Blick in die Zukunft

Leseprobe Angesichts von Pandemien, Klimawandel und Wirtschaftskrisen sieht unsere Zukunft düster aus – oder? Archäologe R. Kelly sagt ganz entschieden: nein! Und vertraut auf die Tatsache, dass sich Menschen von Anbeginn als gute Problemlöser bewährt haben
Blick in die Zukunft
Fotografie aus der Wallace Art Collection, London, zu Zeiten der Covid-19-Pandemie: Social-Distancing-Schilder

Foto: Leon Neal/Getty Images

Vorwort

Als Archäologe bin ich am liebsten draußen unterwegs. Ich liebe es, in den Bergen nach neuen Fundorten zu suchen oder in der Erde nach Knochensplittern und zerbrochenen Pfeilspitzen zu graben. Genau das habe ich die letzten 43 Jahre getan, und ich freue mich immer noch jedes Jahr darauf, im Sommer wieder »im Feld« zu sein. Wie die meisten Archäologen habe ich mich der Archäologie verschrieben, weil ich mich gerne schmutzig mache, in der sengenden Sonne durch Ausgrabungsstätten krieche, in eisigen Gebirgsbächen bade oder im strömenden Regen einen Standort kartografiere. Und wie die meisten Archäologen habe ich mich der Archäologie verschrieben, weil ich tief in mir das Bedürfnis spüre, die Geschichte der Menschheit zu verstehen. Wenn Sie einen Archäologen fragen, warum er sich für seinen Beruf entschieden hat, so wird er Ihnen erzählen, dass er sich mit der Vergangenheit beschäftigt, um etwas über die Zukunft zu erfahren. Für die meisten von uns ist das leider wenig mehr als ein Lippenbekenntnis. Ich habe beschlossen, das zu ändern; das Ergebnis ist das Buch, das Sie in der Hand halten. Ich habe nicht vor, anhand der Urund Frühgeschichte Vorhersagen über die Zukunft zu treffen, zu prophezeien, was kommen wird, um der Zeit voraus zu sein. Stattdessen möchte ich die Vergangenheit verstehen, um die Zukunft mitzugestalten. Ich glaube, es hat etwas damit zu tun, dass ich Vater geworden bin. Ich mache mir Sorgen um die Welt, in der meine Söhne einmal leben werden. Aber ich bin kein Politiker und werde auch niemals einer sein, also werde ich die Zukunft nicht mitgestalten können, indem ich für ein politisches Amt kandidiere. Ich verfüge auch nicht über die finanziellen Mittel, um viel für wohltätige Zwecke zu spenden. Und ich bin kein Ökonom, der Tipps auf Lager hat, wie man die Wirtschaft so strukturieren kann, dass die Menschen am unteren Ende der Skala nicht leiden müssen. Nein, ich bin nur ein Archäologe. Also nutze ich das Feld, in dem ich mich auskenne, die Ur- und Frühgeschichte, um die Welt für künftige Generationen ein wenig besser zu machen. Dieses Buch ist mein kleiner Beitrag dazu.

Die letzten Sätze werden vielen albern, ja geradezu naiv vorkommen. Naiv waren auch die Menschen zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die überzeugt waren, dass sich die Welt endlich am Rande des Weltfriedens befand. Dann kam der Erste Weltkrieg. »Geschieht uns recht«, werden manche Leute damals gedacht haben, »wir wurden unvorsichtig, und dafür bekamen wir Panzer und Giftgas.« Mit unserer Einstellung gegenüber der Zukunft ist es seitdem stetig bergab gegangen. Mitunter scheint es, als gäbe es keinen Anlass mehr für Hoffnung. Aber ich entscheide mich aktiv für die Hoffnung, denn wenn ich das nicht tue – wenn wir das nicht tun –, dann geht die Welt mit Sicherheit zugrunde. Dabei bin ich eigentlich gar kein optimistischer Mensch, dazu bin ich viel zu praktisch veranlagt. Aber gerade deshalb habe ich mich für eine Haltung entschieden, die zu dem Ergebnis führen wird, das wir alle anstreben.
Außerdem habe ich mich dafür entschieden, dieses Buch kurz zu halten und hier und da etwas Humor einzustreuen. Es ist nicht so, dass ich die Urund Frühgeschichte nicht ernst nehme, ganz zu schweigen von der Zukunft dieser Welt. In der Tat, gerade weil ich beides ernst nehme, wollte ich ein Buch schreiben, das die Leute auch lesen könnten. Falls Sie eine lange, düstere Aufzählung aller schlimmen Dinge suchen, die uns in den kommenden Jahren erwarten, so gibt es zahlreiche andere Bücher, in denen Sie fündig werden. Ich will mich darauf konzentrieren, was die Menschheit richtig machen kann, und nicht auf ihre möglichen Fehltritte. Manche meiner Kollegen werden mir vorwerfen, ich hätte bei meiner Darstellung der Ur- und Frühgeschichte nicht alle Details und nicht alle alternativen Perspektiven berücksichtigt. Ich möchte sie dafür schon im Voraus um Entschuldigung bitten, aber ich kann die Menschheitsgeschichte nur so erzählen, wie sie sich für mich darstellt. Und ich konzentriere mich dabei auf das große Ganze, denn ich bin überzeugt, dass das – der Blick auf das große Ganze – der wichtigste Beitrag ist, den die Archäologie zu leisten vermag.

Der Startschuss für dieses Buch war eine Einladung der Washington State University im Jahr 2007, am dortigen Department of Anthropology einen Vortrag zu halten. Ich bewundere noch immer die Geduld der Zuhörerschaft, die damals meine ersten, noch unausgegorenen Gedanken zu diesem Thema ertragen musste. Ich entwickelte diese Gedanken in weiteren Vorträgen an Universitäten in Arizona, Colorado, Nevada und Wyoming weiter. Ich bin dankbar, dass sie mir anhand dieser Vorträge die Chance gaben, weiter über dieses Thema nachzudenken. Mit der Arbeit an diesem Buch begann ich im Herbst 2012, im Rahmen eines Forschungsaufenthalts am St. John’s Colèse an der University of Cambridge. Ich danke St. John’s für das Büro, dass man mir damals zur Verfügung stellte (vor allem für den schönen Blick auf den Garten). Ich danke Robert Hinde und meinem alten Freund Nick James für viele anregende Gespräche. Ferner danke ich James Ahern, Mark Heinz, Stephen Lekson, Lin Poyer, Rachel Reckin, Torben Rick, Lynne Schepartz und Carla Sinopoli für ihre Anmerkungen zu früheren Fassungen; Lenore Hart, die mir half, einen Werbetext für mein Projekt zu verfassen; Reed Malcolm, meinem Redakteur bei der University of California Press, dafür, dass er dem Buch eine Chance gegeben hat, und der Lektorin Barbara Armentrout. Außerdem danke ich meinen Kolleginnen und Kollegen, die mir in den Jahren, während derer ich an dem Manuskript arbeitete, so viele Fragen beantwortet haben; es sind zu viele, um sie hier einzeln aufzulisten. Sämtliche Fehler im Text sind selbstverständlich allein mir anzulasten.
Im Rahmen meiner Karriere als Archäologe durfte ich um die ganze Welt reisen. Diese Reisen sorgten dafür, dass ich mir eine ganz bestimmte Sicht der Dinge angeeignet habe; eine Sicht der Dinge, die für die Fertigstellung dieses Buches von entscheidender Bedeutung war. Und ich hätte diese Reisen niemals unternommen und auch dieses Buch niemals geschrieben, hätte ich nicht Lin Poyer an meiner Seite – Freundin, Vertraute, Kritikerin und Ehefrau. Ich danke dir. Wohin soll die nächste Reise gehen?

Robert L. Kelly Laramie, Wyoming

Kapitel 1

Das Ende der Welt, wie wir sie kennen

»Mein Vater«, sagte die alte Dame leise, »wurde noch als Sklave geboren.« In den Achtzigern, als ich an der University of Louisville Anthropologie lehrte, hielt ich eine Vorlesung, bei der ich anhand archäologischer Erkenntnisse einen Blick in die Zukunft wagte. Ich versuchte, betont optimistisch zu sein, und dachte, mir wäre das auch gelungen – bis ein Student in der vorderen Reihe die Hand hob und in missmutigem Tonfall sagte: »Alles ist so, wie es schon immer war, nichts wird sich je ändern.« Ich rang um eine Antwort, bis eine alte schwarze Frau mir zu Hilfe kam. Ich kannte sie, weil sie häufig nach dem Unterricht noch auf einen kleinen Plausch im Hörsaal blieb. Ich wusste, dass sie Jahrgang 1905 war, dass sie als junger Mensch keine Chance auf eine höhere Bildung gehabt hatte und dass sie sich später erst einmal darum gekümmert hatte, dass ihre Kinder und Enkelkinder eine gute Ausbildung erhielten, bevor sie fand, es sei an der Zeit, selbst noch einmal die Schulbank zu drücken. Dennoch wusste ich nicht alles über sie. Als sie sprach, drehten sich die Studentinnen und Studenten um und schauten die Frau an, als sähen sie sie zum ersten Mal. Sie hatten noch nie jemanden kennengelernt, der der abscheulichen Einrichtung der Sklaverei so nah gewesen war. Sie erzählte, ihr Vater sei kurz vor der Emanzipationsproklamation geboren worden und habe spät geheiratet. Er war Zeitzeuge der Wiedereingliederung der Südstaaten in die Union gewesen, und sie hatte die Jim-Crow-Ära, die Lynchmorde des KuKlux-Klans und die Bürgerrechtsbewegung miterlebt. »Es kann sich durchaus etwas ändern«, schloss sie. Der pessimistische Student tat ihre Worte mit einer kurzen Handbewegung ab. Das war zwar unhöflich, aber es sollte wohl weniger Geringschätzigkeit ausdrücken als vielmehr Resignation. Sie haben wahrscheinlich schon mal den Spruch gehört, dass das Licht am Ende des Tunnels auch ein entgegenkommender Zug sein kann. Viele Menschen nehmen genau so die Zukunft wahr – als Lokomotive, die auf sie zurast, und sie haben keine Zeit mehr, von den Gleisen zu springen. So ganz von der Hand zu weisen ist das ja auch nicht. Der Klimawandel, die Schere zwischen Arm und Reich, übervölkerte Großstädte, globale Umweltzerstörung, Terrorismus, korrupte politische Systeme, Amokläufe an Schulen, Gräueltaten im Namen der Religion – all das lässt wenig Raum für Hoffnung. Viele Menschen halten schon heute ihr Leben für eine nie enden wollende Episode von The Walking Dead. An jeder Ecke lauern Zombies.
Dass es trotz allem Anlass zur Hoffnung gibt, erklärt uns der Ökonom Herbert Stein mit seinem berühmten »Gesetz«: Wenn etwas nicht ewig so weitergehen kann, dann tut es das auch nicht. Als Archäologe kenne ich zahlreiche Belege für die Richtigkeit von Steins Gesetz. Ein kurzer Blick auf die Vor- und Frühgeschichte reicht, um festzustellen, wie sehr sich unsere Vergangenheit von der Gegenwart unterschied. Vor 15 000 Jahren waren alle Menschen Jäger und Sammler. Heute fast keiner mehr. Selbst Bauern gibt es kaum noch. Nur ein winziger Bruchteil der Weltbevölkerung ist direkt an der Nahrungsmittelproduktion beteiligt. Unsere Vorfahren in der Steinzeit hätten sich so ausgeklügelte Technologien und eine dermaßen globalisierte Wirtschaft wie die unsere nicht einmal im Ansatz vorstellen können. Jawohl, die Dinge ändern sich. Sie sagen nun sicherlich: »Na gut, wie es damals war, ist es natürlich heute nicht mehr. Aber vielleicht bleibt in Zukunft alles so, wie es jetzt ist. Vielleicht haben wir das Ende der Geschichte erreicht.« Das kann natürlich sein, aber ich bezweifle es. Ich bezweifle es, weil das Wissen darum, weshalb sich die Menschheit in der Vergangenheit verändert hat, uns hilft zu verstehen, warum unsere Zukunft anders sein wird als unsere Gegenwart. Mein Verständnis der Vorund Frühgeschichte lässt mich zu dem Schluss kommen, dass uns schon in naher Zukunft radikale Veränderungen erwarten – von der Technologie über die Politik bis hin zur internationalen Ordnung. Und auch die Menschheit als solche wird sich verändern. An dieser Stelle wird wohl der eine oder andere sagen: »Natürlich wird sich alles verändern: Wir steuern unweigerlich auf die Katastrophe zu!« Ich kann diese Möglichkeit selbstverständlich nicht ausschließen, aber ich glaube kaum, dass dies die Lehre ist, die man aus sechs Millionen Jahren menschlicher Evolution ziehen sollte.

Aus der Perspektive einer Spezies betrachtet, besteht die Aufgabe der Evolution darin, für die Weitergabe des genetischen Materials dieser Spezies zu sorgen. Solange man Nachkommen zeugt, die sich ihrerseits fortpflanzen, ist man der Evolution vollkommen egal. Sie verfolgt keinen übergeordneten Zweck. Das Besondere an diesem Prozess ist, dass die Evolution zur Verwirklichung des ihr eigenen Zwecks im Laufe der Zeit Geschöpfe hervorbringt, die sich auf ganz erstaunliche Weise von denjenigen unterscheiden, mit denen sie einst angefangen hat. Säugetiere sind das Produkt einzelliger Organismen, die einander vor hunderten Millionen Jahren mikroskopische Schlachten im Urmeer lieferten. Die niedlichen Vögel, die auf Ihrem Gartenzaun tirilieren, stammen von riesigen, furchterregenden Dinosauriern ab (denken Sie mal darüber nach, wenn Sie das nächste Mal ein halbes Hähnchen auf dem Teller haben!). Und wir alle – vom Milchbauern in der Norddeutschen Tiefebene bis zum Informatiker im Silicon Valley – sind das Resultat davon, dass unsere Vorfahren sich bemühten, möglichst erfolgreiche Jäger und Sammler zu sein. Organismen versuchen stets zu sein, was sie sind, kommen dabei aber irgendwann an einen Wendepunkt, ab dem sie plötzlich zu etwas völlig anderem werden. So etwas bezeichnen Evolutionstheoretiker als Emergenz bzw. als emergente Phänomene.
In diesem Buch will ich zeigen, dass der Mensch in den vergangenen sechs Millionen Jahren vier solche Wendepunkte erreicht hat. Ich bezeichne sie als Umbrüche, da sich an diesen Punkten jedes Mal der Charakter der menschlichen Existenz ganz grundlegend veränderte und ein neues Zeitalter für unsere Spezies einläutete. In chronologischer Reihenfolge sind dies: das Aufkommen der Technologie, der Kultur, der Landwirtschaft und von staatlichen Organisationen. Die Erkenntnis, wie die Archäologie diese Umbrüche erkennt, führt unweigerlich zu dem Schluss, dass wir einen weiteren Wendepunkt erreicht haben. Zu jedem dieser Wendepunkte gelangte der Mensch durch verschiedene Prozesse, aber ein wichtiger Antrieb war stets zunehmende Konkurrenz aufgrund von Bevölkerungswachstum. Auch wenn Sie sich überhaupt nicht mit Evolution auskennen, werden Sie zumindest schon einmal vom »Überleben des Stärkeren« gehört haben. Dieser Ausdruck wird oft Darwin zugeschrieben, obwohl jener ihn gar nicht geprägt hat, sondern sein Zeitgenosse Herbert Spencer; Darwin griff ihn erst in späteren Ausgaben seines Buches Über die Entstehung der Arten auf. Es ist tatsächlich so, dass die Evolution von der Konkurrenz beflügelt wird – zumindest jener Teil der Evolution, der »rot an Zähnen und Klauen« ist (auch diese berühmte Phrase ist kein Darwin-Zitat, sie stammt aus Alfred Lord Tennysons Gedicht In Memoriam A. H. H. von 1850). Konkurrenz sorgt dafür, dass ein Organismus erhält, was er zum Leben braucht, indem er seine Vorteile einem anderen Organismus gegenüber ausspielt – er ist besser als der andere in der Lage, Nahrung, Schutz oder einen Partner zu finden. Wie wir in den folgenden Kapiteln sehen werden, stachen im Pleistozän unsere Vorfahren, die Steinwerkzeuge benutzten, diejenigen aus, die dies nicht taten. Jene, die die Fähigkeit zur Kultur erworben hatten, überflügelten diejenigen, die dies nicht hatten. Die Menschen, die Ackerbau betrieben, verdrängten die Jäger und Sammler. Und Häuptlinge und Stämme mussten Staatsgebilden weichen, die bis heute die Welt beherrschen.
So wichtig der Faktor Konkurrenz auch ist: Jedem, der sich mit der Evolution befasst, ist bewusst, dass auch Altruismus und Kooperation wesentliche Bestandteile des Evolutionsprozesses sind.1 Sie tragen dazu bei, Allianzen zu bilden, die für beide Seiten von Vorteil sind; Beziehungen à la »eine Hand wäscht die andere« sind oft ein wesentlicher Bestandteil von Konkurrenzsituationen. Ich gehe davon aus, dass der Evolutionsprozess bei dem Umbruch, den wir gerade erleben, mehr als bisher auf solche Beziehungen setzen und eine wirtschaftliche, soziale und politische Ordnung schaffen wird, die eher auf Kooperation gründet als auf Konkurrenz. Insofern könnte er eine Ära einläuten, in der wir darum wetteifern, zu kooperieren.

Die einzige Frage, die sich für mich dabei stellt, lautet: Werden wir diesen Übergang, diesen großen Umbruch, auf die einfache oder auf die harte Tour schaffen?
Ich bin mir sicher, ich wollte als kleiner Junge auch einmal Cowboy, Feuerwehrmann oder Astronaut werden. Aber so lange ich zurückdenken kann, lautete mein Berufswunsch: Archäologe. Als Kind liebte ich die Natur. Ich ging gerne zelten und mochte den Gedanken, nur von dem zu leben, was ich dort draußen vorfand. Das brachte mich dazu, mich für die amerikanischen Ureinwohner zu interessieren und dafür, wie sie früher lebten. Ich las alles, was ich in die Finger bekam, suchte nach Höhlen und sammelte auf dem Acker eines Milchbauern in der Nachbarschaft Pfeilspitzen. Mich faszinierte alles, was alt war. Ich schaute mir uralte Landkarten an, um herauszufinden, wo in der Zeit der Kolonialisierung die Straßen verliefen, erkundete die zerstörten Fundamente verlassener Mühlen und durchsuchte historische Müllplätze nach Flaschen. In meinem Kinderzimmer häuften sich die Pfeilspitzen, Knochen und Fossilien. Glücklicherweise förderten meine Eltern mein Hobby. Als ich elf oder zwölf Jahre alt war, kaufte meine Mutter mir Leonard Woolleys Buch The Young Archaeologist aus dem Jahr 1961; es steht heute noch auf meinem Schreibtisch in der Universität. Es mag Ihnen ein wenig seltsam erscheinen, dass sich jemand schon als Kind für diese Dinge begeistert, aber viele Archäologen haben ihre Leidenschaft zum Fach bereits in jungen Jahren entdeckt. Ich las stundenlang Magazine von National Geographic. Vor allem Artikel über »primitive« Völker in fernen Ländern und über Jane Goodall, und ihre Schimpansen faszinierten mich. Die Zeitschrift brachte mich dazu, mich mit der Arbeit von Louis und Mary Leakey zu beschäftigen, die damals die Spuren unserer frühesten Vorfahren in Ostafrika entdeckten. Ich wäre so gerne dort gewesen, in der Olduvai-Schlucht, wollte ebenfalls über die kahlen Hügel laufen und nach Knochensplittern suchen. Ich wuchs im ländlichen Neuengland auf, doch mit dem Herzen war ich immer in irgendwelchen windgepeitschten Wüsten unterwegs. 1973 – ich war sechzehn Jahre alt – brachte mir ein aufmerksamer Berufsberater an der Highschool eine Broschüre von Educational Expeditions International mit. Heute heißt diese Organisation Earthwatch, und sie vermittelt nach wie vor interessierte Freiwillige an Geologen, Biologen, Zoologen und Archäologen, die im Feld arbeiten. Das EEI vergab damals Stipendien an Schülerinnen und Schüler, die in den Sommerferien bei einem Forschungsprojekt mitarbeiten wollten. Ich bewarb mich, erhielt eine Zusage und wurde zu David Hurst Thomas geschickt, einem Archäologen des American Museum of Natural History, der später zu einem der bekanntesten Vertreter unseres Fachs avancierte. Das war ein großes Glück für mich. Hurst Thomas leitete damals die Ausgrabung einer Höhle in Nevada, und ich arbeitete danach noch mehrere Jahre mit ihm zusammen, bis ich als Doktorand mit meinem eigenen Feldprojekt begann. Später publizierten wir gemeinsam zwei Archäologie-Lehrbücher.

In den vergangenen vierzig Jahren habe ich in den westlichen Bundesstaaten und im Südosten der USA gegraben, in New York City (dort habe ich auf einer Ausgrabungsstätte an der Wall Street mitgearbeitet), in Maine und Kentucky. Ich war auf einer Inka-Stätte am Rande der Atacama-Wüste in Chile tätig, habe 13 000 Jahre alte Siedlungen von »Paläo-Indianern«, Plumpsklos aus dem 19. Jahrhundert, Grabstätten, Pueblos und Höhlen ausgegraben, in Wüsten, im Regenwald, am Meer und auf viertausend Meter hohen Berggipfeln. Und ich habe ethnografische Untersuchungen bei den Mikea durchgeführt, den letzten Jägern und Sammlern Madagaskars. Bei allem, womit ich mich beschäftigt habe, sind immer wieder die Jäger und Sammler aufgetaucht. Ich gebe zu: Mein Interesse an ihnen war zu Beginn eher romantischer Natur. Menschen, die dermaßen einfach leben und die ihren Einfallsreichtum und ihre ganze Kraft dafür aufwenden, sich von dem zu ernähren, was die Natur ihnen bietet, und dabei in ihrer Umwelt kaum Spuren zu hinterlassen, haftet etwas sehr Authentisches an. Ich fand immer, dass die Lebensweise der Jäger und Sammler am ehesten dem entsprach, wie der Mensch eigentlich leben sollte: friedlich, in kleinen Gruppen und mit wenig materiellem Besitz. Wie vieles, das wir als junge Menschen glauben, entsprach dies nicht ganz der Wahrheit: Jäger und Sammler können genauso gewalttätig und gebietsbewusst und materialistisch sein wie sesshafte Menschen auch. Ein junger Mann vom Stamm der Mikea bat mich, ihm ein »Flugzeug oder vielleicht einen Traktor« mitzubringen, ein anderer wollte mir alles abnehmen, was ich bei mir trug, sogar meinen Ehering. Jäger und Sammler jagten manche Tiere, bis die ganze Spezies ausgestorben war, andere veränderten die Vegetation ihrer Landschaft, indem sie sie regelmäßig niederbrannten. Als ein Mikea, mit dem ich unterwegs war, hinter uns die Savanne in Brand steckte, fragte ich ihn entgeistert, warum er das getan habe. Er sah mich überrascht an und antwortete: »Damit wir es auf dem Rückweg leichter haben.« (Er hatte recht.)

Die Menschheit hat 99 Prozent ihrer Zeit auf Erden als Jäger und Sammler zugebracht; es war eine enorm erfolgreiche Lebensweise. Man kann sich daher kaum mit den Jägern und Sammlern der Vorund Frühgeschichte beschäftigen, ohne sich Gedanken darüber zu machen, wie die Menschen damals lebten und wie die Spezies, der wir angehören, zu dem wurde, was sie ist. Insofern drängte sich für mich die Frage auf, warum wir überhaupt sesshaft wurden und warum wir später Städte bauten, Armeen aushoben, die Sklaverei erfanden und verschiedene Staatsformen entwickelten. Wenn das einfache Leben ohne große technologische Neuerungen, organisiert in kleinen egalitären, nomadischen Gruppen so lange so gut funktionierte, warum gab der Mensch es dann auf? Warum sind wir nicht heute noch Jäger und Sammler? Archäologen machen es sich zur Lebensaufgabe, zu untersuchen, wie der Mensch früher einmal lebte. Für jemanden, der wie ich in diesem Buch über die Zukunft der Menschheit schreiben möchte, erscheint dies auf den ersten Blick ein wenig paradox. Doch ich will Ihnen zeigen, dass es der Archäologie nicht nur um die Toten geht, sondern immer auch um die Lebenden. Dass es ihr nicht nur um die Vergangenheit geht, sondern immer auch um die Zukunft. Die Archäologie liefert einen entscheidenden Beitrag zur Aufzeichnung der Menschheitsgeschichte. Für den allergrößten Teil unserer Geschichte ist es der einzige Beitrag, den wir besitzen. Wenn Sie allerdings ein x-beliebiges Geschichtsbuch aufschlagen, wird die Vorund Frühgeschichte höchstwahrscheinlich lediglich im ersten Kapitel, vielleicht auch nur in den ersten Absätzen des ersten Kapitels abgehandelt. In den Lehrbüchern beginnt die »eigentliche« Geschichte oft erst mit der ägyptischen, griechischen, römischen und chinesischen »Zivilisation«. Die Prähistorie ist dabei kaum mehr als ein Ausgangspunkt, ein Prolog: Da sind Affen, einige davon steigen herunter von den Bäumen und gehen aufrecht, ihr Gehirn wird größer, sie fertigen Steinwerkzeuge an, bemalen die Wände von Höhlen, bauen Weizen an – und dann kommen endlich die wichtigen Epochen der Geschichte. Doch wenn Historiker die Vorund Frühgeschichte dermaßen in den Hintergrund drängen, gelingt es ihnen kaum noch, das große Ganze zu überblicken. Bei Hyperbeln wie »Er ist der beste Fußballer aller Zeiten« oder »Dieser Film ist der größte Blockbuster, den es je gab« müssen viele Archäologen schmunzeln. Der moderne Fußball und die bewegten Bilder sind Erfindungen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, also gerade einmal 150 Jahre alt. Für einen Archäologen ist das kaum mehr als der sprichwörtliche Wimpernschlag. Wir denken eher in tausenden, zehntausenden oder hunderttausenden Jahren. Sicher, es ist nicht ganz einfach, sich solche zeitlichen Dimensionen vorzustellen. Doch wenn wir die wirklich bedeutenden Stationen in der Geschichte der Menschheit verstehen wollen, nicht die winzig kleinen Veränderungen, die die schriftlich bezeugte Geschichte dokumentieren, sondern die großen, alles verändernden Umwälzungen, so müssen wir die Geschichte der Menschheit in den größtmöglichen Dimensionen betrachten, und die bietet uns eben nur die Archäologie.
Doch was glauben Archäologen, warum die Menschheit diesen Kurs eingeschlagen und dabei mehrere Neuanfänge durchlaufen hat? Hier ein erster Hinweis: Es hat nichts mit Fortschritt zu tun. Die Evolution steuert nicht etwa auf eine Art Endziel hin, sondern versucht immer, uns in einer bestimmten Hinsicht zu Spitzenleistungen zu führen, und genau dadurch macht sie uns schließlich zu etwas ganz anderem. Zum Beispiel wurden die von mir so geschätzten Jäger und Sammler, indem sie versuchten, die besten Jäger und Sammler aller Zeiten zu sein, am Ende zu Landwirten. Und wir sollten damit rechnen, dass wir beim Versuch, die besten kapitalistischen und wettbewerbsorientierten Industrienationen aller Zeiten zu sein, plötzlich zu etwas völlig anderem werden. Um es kurz zu machen: Der Kapitalismus, die kulturelle Globalisierung und das internationale Wettrüsten werden zusammengenommen über kurz oder lang zu einem vollständigen Wandel in der Organisation des menschlichen Zusammenlebens führen. Dann wird man keine Kriege mehr führen, um Streitigkeiten beizulegen, und die heute so sakrosankte Organisationsbzw. Wirtschaftsform Nationalstaat und Kapitalismus werden einer Gemeinschaft der Weltbürger weichen. Es ist das Ende der Welt, wie wir sie kennen.

22:57 15.07.2020

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