In Kooperation mit Meiner – Verlag für Philosophie

Warum Radikalität uns nicht loslässt

Von Sokrates bis Anonymous: Mirjam Schaub verfolgt die Spur der Radikalität durch Philosophie, Kunst und Popkultur. Die Philosophin zeigt, warum das Unbedingte zugleich verstört und befreit — und heute zu einer neuen Idee von Gleichheit führt

Aktivist*innen der »Letzten Generation« werden von der Straße getragen: Der eigene Körper wird zum Medium radikalen Gebrauchs

Foto: Omer Messinger/Getty Images

Zum Kommentar-Bereich
Radikalität

Radikalität

Mirjam Schaub

Band 1 und 2 (Set)

Zusammen 848 Seiten mit 66 Abbildungen

96 €

Schillernd und fremd, lässt sich Radikalität zu allen Zeiten und in allen Kulturen mit ihrem Hang zum Unbedingten beobachten. Fast immer wirkt sie anstößig und beschämend, wenn auch in Philosophie und Kunst seltener als in Religion, Politik, Gesellschaft. Attraktiv bleibt sie, weil sie etwas Essentielles verspricht: die Schließung des mitunter feinen Risses zwischen Theorie und Praxis, als Versprechen der eigenen Unerpressbarkeit.

Diesem Riss und seinen unerhörten Auswirkungen geht der erste Band von Mirjam Schaubs großem kulturphilosophischem Entwurf nach. Das Buch entführt in die griechische Antike, als ein Theoretiker noch ein fahrender Kulturbotschafter im Mittelmeerraum und eben kein Philosoph ist. Es fragt nach dem Selbstmord des Sokrates und warum dessen Radikalität zugleich eine Wunde schlägt, die Aristoteles meint heilen zu müssen. Um Nachahmung zu unterbinden und zugleich der Philosophie eine Zukunft zu eröffnen, erfindet Aristoteles die Theorie-Praxis-Lücke, indem er Idee und Tat ein Stück weit auseinanderrückt. Diogenes von Sinope aber rebelliert mit drastischen Mitteln gegen diesen heilsamen Schachzug. Er stiftet soziale Unruhe, sorgt für helle Empörung, indem er hedonistische wie asketische Praktiken in aller Öffentlichkeit propagiert. Unfähig, dieses grelle ›Und‹ aus Askese und Hedonismus auszuhalten, zersplittert das radikale, kynische Erbe und teilt sich, folgt man Michel Foucault, auf in Karneval, Mönchtum und Kunst. Diesem Vorschlag geht das Buch nach. In Venedig eröffnet sich mit der ersten europäischen Pest ab 1348 der Gebrauch einer anonymisierenden Maske: Wer seine Komplizen nicht kennt, kann niemanden verraten. Eine solch selbstironische ›Teilzeitradikalität‹ setzt auf Selbstdistanzierung, unpersönliche Formen der Interaktion und auf ein Vertrauen, das absichtlich blind ist.

Der zweite Band bricht mit der Vorstellung, Populärkultur und Radikalität seien Gegensätze. Spätestens mit Jeremy Benthams ›Auto-Icon‹ (1832), dem humanoiden Artefakt, das bis heute im University College of London sitzt, später bei Max Stirner, der Bewegung um 1968 und bei Marina Abramović verbinden sich Radikalität und Populärkultur und stiften eine radikal neue Form von Egalität. Das schlägt sich nieder in einem ubiquitären Gebrauch, der bislang kaum erforscht ist. Dieser queere und unorthodoxe Gebrauch des eigenen Körpers und Lebens lässt sich weder als Handlung noch als Mittel-Zweck-Relation, noch als Nutzenkalkül beschreiben. Spätestens mit der Konjunktur von Krypto-Währungen gerät er zum radikalen Angelpunkt, um das Denken in Besitzkategorien auszuhebeln: Radikaler Gebrauch erscheint plötzlich schützenswerter als einst der Besitz.

Das Buch verfolgt den unbedingten Selbstgebrauch in Politik, Kunst und Populärkultur von der Stadtguerilla über radikale Kunstprojekte bis hin zu NFTs, Hackern wie dem Anonymous-Kollektiv und den Aktivistinnen und Aktivisten der »Letzten Generation«. Es enthält und analysiert auch einen bisher unbekannten Kassiber, den Gudrun Ensslin 1969 aus der Haft schmuggeln ließ. Radikalität erweist sich in der künstlichen Herstellung von Gleichheit unter Ungleichen – ungleich an Talenten, Chancen, Mitteln – als wirksames soziales Korrektiv.

Articles & Services

Die lange Geschichte des Unbedingten

Die lange Geschichte des Unbedingten

Mirjam Schaub verfolgt in ihrem zweibändigen Werk die Spur der Radikalität durch 2.000 Jahre Kulturgeschichte. Zwischen Theorie und Leben fragt sie, warum das Unbedingte verstört, fasziniert — und bis heute politisch wirksam ist

Radikalität, ein gefährliches Versprechen?

Radikalität, ein gefährliches Versprechen?

Radikalität ist für Mirjam Schaub kein Ausbruch, sondern eine Methode: Und sie gibt ein Versprechen, wenn die Welt auseinanderfällt. Im Epilog ihres Buches seziert die Philosophin das Unbedingte als Trost, Trotz und gefährliches Versprechen zugleich

Mehr Radikalität wagen

Mehr Radikalität wagen

„Mirjam Schaubs zwei Bände – ein faszinierender Blick auf 2000 Jahre Kulturgeschichte – hinterfragen, warum Radikalität in Philosophie und Kunst so viel anerkannter ist, als in Religion, Gesellschaft und Politik.“

Mirjam Schaub | Interview

Radikalität und der Riss zwischen Theorie und Praxis – Radikalität und der Mut zum Gebrauch des eigenen Lebens. Ein Gespräch mit Mirjam Schaub

Radikal seit 2.000 Jahren | Mirjam Schaub

Was verbindet die frühchristlichen Märtyrer mit Performance-Künstlerinnen wie Marina Abramović – oder mit Klimaaktivisten von heute? Die Philosophin Mirjam Schaub spricht im Interview über 2.000 Jahre radikales Denken und Handeln

Radikal fürs Klima | Dokumentation

Sie nennen sich die „letzte Generation“ oder „Extinction Rebellion“. Mit ihren Aktionen sorgten sie für Schlagzeilen. Für ihre Ziele brachen sie Gesetze. Für die einen sind es „radikale Spinner“ für die anderen Helden im Kampf gegen den Klimawandel