Bahnbrechender Augenzeugenbericht

Leseprobe Pulitzer-Preisträger Bob Woodward hat eine scharfsichtige und intime Reportage über den amtierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten geschrieben. Mit Sicherheit lässt sich sagen, dass dies das bleibende Buch über Trumps Präsidentschaft sein wird
Bahnbrechender Augenzeugenbericht
Rauch von einem der verheerenden Wildfeuer in Kalifornien, der bis jetzt größten Naturkatastrophe in der Geschichte Amerikas.

Foto: SAMUEL CORUM/AFP via Getty Images

Prolog

Während der täglichen Topsecret-Besprechung des Präsidenten am Nachmittag des 28. Januar 2020, einem Dienstag, kam im Oval Office der Ausbruch eines mysteriösen Virus zur Sprache, das Symptome hervorrief, die einer Lungenentzündung ähnelten. Beamte des Gesundheitswesens und Präsident Trump persönlich erklärten der Öffentlichkeit, dass dieses Virus ein geringes Risiko für die Vereinigten Staaten bedeute.

»Dies wird die größte Bedrohung der nationalen Sicherheit sein, der Sie sich in Ihrer Präsidentschaft stellen müssen«, erklärte der Nationale Sicherheitsberater Robert O’Brien dem Präsidenten. Damit vertrat er so entschieden und heftig wie nur möglich einen erschütternd gegensätzlichen Standpunkt.

Trump schreckte auf. Dann stellte er Beth Sanner, der Hauptreferentin für die Geheimdienste, einige Fragen. Sie sagte, China sei besorgt und die Geheimdienst-Community werde die Sache beobachten, aber es sehe so aus, als würde es nicht annähernd so ernst wie beim tödlichen Ausbruch des Severe Acute Respiratory Syndrome (SARS) 2003.

»Das wird die härteste Sache, mit der Sie konfrontiert werden«, beharrte von seinem Platz am Resolute Desk aus O’Brien, dem durchaus bewusst war, dass Trump noch mitten in seinem Impeachment-Verfahren im Senat steckte, das zwölf Tage zuvor begonnen hatte und seine Aufmerksamkeit beanspruchte. O’Brien glaubte, Sicherheitsberater müssten versuchen, um Ecken zu schauen, weil es ihre Pflicht sei, vor einer drohenden Katastrophe zu warnen. Und dieses Problem war dringend. Nicht irgendein geopolitisches Thema, das vielleicht erst in drei Jahren akut würde. Dieses Virus konnte sich in den USA sehr schnell ausbreiten.

O’Brien, 53, Jurist, Autor und ehemaliger Unterhändler bei internationalen Geiselnahmen, war Trumps vierter Nationaler Sicherheitsberater. Er besetzte diese Schlüsselstelle erst seit vier Monaten und hielt sich selbst nicht für jemanden, der mit der Faust auf den Tisch schlug. Aber er war geradezu leidenschaftlich davon überzeugt, dass der Ausbruch der Krankheit eine echte Gefahr darstellte.

»Ich stimme dieser Schlussfolgerung zu«, sagte Matt Pottinger, der stellvertretende Nationale Sicherheitsberater, von einer Couch weiter hinten im Oval Office aus. Trump wusste, dass der 46-jährige Pottinger, der seit drei Jahren, also seit Beginn von Trumps Präsidentschaft, dem Nationalen Sicherheitsrat angehörte, auf einzigartige Weise, um nicht zu sagen, perfekt dafür qualifiziert war, so eine Einschätzung abzugeben.

Seine Warnung besaß Autorität und großes Gewicht. Pottinger hatte sieben Jahre in China gewohnt und war während des SARS-Ausbruchs dort Reporter für das Wall Street Journal gewesen. Als China-Experte sprach er fließend Mandarin.

Der umgängliche, weltlichen Dingen nicht abgeneigte Workaholic Pottinger war auch ein dekorierter ehemaliger Geheimdienstoffizier der Marines gewesen und hatte auf dem Höhepunkt dieser Laufbahn als Co-Autor an einem einflussreichen Bericht über die Unzulänglichkeiten der US-Geheimdienste mitgeschrieben.

Pottinger wusste aus erster Hand, dass die Chinesen Meister darin waren, ein Problem zu verschleiern und zu verheimlichen. Er hatte mehr als dreißig Storys über SARS geschrieben und darüber, wie die Chinesen bewusst monatelang Informationen über den Schweregrad der Krankheit zurückgehalten und deren Verbreitung heruntergespielt hatten. Dieser unsachgemäße Umgang hatte SARS erlaubt, sich rund um den Globus auszubreiten. Das Journal hatte Pottingers Arbeit für einen Pulitzer-Preis eingereicht.

»Was wissen Sie?«, fragte Trump Pottinger.

Pottinger sagte, er habe in den vergangenen vier Tagen am Telefon gehangen, um Ärzte in China und Hongkong anzurufen, mit denen er

in Verbindung geblieben war und die etwas von der Materie verstanden. Er hatte auch die chinesischen sozialen Medien beobachtet.

»Wird es so schlimm werden wie 2003?«, hatte er einen seiner Gesprächspartner in China gefragt.

»Denken Sie nicht an SARS 2003«, hatte der Experte erwidert. »Denken Sie an die Grippeepidemie von 1918.«

Pottinger sagte, das habe ihn umgehauen. Die sogenannte Spanische Grippe von 1918 hatte geschätzte fünzig Millionen Menschen weltweit das Leben gekostet, davon 675 000 in den Vereinigten Staaten.

»Warum glauben Sie, dass es schlimmer wird als 2003?«

Pottingers Gesprächspartner erklärten dem Präsidenten, dass drei Faktoren die Übertragung der neuen Erkrankung dramatisch beschlenigten. Im Gegensatz zu den offiziellen verklausulierten Berichten der chinesischen Regierung bekamen die Menschen die Krankheit auch leicht von anderen Menschen, nicht nur von Tieren. Man spricht hier von der Verbreitung von Mensch zu Mensch. Noch an jenem Morgen hatte er erfahren, dass sie auch von Menschen verbreitet wurde, die keinerlei Symptome zeigten, was man asymptomatische Verbreitung nennt. Sein bester und verlässlichster Informant sagte, fünfzig Prozent der Infizierten würden keine Symptome aufweisen. Dies bedeutete einen einmaligen Gesundheitsnotstand, ein Virus außer Kontrolle mit einer riesigen Verbreitung, die nicht sofort nachweisbar war. Und die Krankheit hatte sich schon weit über das chinesische Wuhan hinaus, wo der Ausbruch anscheinend begonnen hatte, ausgebreitet. Für Pottinger waren dies die drei Alarmzeichen eines Flächenbrandes.

Am beunruhigendsten fand Pottinger, dass die Chinesen Wuhan, eine Stadt mit elf Millionen Einwohnern und größer als jede amerikanische Stadt, im Grunde genommen unter Quarantäne gestellt hatten. Die Menschen konnten innerhalb Chinas beispielsweise nicht mehr von Wuhan nach Peking reisen. Aber Reisen von China in den Rest der Welt, darunter auch in die USA, hatte man nicht unterbunden. Das bedeutete, dass ein hochinfektiöses und zerstörerisches Virus wahrscheinlich bereits still und leise in Amerika eindrang.

»Was tun wir dagegen?«, fragte der Präsident.

Reisen von China in die Vereinigten Staaten verbieten, sagte Pottinger.

Er war sich sicher, dass die Aussagen seiner Informanten auf soliden Fakten und nicht auf Spekulation basierten. Er hatte eine eingehende Untersuchung des neuen Virus angestoßen. Der erste Fall außerhalb Chinas war am 13. Januar in Thailand gemeldet worden. Eindeutig breitete sich das Virus von Mensch zu Mensch aus.

Spitzenbeamte der Centers for Disease Control (CDC), der obersten staatlichen Gesundheitsbehörde, hatten Pottinger ebenfalls zunehmend alarmiert berichtet, dass sie seit Wochen versucht hätten, die besten Geheimdienstagenten des Epidemic Intelligence Service nach China zu schicken, damit sie herausfänden, was dort los sei. Doch die Chinesen hätten gemauert und sich geweigert, zu kooperieren und Proben des Virus herzugeben, wie internationale Abkommen es vorsahen.

Der Chef der chinesischen Gesundheitsbehörde habe bei einem Telefonat wie eine Geisel geklungen, und der chinesische Gesundheitsminister habe ebenfalls amerikanische Unterstützung abgelehnt.

Pottinger kam das bekannt vor. Am Wochenende des 24. bis 26. Januar erhöhte er die Frequenz seiner Telefonate. »Nach diesem Wochenende standen mir die Haare zu Berge«, sagte Pottinger im Vertrauen.

Mehrere Angehörige der chinesischen Elite, die gute Beziehungen zur Kommunistischen Partei und zur Regierung unterhielten, gaben zu verstehen, dass China ein teuflisches Ziel im Sinn haben könnte: »China wird nicht allein darunter leiden.« Wäre China das einzige Land mit Masseninfektionen im Ausmaß der Pandemie von 1918, dann würde das massive wirtschaftliche Nachteile bedeuten. Das war nur ein Verdacht, aber einer von Leuten, die das Regime am besten kannten. Eine schreckliche Vorstellung. Pottinger, ein Falke in Bezug auf China, war außerstande, Chinas Absichten in der einen oder anderen Richtung einzuschätzen. Höchstwahrscheinlich war die Krankheit versehentlich ausgebrochen. Aber er war sich sicher, dass den USA ein noch nie da gewesener Angriff auf die öffentliche Gesundheit bevorstand. Und Chinas Mangel an Transparenz würde alles noch schlimmer machen. Bei SARS hatten die Chinesen ungeheuerlicherweise den Ausbruch ener gefährlichen neuen Infektionskrankheit drei Monate lang verheimlicht.

Drei Tage später, am 31. Januar, erließ der Präsident Einschränkungen für Reisende aus China, was eine Reihe seiner Kabinettsmitglieder missbilligten. Doch die öffentliche Aufmerksamkeit richtete sich bei ihm gerade auf alles andere als auf ein Virus: auf den bevorstehenden Super Bowl, auf das Technologie-Desaster bei den Demokratischen Vorwahlen in Iowa, auf seine Rede zur Lage der Nation und, am allerwichtigsten, auf das Impeachment-Verfahren im Senat. Wenn die hochansteckende, durch das neuartige Coronavirus ausgelöste Atemwegserkrankung, auch Covid-19 genannt, bei Anlässen zur Sprache kam, wo er die Gelegenheit hatte, zu einer großen Zahl von Amerikanern zu sprechen, dann versicherte Trump der Öffentlichkeit weiterhin, man habe nur ein geringes Risiko zu gewärtigen.

»Wie besorgt sind Sie wegen des Coronavirus?«, fragte ihn Sean Hannity von Fox am 2. Februar bei einem Interview kurz vor Ende eines Spiels im Vorfeld des Super Bowl. Hauptsächlich ging es dabei allerdings darum, wie unfair das Impeachment wäre, sowie um seine demokratischen Gegner 2020.

»Wir haben das gegen ein Eindringen aus China ziemlich gut abgeschottet«, sagte Trump. Einer Art präsidentieller Tradition vor dem Spiel folgend, bescherte das Interview dem so umstrittenen wie beliebten Talkshow-Gastgeber die größte Zuschauermenge aller Zeiten. »Wir bieten gewaltige Hilfen an. Wir haben die Besten der Welt dafür … Aber wir können nicht Tausende von Menschen brauchen, die zu uns kommen und vielleicht dieses Problem, das Coronavirus, haben.«

Am Morgen hatte sogar der Nationale Sicherheitsberater O’Brien, der nur wenige Tage zuvor die unheilvolle Warnung ausgesprochen hatte, bei »Face the Nation« in CBS gesagt: »Im Moment gibt es für Amerika keinen Grund, in Panik zu geraten. Wir denken, dass das in den Vereinigten Staaten eine Sache mit geringem Risiko ist.«

Zwei Tage später, am 4. Februar, schalteten knapp vierzig Millionen Amerikaner ein, um sich die alljährliche Rede des Präsidenten zur Lage der Nation anzusehen, das von der Verfassung vorgegebene Update vor dem Kongress zu den drängendsten Problemen des Landes. Die Rede bietet einem Präsidenten den Moment größter Sichtbarkeit, um Themen von hoher Wichtigkeit anzusprechen. Etwa in der Mitte seiner überlangen Rede erwähnte Trump das Coronavirus in einem kurzen Absatz. »Amerikas Gesundheit zu schützen, das bedeutet auch, gegen Infektionskrankheiten zu kämpfen. Wir koordinieren uns mit der chinesischen Regierung und arbeiten eng zusammen gegen den Ausbruch des Coronavirus in China«, sagte Trump. »Meine Regierung wird alle notwendigen Schritte unternehmen, um unsere Bürger vor dieser Bedrohung zu schützen.«

Die Warnung, die er selbst erhalten hatte, teilt er der Öffentlichkeit allerdings nicht mit.

Als ich den Präsidenten später zu der Warnung von O’Brien befragte, sagte er, dass er sich nicht genau daran erinnere. »Aber sicher hat er es gesagt«, meinte Trump. »Ein netter Kerl.«

Und in einem Interview mit Präsident Trump am 19. März, also sechs Wochen bevor ich von O’Briens und Pottingers Warnungen erfuhr, sagte der Präsident, seine Äußerungen während der frühen Wochen des Virus seien absichtlich so ausgerichtet gewesen, keine Aufmerksamkeit darauf zu lenken.

»Ich wollte es immer herunterspielen«, erklärte Trump mir gegenüber. »Ich spiele es immer noch gern runter, weil ich keine Panik erzeugen will.«

Am Freitag, den 7. Februar 2020, rief Trump mich gegen 21 Uhr an. Da er zwei Tage zuvor im Impeachment-Verfahren des Senats freigesprochen worden war, erwartete ich, dass er gut gelaunt sein würde.

»Wir haben da gerade einen kleinen interessanten Rückschlag mit diesem Virus in China«, sagte er. Er hatte am Vorabend mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping gesprochen.

»Einen Rückschlag?« Es wunderte mich, dass er sich Gedanken um das Virus und nicht über seinen Freispruch machte. Zu dem Zeitpunkt gab es nur zwölf bestätigte Fälle in den USA. Den ersten Bericht über einen Coronatoten in den Vereinigten Staaten sollte es erst in drei Wochen geben. Bisher war es in den Nachrichten immer nur um das Impeachment gegangen.

Die Chinesen seien sehr fixiert auf das Virus, sagte Trump.

»Ich denke, dass das in zwei Monaten mit der Hitze verschwinden wird«, sagte Trump. »Wissen Sie, wenn es heißer wird, dann tötet das das Virus eher. Na ja, man hofft es.«

Er fügte noch hinzu: »Wir haben uns ausführlich darüber ausgetauscht. Aber wir haben ein gutes Verhältnis. Ich glaube, wir können uns gut leiden.«

Ich erinnerte den Präsidenten daran, was er mir in früheren Interviews für dieses Buch erzählt hatte: dass er Präsident Xi hart wegen dessen »Made in China 2025«-Plan angegangen war, mit dem die USA überholt werden und China der weltweit führende Hersteller von Hightech-Produkten in zehn Industrien werden sollte, angefangen bei fahrerlosen Autos bis hin zur Biomedizin. »Das ist sehr beleidigend für mich«, hatte Trump zu Xi gesagt. Der Präsident hatte auch mit grimmigem Stolz angekündigt, er werde »China im Handel die Hölle heißmachen« und dafür sorgen, dass Chinas jährliches Wirtschaftswachstum sinke.

»Na ja, wir hatten ein paar Auseinandersetzungen«, gab Trump zu. Und was hatte Präsident Xi am Vortag gesagt?

»Ach, wir haben hauptsächlich über das Virus geredet«, sagte Trump. Warum, fragte ich mich, »hauptsächlich«?

»Und ich denke, er wird es ganz gut in den Griff kriegen«, sagte Trump, »aber wissen Sie, das ist eine sehr knifflige Situation.«

Was sie so »knifflig« mache?

»Es kommt durch die Luft«, sagte Trump, »das ist immer schwieriger als über Berührung. Man muss Sachen nicht anfassen. Stimmt’s? Aber die Luft. Man atmet nur die Luft, und so wird es übertragen. Und deshalb ist es sehr knifflig. Das ist ein sehr schwieriges Ding. Es ist auch noch tödlicher als die schlimmste Grippe.«

»Tödlich« war ein sehr starkes Wort. Hier ging offenbar etwas vor sich, womit ich mich noch nicht intensiv beschäftigt hatte. In den kommenden Monaten sollte ich Reisen nach Florida und an die Westküste unternehmen, ohne mir der zunehmenden Pandemie bewusst zu sein. Zu jenem Zeitpunkt wusste ich auch noch nicht, dass O’Brien dem Präsidenten gesagt hatte, dass das Virus »die größte Bedrohung der nationalen Sicherheit sein wird, der Sie sich in Ihrer Präsidentschaft stellen müssen«. Ich hatte auch noch niemand fordern gehört, dass die Amerikaner ihr Verhalten ändern müssten, außer nicht mehr nach China zu reisen. Die Amerikaner gingen ihrem Alltag nach, was unter anderem über sechzig Millionen Inlandsflüge allein in jenem Monat umfasste.

Bei unserem Telefonat verfügte Trump über erstaunliche Detailkenntnis über das Virus.

Er fuhr fort, es sei »pretty amazing« und tödlicher als die Grippe.

Vielleicht fünfmal so tödlich.

»Das ist tödliches Zeug«, wiederholte Trump. Er lobte Präsident Xi.

»Ich denke, er wird einen guten Job machen. Er hat in Rekordzeit mehrere Krankenhäuser gebaut. Die wussten, was sie tun. Sie sind sehr gut organisiert. Und wir werden sehen. Wir arbeiten mit ihnen zusammen. Wir schicken ihnen Sachen, Ausrüstung und so weiter. Und das Verhältnis ist sehr gut. Viel besser als vorher. Wegen dem [Handels-]Deal war es belastet.«

Mein erstes Buch über seine Präsidentschaft, Furcht: Trump im Weißen Haus, war siebzehn Monate vor diesem Telefonat am 7. Februar erschienen. Furcht schilderte Trump als einen »emotional überreizten, sprunghaften und unberechenbaren Staatschef«, der eine Regierungskrise und einen »Nervenzusammenbruch der politischen Exekutive des mächtigsten Landes der Welt« ausgelöst hatte.

Während einer Fernsehdiskussion über Furcht fragte man mich nach meinem Fazit über Trumps Führungsqualitäten. »Lassen Sie uns bei Gott hoffen, dass wir keine Krise bekommen«, hatte ich damals gesagt.

Trump hatte Interviews für Furcht abgelehnt. Allerdings erklärte er Mitarbeitern immer wieder, er wünschte, er hätte mit mir kooperiert. Und so willigte er in Interviews für dieses Buch ein. Am 7. Februar fand unser sechstes von insgesamt siebzehn Interviews statt.

Ich fragte: »Wie sieht der Plan für die nächsten acht bis zehn Monate aus?«

»Es einfach gut machen«, erwiderte Trump, »es einfach gut machen.

Das Land gut führen.«

»Helfen Sie mir, ›gut‹ zu definieren«, sagte ich.

»Wissen Sie«, sagte Trump, »wenn Sie ein Land führen, steckt das voller Überraschungen. Da ist Sprengstoff hinter jeder Tür.«

Vor Jahren hatte ich einmal einen ähnlichen Ausdruck gehört. Streitkräfte benutzten ihn, um die Gefahren und die nervenzehrenden Emotionen bei der Durchsuchung von Häusern in einer Kampfzone zu beschreiben.

Bei Trump überraschte mich, dass er von »Sprengstoff hinter jeder Tür« sprach. Anstatt optimistisch, Beifall heischend oder wütend wie sonst zu sein, klang der Präsident ahnungsvoll, wenn nicht sogar verunsichert, ja fast unerwartet fatalistisch.

»Man will sagen, gut, aber dann passiert was«, fuhr Trump fort.

»Boeing passiert zum Beispiel. Boeing war das großartigste Unternehmen der Welt, und plötzlich macht es einen großen, großen Fehltritt. Und das schadet dem Land.« Boeing ist immer noch von den Problemen mit seiner 737-MAX aus der Bahn geworfen. Nach zwei aufeinanderfolgenden Abstürzen innerhalb von fünf Monaten in Indonesien und Äthiopien, bei denen alle 346 Menschen an Bord ums Leben kamen, wurde das Flugzeug 2019 mit einem Startverbot belegt.

»General Motors ist im Streik«, sagte Trump und nannte damit ein anderes Beispiel. Knapp 50000 Arbeiter des Autoherstellers hatten im Herbst 2019 vierzig Tage lang gestreikt. »Das hätten sie nicht machen sollen. Die hätten in der Lage sein sollen, das beizulegen. Aber sie konnten es nicht. Sie streiken. Hunderttausende von Leuten arbeiten nicht. Lauter solche Sachen passieren. Und du musst es gut machen.«

»Da ist Sprengstoff hinter jeder Tür« schien das selbstkritischste Statement über das Wagnis, den Druck und die Verantwortung der Präsidentschaft zu sein, das ich je in der Öffentlichkeit oder im Privaten von Trump gehört hatte.

Die unerwartete Botschaft dieses Anrufs war aber auch sein detailliertes Wissen über das Virus und dass er es als so tödlich schilderte. Und zwar so früh im Februar, d. h. über einen Monat bevor es begann, ihn, seine Präsidentschaft und die Vereinigten Staaten zu erfassen. Das war ein ganz anderer Ton als der, den er sonst öffentlich anschlug.

Die Einzelheiten seines Telefonats mit Xi waren besorgniserregend. Erst später erfuhr ich, dass viel mehr verheimlicht worden war: dass seine Spitzenberater aus dem Nationalen Sicherheitsrat im Weißen Haus ihn vor der bevorstehenden Katastrophe in den USA gewarnt hatten und der Überzeugung gewesen waren, dass man China und Xi nicht trauen könne; dass seine höchsten Berater für das Gesundheitswesen verzweifelt versucht hatten, ihr Medizinerteam zu Ermittlungen nach China zu schicken; dass Trump Xi Hilfe angeboten hatte und persönlich abgewiesen worden war.

Xi verheimlichte viel. Trump auch.

Wer war verantwortlich dafür, dass die amerikanische Öffentlichkeit nicht vor der heraufziehenden Pandemie gewarnt wurde? Wo kam es zum Versagen? Welche Führungsentscheidungen fällte Trump, welche unterließ er in den entscheidenden ersten Wochen? Ich sollte Monate brauchen, um Antworten auf diese Fragen zu bekommen.

Nachdem ich Furcht geschrieben hatte, dachte ich, die mögliche Krise, die ich befürchtete, würde sich in der Außenpolitik ereignen, wo Trump über die geringste Erfahrung verfügte und die größten Risiken einging. Als ich deshalb im letzten Jahr, deutlich vor Auftreten des Virus, mit der Arbeit an diesem Buch begann, beschloss ich, mir das National Security Team noch einmal und genauer anzusehen. Das hatte Trump in den ersten Monaten nach seiner Wahl 2016 rekrutiert und aufgebaut.

Jetzt erkenne ich, dass Trumps Umgang mit dem Virus – zumindest bisher die mit Sicherheit größte Herausforderung für ihn und seine Präsidentschaft – die Instinkte, Gewohnheiten und den Stil widerspiegelt, die er sich in den ersten Jahren als Präsident bzw. im Lauf seines Lebens zugelegt hat.

Eine der großen Fragen jeder Präsidentschaft lautet: Wie wird sie enden? Aber ebenso wichtig ist die Frage: Wie hat sie begonnen? Deshalb nehmen wir uns diese zuerst vor.

16:51 21.10.2020

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