Warum der Osten ungleich bleibt

Leseprobe Die Diskussion über Ostdeutschland und das Verhältnis zwischen Ost und West flammt immer wieder auf. Sei es anlässlich runder Jubiläen, sei es nach Protesten. Und dennoch gibt es in dieser Debatte keine Verständnisfortschritte...
11. November 1989 in Berlin: Zahllose Ostberliner*innen strömten zum Mauerfall in Richtung Brandenburger Tor
11. November 1989 in Berlin: Zahllose Ostberliner*innen strömten zum Mauerfall in Richtung Brandenburger Tor

Foto: GERARD MALIE/AFP via Getty Images

Einleitung

Der Diskurs über Ostdeutschland ist kompliziert und dreht sich im Kreis. Auch die großen Jubiläen zum 30. Jahrestag der friedlichen Revolution und ein Jahr später der Wiedervereinigung haben wenig an diesem Zustand geändert. Dabei gibt es geradezu einen Überbietungswettbewerb darin, Ostdeutschland oder die Ostdeutschen auf einen Begriff zu bringen: Sie hätten den »inneren Hitler« (und die »Doppeldiktatur«) nicht überwunden, [1“ sie seien ein notorisch »unzufriedenes Volk«, [2] das sich in der Opferpose gefalle. Zu ihrer Verteidigung wiederum wird angeführt, man müsse sie als »Unterschätzte«[3] oder gar als Unterlegene und Übersehene in einer westdeutschen Dominanzgesellschaft begreifen, die um Anerkennung kämpften. [4] Dann gibt es Stimmen, laut denen es an der Zeit sei für eine »neue Geschichte der DDR«, die über die Diktaturerzählung hinausgehe und auch die guten Seiten des Lebens vor 1989 zum Vorschein bringe. [5] Angela Merkel wiederum hat sich bei einer ihrer letzten großen Reden als Bundeskanzlerin vehement dagegen verwehrt, dass ihre DDR-Biografie als »Ballast« angesehen werde und sie manchen »nur« als »angelernte Bundesdeutsche« und »angelernte Europäerin« gelte.[6] Von anderen hört man im Brustton der Überzeugung, der Osten sei eine bloße Erfindung des Westens, geschickt eingesetzt, um die Ostdeutschen kleinzuhalten und sich selbst zu erhöhen. [7] Und schlussendlich sind da jene, die sich nicht zurückhalten können, bei Aschermittwochsreden ostdeutsche Biografien zu verunglimpfen [8] oder in privaten Chats die »Ossis« als »entweder Kommunisten oder Faschisten« zu beschimpfen. [9]

Ja, was denn nun? Die Verwirrung bleibt, wobei viele dieser Thesen und Aussagen als Aufreger gut zu funktionieren scheinen. Der Journalist Cornelius Pollmer beschrieb die Ostdeutschland-Diskurse einmal humorig als »Los Wochos in Lostdeutschland«: »So läuft es immer. Jemand äußert etwas über den Osten, dann gibt es eine ›Debatte‹, am Ende sind alle Diskurfexe müde und kommen sich noch spanischer vor als sonst.« Danach passiere »eine Weile zu einhundert Prozent nichts. Dann geht es wieder von vorne los«. [10]

Das Sprechen über Ostdeutschland ist jedenfalls bis heute von Vorwürfen, Unsicherheit und Missverstehen geprägt: Auf mediale Kollektivschelte an den Ostdeutschen folgt Trotzreaktion, Kritik am Einigungsprozess wird mit dem Hinweis auf die Alternativlosigkeit der Entscheidungen und Maßnahmen retourniert. Die Lasten im Osten werden mit den Kosten im Westen verrechnet, Erfahrungen biografischer Deklassierung führen zu Forderungen nach der Anerkennung von Lebensleistungen. Die einen fühlen sich kolonialisiert, die anderen ausgenutzt und reden vom undankbaren Osten. Auch deshalb haben sich viele Wohlmeinende aus diesen Diskussionen verabschiedet. Auf westdeutscher Seite hat sich eine gewisse Genervtheit eingeschlichen.

Im Osten hingegen ist der Eindruck weit verbreitet, der Westen dominiere den Blick und zeichne ein allzu negatives Bild, etwa dass die Ostdeutschen »rückständig und nicht reif für die Demokratie« seien. [11] Bei vielen Ostdeutschen stößt es auf Unmut, wenn ihnen immer wieder neue Kollektiveigenschaften zugeschrieben werden, die sie zu »Anderen« machen. Auch die retrospektive Bewertung der DDR fällt im Osten oft anders aus. Die Begriffe »Diktatur« und »Unrechtsstaat« sind zwar nicht mehr so umstritten wie noch vor zwanzig Jahren, dennoch sind Erinnerungskonflikte an der Tagesordnung. Wie die DDR geschichtspolitisch eingeordnet werden soll, ist nach wie vor eine heiß debattierte Frage. Schließlich werden die Einheit und die Transformation je nach Standort unterschiedlich beurteilt. Die Treuhand beispielsweise hat im Osten immer noch das Image einer rücksichtslos zerstörerischen Institution, aus westdeutscher Perspektive war sie ein notwendiges Übel. Viele Probleme, die aus ostdeutscher Sicht auf der Hand liegen, werden im Westen nur bedingt gesehen. Dort klammert man sich an die Freiheitserzählung und das Narrativ des erfolgreichen Zusammenwachsens, hat wenig übrig für die sozialen Narben und kulturellen Entwertungen, die viele Ostdeutsche bis heute beklagen. Manche Beobachter sprechen angesichts dessen gar von »Unaufrichtigkeiten in der Kommunikation der Vereinigungsgesellschaft«, [12] die zur Herausbildung zweier unterschiedlicher Deutungskulturen geführt hätten, oder, bezogen auf die Gegenwart, von einer »neuen Entfremdung«. [13]

Dieses kleine Buch ist ein Versuch, in dieser komplizierten Diskussionslage für etwas Übersicht zu sorgen. Denn: Wer in der Ost-West-Debatte mit Schuldbegriffen operiert, ist schon auf dem Holzweg. Zudem sollte man küchenpsychologische Erklärungen vermeiden, die sich an populären Mythen zu bestimmten Gruppeneigenschaften abarbeiten oder Alltagshypothesen mit der Realität verwechseln. Wir haben es schließlich mit gesellschaftlichen Formationen und historischen Prozessen zu tun, die auf relativ komplexe Ursachenbündel zurückzuführen sind. Ich möchte das Thema Ostdeutschland aus der dünkelhaften und selbstgewissen Ecke herausholen, in Ost wie in West. Ich frage danach, warum sich in der Vereinigungsgesellschaft so viele Missverständnisse und Dissonanzen angehäuft haben und woher die ostwestdeutschen Verwerfungen rühren. Müsste die Einheit nicht längst vollendet und das Alte überwunden sein? Warum dauern die Anpassungsfriktionen weiterhin an? Wieso unterscheiden wir überhaupt noch nach Ost und West, wo es doch zugleich immer schwieriger wird, Menschen eindeutig zuzuordnen?

Das Buch geht von dem Befund aus, dass sich die ursprüngliche Erwartung einer Angleichung oder Anverwandlung des Ostens an den Westen im Lichte jüngerer Entwicklungen als Schimäre erweist. Auch das Bild von den Ostdeutschen, die nun endlich mal »ankommen« müssten, ist schief. Am »Ende der Nachahmungsphase« [14] ist der Osten nicht verschwunden, sondern immer noch erkennbar. Die politische Einheitlichkeitsfiktion wird zwar bis heute propagiert, sie verstellt aber den Blick auf sich festsetzende Unterschiede. Aus dieser Perspektive, die den Westen zur Norm macht, begreift man den Osten vor allem als Abweichung, nicht in seinen Eigenheiten. Trotz der vielen Einheitserfolge lässt sich ein Fortbestand zweier Teilgesellschaften beobachten, die zwar zusammengewachsen und in vielerlei Hinsicht konvergiert sind, aber in ihren Konturen noch immer deutlich hervortreten. Natürlich gibt es zahlreiche Probleme, die quer zur Ost-West-Thematik liegen, und im Osten eine große regionale und soziale Heterogenität, aber zugleich eine ganze Reihe von Gemeinsamkeiten, die die ostdeutschen Bundesländer charakterisieren. Ost und West sind mehr als zwei Himmelsrichtungen, wenn man auf soziale Strukturen, Mentalitäten und politische Bewusstseinsformen schaut. Auch in der Einheit kann Unterschiedliches fortbestehen.

Ich möchte zunächst zeigen, wie ein Bündel an sozialstrukturellen, demografischen und politisch-kulturellen Gegebenheiten weiterwirkt und wie historische Weichenstellungen spätere Entwicklungen geprägt haben. Diese Sichtweise hilft uns, Phänomene einzuordnen, die immer wieder für Stirnrunzeln sorgen, beispielsweise den Umstand, dass die Auseinandersetzung mit der DDR als Diktatur oft auf der Strecke bleibt, oder die Aufladung einer ostdeutschen Identität gerade auch unter jungen Menschen. Ich begebe mich also auf die Spurensuche nach vergangenen Wegmarken, die für die politische Kultur im Osten bis heute relevant sind. Mich interessiert: Wo sehen wir bleibende Unterschiede und worauf sind sie zurückzuführen? Was macht sie aus und was bedeuten sie für das innerdeutsche Miteinander?

Die These, dass der Osten dauerhaft anders bleiben wird, beinhaltet die Einsicht, dass wir uns an manche Gegebenheiten gewöhnen werden müssen – sie werden sich normalisieren und irgendwann als regionale Eigenheiten gelten. Sie beinhaltet aber auch, dass manche durchaus problematische Tendenzen nicht auf ein Angleichungsdefizit oder einen Rückstand zurückgeführt werden können, sondern dass es einen eigenen ostdeutschen Entwicklungspfad gibt. Gerade weil die lange Transformationsphase beendet ist, erkennen wir jetzt deutlicher als zuvor, wie ungleich Ost und West noch immer sind und dass sie es auf absehbare Zeit auch bleiben werden. Es gibt eine Verfestigung grundlegender kultureller und sozialer Formen. Das zeigt sich bei der Sozialstruktur, bei Identitäten und in der politischen Kultur. Erst wenn man diese unterschiedliche Verfasstheit (an)erkennt, kann man politisch angemessen agieren und nach neuen Lösungen suchen.

Mit dieser Perspektive setze ich mich bewusst von der recht einseitigen Behauptung ab, die Ostdeutschen würden durch den Westen »erzeugt«, seien zuallererst ein Produkt einer westdeutschen Zuschreibungsund Kleinmachpolitik. [15] Gewiss, Fragen der »diskursiven Missachtung«[16] sind nicht irrelevant, aber als Mastererklärung für die Entwicklungen im Osten kommen sie nicht in Betracht. Wir müssen die Tiefenstrukturen betrachten, wollen wir genauer verstehen, »was los ist« und was die ostdeutsche Gesellschaft umtreibt.

Natürlich birgt diese Herangehensweise auch ein Risiko. Spricht man von dem Osten im Singular, konterkariert man ein Stück weit die Versuche, ein eingefahrenes Ostbild aufzulösen und diesen Landesteil gerade in seiner Vielfältigkeit sichtbar zu machen. Die entsprechenden Bemühungen laufen jedoch ihrerseits Gefahr, die nach wie vor vorhandenen und sich verfestigenden Differenzen zu verdecken. Am Ende gilt eben beides zugleich: Die innere Diversität Ostdeutschlands ist größer als oft vermittelt; Ost und West unterscheiden sich weiterhin, und diese Diskrepanzen dürfen nicht einfach weggewischt werden. In diesem Sinne ist dieser durch bestimmte Eigenheiten geprägte Osten längst Teil der bundesdeutschen Normalität – mit seinen problematischen, aber auch mit seinen bereichernden Aspekten.

In einem Jahr mit drei ostdeutschen Landtagswahlen, aus denen die Alternative für Deutschland jeweils als stärkste Partei hervorgehen könnte, ist der Bedarf an gesellschaftlicher Selbstaufklärung besonders groß.Warum erfreuen sich die Rechtspopulisten eines solchen Zuspruchs, welche Faktoren haben ihren Aufstieg begünstigt? Die Gründe für die Erfolge der AfD im Osten sind schon vielfach und genau untersucht worden. [17] Die Partei ist aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt weder ein rein ostdeutsches Phänomen noch kommt man allein durch ihre Analyse sehr weit, will man die politischen Dynamiken in den östlichen Bundesländern insgesamt verstehen. Letztlich ist das Thema breiter: Welche besonderen Konfliktlagen und Anfechtungen der Demokratie gibt es in Ostdeutschland und wie lassen sie sich erklären?

Das vorliegende Buch liefert keinen neuen historischen Abriss der DDR und auch keine ganz andere Wiedervereinigungsund Transformationsgeschichte. Es versucht sich stattdessen an einer Analyse bestimmter Konfliktund Problemlagen. Ausgehend von einer skizzenhaften Beschreibung der Gegenwart der deutschen Einheit stelle ich der ursprünglichen Angleichungserwartung die These sich verstetigender Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland entgegen. Im Folgenden buchstabiere ich diese These aus, indem ich neben Sozialstruktur und Demografie vor allem Fragen der Demokratie, der Geschichtspolitik und der ostdeutschen Identität behandle. Vor diesem Hintergrund benenne ich aktuelle Probleme, die ohne Rückgriff auf politische und kulturelle Eigenlogiken kaum hinreichend verstanden werden können.

Angesichts der wenig hoffnungsvollen Perspektive des »Weiter so« präsentiere ich schließlich den durchaus riskanten Vorschlag, in Ostdeutschland mit neuen Formen der Demokratie zu experimentieren und nach Wegen zu suchen, Menschen in den politischen Prozess zurückzuholen und Partizipationschancen auszuweiten. Kern ist dabei ein Plädoyer für erweiterte Möglichkeiten des basisdemokratischen Mitmachens, wie sie etwa in Bürgerräten erprobt werden. Ohne eine Revitalisierung der Demokratie und allein durch das Wirken von Parteien und Parlamenten, so befürchte ich, könnte Ostdeutschland immer weiter auf eine gefährliche Rutschbahn geraten, an deren Ende möglicherweise das sukzessive Einrücken der AfD in die Landesregierungen stehen wird – und damit eine noch tiefere Einwurzelung einer Kultur des Ressentiments.

Für Leser des Buches Triggerpunkte [18] von Thomas Lux, Linus Westheuser und mir ein einordnender Hinweis: Ursprünglich hatten wir geplant, die Ost-West-Thematik als gruppenbezogene Ungleichheit in der Wir-Sie-Arena mitzuverhandeln, in der wir verschiedene Arten identitätspolitischer Anerkennungskonflikte zusammenfassen. In dieser Arena geht es weniger um die Verteilung ökonomischer Güter als vielmehr um Abwertung und Marginalisierung aufgrund zugeschriebener Merkmale wie Herkunft, Hautfarbe oder sexueller Orientierung. Es hat sich jedoch gezeigt, dass der Konflikt Ost-West eine eigenständige Lagerung aufweist und mehr historische Vertiefung benötigt, zumal hier strukturelle Ungleichheitsfragen mit kulturellen Anerkennungsfragen zusammengehen. Insofern kann man das vorliegende Buch als Versuch eines Nachschubs lesen, allerdings mit anderen inhaltlichen Ambitionen und anders in Form und Struktur. Es ist eine kleine politische Schrift zu Gesellschaft, Politik und Demokratie in Ostdeutschland.

10.06.2024, 15:52

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