Leseprobe : Vom Verschwinden des Spielraums

Diese Entwicklung mag der Gerechtigkeit und Transparenz dienen – doch sie hat ihren Preis. Hartmut Rosa zeigt, wie schwindende Ermessensspielräume Ohnmacht erzeugen und unsere Handlungsenergie lähmen. Was hilft gegen den kollektiven Energieverlust?

Der Blick auf den Bildschirm ersetzt das eigene Urteil: Ein Schiedsrichter überprüft seine Entscheidung per VAR

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Situation und Konstellation

Situation und Konstellation

Hartmut Rosa

Hardcover, gebunden

247 Seiten

25 €

In Kooperation mit Suhrkamp Verlag 2025

Situation und Konstellation

Einleitung: Vom Handeln zum Vollziehen – Worum es geht

Ein elfjähriges Mädchen stürmt in die Filiale einer hippen Fast-Food-Kette. Lange schon hat sie ihr Taschengeld gespart. Heute kann sie sich endlich auch einmal einen dieser bei ihren Schulkameraden so beliebten Hyper-Burger kaufen! Erwartungsfroh gibt sie ihre Bestellung auf – und nimmt wenig später mit leuchtenden Augen das heiß ersehnte Stück entgegen. Doch wie es das Unglück will, fällt ihr der Burger beim Auswickeln, das gar nicht so einfach ist, gleich auf den Boden und wird von einem Stiefel zermatscht. Das Mädchen ist geschockt, dann beginnt es zu weinen. Der Angestellte, der sie bedient und die Szene beobachtet hat, ist betroffen. Er will etwas tun, will eingreifen, den Kummer lindern. Hier, Kleine, ich gebe dir einen neuen! Das Mädchen hört auf zu weinen, wirft dem Mann einen ungläubigen Blick zu, greift dann scheu nach dem neuen Burger, strahlt übers ganze Gesicht, lächelt ihn glücklich an und stürmt davon. In diesem Moment fühlt sich der Angestellte lebendig, wie ein handelndes Wesen. Es ist der Höhepunkt seines ansonsten gleichförmigen Tages; die Tat, an die er sich am Abend erinnern wird. Nur leider: Sie ist so gut wie verboten. So etwas gibt es kaum mehr – strikte neue Vorschrift. Und Vorschrift ist Vorschrift. Gleichbehandlung für alle. Keine Ausnahmen für niemand. Schutzrichtlinien gegen Korruption und Missbrauch. Könnte ja jeder kommen. Alles automatisiert. Das Mädchen kann aber gerne eine E-Mail an den Kundenservice schreiben. Vielleicht erhält sie dann einen Gratisgutschein. – In dieser sozialen Realität erfährt sich der Angestellte als ebenso ohnmächtig wie das Mädchen, als handlungsunfähig: Er vollzieht nur, was sein Chef, das Recht und die digitalen Algorithmen ihm vorgeben. Er hat keinen Spielraum.

Eine ganz andere Situation: 33. Spieltag in der Fußballbundesliga der Herren, Saison 2022/2023. Der SC Freiburg trifft im letzten Heimspiel der Saison auf den VFL Wolfsburg. In der 70. Minute wird es emotional im Europa-Park-Stadion: Nils Petersen, eine Legende im Breisgau, der mit unzähligen Joker-Toren dem SC ein ums andere Mal wertvolle Spiele gerettet hat und von den Fans als Mensch und als sportliches Vorbild geradezu verehrt wird, kommt nach langer Pause zu seinem allerletzten Einsatz; er wird eingewechselt. Sprechchöre in der Fankurve. »Niemand ist größer als der Verein, aber Du warst verdammt nahe dran« haben die Fans auf ein riesiges Banner geschrieben. Und das Wunder geschieht: Petersen trifft! Fünf Minuten nach seiner Einwechslung! Kurz vor dem Spielende sogar ein zweites Mal: Ein Traumtor, per Kopf in den Winkel. Das Stadion im Freudentaumel. Sogar Christian Streich, der Trainer, hat Tränen in den Augen. Es scheint wie das perfekte, unfassbare, geradezu wundersame Märchenende einer großartigen Sportlerkarriere. Das Stadion ist dicht an einer kollektiven Ekstase. Niemand protestiert. Das Spiel ist ohnehin entschieden, für Wolfsburg geht es um nichts mehr; die Saison ist gelaufen. Da meldet sich der Kölner Videokeller: Der Video-Assistant Referee (VAR) konstatiert, dass es lange vor Petersens Tor eine kleine Berührung zwischen zwei Spielern im Mittelfeld gegeben hat, die nach akribischer Analyse der Bilder als Foul gewertet werden muss. Das Tor wird aberkannt. Selbst die Wolfsburger sind betroffen. Der Schiedsrichter kann nicht anders, als das Tor zurückzunehmen. Ende der Ekstase. Mit einem Schlag erfahren sich Fans, Stürmer, Spieler und Schiedsrichter als – genau: ohnmächtig. Sie haben keinen Urteils- und keinen Handlungsspielraum. Genau genommen spielen sie alle keine Rolle mehr: Sie können nur vollziehen beziehungsweise nachvollziehen, was die Regeln – oder die Gerechtigkeit? – verlangen.

Eine dritte Situation: Auf einer Tagung im dänischen Aarhus diskutieren Sozialwissenschaftlerinnen im Jahr 2024 die massiven Probleme, vor denen obdachlose Menschen in dänischen Großstädten stehen, wenn sie Hilfe auch nur beantragen wollen. In Dänemark ist die Digitalisierung sehr weit vorangeschritten; viele Dienste sind nur noch digital abrufbar, und oftmals erfordert die Authentifizierung dafür die Eingabe von Nummern und Codes, etwa des Personalausweises, der Bankkarte, der Sozialversicherungsnummer oder der E-Mail- oder Wohnadresse. Kurzum: von Zahlen und Daten, über die auf der Straße lebende Menschen oft nicht verfügen. Nach Auswertung von Bild- und Tonmaterial, das Interaktionssituationen zwischen Hilfesuchenden und den Angestellten in den Servicecentern zeigt, wundern sich die Wissenschaftlerinnen – allerdings nicht so sehr darüber, dass Erstere oftmals abgewiesen werden mussten, obwohl sie hilfeberechtigt waren, weil die entsprechenden Daten und Nachweise fehlten. Größeres Erstaunen ruft vielmehr die Tatsache hervor, dass die Serviceleistenden sich dabei auffallend unfreundlich, ja geradezu aggressiv gegenüber denjenigen verhielten, denen sie doch helfen wollten. Meines Erachtens ist dies jedoch überhaupt nicht verwunderlich. Die Angestellten fühlten sich in diesen Situationen selbst hilflos – sie konnten nichts tun. Der Computer verlangte eine Nummer, die sie nicht nur nicht eingeben, sondern auch nicht besorgen konnten. Sie empfanden ihre Unfähigkeit, gerechtfertigte und gebotene Hilfe zu leisten, als extrem belastend und degradierend und agierten ihre Frustration dann gegenüber den Hilfesuchenden aus. Hier wie auch in den zwei zuvor geschilderten Fällen haben wir es mit Interaktionssituationen zu tun, die alle Beteiligten frustriert und ohnmächtig zurücklassen.

Das sind nur drei willkürlich gewählte Beispiele für ein Phänomen beziehungsweise ein Problem, dem ich in diesem Buch nachgehen will. Auf den folgenden Seiten werden wir noch auf zahlreiche andere Kontexte und Situationen stoßen, in denen es sich wiederholt. Das Grundproblem besteht darin, dass die spätmoderne Gesellschaft in immer mehr Bereichen des sozialen Lebens aus handelnden Akteuren, die komplexe Situationen auf der Grundlage ihrer Erfahrung interpretieren und nach moralischen und auch ästhetischen Maßstäben beurteilen, reine Vollziehendemacht, die einem Protokoll folgen oder sich von Vorschriften und Algorithmen leiten lassen, welche gegenüber ihren Situationsdeutungen und moralischen Urteilen immun sind. Eine Kernthese des Buches lautet daher, dass wir in zunehmendem Maße von Handelnden zu Vollziehenden (gemacht) werden oder vielmehr: dass wir uns selbst dazu machen. Das gilt etwa für einen Zugschaffner, der keine Fahrkarten mehr verkaufen darf, sondern Strafgebühren im Zug erheben muss (Sie können sich aber per E-Mail an den Kundenservice wenden), für die Lehrerin, die Noten nicht zur Ermutigung vergeben kann, für die Ärztin, die Bildschirme statt Patienten behandelt, und, wie wir gesehen haben, sogar für den Schiedsrichter im Profifußball, der nicht mehr auf »gleiche Höhe« entscheiden kann, sondern beim Abseits auf die Millimeterentscheidung des VAR warten muss.

Während Handeln bedeutet, in einem komplexen und oft vieldeutigen Interaktionsgeschehen über Spielräume zu verfügen, welche den Einsatz von Urteilskraft verlangen, die wiederum auf Erfahrung beruht, meint Vollziehen das Ausführen von Regeln, das Befolgen von Vorgaben oder das Umsetzen von Entscheidungen, die andernorts (und immer öfter auf algorithmische Weise) getroffen wurden. Handelnde befinden sich gleichsam in einer Situation, sie partizipieren daran, sie prägen und definieren sie mit und verändern sie fortwährend, während Vollziehende sich als einer weitgehend fremdbestimmten Konstellation gegenüber gestellt erfahren. Sie erleben sich eher wie Beobachter oder Bearbeiter eines Sachverhalts denn als wirkliche Akteure. Phänomenal nachvollziehen lässt sich diese Differenz an der subtilen Veränderung der Wahrnehmung, wenn wir an einem Ereignis (vielleicht der Schulabschlussfeier der Tochter oder der Hochzeit des Freundes) teilhaben und dabei zum Fotoapparat greifen. Schon in dem Moment, in dem uns die Kamera in den Sinn kommt, treten wir gleichsam aus der Situation heraus und betrachten die festliche Konstellation vor uns wie von außen.

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