den obersten 0,0000001 Prozent der Weltbevölkerung, zählen. Entscheidend ist jedoch weniger die absolute Höhe seines Vermögens, sondern seine strukturelle Position. Thiels Nähe zum geheimdienstlich-militärisch-industriellen Komplex sowie seine gezielten strategischen Positionierungen in Künstlicher Intelligenz sowie Militär-, Cloud- und Dateninfrastruktur verschaffen ihm Zugriff auf jene Hebel, an denen politische, militärische und ökonomische Macht faktisch gebündelt wird. Genau das macht ihn bereits heute zu einem der einflussreichsten Akteure der Welt.
Zweitens: Eine zentrale Erkenntnis aus meiner Recherche für mein erstes Buch Wem diente Jeffrey Epstein? lautet: Es gibt sichtbares und unsichtbares Vermögen. Über Epsteins eigentlichen Kernberuf lässt sich streiten. Sicher ist jedoch, dass er Superreichen Methoden anbot, um Geldströme zu verschleiern, Vermögen zu parken und Besitz faktisch verschwinden zu lassen. Auch Peter Thiel traf sich mehrfach mit Jeffrey Epstein, laut eigenen Angaben, um sich finanziell beraten zu lassen. Eine Nähe, die er heute erwartungsgemäß bedauert. Hinweise auf eine Einbindung Epsteins in Geheimdienstoperationen sieht er nicht.
Die Forbes-Liste, auf die es nicht einmal Epstein mit seinen vergleichsweise „bescheidenen“ 600 Millionen US-Dollar geschafft hätte, taugt daher nicht als Maßstab für Macht. Hinzu kommt, dass Akteure ohne Interesse an öffentlicher Selbstdarstellung bewusst anonym agieren, sich aus Ranglisten entfernen lassen oder durch intransparente Finanzstrukturen gar nicht erst auf demForbes-Radar erscheinen. Öffentlichkeit, auch das lehrt der Fall Epstein, bedeutet Angreifbarkeit und ist damit ein strategisches Risiko.
„Warum setzt ihr den Fokus auf einen einzelnen Psychopathen?” und „Der steht doch nicht für alle Eliten oder für ein ganzes System?”. Diese Fragen begegnen uns immer dann, wenn wir in unserer Aufklärungsarbeit einflussreiche Figuren ins Rampenlicht rücken: Elon Musk (Tesla/SpaceX), Mark Zuckerberg (Facebook/Meta), Bill Gates (Microsoft/Gates Foundation), Jeff Bezos (Amazon), Larry Ellison (Oracle) oder Alex Karp (Palantir). Die Liga der außergewöhnlichen Psychopathen? Sie ist zu lang, um ihre Vertreter als Einzelfälle abzutun.
Manchmal folgt unmittelbar der Einwand: „Die Eliten? Ist das nicht alles viel differenzierter?” Keine Frage. Innerhalb der Eliten existieren tatsächlich konkurrierende Interessen, Machtblöcke und Fraktionen. Neben dem von ihnen oft als sportlich verstandenen Wettbewerb liefern sich die “Masters of the Universe” hinter den Kulissen homerische Schlachten: mit Schmutzkampagnen, Intrigen, Leerverkäufen, Preisdumping, Zwangsfusionen, feindlichen Übernahmen, regulatorischer Sabotage, juristischer Kriegsführung. Auch vertreten diese Akteure teils sehr unterschiedliche Menschen-, Werte- und Zukunftsbilder. Vor allem unterscheiden sie sich in der Frage, wer oder was künftig zu ihren Gunsten Macht ausüben soll: Staaten, Konzerne, Märkte, technologische Systeme, Algorithmen oder vielleicht eher eine sorgfältig kuratierte Kombination all derer.
Und dennoch zeigt sich in den höchsten Macht- und Vermögenskonzentrationen – innerhalb der obersten 0,001 Prozent der Weltbevölkerung – eine bemerkenswert große ideologische Schnittmenge. Die internationale Elite multinationaler Konzerne besteht aus wenigen hundert Familiendynastien und inzwischen fast 3000 Milliardären. (UBS Billionaire Ambitions Report, Stand 2025). Sie streben unermüdlich nach mehr Kapital, mehr Macht und mehr Kontrolle. Ähnlich wie Haie, die Einzelgänger sind, sind sie unfähig, dauerhaft soziale Bindungen zu entwickeln. Doch dort, wo es um Nahrung, Paarung oder Reinigung geht, versammeln sie sich zeitweise, getragen von einem gemeinsamen Interesse.
Entgegen verbreiteter Meinung wäre es falsch zu behaupten, Milliardäre würden ihr Vermögen passiv und entspannt für sich arbeiten lassen. Zahlreiche Beispiele wie die Familiendynastien Rockefeller, Koch, Walton, Arnault oder Lauder machen deutlich, dass hier hohe Risiken nicht dem Zufall überlassen werden. Mit ausreichendem Kapital, Informationen und Zugängen entwickeln sie Hacks, um die Lotterie des Marktes zu knacken. Mit ihrer Dominanz im Finanzsektor und der Kontrolle zentraler Rohstoffe und Produktionsmittel lenken sie über ein dichtes Netzwerk aus Lobbygruppen, Stiftungen, Medien sowie Bildungs- und Forschungseinrichtungen maßgebliche gesellschaftliche Entwicklungen.
Superreichtum entstand erst mit der industriellen Revolution, die sich ab etwa 1760 in Großbritannien und ab dem frühen 19. Jahrhundert in Europa und Nordamerika durchsetzte. Davor beruhte Reichtum vor allem auf Landbesitz, Adelstiteln, Steuereinnahmen, Zöllen und Kolonialprivilegien. Vermögen war überwiegend statisch, an Territorien gebunden und politisch abgesichert. Mit der industriellen Revolution entstanden erstmals exponentiell skalierbare Quellen privaten Reichtums: Industrieproduktion, Maschinen, Eisenbahnen, Stahl, das moderne Bankwesen und globale Märkte. Kapital konnte nun unabhängig von Territorium vervielfältigt, investiert und international bewegt werden.
In der Frühphase dieser industriellen Entwicklung galt Nathan Mayer Rothschild als der wohl reichste Mann der Welt. Sein Vermögen beruhte auf Bankwesen, Staatsanleihen und Kriegsfinanzierung. Nach heutiger Kaufkraft und gemessen am Anteil am Nationaleinkommen wird sein Vermögen je nach Berechnung auf etwa 50 bis über 100 Milliarden US-Dollar geschätzt, wobei seine tatsächliche wirtschaftliche Macht diese Zahlen vermutlich überstieg. In der Hochphase der industriellen Entwicklung wurde John D. Rockefeller durch die systematische Kontrolle von Ölförderung, Raffinierung und Vertrieb mit der Standard Oil Company zum reichsten Menschen der Neuzeit. Nach heutigem Wert könnte sein Privatvermögen auf mehrere hundert Milliarden US-Dollar geschätzt werden.
Es gibt Momente in der Geschichte, in denen der Geld- und Machtadel die Geburtswehen einer neuen Welt spürt. In solchen Phasen kommt er als konflikterprobte Großfamilie zusammen, um die Geburt zu begleiten. Zur Zeit der industriellen Revolution war das „goldene Kind” die Dampfmaschine – flankiert von Eisenbahn, Spinnmaschine und mechanischem Webstuhl. Sie wurde umschwärmt, konkurrierend genutzt und zugleich gemeinsam in eine neue Ordnung eingebettet. Die Dampfmaschine war ein vielseitiges Instrument: Sie verstärkte menschliche Kraft, beschleunigte Arbeit, verdichtete Zeit. Heute scharen sich unsere Eliten um das „goldene Kind“ der industriellen Revolution 4.0: die Künstliche Intelligenz. Die Dampfmaschine ersetzte Muskelkraft, diese ersetzt Denkprozesse – sie automatisiert Entscheidungen und verdrängt menschliche Arbeit. Aber mit solchen Fragen sollten sich nicht die Tech-Visionäre herumschlagen, sondern Philosophen und Theologen, oder?
Der US-Chiphersteller NVIDIA ist heute das Rückgrat der globalen KI-Ökonomie. Nahezu jedes leistungsfähige KI-System läuft aufNVIDIA-Chips. Rund 80–90 % der KI-Rechenzentren nutzen NVIDIA-GPUs, abgesichert durch den Software-Standard CUDA. Mitbegründer und CEO ist der in Taiwan geborene Jensen Huang, zugleich Großaktionär. Sein Vermögen stieg im Zuge des KI-Booms von rund 3 Mrd. US-Dollar auf etwa 80 Mrd. US-Dollar. Im Dezember 2025 sprach Huang im Podcast von Joe Rogan, dem weltweit meistgehörten Podcast, über seine Vision von künstlicher Intelligenz.
Laut Jensen Huang leben wir seit der industriellen Revolution „in einem technologischen Wettlauf“ der Welt. Technologie verleihe „Superkräfte“, entscheidend sei es, „in Führung zu sein“. Sicherheitsbedenken und moralische Dilemmata, so Huang, „regelten sich schon“. Er wolle, dass das US-Militär KI in der Verteidigung einsetzt, und begrüße Anduril Industries, das unter Beteiligung von Peter Thiel KI-gesteuerte Waffen, Drohnen und Überwachungssysteme entwickelt. Der beste Weg, einen Krieg zu vermeiden, sei laut Huang „überwältigende militärische Stärke“ zu verkörpern.
Sein Best-Case-Szenario für die Zukunft: „KI durchdringt alles, was wir tun“ – und macht alles effizienter. Die Vorstellung, dass eine einzelne Person eine mächtige, bewusste KI kontrolliert, hält er für gefährlich. Weniger bedrohlich sei für ihn eine Welt, in der viele Menschen jeweils ihre eigene KI besitzen, die miteinander konkurrieren und sich wie eine neue „Lebensform“ ausbalancieren. KI selbst, so seine Annahme, habe weder ein Ego noch einen eigenen Willen, uns zu schaden; das sei „extrem unwahrscheinlich“.
NVIDIA liefert heute die Recheninfrastruktur, auf der Peter Thiel seine Vision einer kommenden Welt aufbaut. Zugleich gelingt es ihm, erstmals in der neueren Geschichte zentrale Akteure aus Technologie, Plattformökonomie und Machtpolitik an einen Tisch zu bringen. Thiel agiert dabei als Architekt einer neuen Machtallianz zur Stabilisierung eines erodierenden US-Imperiums. Ironischerweise geschieht dies unter Donald Trump, dem Vertreter einer konservativen, eigentlich eher technologie-skeptischen Partei. Ein sichtbarer Bruch zeigt sich bereits im Juli 2016, als der libertäre Peter Thiel auf dem Parteitag der Republikaner in Cleveland unter tosendem Applaus Donald Trump als Retter der Nation preist und erklärt: „Ich bin stolz, schwul zu sein. Ich bin stolz, ein Republikaner zu sein. Vor allem aber bin ich stolz, Amerikaner zu sein.“
Während der ersten Amtszeit von Donald Trump sitzen im Dezember 2016 erstmals ideologisch höchst unterschiedliche Tech-Größen gemeinsam mit dem neu gewählten Präsidenten an einem Tisch. Im Trump Tower, in Anwesenheit seiner Familie, reicht Trump Peter Thiel demonstrativ die Hand und bezeichnet ihn als „einen ganz besonderen Typen“ und „seiner Zeit voraus“. Anschließend verspricht Trump den Firmenbossen, die er zu „nationalen Schätzen“ erklärt, „keine langen Befehlsketten mehr“, sondern stellt einen direkten Draht ins Weiße Haus in Aussicht. Er dankt ausdrücklich dem „einzigartigen Typen“ Peter Thiel dafür, diese Konstellation ermöglicht zu haben. Mit dabei sind Elon Musk, Jeff Bezos und Alex Karp sowie weitere führende Akteure der Tech-Industrie.
Doch das ist erst der Anfang. In diesem Szenario wird während der zweiten Präsidentschaftskampagne von Donald Trump die Wählerbasis gezielt erweitert; libertäre und systemkritische Milieus rücken näher. Ein Schlüsselmoment ist ein Attentat auf Trump im Juli 2024, das ihn in der öffentlichen Wahrnehmung als widerständige Figur gegen das Establishment inszeniert. Nach dem Wahlsieg besetzt Trump strategische Schlüsselpositionen mit einflussreichen Systemkritikern: Elon Musk erhält ein Effizienzministerium, Robert F. Kennedy Jr. übernimmt das Gesundheitsministerium, Kash Patel wird Chef des FBI und Tulsi Gabbard führt die nationalen Geheimdienste.
Zu einem zentralen Bindeglied zwischen religiös-konservativer Arbeiterschicht und libertärer Tech-Welt wird J. D. Vance als Vizepräsident. Peter Thiel entdeckte ihn 2011 als Jurastudenten in Yale; es entsteht ein Mentor-Mentee-Verhältnis, das über ein Jahrzehnt anhält. 2021 legt Thiel zehn Millionen Dollar in einen pro-Vance-Super-PAC und ebnet damit den Weg für Vances politischen Aufstieg.
Bei der Amtseinführung im Januar 2025 bietet sich der Weltöffentlichkeit ein seltener Anblick: Jeff Bezos, Elon Musk, Mark Zuckerberg und Sam Altman bejubeln Donald Trump auf dem Weg ins Amt. Wenige Tage später präsentiert Trump gemeinsam mit Altman, Jensen Huang und Larry Ellison das sogenannte Project Stargate. Ziel ist der staatlich gestützte Ausbau von KI-Großinfrastruktur: Rechenzentren und Chipproduktion, gebündelte Datenzugänge, Bioanwendungen von mRNA bis Gen-Editing, militärisch-zivile Dual-Use-KI und gesicherte Energieversorgung. Profiteure sind früh strategisch positionierte Tech-Konzerne; Cloud-, KI- und Halbleiterfirmen erzielen massive Bewertungsgewinne, Vermögen vervielfachen sich durch Aktienkurse, Staatsaufträge und privilegierten Zugang.
Drei Tage nach dem eingangs erwähnten Treffen in Wiesbaden betrete ich im Herzen von San Francisco den sogenannten „Frontier Tower“ – man könnte das als „Turm der Zukunft“ übersetzen. Das 16-stöckige Gebäude eröffnet einen Blick auf die kommende Welt und auf den neuen Menschen, der hier gedacht wird. Das Hochhaus wirkt industriell, innen ist alles funktional und roh, fast wie in einer großen Werkstatt. Es erhebt sich zwischen Finanzdistrikt, Tech-Büros und urbanem Leben. Laut Eigendarstellung auf der Tower-Website ist der Turm inspiriert vom Berlin der 1990er Jahre nach dem Fall der Mauer, als leer stehende Gebäude in Ostberlin zu Clubs, Kunsträumen, Kollektiven und Hackerhäusern wurden und eine neue urbane Kultur hervorbrachten. San Francisco gilt als Schauplatz einer ähnlichen Gegenkultur.
Diese Stadt ist kein Produktionsstandort im klassischen Sinn. Sie ist ein Knotenpunkt. Eine Bühne und ein Schaufenster für die Tech-Szene. Sie liegt im US-Bundesstaat Kalifornien an der amerikanischen Westküste, am Pazifischen Ozean, auf dessen anderer Seite Japan und die Ostküste Chinas liegen. Kalifornien wird auch Golden State genannt. Der Name geht auf den Goldrausch von 1848 zurück, ausgelöst durch einen Goldfund am American River nahe Sutter’s Mill in der Sierra Nevada, dem späteren California Gold Country. Der Fund zog Menschen aus den USA, aus Europa, Lateinamerika und China an. Viele lebten in Zelten oder provisorischen Unterkünften entlang der Flüsse und siebten Sand und Kies nach Goldflittern und kleinen Nuggets. Wer Gold fand, durfte es behalten und verkaufen, staatliche Regulierung gab es kaum. In dieser Zeit entwickelte sich San Francisco vom kleinen Hafenort zu einem zentralen Umschlagplatz für Menschen, Waren und Kapital. Herkunft, Aussehen oder Glaube spielten kaum eine Rolle. Sie alle einte die Hoffnung, schnell reich zu werden.
Meine Zeit im Frontier Tower verbringe ich unter einem Pseudonym als Startup-Unternehmer. Die Registrierung erfolgt per App, wird manuell durch den Veranstalter freigegeben und am Eingang noch einmal formal kontrolliert.
Noch vor wenigen Wochen tobte hier der sogenannte Robot Fight Club: Tech-Gründer und Start-ups schrien, grölten und feuerten humanoide Roboter an, die wie Boxer im Ring aufeinander losgingen. Der Einstiegspreis für einen humanoiden Roboter liegt bei etwa 30.000 US-Dollar pro Stück. Sie wurden über Gamepads gesteuert und bekamen Kostüme, Backstories und Schauspiel-Coaching für die Show. In der Finalrunde traten Peuter Steel – eine offensichtliche Anspielung auf Peter Thiel – und Waifu.exe – eine Anspielung auf die Anime-Fantasie rund um digitale Traumfreundinnen – gegeneinander an. Ein Teilnehmer sagte der New York Times: „Ehrlich gesagt war es völlig surreal, dass das 2025 passiert. Es wirkte wie etwas, das erst 2040 stattfinden sollte.“
Das erste Vibe-Space-SF-Event, an dem ich teilnehme, findet im zweiten Stock statt, dem sogenannten „Spaceship“, einer Event- und Hackathon-Fläche. Es ist offen für jeden. Der erste Vortrag kommt von Matheus Pagani, dem „visionären Gründer“ von Venture Miner, einer Firma, die verborgene, hochpotente Start-ups aufspürt und skaliert. Ich zwänge mich in die überfüllte Halle. Rund 200 Menschen sind da, die meisten zwischen 20 und 35. Viele sind Studierende, vor allem von der University of San Francisco oder der University of California in Berkeley. Einige treten betont queer und trans auf: bunt gekleidet, extravagant, auffällig im Stil. Manche tragen T-Shirts oder Zettel an ihren Rucksäcken mit der Aufschrift: „Tech-Pionier sucht Co-Gründer.“
Pagani sitzt vor seinem Laptop neben einer großen Leinwand. Die Akustik ist miserabel, aber seine Zukunftsschwärmerei übertönt alles. „Wir verhalten uns wie Kinder, die ständig fragen: Sind wir schon da? Stattdessen sollten wir die Reise genießen.“ ChatGPTbezeichnet er als längst überholtes KI-Werkzeug, das seine Nutzer brav fragt: „Womit kann ich helfen?“ Das Tool, das er heute vorstellt, heißt Bolt.new und fragt stattdessen: „Was sollen wir heute bauen?“ Der KI-gestützte Website-Generator erinnert mich an Genesis 1,3: „Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht.“ Ein Befehl reicht, und die Schöpfung beginnt. Nur muss Gott diesmal noch debuggen. Im Live-Experiment baut er eine Landing Page für eine Dating-App für Haustiere. Ach so, und was eine Landing Page ist, müsse man nicht wissen – das wisse ja schon die KI.
Immer mehr Menschen drängen sich in die Halle, neugierig, mit hungrigen Blicken. Sie wollen vorbereitet sein, mithalten, aufsteigen, wenn die Zukunft anrollt. Es weht ein Wind, der nach Future riechen soll. In Wahrheit riecht es nach Schweiß. Draußen sind dreißig Grad, die Lüftung ist ausgefallen. Die Luft steht, einige fächeln sich mit Notizmappen Luft zu. Eine Schande, dass wir auf Sauerstoff angewiesen sind. Ich sitze am Rand, nah am Ausgang. Jedes Mal, wenn jemand kurz raus will, drängt er sich an mir vorbei. Nach dem zehnten, zwanzigsten Mal klein machen und Platz schaffen, denke ich: wie störend der Körper doch sein kann. Nach KI-Werkzeug Nummer fünf ist endlich Pause.
Ich nutze die Pause, um mich im Turm umzusehen. Die Etagen sind nach Zukunftsfeldern sortiert: Stock vier für Robotik und Hard Tech, Stock acht für Genforschung und synthetische Biologie, Stock neun für KI und autonome Systeme, Stock elf für Gesundheit und Lebensverlängerung, Stock vierzehn für menschliches Gedeihen und Sinnstiftung. Großraumbüros wechseln sich ab mit gläsernen Arbeitsboxen, dazwischen vollgekritzelte Whiteboards und bunte Sitzhocker nebst Konzentrationswürfeln. In den Zwischengeschossen liegen Lounges, Gemeinschaftszonen, Studierzimmer, Fitnessgeräte, Musik- und Kunstwerkstätten sowie die gerade entstehenden Co-Living-Bereiche. Das ist eine ganz eigene Welt. Die Welt von morgen: The Inter-City Network Society, so nennen die Verantwortlichen den Turm der Zukunft.
Auf einem Plakat am Eingang heißt es, dass das Turm-Projekt „ein wahr gewordener Traum” sei. Man sei stolz auf diese „Immobilie in einer Cypherpunk-Welt”. Cypherpunks identifizieren sich selbst als technisch versierte libertäre Systemkritiker, die sich für Verschlüsselung und dezentrale Technologien einsetzen. Ich lese weiter: „Unser Ziel ist es, uns selbst überflüssig zu machen. Dafür werden wir eine Verfassung ausarbeiten, die alle Regeln und Abläufe des vertikalen Dorfes festlegt. Sobald die Bürger bereit sind, werden wir uns zurückziehen und die Entscheidungsfindung an die Bürger übergeben. [...] Unsere Pläne reichen in den Bereich kühner, von Science-Fiction inspirierter Ideen hinein.”
Das erinnert an die „Network State“-Vision von Balaji Srinivasan. Er ist ein libertärer Tech-Visionär aus dem Silicon Valley, dessen Projekte von Peter Thiel finanziell unterstützt werden. Sein Konzept beschreibt ein digitales Staatsmodell. Die Grundidee ist, dass sich Menschen zuerst online zu einer Gemeinschaft zusammenschließen, die die gleichen Werte teilt und genügend Mitglieder und Geld hat, um später reale Orte auf der Welt zu kaufen und dort eigene Regeln einzuführen. Der entscheidende Punkt: Das Territorium ist nicht mehr der Ausgangspunkt politischer Ordnung, sondern ihr Ergebnis. Die Gemeinschaft entsteht zuerst digital – das Land folgt erst später. Politische Organisation entsteht damit nicht mehr aus gemeinsamem Boden, sondern aus Netzwerken, Kapital und freiwilliger Teilnahme. In dieser Logik wird der Bürger zum Nutzer und der Staat zur Plattform.
Es ist inzwischen 17 Uhr. Die Sonne senkt sich, und ich schlendere über die Market Street, die 6th Street und die Taylor Street, auf der Suche nach etwas Essbarem. Ich komme an einer Gruppe von Junkies und Obdachlosen vorbei. Sie schreien, wimmern, taumeln, singen sich ihre Seele aus dem Leib. Vor mir taucht ein halbwegs sauberer Falafel-Wrap-Imbiss auf. „Zutritt gewährt“, meldet meine Veranstaltungsapp. Ein Glück, denke ich. Keine weiteren menschlichen Abgründe für den Moment, denn in wenigen Minuten beginnt die „Enhanced Fashion Show“ mit dem vielversprechenden Untertitel: „Die Gestaltung des Menschen von morgen“. Genug vom Elend.
Die Fashion-Show im 16. Stock eröffnet Pedro Henrich, ein hyperaktiver Schnellredner, der vor Begeisterung beinahe zu implodieren scheint. Er trägt schulterlanges, zurückgekämmtes Haar und einen markanten Schnauzer, der sich klar vom Kinnbart absetzt. Seine Ausstrahlung erinnert an einen klassischen Abenteurer-Gentleman aus Romanverfilmungen der 1950er Jahre. Henrich ist portugiesischer Abstammung und machte seinen Master an einer Business School in Lissabon, bevor er zum Gründer und Partner mehrerer Firmen wurde – von Datensammlung über digitale Identität bis hin zu Kybernetik, also der Steuerung von Systemen, und Biotechnologie. In der Kurzbeschreibung seines X-Profils fasst er seine Berufung wie folgt zusammen: „Wie man sich mit Zukunftstechnologie upgradet. | Supermenschen, Unsterbliche, Cyborgs, Digi-Geister und Weltraumpiraten … pew pew“.
Rund vierzig Gäste sind zugelassen. Die Spannung im Saal ist spürbar. Einer im Publikum trägt einen Anstecker mit der Aufschrift: „Lasst uns die unbetretenen Pfade finden.“ Showtime! Henrich gestikuliert, läuft auf und ab und entwirft seine Zukunftsvision. Eine „Brave Neo World“, wie er es nennt. Der Begriff ist eine Anspielung auf den dystopischen Roman „Schöne neue Welt“ (Original:Brave New World) von Aldous Huxley. In dieser Zukunft sollen wir unsere Biologie verändern, das Altern stoppen, unsere Geschwindigkeit erhöhen, unsere Wahrnehmung schärfen und sogar künstlich gebären. Henrich will Superkräfte, am liebsten sofort: „Wäre es nicht schön, WiFi fühlen oder riechen zu können? Why not?“ Ja, warum eigentlich nicht? Moment: warum eigentlich? Egal.
Mode, erklärt Henrich, erfülle eine zentrale soziale Funktion und sei ein Grundbedürfnis des Menschen. Deshalb müsse auch der Weg zur Singularität cool und ästhetisch gestaltet sein. „Singularität“ bezeichnet den Moment, in dem der Mensch eine künstliche Superintelligenz erschafft, die sich selbst weiterentwickelt – ohne unsere Hilfe. Ab diesem Punkt wäre die Entwicklung nicht mehr rückgängig zu machen, so zumindest die These. Manche Transhumanisten – also Menschen, die den Körper mit Technik verbessern oder überwinden wollen – hoffen darauf, den Tod zu besiegen, indem sie ihr Bewusstsein, also Erinnerungen und Persönlichkeit, in einen Computer übertragen. Der Körper wäre dann nicht mehr nötig; man würde in einer digitalen oder künstlichen Form weiterexistieren. Henrich stellt seine Frage aller Fragen in den Raum: „Was bleibt vom Menschsein, wenn wir ewig leben, bewusste Maschinen haben und Knappheit abgeschafft ist?“
Jetzt wirkt der ansonsten dauergrinsende Henrich plötzlich ernst. Auf seiner Folie steht: „Gott ist tot. Das Ende des Nationalstaats. Das Ende der Familie (Scheidungen, weniger Kinder). Das Ende der Arbeit.“ In den kommenden Jahrzehnten, sagt Henrich, stehe uns eine Sinnkrise bevor. Die „Versprechen der Technologie“ seien alternativlos für das menschliche Gedeihen. Dann richtet er sich auf, blickt mit glasigen Augen in die Ferne und sagt: „Herzlich willkommen bei der Enhanced Fashion Show. Verbrennt eure Federn und verwandelt euch in einen wunderschönen Phönix!“ Tosender Applaus.
Nun greift Juliette Humer, Gründerin von Muse Bio, zum Mikrofon. Die rothaarige junge Frau tritt betont selbstbewusst auf, mit breiten Schultern und einer athletisch-maskulinen Ausstrahlung. Ihr Unternehmen bezeichnet sich als „erste kommerzielle Plattform für aus Menstruationsblut gewonnene Stammzellen“. Humer bietet einen Dienst an, bei dem jede Frau zu Hause ihr Menstruationsblut sammeln und einschicken kann, damit Stammzellen daraus gewonnen, im Labor geprüft und langfristig eingelagert werden. Jede könne mitmachen und sich noch heute das „Human Starter Pack“ bestellen – ein Angebot, das sie als „feministischen Akt“ versteht. Wofür diese Stammzellen später genutzt werden, bleibt nur angedeutet. Für Transhumanisten bilden sie das biologische „Rohmaterial“ für ihren Entwurf des neuen Menschen: Grundlage für Körperreparaturen, Anti-Aging, genetische Optimierungen und letztlich die Überwindung biologischer Grenzen.
Dünya Baradari ist Forscherin und Designerin, die sich selbst als „Chief Cyborg Officer“ beim Augmentation Lab bezeichnet, einer „Gemeinschaft von Philosophen-Entwicklern, die Technologien zur Verbesserung der menschlichen Existenz entwickeln“. Am MIT Media Lab in Cambridge (USA) arbeitet sie zu KI, Neurotechnologie und Mensch-Maschine-Integration. Zur Geschichte des Labors sei angemerkt, dass Jeffrey Epstein, der sich für transhumanistische Forschung begeisterte, zwischen 2002 und 2017 über Millionenbeträge an das Labor spendete und weitere Gelder von Großspendern wie Microsoft-Gründer Bill Gates und Private-Equity-Milliardär Leon Black vermittelte. Der damalige Direktor Joi Ito (2011–2019) musste schließlich zurücktreten, nachdem seine weitreichenden und verschleierten finanziellen Verbindungen zu Epstein öffentlich wurden.
Die dunkelhaarige junge Frau mit runder Nerd-Brille, schlichtem T-Shirt und Konferenzband strahlt unverkennbar Tech-Vibes aus. Gleich zu Beginn ruft sie den Eintritt der Menschheit in das „Trans-Jahrhundert“ aus. Jetzt sei der Moment gekommen, „uns selbst zu hacken” und zu optimieren, um den rasanten Entwicklungen „standhalten“ zu können. Platon habe den Philosophen-Herrscher gepriesen, sagt Baradari, sie hingegen schwärme für den Philosophen-Entwickler.
Plötzlich hakt irgendetwas, der Beamer streikt – liegt es am HDMI-Kabel oder an einer Einstellung am Laptop? Die PowerPoint-Präsentation will einfach nicht auf der Leinwand erscheinen. Es wird unangenehm still. In meinem Kopf entstehen Gags, wie der Moderator Henrich die Situation retten könnte: „Keine Sorge, im nächsten Software-Update können wir Gedanken direkt projizieren. Bis dahin nutzen wir halt Windows.“ Oder: „Sobald wir Cyborgs sind, läuft das alles flüssiger. Versprochen.” Jemand aus dem Publikum ruft: „Press Windows + P”. Es klappt.
Baradari hat ein paar Exponate dabei – schließlich ist das hier eine Fashion Show. Während sie an „EEG-gesteuerten Cyborgs“ forscht, also Geräten, mit denen Menschen digitale Systeme und Maschinen direkt über Hirnwellen steuern können, hat sie auch an futuristischen Wearables gearbeitet. Zuerst präsentiert sie etwas, das sie „Baby aus der Plastiktüte“ nennt: das Konzeptdesign einer künstlichen Gebärmutter, die die Erfahrung von Schwangerschaft völlig verändert – außerhalb des Körpers, ohne Schmerzen und mit der Möglichkeit, das Gewicht jederzeit abzulegen. Das sei bereits an Schafen getestet worden, bemerkt sie. Anschließend zeigt Baradari eine unscheinbar wirkende Weste, die jedoch in verschiedenen Farben leuchten kann – jede Farbe steht für eine Emotion. Das sei besonders hilfreich für Menschen, die Schwierigkeiten haben, ihre Gefühle auszudrücken. Und zuletzt stellt sie ein„Behaviour Control Device“ vor: ein Gerät, das neuronale Impulse misst und Menschen daran hindern soll, Suizid zu begehen.
Als Nächstes betritt Rochelle Shen für die Eternas Clinic das Podium. Mit ihrer Klinik hat die Biologin den herrschenden Gesetzen und Regularien im Gesundheitswesen den Kampf angesagt. Zuvor arbeitete sie als Machine-Learning-Engineer bei Peter Thiels CIA-finanzierter Firma Palantir. Heute bietet sie Patientinnen und Patienten eine Plattform, die Zugang zu Therapien suchen, die im regulären System nicht verfügbar sind. In der Kurzbeschreibung ihres X-Profils heißt es: „Ein Biohacker-Girl, das auf sein nächstes Upgrade wartet.“ Das sind nicht nur Worte. Shen träumt davon, der erste Cyborg zu werden – eine Art Mensch-Maschine-Hybrid mit technischen Erweiterungen des Körpers. „Ich habe mir einen Chip und einen Magneten in die Hand implantiert.“ Ein leises Raunen geht durch den Saal. Warum sie das getan hat? „Ist das nicht cool?”, fragt Moderator Henrich. Das reicht wohl als Antwort.
Der letzte Redner an diesem Tag ist Omri Amirav Drory, ein israelischer Biotech-Investor. Glatt rasiert, blanke Glatze, Daunenweste, wache Augen, harter Ton mit schwerem Akzent. Drory startet seinen Vortrag mit dem Foto einer erschöpft wirkenden, faltigen alten Frau. „Mein Plan ist es, das Altern zu beenden“, sagt er. Wer mit Argumenten über „Weisheit“ oder „Lebenssinn“ komme, habe das Problem nicht verstanden: Jedes Jahr sei ein Würfelwurf – „und das ist scheiße“. Drory verkauft sich als kompromissloser Tech-Rebell. Tatsächlich ist er geschäftsführender Partner beim hochprofitablen Wagniskapitalfonds NFX, der rund 1,5 Milliarden Dollar an verwaltetem Vermögen hält. Dort leitet er den Biotechzweig NFX Bio. Dieser ist im kalifornischen Silicon Valley ebenso verankert wie in seiner israelischen Entsprechung, dem „Silicon Wadi“ in Herzliya. NFX ist übrigens auch an Firmen wie Virta Health, Lyft, Mammoth Biosciences oder Starfish Space beteiligt. Viele davon sind mit Peter Thiels Founders Fund verknüpft oder bewegen sich im Umfeld Palantir-naher Kapitalgeber wie 8VC.
Drory hat sich als erstes Ziel gesetzt, mithilfe seines globalen Tech-Ökosystems die Lebenserwartung des Menschen auf 160 Jahre zu steigern. Sperma herstellen, Embryonen modellieren, Organe züchten, Gehirne transplantieren – all das sei bald möglich, es verhinderten ihn lediglich „kleine technologische Hürden“. Auf einer Folie steht ein Wortspiel: „No body lives forever, therefore we need new bodies“. Unsterblichkeit sei eine realistische Vision. Altern und Sterben erzeuge nur Leid und das müsse aufhören.
Dass Drory und NFX am Rand des militärisch-industriellen Komplexes mitmischen – über Defense-Startups wie XTEND, Edgybeesoder Starfish Space, die für KI-gestützte Kriegsführung wie im Gazastreifen relevant sind – scheint ihn weniger zu stören. Laut Forschern des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung wurden dort bis Oktober 2025 weit mehr als 100.000 Menschen getötet, von denen rund 80 Prozent Zivilisten waren, darunter ein hoher Anteil Kinder.
Das Ganze hatte für mich etwas Sektenhaftes: dauergrinsende Transhumanisten, die junge Seelen jagen. Alle bestätigen sich gegenseitig darin, dass „der Mensch“ – ohnehin nur reine Fiktion, nichts weiter als ein Algorithmus, ein paar elektrische Impulse – überwunden, befreit und in ein neues Paradies geführt werden müsse. Ich verlasse die Eventhalle mit einem mulmigen Gefühl. Als der Aufzug sechzehn Stockwerke Richtung Ausgang fährt, beginne ich zu begreifen, was ich gerade gesehen habe. Wahnsinn. Vor dem Frontier Tower bleibt die Frage zurück: Ist das jugendliche Naivität, fehlgeleitete rebellische Energie, materialistischer Fehlschluss, atheistischer Gott-Komplex oder der Versuch, eine neue Religion für spirituell Heimatlose zu finden? Vielleicht alles zugleich.
Quellen:
1. Peter Thiel, Investor, Founders Fund. In: Forbes Website, 9. September 2025, online unter: https://www.forbes.com/profile/peter-thiel/, abgerufen am 17. Februar 2026.
2. Jesse Bedayn, Associated Press: Emails reveal Epstein's network of the rich and powerful despite sex offender status. In: PBS NEWS, 14. November 2025, online unter: https://www.pbs.org/newshour/politics/emails-reveal-epsteins-network-of-the-rich-and-powerful-despite-sex-offender-status, abgerufen am 21. Februar 2026.
3. Jesse Bedayn, Associated press, UBS Billionaire Ambitions Report 2025: Der Aufstieg einer neuen Generation, In: UBS WEBSITE, 4. Dezember 2025, online unter: https://www.ubs.com/global/en/investor-relations/press-releases/overview-news-display-ndp/de-20251204-billionaire-ambitions-report-2025.html, abgerufen am 21. Februar 2026.
4. Andreas Bornefeld (NETSTUDIEN): Die reichsten Familien der Welt - Netstudien - Global SFO and richest families database, In: Manager-Magazin, online unter: https://reichsten.de/reichsten-familien, abgerufen am 21. Februar 2026.
5. Joe Rogan: Jensen Huang. In: Joe Rogan youtube Kanal, 17. Dezember 2025, online unter: https://www.youtube.com/watch?v=3hptKYix4X8, abgerufen am 21. Februar 2026.
6. Edward Helmore: Trump inauguration: Zuckerberg, Bezos and Musk seated in front of cabinet picks. In: The Guardian News Website, 20. Januar 2025, online unter: https://www.theguardian.com/us-news/2025/jan/20/trump-inauguration-tech-executives, abgerufen am 21. Februar 2026.
7. REUTERS: Who is Peter Thiel, and why is he advising Donald Trump? In: BBC News (REUTERS), 14. Dezember 2016, online unter: https://www.bbc.com/news/technology-38315682, abgerufen am 21. Februar 2026.
8. The Wall Street Journal: Trump Introductory Remarks With Tech Executives, 15. Dezmeber 2016, In: WSJ YouTube channel, online unter: https://www.youtube.com/watch?v=oX_9yD2lN2g, abgerufen am 21. Februar 2026.
9. Frank Schmiechen: Peter Thiel: „Ich bin stolz, homosexuell zu sein“. In: Business Insider, 22. Juli 2016, online unter: https://www.businessinsider.de/gruenderszene/allgemein/peter-thiel-ich-bin-stolz-homosexuell-zu-sein/, abgerufen am 21. Februar 2026.
10. Frontier Tower. In: Webseite, online unter: https://frontiertower.io/, abgerufen am 21. Februar 2026.
11. Natallie Rocha: Peak SF on a Friday Night Is a Robot Fight. In: The New York Times, 19. September 2025, online unter: https://www.nytimes.com/2025/09/19/technology/san-francisco-robot-fight.html, abgerufen am 21. Februar 2026.
12. iHeartRadio: San Francisco's New Entertainment Draw: AI Robot Fights. In: LA Local News, 19. September 2025, online unter: https://alt987fm.iheart.com/featured/la-local-news/content/2025-09-19-san-franciscos-new-entertainment-venture-ai-robot-fights, abgerufen am 21. Februar 2026.
13. Barton Gellman: Peter Thiel Is Taking a Break From Democracy. In: The Atlantic website, November 9, 2023, online unter: https://www.theatlantic.com/politics/archive/2023/11/peter-thiel-2024-election-politics-investing-life-views/675946/, abgerufen am 21. Februar 2026.
14. Emily Chang: Watch Peter Thiel: I'm on the Human-Growth-Hormone Pill. In: Source Bloomberg, 17. Dezember 2014, online unter: https://www.bloomberg.com/news/videos/2014-12-17/peter-thiel-im-on-the-humangrowthhormone-pill, abgerufen am 21. Februar 2026.
15. Companies: In: Source NFX website, online unter: https://www.nfx.com/companies, abgerufen am 21. Februar 2026.
16. Miriam McNabb: $20 Million Raise for Human-Guided, AI-Operated Drone System. In: XTEND Funding, November 19, 2021, online unter: https://dronelife.com/2021/11/19/xtend-funding-20-million-raise-for-human-guided-ai-operated-drone-system/, abgerufen am 21. Februar 2026.
17. Sharon Wrobel: Venture capital firm NFX raises $325 million, betting on Israeli tech innovation. In: The Times of Israel, 21. Oktober 2025, online unter: https://www.timesofisrael.com/venture-capital-firm-nfx-raises-325-million-betting-on-israeli-tech-innovation/, abgerufen am 21. Februar 2026.
18. Press Release: Gaza Study Reveals Unprecedented Losses of Life and Life Expectancy. In: Max Planck Institute for Demographic Research. 25. November 2025, online unter: https://www.demogr.mpg.de/en/news_events_6123/news_press_releases_4630/press/gaza_study_reveals_unprecedented_losses_of_life_and_life_expectancy_14870?utm_source=chatgpt.com, abgerufen am 21. Februar 2026.

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