Facetten einer Epoche

Leseprobe Mit erhellenden Funden spiegelt Green das Leben mit seinen Höhen und Tiefen. Ob „Monopoly“, Pest, Klimaanlage oder Internet – „Wie hat Ihnen das Anthropozän bis jetzt gefallen?“ erzählt mit Leichtigkeit von existentiellen Erfahrungen des Menschseins
Facetten einer Epoche
Eine als Super Mario verkleidete Person im Madison Square Park in New York.

Foto: Drew Angerer/Getty Images

EINLEITUNG

Mein Roman Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken erschien im Oktober 2017, und ich war danach gleich den ganzen Monat mit dem Buch auf Lesereise. Wieder daheim in Indianapolis bahnte ich einen Weg vom Baumhaus meiner Kinder zu dem kleinen Raum, in dem meine Frau und ich meistens arbeiten; je nach Weltanschauung ist dieser entweder ein Büro oder ein Schuppen.

Es war kein Weg im übertragenen Sinn, sondern wirklich ein Pfad im Wald. Ich rodete Dutzende von baumhohen Heckenkirschen, die in weiten Teilen von Zentral-Indiana immer mehr überhandnehmen, grub den überall wuchernden Efeu aus, streute den Weg mit Rindenmulch und fasste die Kanten mit Backsteinen ein. Ich war tagtäglich zehn oder zwölf Stunden beschäftigt, fünf oder sechs Tage die Woche, einen Monat lang. Als ich schließlich fertig war, stoppte ich, wie lange ich von unserem Büro bis zum Baumhaus brauchte. Achtundfünfzig Sekunden. Ein Waldspaziergang von achtundfünfzig Sekunden hatte mich einen vollen Monat gekostet.

Eine Woche nach der Fertigstellung des Wegs kramte ich in einer Schublade nach einem Labello, als ich plötzlich und ohne Vorwarnung das Gleichgewicht verlor. Die ganze Welt kippte und begann sich zu drehen. Mit einem Mal war ich eine winzige Nussschale auf tosender See. Meine Augen zuckten in den Höhlen und ich musste mich erbrechen. Ich kam ins Krankenhaus, und meine Welt drehte sich noch wochenlang weiter. Schließlich wurde bei mir eine Labyrinthitis festgestellt, eine Entzündung des inneren Ohres mit einem wunderbar klangvollen Namen – trotzdem eindeutig eine Ein-Stern-Erfahrung.

Zur Genesung musste ich wochenlang im Bett bleiben, konnte weder lesen noch fernsehen noch mit meinen Kindern spielen. Mir blieben nur meine Gedanken – mal trieben sie über einen schlaftrunkenen Himmel, dann wieder jagten sie mir mit ihrer Beharrlichkeit und Omnipräsenz wilde Schrecken ein. Während dieser langen, stillen Tage reisten meine Gedanken überallhin und durchstreiften die Vergangenheit.

Die Schriftstellerin Allegra Goodman wurde einmal gefragt: »Wer, finden Sie, sollte Ihre Lebensgeschichte schreiben?« Sie antwortete: »Wie es scheint, schreibe ich sie selbst, aber da ich Romanautorin bin, ist alles verschlüsselt.« Für mich fühlte es sich inzwischen so an, als glaubten mache Leute, sie besäßen den Schlüssel. Sie nahmen an, ich teilte die Weltanschauung der Hauptfiguren eines Buchs, oder sie stellten mir Fragen, so als wäre ich selbst der Protagonist. Ein berühmter Moderator fragte mich im Interview, ob auch ich beim Küssen Panikattacken hätte wie die Erzählerin in Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken.

Durch meinen offenen Umgang mit meiner psychischen Erkrankung hatte ich solche Fragen natürlich provoziert, es strengte mich aber immer mehr an, im Zusammenhang mit erdachten Geschichten so viel über mich selbst zu sprechen, und außerdem tat es mir nicht gut. Ich antwortete dem Interviewer, nein, ich habe keine Angst beim Küssen, aber ich leide unter Panikattacken und die sind extrem beängstigend. Während ich das sagte, kam ich mir wie von mir selbst abgetrennt vor – als ob ich nicht mir selbst gehörte, sondern mich im Austausch gegen gute Presse verkaufte oder zumindest vermietete.

Während ich mich von der Labyrinthitis erholte, wurde mir klar, dass ich nicht mehr verschlüsselt schreiben wollte.

Im Jahr 2000 arbeitete ich einige Monate lang als studentischer Seelsorger in einem Kinderkrankenhaus. Ich war damals am theologischen Seminar eingeschrieben und wollte Pfarrer der Episkopalen Kirche werden, ließ diese Pläne aber während der Zeit im Krankenhaus fallen. Ich kam mit dem Verheerenden, das ich dort sah, einfach nicht klar. Das ist bis heute so. Stattdessen ging ich nach Chicago und arbeitete als Schreibkraft für Zeitarbeitsfirmen, bis ich schließlich bei Booklist, einer 14-tägig erscheinenden Literaturzeitschrift, eine Stelle in der Datenerfassung ergattern konnte.

Ein paar Monate später bekam ich die Chance zu meiner ersten Buchkritik, als mich eine Redakteurin fragte, ob ich gerne Liebesromane lese. Sehr gern, antwortete ich, und sie überließ mir einen Roman, der im London des 17. Jahrhunderts spielt. Während der folgenden fünf Jahre besprach ich für Booklist Hunderte von Büchern – von Bildbänden über Buddha bis zu Gedichtsammlungen – und entwickelte dabei eine Faszination für das Format der Bewertung. Bei Booklist waren die Besprechungen auf 175 Wörter limitiert, also hatte jeder einzelne Satz vielfältige Aufgaben zu erfüllen; das Buch musste ja vorgestellt und gleichzeitig analysiert werden, Lob und Bedenken in enger Nachbarschaft koexistieren.

Bei Booklist gibt es keine abschließende Bewertung nach einer FünfSterne-Skala. Warum auch? Potenziellen Lesern lässt sich in 175 Wörtern viel mehr vermitteln, als es so eine Stufe auf einer Skala jemals könnte. Überhaupt ist die Fünf-Sterne-Skala bei Bewertungen erst seit wenigen Jahrzehnten gebräuchlich. Bei Filmkritiken taucht sie zwar schon in den 1950er-Jahren gelegentlich auf, bei der Bewertung von Hotels aber erst seit 1979, und bei Büchern kam sie kaum zum Einsatz, bis Amazon seine Kundenbewertungen einführte.

Dabei ist die Fünf-Sterne-Skala eigentlich gar nicht für Menschen gedacht; sie dient Datensammelsystemen und wurde daher erst im Internet-Zeitalter Standard. Künstliche Intelligenzen tun sich schwer damit, aus einer Buchrezension mit 175 Wörtern Schlüsse über die Qualität des Werks zu ziehen – Bewertungssterne sind für Computer dagegen ideal.

Es liegt nahe, meine Labyrinthitis symbolisch zu deuten: Die Gleichgewichtsstörung traf mich so verheerend, weil es meinem Leben an Gleichgewicht fehlte. Einen Monat lang hatte ich entlang einer schnurgeraden Linie einen Weg gebahnt und musste nun erfahren, dass es im Leben keine einfachen Pfade gibt – nur verwirrende, in sich selbst verschlungene Labyrinthe. Selbst jetzt gestalte ich diese Einleitung wie einen Irrgarten und kehre an Orte zurück, die ich eigentlich schon hinter mir gelassen zu haben glaubte.

Aber genau diese Versinnbildlichung der Krankheit ist es, gegen die ich in meinen Romanen Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken und Das Schicksal ist ein mieser Verräter angeschrieben habe, und ich hoffe, dass Zwangsstörungen und Krebs dort nicht als Kämpfe dargestellt werden, die es zu gewinnen gilt, oder als symbolische Ausprägungen von Charakterschwächen und dergleichen, sondern als Erkrankungen, mit denen man leben muss, so gut es einem eben möglich ist. Ich habe nicht Labyrinthitis bekommen, weil das Universum mir eine Lektion über Gleichgewicht erteilen wollte. Deshalb versuchte ich, damit zu leben, so gut es mir möglich war. Sechs Wochen später ging es mir deutlich besser, aber ab und zu habe ich immer noch Schwindelanfälle, die mir Angst einjagen. Seither weiß ich mit neuer, tiefer Gewissheit, dass das Bewusstsein eine flüchtige und unsichere Angelegenheit ist. Es ist keine Metapher, wenn man behauptet, das menschliche Leben sei ein Balanceakt.

Als es mir wieder besser ging, fragte ich mich, was ich mit dem Rest meines Lebens tun sollte. Ich fing wieder an, dienstags ein Video zu drehen und mit meinem Bruder den wöchentlichen Podcast zu produzieren, aber ich schrieb nicht. Eine so lange Zeitspanne ohne den Versuch, für Publikum zu schreiben wie in jenem Herbst und Winter, hatte es nicht mehr gegeben, seit ich 14 war. Ich glaube, dass mir das Schreiben fehlte, aber auf die Art, wie einem jemand fehlt, den man früher mal geliebt hat. Ich ließ Booklist und Chicago 2005 hinter mir, weil meine Frau Sarah in New York an der Graduate School angenommen wurde. Nach ihrem Abschluss zogen wir nach Indianapolis, wo Sarah am Indianapolis Museum of Art eine Stelle als Kuratorin für zeitgenössische Kunst antrat. Seither leben wir hier.

Bei Booklist habe ich so viel gelesen, dass ich mich nicht mehr erinnern kann, wann mir das Wort Anthropozän zum ersten Mal begegnet ist, es muss aber um 2002 gewesen sein. Der Begriff Anthropozän ist die vorgeschlagene Bezeichnung für das gegenwärtige geologische Zeitalter, in dem der Mensch den Planeten und seine Biodiversität grundlegend verändert hat. Nichts ist menschlicher als die Selbstverherrlichung menschlicher Leistungen, aber unser Einfluss auf die Erde ist im 21. Jahrhundert schlichtweg gewaltig.

Mein Bruder Hank, der ursprünglich Biochemiker war, hat es mir einmal so erklärt: Für einen Menschen, sagte er, sind andere Menschen das größte Problem. Du bist ihnen gegenüber ungeschützt und gleichzeitig von ihnen abhängig. Jetzt stell dir mal vor, du wärst im 21.Jahrhundert ein Fluss, eine Wüste oder ein Eisbär. Dein größtes Problem sind immer noch Menschen. Du bist ihnen gegenüber immer noch ungeschützt und immer noch von ihnen abhängig.

Hank begleitete mich im Herbst 2017 auf der Lesereise, und auf den langen Fahrten zwischen den Städten vertrieben wir uns die Zeit damit, uns gegenseitig mit absurden Google-Nutzer-Bewertungen der Orte an unserer Strecke zu überbieten. Ein User namens Lucas vergab beispielsweise für den Badlands-Nationalpark einen Stern. »Nicht genug Berg«, vermeldete er.

Seit meinen Zeiten als Buchrezensent waren alle zu Rezensenten geworden; alles und jedes musste sich inzwischen Bewertungen unterziehen. Die Fünf-Sterne-Skala wurde nicht nur an Bücher und Filme angelegt, sie galt auch für öffentliche Toiletten und Hochzeitsfotografen. Das Medikament, das ich gegen meine Zwangsstörung nehme, hat auf drugs.com mehr als 1100 Bewertungen erhalten – mit der Durchschnittsnote 3,8. Eine Szene der Verfilmung von Das Schicksal ist ein mieser Verräter wurde auf einer Parkbank in Amsterdam gedreht; auch diese Bank hat inzwischen Hunderte von Google-Bewertungen. (Mein Favorit, mit drei vergebenen Sternen, lautet in Gänze: »Es ist eine Bank.«)

Hank und ich staunten nicht schlecht über die allgegenwärtige Präsenz von Bewertungen nach der Fünf-Sterne-Skala, und ich erzählte ihm von meiner mehrere Jahre alten Idee, eine Bewertung über Kanadagänse zu schreiben.

Hank sagte: »The Anthropocene ... REVIEWED.«

Tatsächlich hatte ich schon 2014 einige solcher Bewertungen geschrieben – die über Kanadagänse und auch die über Diet Dr Pepper. Anfang 2018 schickte ich diese Texte an Sarah und fragte, was sie davon hielt.

In meinen Buchkritiken kam das Wort »Ich« nicht vor. Ich sah mich als unbeteiligten, von außen beschreibenden Beobachter. Daher waren auch meine ersten Bewertungen von Diet Dr Pepper und Kanadagänse in der dritten Person geschrieben, gewissermaßen als Sachtextversion einer Geschichte aus der Sicht eines allwissenden Erzählers. Sarah las sie und merkte an, dass es im Anthropozän keine unbeteiligten Beobachter gibt – nur Beteiligte. Wenn jemand eine Bewertung schreibt, erklärte sie, dann schreibt er eigentlich eine Art Lebensbericht – hier ist, was ich beim Essen in diesem Restaurant oder beim Schneiden meiner Haare bei diesem Friseur erlebt habe. Ich hatte 1500 Wörter über Diet Dr Pepper geschrieben, ohne meine anhaltende und zutiefst persönliche Vorliebe für Diet Dr Pepper auch nur ein einziges Mal zu erwähnen.

Etwa um die Zeit, als ich allmählich wieder ins Gleichgewicht kam, las ich auch wieder das Werk meiner guten Freundin und Mentorin Amy Krouse Rosenthal, die einige Monate zuvor gestorben war. Sie hatte einmal geschrieben: »An alle, die herauszufinden versuchen, was sie mit ihrem Leben anstellen sollen: ACHTET DARAUF, WORAUF IHR ACHTET. Das ist im Grunde alles, was ihr wissen müsst.«

Meine Aufmerksamkeit hatte sich so zersplittert, und meine Welt war so laut geworden, dass ich nicht mehr auf das achtete, worauf ich achtete. Als ich mich dann den Bewertungen widmete, wie es Sarah vorgeschlagen hatte, kam es mir zum ersten Mal seit Jahren so vor, als versuchte ich zumindest, darauf zu achten, worauf ich achtete.

Dieses Buch nahm seinen Anfang als Podcast, in dem ich einige Widersprüche der menschlichen Existenz, so wie ich sie erlebe, aufzeigen wollte. Wie können wir beispielsweise so mitfühlend und gleichzeitig so grausam sein, so hartnäckig und gleichzeitig so mutlos? Vor allem aber wollte ich die Widersprüchlichkeit menschlicher Macht verstehen: Einerseits sind wir viel zu mächtig, andererseits bei Weitem nicht mächtig genug. Wir sind zwar in der Lage, das Klima und die Biodiversität der Erde radikal zu verändern, aber nicht mächtig genug, um zu entscheiden, wie wir sie verändern. Wir sind in der Lage, die Atmosphäre unseres Planeten zu verlassen, aber wir sind nicht mächtig genug, denjenigen, die wir lieben, Leid zu ersparen.

Ich wollte auch über gewisse Punkte schreiben, an denen sich mein bescheidenes Leben und die gewaltigen Kräfte des Anthropozäns überschneiden. Anfang 2020 – ich schrieb seit zwei Jahren für den Podcast – tauchte allerdings eine gewaltige Kraft auf, in Form eines neuartigen Coronavirus. Seit damals schreibe ich über das Einzige, über das zu schreiben mir möglich ist. Mitten in der Krise – es ist inzwischen April 2021 und ich stecke immer noch mittendrin – finde ich vieles, das zu fürchten und zu beklagen ist. Ich sehe aber auch, dass Menschen zusammenarbeiten, dass sie teilen und weitergeben, was wir gemeinsam lernen, und ich sehe Menschen zusammenarbeiten bei der Versorgung Kranker und Gefährdeter. Selbst in der Trennung sind wir einander verbunden. Wie Sarah mir sagte, gibt es keine Beobachter; nur Beteiligte.

Am Ende seines Lebens sagte der große Bilderbuchautor und Illustrator Maurice Sendak auf National Public Radio in der Sendung Fresh Air: »Ich weine viel, weil mir Menschen fehlen. Ich weine viel, weil sie sterben und ich sie nicht festhalten kann. Sie verlassen mich, und ich liebe sie noch mehr.«

Er sagte: »Während ich älter und älter werde, wird mir klar, dass ich in die Welt verliebt bin.«

Ich habe mein ganzes bisheriges Leben gebraucht, um mich in die Welt zu verlieben, aber seit ein paar Jahren kann ich es selbst spüren. Wenn man sich in die Welt verliebt, heißt das nicht, dass man über das Leiden hinwegsieht, sei es nun menschlicher oder anderer Art. Sich in die Welt zu verlieben bedeutet für mich, zum Nachthimmel aufzublicken und zu spüren, wie der Verstand angesichts der Schönheit und Ferne der Sterne ins Schwimmen gerät. Es bedeutet, unsere Kinder an uns zu drücken, wenn sie weinen, oder zuzusehen, wenn im Juni die Platanen austreiben. Wenn mein Brustbein schmerzt, wenn sich mein Hals zusammenzieht und wenn mir Tränen in die Augen schießen, dann will ich diese Gefühle nicht an mich heranlassen. Ich möchte sie ironisch abwehren und auch sonst nichts unversucht lassen, damit ich sie nicht direkt spüre. Wir alle wissen, wie das Lieben endet. Ich möchte mich aber trotzdem in die Welt verlieben, möchte, dass sie meine Schale aufbricht. Solange ich hier bin, möchte ich alles spüren, was es zu spüren gibt.

Sendak beendete das Gespräch mit den letzten Worten, die er öffentlich äußerte: »Lebe dein Leben. Lebe dein Leben. Lebe dein Leben.«

Dies ist mein Versuch, es zu tun.

»YOU’LL NEVER WALK ALONE«

Es ist Mai 2020, und mein Gehirn ist dafür nicht gemacht.
Immer öfter sage ich »es« oder »das«, ohne es zu benennen oder benennen zu müssen, weil das, was wir erleben, so außergewöhnlich und allumfassend ist, dass die Pronomen ohne Bezugswort auskommen. Leid und Schrecken, wo man hinblickt, und ich wünsche mir, dass mir das Schreiben eine Auszeit verschafft. Trotzdem dringt es zu mir durch – wie Licht durch eine Jalousie oder Hochwasser durch geschlossene Türen.
Sie lesen das wahrscheinlich in meiner Zukunft – vielleicht in einer so fernen Zukunft, dass »das« vorüber ist. Dabei weiß ich: Wirklich vorbei wird es niemals sein; das neue Normal wird anders sein als das vergangene. Aber es wird ein neues Normal geben und ich hoffe, Sie werden es erleben, und ich hoffe, ich werde es mit Ihnen erleben.

Bis dahin muss ich in diesem leben und schauen, dass ich irgendwie Trost finde. Trost, wie ihn mir gerade eine Musical-Melodie gibt.

Im Jahr 1909 brachte der ungarische Autor Ferenc Molnár in Budapest sein neues Theaterstück Liliom heraus. Liliom, ein junger und zeitweise gewalttätiger Karussell-Ausrufer mit vielen Problemen verliebt sich in eine Frau namens Julie. Als sie schwanger wird, begeht Liliom einen Raub, um seine junge Familie zu unterstützen. Aber der Raub endet in einer Katastrophe und Liliom kommt dabei ums Leben. Nach 16 Jahren im Fegefeuer darf er seine Tochter Louise, mittlerweile natürlich ein Teenager, für einen Tag besuchen.

Liliom war in Budapest ein Reinfall, aber Molnár litt als Bühnenautor nicht gerade unter mangelndem Selbstvertrauen. Er stellte weitere Aufführungen auf die Beine, zunächst in Europa und schließlich in den USA, wo eine übersetzte Fassung 1921 gute Kritiken bekam und auch annehmbare Erlöse einspielte.

Der Komponist Giacomo Puccini hätte Liliom gern als Oper adaptiert, aber Molnár weigerte sich, ihm die Rechte zu verkaufen, denn er wollte, dass »Liliom als Theaterstück von Molnár in Erinnerung blieb und nicht als Puccini-Oper«. Stattdessen vergab er die Lizenz an das Musical-Duo Richard Rodgers und Oscar Hammerstein, die mit Oklahoma! eben große Erfolge gefeiert hatten. Damit erreichte Molnár, dass man Liliom praktisch ausschließlich als Musical von Rodgers und Hammerstein kennt, das unter dem Titel Carousel 1945 Premiere hatte.

Im Musical wird Rodgers’ und Hammersteins Lied »You’ll Never Walk Alone« zweimal gesungen – zunächst als Ermutigung für die frisch verwitwete Julie nach dem Tod ihres Mannes und dann Jahre später von Louises Klassenkameradinnen bei einer Abschlussfeier. Louise möchte nicht mitsingen. Sie ist zu aufgewühlt, doch obwohl ihr Vater für sie nun wieder unsichtbar ist, spürt sie noch immer seine Gegenwart und Unterstützung, sodass sie schließlich doch mit einstimmt.

Im Liedtext von »You’ll Never Walk Alone« wirkt wirklich nur die denkbar einfachste Bildsprache: »Walk on through the wind and through the rain«, wird uns da geraten – Stürme sind schon feinsinniger angedeutet worden. Man rät uns: »Walk on with hope in your heart«, was auf fast schon aggressive Weise banal klingt. Und dann folgt die Aussicht: »At the end of the storm, there’s a golden sky and the sweet silver song of a lark«, obwohl einen nach einem Sturm eher überall herumliegende Äste, heruntergerissene Stromleitungen und über die Ufer getretene Flüsse beschäftigen.

Und doch – bei mir wirkt das Lied. Vielleicht liegt es am vielfach wiederholten »walk on«. Ich glaube, zu den grundlegenden Dingen, die uns zu Menschen machen, gehören: 1. Wir müssen weitermachen, und: 2. Niemand ist allein unterwegs. Vielleicht fühlen wir uns alleine (irgendwann werden wir uns alleine fühlen, keine Frage), aber selbst wenn uns das Abgesondertsein gerade niederdrückt, sind wir nicht allein. Wie bei Louise auf der Abschlussfeier sind jene, die fern oder schon verstorben sind, immer noch bei uns und ermuntern uns, weiterzugehen.

Fast alle haben seither dieses Lied gecovert, von Frank Sinatra und Johnny Cash bis Aretha Franklin. Die berühmteste Version spielten allerdings Gerry and the Pacemakers 1963 ein – eine Band, die wie die Beatles aus Liverpool stammt, von Brian Epstein gemanagt und von George Martin auf Platte aufgenommen wurde. Gemäß ihrem Bandnamen änderten die Pacemakers das Liedtempo, gaben dem Trauergesang damit ein bisschen mehr Pep, und ihre Version stürmte in England auf Platz eins der Charts.

Praktisch sofort fingen die Fans des Liverpool Football Club an, während der Spiele dieses Lied zu singen. Der legendäre Clubmanager Bill Shankly meinte in jenem Sommer zum Leadsänger der Pacemakers Gerry Marsden: »Gerry, mein Sohn, ich habe euch ein Fußballteam gegeben, ihr habt uns ein Lied gegeben.«

Heute prangt »You’ll Never Walk Alone« in Schmiedeeisen über dem Tor zum Liverpooler Anfield Stadium. Daniel Agger, der berühmte dänische Verteidiger der Mannschaft, hat sich YNWA auf die Knöchel der rechten Hand tätowieren lassen. Ich bin seit Jahrzehnten selbst Liverpool-Fan,1 und für mich ist das Lied so eng mit dem Club verbunden, dass ich schon bei den ersten Tönen der Melodie an all die Male denken muss, die ich es schon mit anderen Fans gesungen habe – mal mit überschäumender Freude, häufig verzweifelt.

Als Bill Shankly 1981 starb, sang Gerry Marsden bei der Trauerfeier »You’ll Never Walk Alone«, und es ist natürlich bei vielen Beerdigungen von Liverpool-Fans gesungen worden. Das Wunder von »You’ll Never Walk Alone« liegt für mich darin, wie gut es als Lied bei Beerdigungen funktioniert, bei Highschool-Abschlussfeiern und eben auch als Wir-haben-gerade-Barcelona-in-der-Champions-Leaguegeschlagen-Lied. Der ehemalige Liverpool-Spieler und -Manager Kenny Dalglish stellte fest: »Von Unglück und Trauer bis zum Erfolg deckt es alles ab.« Es ist ein Lied über das Zusammenhalten, »though your dreams be tossed and blown« – auch wenn die eigenen Träume sich gerade in Luft auflösen. Es ist ein Lied über den Sturm, aber eben auch über den goldenen Himmel.

Auf den ersten Blick ist es schon seltsam, dass das beliebteste Fußball-Lied der Welt aus dem Musical-Theater stammt. Aber Fußball ist Theater, und die Fans machen es zum musikalischen Theater. Die Hymne von West Ham United lautet »I’m Forever Blowing Bubbles«, und bei Spielbeginn sieht man dort auf den Tribünen Tausende erwachsene Menschen Seifenblasen machen, während sie singen: »I’m forever blowing bubbles, pretty bubbles in the air/They fly so high, nearly reach the sky/Then like my dreams, they fade and die.« Die Fans von Manchester United haben das US-Bürgerkriegs-Schlachtlied »Battle-Hymn of the Republic« von Julia Ward Howe umgemünzt in »Glory, Glory Man United«. Die Fans von Manchester City singen »Blue Moon«, eine Nummer des Broadway-Songwriterteams Richard Rodgers und Lorenz Hart von 1934.

Großartig werden all diese Lieder durch die Gemeinschaft, in der sie gesungen werden. Mit ihnen versichert man sich der Verbundenheit, im Kummer wie im Triumph: Ob die Seifenblase nun aufsteigt oder platzt, wir singen gemeinsam.

»You’ll Never Walk Alone« ist kitschig, aber verkehrt ist es nicht. Es stilisiert die Welt nicht zu einem gerechten oder glücklichen Ort. Wir werden nur aufgefordert, weiterzugehen, mit offenem Herzen. Und wie Louise am Ende von Carousel glauben wir eigentlich nicht an den goldenen Himmel oder den lieblichen silbrigen Gesang der Lerche, wenn wir anfangen das Lied zu singen, aber an seinem Ende glauben wir ein bisschen mehr daran.

Im März 2020 machte das Video einer Gruppe englischer Rettungssanitäter im Internet die Runde, die vor einer Glaswand »You’ll Never Walk Alone« sangen, für Kollegen auf der anderen Seite, in der Intensivstation. Die Sanitäter wollten ihre Kolleginnen unterstützen. Ihnen Mut machen. Mögen unsere Träume auch »tossed and blown« sein, wir singen einander – und uns selbst – trotzdem Mut zu.

Ich gebe »You’ll Never Walk Alone« viereinhalb Sterne.

–––––––––––––––––––––

1 Warum? Mit zwölf gehörte ich zur Fußballmannschaft meiner Mittelschule. Ich war natürlich eine Katastrophe und kam nur selten zum Einsatz. Wir hatten genau einen guten Fußballspieler in der Mannschaft, und der hieß James. James stammte aus England und erzählte, dort gebe es Profimannschaften, bei denen Tausende von Anhängern Schulter an Schulter zusammenständen und während der Spiele die ganze Zeit sängen. Er sagte, das beste Team in England sei Liverpool. Und das glaubte ich ihm.

21:02 26.05.2021

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