Rettet unsere Zivilisation!

Leseprobe Der Sprachwissenschaftler und Autor Noam Chomsky verbindet in seinem neuen Werk „Rebellion oder Untergang!“ wie kein anderer die beiden großen realen und menschengemachten Bedrohungen der Erde – Klimawandel und Nuklearwaffen – mit unserer Existenz
Rettet unsere Zivilisation!
Ein Schiff transportiert Baumstämme auf einem Floß entlang des Flusses Murutipucu in Igarape-Miri nordöstlich von Para, Brasilien. Hunderte Umweltgruppen und brasilianischen Agrobusiness-Unternehmen haben im September 2020 in einem offenen Brief den Präsident Bolsonaro erneut gedrängt, die Abholzung des Amazonas-Regenwald zu stoppen.

Foto: TARSO SARRAF/AFP via Getty Images

Einführung

Die Dringlichkeit der »Gefahr des Untergangs« ist unübersehbar. Sie sollte der konstante Gegenstand von Aufklärungsprogrammen, Organisation und Aktivismus sein und den Hintergrund für unser Engagement in allen anderen Kämpfen bilden. Aber sie kann diese Kämpfe nicht ersetzen, zum einen, weil viele dieser anderen Kämpfe ihrerseits entscheidend wichtig sind, und zum anderen, weil diese grundlegende Gefahr nicht effektiv angegangen werden kann, solange es kein allgemeines Verständnis für ihre Dringlichkeit gibt. Aber ein solches Verständnis setzt eine wesentlich größere Sensibilität gegenüber den weltweit verbreiteten Formen von Leid und Unrecht voraus – ein tieferes Bewusstsein, das zu Aktivismus und Engagement sowie zu tieferen Einsichten in deren Wurzeln und wechselseitige Verbindungen inspirieren kann. Es ist nutzlos, zu mehr Militanz aufzurufen, wenn die Bevölkerung noch nicht dazu bereit ist, und diese Bereitschaft kann nur durch geduldige Arbeit geschaffen werden. Das mag frustrierend sein, wenn wir an die nur zu reale Dringlichkeit der existenziellen Gefahren denken. Aber egal, ob das frustrierend ist oder nicht, wir können diese vorbereitenden Stufen nicht überspringen.

– Noam Chomsky, Januar 2019

An einem diesigen Nachmittag Mitte Oktober 2016 nur einige Wochen vor der schicksalhaften Wahl im November, die dann Donald J. Trump ins Weiße Haus brachte, versammelte sich vor der historischen Old South Church in Boston eine große Menschenmenge, die bald mehr als zwei Häuserblocks weit reichte. Zwar waren alle, die gekommen waren, natürlich stark mit der bevorstehenden Wahl beschäftigt, aber das war keineswegs ihr einziges Anliegen. Einige waren sogar aus dem Ausland angereist und sie alle waren hier, um bei einer »Chomsky-Veranstaltung« dabei zu sein – Letzteres eine der Bezeichnungen für die sehr besondere Art von breit angelegter öffentlicher Vorlesung und Konversation, die immer wieder stattfindet, wenn der bekannte Linguist und öffentliche Intellektuelle vor einem großen Publikum spricht. Die jüngeren Teilnehmer an der Veranstaltung setzten sich dann später auf ganz ähnliche Art mit Noam Chomsky auseinander, wie das ihre Großeltern schon fünfzig Jahre zuvor getan hatten, als er so viel zur öffentlichen Infragestellung der beständigen Eskalation der US-Intervention in Vietnam beitrug. Dabei gibt Chomsky meist, auf Basis leicht zugänglicher Quellen, in eloquenter, aber schlichter Prosa einen wohlstrukturierten Vortrag, dessen Argumente und Wortwahl für fast alle Zuhörer verständlich sind. Wenn die heutige Chomsky-Veranstaltung so wie sonst lief, würde es zweifellos einen langen Frage- und Antwortteil geben, in dem Noam sich mit den Fragen, Kommentaren oder Einwänden der Anwesenden auseinandersetzen würde. Dabei würden seine Antworten genauso ruhig, überlegt und konzentriert sein wie der Vortrag selbst – mit Ausnahme der Fragen, in denen er gebeten würde, über sich selbst zu sprechen. Auf diese würde er anders reagieren und sie entweder ignorieren, beiseite wischen oder geschickt umgehen. Aufgrund seiner zutiefst egalitären und demokratischen Einstellung scheint Chomsky solche Fragen unwichtig zu finden. Die Tatsachen und Argumente, die er im Dienst dessen vorträgt, was Menschen zu ihrer jeweiligen »Sache« gemacht haben, machen solche Fragen seiner Ansicht nach überflüssig.

Und die Sache, um die es im Oktober 2016 ging, unterschied sich beträchtlich von vielen anderen, über die Chomsky in all den Jahren zuvor gesprochen hatte. An diesem Abend sprach er nicht über diese oder jene Gräueltat oder Rechtsverletzung einer Supermacht. Stattdessen trug sein Vortrag den Titel »Internationalismus oder Untergang« und bezog sich nicht auf irgendeine besondere innen- oder außenpolitische Maßnahme oder Katastrophe, sondern auf die drohende Gefahr des Untergangs so gut wie aller Lebensformen auf der Erde. In der Stunde bis zu Beginn der Veranstaltung unterhielten sich die Teilnehmer leise und geduldig. Der Titel warnte schon vor dem dramatischen Thema, um das es gehen würde. Aber auch ein vorgebildetes Publikum kann schwerlich darauf vorbereitet sein, dass man es gleich dazu bringen wird, sich mit Entwicklungen auseinanderzusetzen, die zum endgültigen Aussterben der meisten Arten einschließlich der eigenen führen könnten. Darin ähnelte die Erfahrung des wartenden Publikums sicher der des Lesers des vorliegenden Bändchens, dessen Titel ja so bedrohlich ist, wie er überhaupt nur sein kann.

Aber genau das macht Botschaft und Herangehensweise Noam Chomskys aus: Komplexe Fakten und scheinbar übermächtige soziale Strukturen sind alle durch unsere Vernunft erfassbar. Ruhige Diskussion, der Austausch von Standpunkten, klar formulierte Argumente und Konzepte, schnörkellose historische Darstellungen, strategische Fragestellungen und kollektives Engagement, um die Verantwortlichen für die Zerstörung zu überzeugen, unter Druck zu setzen oder loszuwerden – das alles ist Teil dessen, was den nicht eigens erwähnten, implizit aktivistischen Zweck eines Vortrags von Chomsky ausmacht.

Dieses Buch geht auf besagte Chomsky-Veranstaltung zurück. Der Hauptteil (erstes Kapitel) gibt den ursprünglichen Vortrag wieder und ist zusätzlich mit Fußnoten versehen, die den Leser auf weitere Quellen hinweisen. Das zweite Kapitel geht auf ein nach dem Vortrag geführtes Gespräch mit dem engagierten Aktivisten Wallace Shawn zurück, der vielen besser als herausragender Dramatiker und Schauspieler bekannt ist. Vor dem Hintergrund seiner Freundschaft mit Noam, die in den 1980er-Jahren im sandinistischen Nicaragua begann, stellte Shawn einige Überlegungen zu Noams Vortrag an und bat ihn, etwas zu der ewigen, emblematischen Frage zu sagen: Wie überzeugen wir die Leute, die heute nicht hier sind, davon, dass sie etwas tun müssen?

Chomskys Antwort darauf war wahrscheinlich für das Publikum und vielleicht auch für Shawn selbst unbefriedigend. Er sprach dabei von verschiedenen Möglichkeiten zum Abschluss von Abrüstungsverträgen, von verschiedenen historischen Präzedenzfällen und von den Gründen für solche Verträge. Aber damit tat Chomsky die Frage keineswegs arrogant ab, sondern gab Shawn und dem Publikum eine Antwort, die man, wenn es denn überhaupt so etwas gibt, als das »Chomsky-Dogma« bezeichnen könnte: Wir überzeugen Menschen davon, sich zu engagieren und aktiv zu werden, indem wir ihnen die Fakten und Möglichkeiten aufzeigen. Und die von Chomsky erwähnten Verträge waren solche Möglichkeiten. Dafür, dass seine Zuhörer sich dann dafür entscheiden, das Richtige zu tun, gibt es natürlich keine Garantie. Aber die implizite Aussage ist dennoch, dass die Geschichte in unserer Hand ist und von unserer Kreativität abhängt – und von unseren Grenzen.

Im Lauf des auf das Gespräch mit Wallace Shawn folgenden und im dritten Kapitel wiedergegebenen Publikumsgesprächs tauchten wie bei jeder Chomsky-Veranstaltung immer wieder Varianten dieser Frage und der Antworten Noams auf. Während seine grundsätzliche Aussage dabei stets dieselbe bleibt, sind seine Antworten immer detailliert und sorgfältig mit Argumenten untermauert. Stets geht er auf die historische Besonderheit jedes Themas und die spezifischen Probleme ein, mit denen Menschen konfrontiert sind, die im jeweiligen Bereich etwas tun wollen. Kein Kampf, ganz gleich wie lokal oder beschränkt er auch sein mag, wird dabei als unwichtig abgetan. Die Herausforderung für Menschen, die etwas verändern wollen, besteht darin, herauszufinden, wie sich spezifische Kämpfe mit allgemeineren Kämpfen, besonders denen, denen die ganze Menschheit gegenübersteht, verbinden lassen.

Noams direkte, auf seinem Respekt für all die vielen lokalen Kämpfe basierende Antwort auf diese Frage findet sich explizit in seinem Nachwort in Kapitel vier. Sie besteht aus 2019 geschriebenen Anmerkungen zu Fragen der Herausgeber, mit denen er seine Analyse auf die Zeit nach den Wahlen von 2016 und die ersten zwei Jahre der Trump-Administration ausdehnt. Wie schon das dieser Einleitung vorangestellte Zitat klarmacht, soll mit dem Verweis auf die Gefahr des Untergangs auf keinen Fall die Bedeutung anderer, vielleicht unmittelbarerer Kämpfe bestritten werden. Allerdings müssen diese in das richtige Verhältnis zu dem breiteren, universalen Kampf um das Überleben der Menschheit und um Gerechtigkeit gebracht werden. Wir dürfen nicht erwarten, dass die Menschen auf ihre direkten Bedürfnisse verzichten oder ihre historischen Ansprüche aufgeben; stattdessen sollten diese Kämpfe mit dem Kampf gegen den Untergang der Menschheit verbunden und verwoben werden.

13:44 03.02.2021

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