Leseprobe : Radikalität, ein gefährliches Versprechen?

Radikalität ist für Mirjam Schaub kein Ausbruch, sondern eine Methode: Und sie gibt ein Versprechen, wenn die Welt auseinanderfällt. Im Epilog ihres Buches seziert die Philosophin das Unbedingte als Trost, Trotz und gefährliches Versprechen zugleich

Ein rechtsextremer Aufmarsch in Spanien — ein Beispiel für Radikalität als politische Eskalation.

Foto: THOMAS COEX/AFP/Getty Images

Zum Kommentar-Bereich
Radikalität

Radikalität

Mirjam Schaub

Band 1 und 2 (Set)

Zusammen 848 Seiten mit 66 Abbildungen

96 €

Manifest über Radikalität, die künstlich Gleichheit schafft

Verkehrte Welt, maskierte Verzweiflung, verborgene Sensibilität. Hätte Radikalität eine Farbe, wäre sie ein abgelöschtes, in Blau ertränktes Drama-Rot. Radikal wäre dann ein glühender Kern, umhüllt von Wasser. Rational verbrämte Verzweiflung; Tatendrang, der Ohnmacht kaschiert; Mut und Trotz der Verzweiflung.

Radikal – ist immer eine Grenzverletzung nach innen. Sie verschiebt die eigenen Grenzen, psychische wie physische, im sicheren Wissen über die Komfortzone hinaus. Deshalb ist es so schwer vorstellbar, dass eine solche Grenzverletzung davon absieht, die Grenzen anderer zu verletzen. Doch da sie klug ist, wahrt sie peinlich die Integrität des oder der Anderen. Nur so bewahrt sie ihre eigene Unschuld und zieht Nachahmer:innen an, so wie Motten das Licht.

Radikal ist die Rebellion gegen die Schwerkraft, die Zeit und den gewohnten Gang der Dinge. Ein Affront gegen die Bequemlichkeit, die feigen Ausflüchte, den notorischen Versuch, sich selbst und andere zu belügen. Radikalität verletzt den guten Ton. Sie ist arm, aber sexy. Sie provoziert Befremden und Neid, weil sie gegen die ungeschriebenen Tauschgesetze einer Gemeinschaft verstößt. Diese Gesetze sind auf Geben und Nehmen gegründet. Radikalität aber macht ihre eigene Rechnung auf. Selbstbewusst dreht sie am Rad der Geschichte. Sie verspricht eine Reduktion auf das Wesentliche. Doch das Wesentliche bleibt ein quecksilbriges Ding. Wie leicht springt es davon und kehrt nicht zurück?

Die Utopie handelt davon, Gleichheit unter Ungleichen zu erzeugen. Wie gelingt es, den Gang der Gewohnheit umzukehren, Korrekturen vorzunehmen, Trägheit zu brechen? Um Gleichheit unter Ungleichen zu erzeugen, dazu liefert Radikalität die Mittel: Drastik, Künstlichkeit, Hysterie. Im Ernst? Im Ernst. Radikalität erklärt für gleich und setzt in eins, was die Gründe seiner Verschiedenheit nicht länger verteidigen kann. Sie bedient und nährt nicht einfach die Utopie von mehr Gerechtigkeit. Radikalität ist eine tatkräftige Form, diese wirklich werden zu lassen, der berühmt-berüchtigte Umschlag von Theorie in Praxis.

Künstliche Gleichheit befördert radikales Verhalten durch Uniformierung, d.h. durch Strategien der Entlastung von persönlicher Verantwortung, wie Maskierung, Anonymisierung, Kollektivierung; durch Spiegelungen der verschiedenen sozialen Schichten ineinander, die sich verschiedenen Formen der erlaubten Imitation verdanken, wie sozialer Mimikry, gemeinsamen Ritualen und Festen, architektonischen Anleihen, zum Verwechseln ähnlichen Fassaden, so dass existierende Unterschiede im öffentlichen Raum der Venezianischen Republik auf exemplarische Weise unwesentlicher erscheinen, als sie de facto sind.

Hypberbolische, d.h. drastisch überzeichnete Gleichheit fördert radikales Verhalten wie z.B. im frühen Christentum durch apokalyptische Szenarien, die für Alte, Junge, Männer, Frauen und ihre Kinder einen zeitlich bedrohlich verknappten Horizont abstecken, mit minimalem Handlungsspielraum für die persönliche Umkehr darin und nachhaltig gleichmacherischen Folgen.

Hysterische Gleichheit unter Ungleichen erleichtert wie in den mittelalterlichen Bettelorden radikale Lebensentscheidungen durch mystisches Einheitserleben, mehr, als den Kirchenoberen lieb war, durch Selbstgeißelungen instrumental stimuliert, welche den Unterschied von theologisch Ausgebildeten und Nicht-Studierten (Frauen oder Laienbrüdern) in puncto Gottesnähe nivellierten.

Eindringliche Gleichheit unter Ungleichen lässt sich künstlich herstellen, erzeugen durch Rituale der Verschwendung, durch einen Potlatch, der nicht nur besitzbare, sondern auch unbesitzbare Güter einem unorthodoxen, verstörenden Gebrauch unterwirft – durch Vernachlässigung, Verausgabung, Vernichtung anderer Werte. Radikal ist eine Form der Verachtung, die auf sozialen Statusgewinn setzt.

Radikalität sucht Zuflucht in der Vereinfachung. Sie wählt die Zuspitzung aller Dinge. Sie sagt: »Schlagt kaputt, was Euch kaputt macht!« Sie sagt: »All what it takes.« Sie meint: »Ich will alles, und zwar sofort.« Radikalität macht sich unangreifbar, schaltet auf Autopilot: Entschiedenheit gepaart mit Entschlossenheit. Radikalität ist der kühne Versuch, dem Sinnlosen Sinn zu verleihen. Künstlich schafft sie Kohärenz, wo nichts zusammenpasst. Sie gibt Halt, wo nichts mehr zu halten ist.

Radikalität bedeutet Leiden an der Schwachheit und Erpressbarkeit des Menschen. Sie bedeutet Verzweiflung, die sich in Selbstverleugnung übt. In überschießender Sorge sinnt sie auf ein Gegengift. Und tritt die Flucht nach vorne an. Deshalb muss sie alle Brücken hinter sich abbrechen, gleich am ersten Tag. Sie muss die Möglichkeit des Zurück abschneiden, sonst bräche sie in sich zusammen. Not with a bang but with a whimper.

Radikalität ist – Triumph des Trotzes, Rebellion und Resilienz. Sie wählt die Unbedingtheit als einzig mögliche Form der Bindung an etwas Absolutes, was das Leben im Jammertal hinter sich lässt. Radikalität sucht Kontakt mit dem Heiligen, an das sie den Glauben verloren hat, deren Form sie als Leeerstelle wahrt, schützt und verteidigt. Radikal ist ein ›Trotz allem‹, als Aufforderung an sich selbst.

Radikalität fürchtet nichts mehr als Immobilität, Lähmung, Passivität. Sie begegnet Frustration, Mut und Hoffnungslosigkeit mit wehenden Fahnen und zornigem Gebrüll. Doch lässt sich Ohnmacht wegatmen wie der Stress des Tages beim abendlichen Yoga? Ja, genauso. Feueratmen greift den Automatismus des Atmens an. Es verwandelt das Ausatmen in einen wütenden Schnaublaut, atmet hörbar aus und leiser ein. Es tankt Kraft direkt in den Bauch hinein, presst die Eingeweide zusammen, setzt träges Gedärm in Bewegung. Das ist anstrengend und kräftezehrend.

Klassische Radikalität bedeutet körperliche Selbstwirksamkeit mit hoher Symbolwirkung. Sie bedeutet Selbstermächtigung durch Selbstüberwindung, durch exemplarische Selbstbezwingung. Radikal ist eine harsche, barsche Antwort auf die eigene Sensibilität. Radikalität polt die eigenen Reflexe um, bricht mit körperlichen Routinen, wie das Feueratmen beim Kundalini-Yoga, wenn der Vergleich erlaubt ist. Das Ergebnis ist eine neue leibliche Konditionierung. So gelingt es, das eigene Selbst zu transformieren, um Ohnmacht niemals gegen Verzweiflung eintauschen zu müssen. Heißt das nicht, Opferbetrug an der verletzlichen Natur des Menschen zu begehen? Ist das nicht Hybris in Reinform?

Radikalität folgt einer Logik der Emanzipation durch Eskalation. Sie verschließt sich Verhandlungen. Sie hat in ihnen nichts zu gewinnen. Radikal ist die Auto-Immunisierung gegen die Zumutungen des Kompromisses.

Radikalität provoziert und polarisiert. Sie bietet sich an als eine Form der Heilung, wenn die Lücke zwischen Theorie und Praxis aufzureißen droht. Die Lücke selbst ist eine Erfindung von Aristoteles. Sie eröffnet Ironie und ästhetische Distanz, Ambiguität und Akzeptanz für menschliche Fehlbarkeit. Sie bildet kein Zeichen der Schwäche, sondern der Stärke: Sie ist ein Bekenntnis zur Humanität mit der ihr eigenen Fehl- und Korrumpierbarkeit. Warum sind Menschen korrupt und korrumpierbar? Weil sie an ihrem Leben hängen und Schmerzen schwer ertragen? Oder, basaler, banaler: Weil sie einen Metabolismus, einen Stoffwechsel haben, der sie zuverlässig alle sechs Stunden hungrig und weit schneller noch durstig werden lässt. Wieder und wieder.

Den Riss zwischen Theorie und Praxis kittet Radikalität mit drastischen Mitteln. Übertreibung, Auto-Suggestion und Hysterie zählen dazu. Radikalität ist Hysterie unter dem Deckmantel äußerster Konsequenz, Folgerichtig- und Dringlichkeit. Radikalität verkauft sich als Medizin gegen die notorischen Schwächen der menschlichen Natur: gegen Faulheit, Feigheit und überschießende Angst. Ist Kontrolle über das Allzumenschliche nicht zum Scheitern verurteilt?

Radikalität ist das Phantasma ultimativer Kontrolle über den entgleisten Lauf der Dinge. Radikale Kontrolle allein verheißt ein ruhiges Gewissen. Und verspricht, den Schlaf der Gerechten zu schlafen. Radikal – das ist negatio, affirmatio und elevatio nicht nacheinander, sondern in einem. Alles und zwar sofort. Denn das leuchtende Beispiel der/des Radikalen wirkt durch Bewunderung, Zuspruch und Anfeuerung selbstverstärkend auf sich selbst zurück.

Radikal ist eine verschobene und verschrobene Form von Altruismus. Sie mimt Unbesiegbarkeit. Sie verheißt Gerechtigkeit für die Schonbesiegten. Radikal wird es, wenn alle anderen vernünftigen Handlungsoptionen versperrt sind.

Radikal ist die letzte Ausflucht, ein Fauchen und Kreischen am Grund der Büchse der Pandora. Sie sät die Hoffnung auf schier übermenschliche Kräfte. Mit diesem Versprechen nimmt sie ganze Gemeinschaften in Geiselhaft. Radikalität – das ist das Versprechen, nicht zu schwächeln, nicht einzuknicken, nicht zu enttäuschen, wenn alle anderen genau das tun.

Radikal ist halsbrecherische Tapferkeit, nicht bevor, sondern nachdem alles verloren ist. Ihr entspringt der Mut, der unserer Verzweiflung trotzt.

Radikalität läuft gegen die Korrumpierbarkeit des Menschen Sturm. Den auf lebenslangen Konsum und Nachschub angewiesenen Metabolismus treibt sie durch asketische wie hedonistische Praktiken über die gewöhnlichen und gewohnten Grenzen hinaus. Radikalität – adressiert die Erpressbarkeit, die uns in postheroischen Kulturen in 99 Prozent der Fälle das Leben wählen und den Tod fürchten lässt. Radikalität – spielt immer mit der Option des einen Prozents, setzt auf die unwahrscheinliche Möglichkeit, auch das eigene Leben freiwillig hinzugeben, es zu opfern, wenn der Preis, es zu erhalten, zu hoch zu werden droht.

Schillernd und schön, stiftet Radikalität in ihrer Entschiedenheit staunendes Vertrauen. Bitter und notwendig, setzt sie neue Maßstäbe des Tunlichen. Kühn und frech, verschiebt sie das Unmögliche in greifbare Nähe. Schrullig, um nicht zynisch zu werden, erinnert sie uns Menschen daran, dass nichts ungeheuerlicher als der Mensch selbst ist. Die Ungeheuerlichkeit existiert in ihrer ganzen unerschrockenen, skandalösen Offenheit. Als Wette auf das Unbedingte verheißt Radikalität, in höchster Not frei und selbstbestimmt sich dem Ungeheuerlichen würdig zu erweisen.

Radikal ist der Wille, die Bereitschaft und der Glaube, einen Unterschied zu machen, wenn die Welt aus den Fugen ist. Über alle Kulturen, Zeiten und Gesellschaften hinweg bleibt sie ein Stachel im Fleisch des ›Ich kann nicht, ich bin zu schwach‹. Mitten im Jammertal zeigt sie uns, wo der Hammer hängt. Always.

– Mirjam Schaub

Vorabdruck des Epilogs aus:

Mirjam Schaub: Radikalität und der Mut zum Gebrauch des eigenen Körpers. Eine unheimliche Populärkultur (Auto-Ikonifizierung, Spaßguerilla, Sitzperformances, Krypto-Kunst), 1832–heute, Hamburg: Felix Meiner Verlag, 2025 (17. Nov.), S. 443–446.

Articles & Services

Warum Radikalität uns nicht loslässt

Warum Radikalität uns nicht loslässt

Von Sokrates bis Anonymous: Mirjam Schaub verfolgt die Spur der Radikalität durch Philosophie, Kunst und Popkultur. Die Philosophin zeigt, warum das Unbedingte zugleich verstört und befreit — und heute zu einer neuen Idee von Gleichheit führt

Die lange Geschichte des Unbedingten

Die lange Geschichte des Unbedingten

Mirjam Schaub verfolgt in ihrem zweibändigen Werk die Spur der Radikalität durch 2.000 Jahre Kulturgeschichte. Zwischen Theorie und Leben fragt sie, warum das Unbedingte verstört, fasziniert — und bis heute politisch wirksam ist

Mehr Radikalität wagen

Mehr Radikalität wagen

„Mirjam Schaubs zwei Bände – ein faszinierender Blick auf 2000 Jahre Kulturgeschichte – hinterfragen, warum Radikalität in Philosophie und Kunst so viel anerkannter ist, als in Religion, Gesellschaft und Politik.“

Mirjam Schaub | Interview

Radikalität und der Riss zwischen Theorie und Praxis – Radikalität und der Mut zum Gebrauch des eigenen Lebens. Ein Gespräch mit Mirjam Schaub

Radikal seit 2.000 Jahren | Mirjam Schaub

Was verbindet die frühchristlichen Märtyrer mit Performance-Künstlerinnen wie Marina Abramović – oder mit Klimaaktivisten von heute? Die Philosophin Mirjam Schaub spricht im Interview über 2.000 Jahre radikales Denken und Handeln

Radikal fürs Klima | Dokumentation

Sie nennen sich die „letzte Generation“ oder „Extinction Rebellion“. Mit ihren Aktionen sorgten sie für Schlagzeilen. Für ihre Ziele brachen sie Gesetze. Für die einen sind es „radikale Spinner“ für die anderen Helden im Kampf gegen den Klimawandel