Schaut genau hin!

Programm Olaf Kröck, Intendant der Ruhrfestspiele, beschreibt das Theater als Ort, an dem wir die Kunst der Wahrnehmung und Empfindungen trainieren können: „Das Theater zeigt, es spricht, es erzählt, es klingt, leuchtet und pulsiert.“ – Eine Einladung an alle
„Circular Vertigo“ (Overhead Project/ Deutschland).
„Circular Vertigo“ (Overhead Project/ Deutschland).

Foto: Stephan Glagla

Schauspiel

SYBIL | Deutschlandpremiere

Regie: William Kentridge (Musikalische Komposition und Konzeption von Nhlanhla Mahlangu und Kyle Shepherd)

Seit seinen frühen Jahren im Südafrika der Apartheid arbeitet William Kentridge in seiner Kunst mit theatralen Ausdrucksformen. Als Maler und Bildhauer experimentiert er immer wieder an der Schnittstelle des Theaters, der Musik und des (gezeichneten Trick-) Films. Über die Jahrzehnte seines Schaffens ist ein komplexes und vielschichtiges Werk entstanden, das weltweit in den renommiertesten Museen ausgestellt und in Theatern, Opernhäusern und auf Festivals gezeigt wird. „SIBYL“ ist in diesem Sinne beispielhaft für die Arbeit William Kentridges, verbindet es doch das Theater, die Literatur, den Tanz, das Musiktheater, den Film zu einem einzigartigen Gesamtkunstwerk. „SIBYL“ erzählt keine lineare Geschichte. Kentridge, dessen bildnerische Kunst vor allem von Kohlezeichnungen auf Zeitungspapier oder altem Aktenmaterial dominiert wird, lässt sein Werk sprichwörtlich vor den Zuschauer*innen entstehen. Inspiriert ist das Stück von der Geschichte der Prophetin Sibylle von Cumae, die, der Sage nach, das Schicksal von Menschen auf Eichenblätter schrieb und diese am Eingang ihrer Höhle auf einen Laubhaufen legte. Der Abend für zehn Performer*innen besteht aus zwei Teilen. Unter dem Titel „The Moment Has Gone“ besteht Teil 1 aus einem Kurzfilm mit Livemusik. Den zweiten Teil bildet die Kammeroper „Waiting for the Sibyl“. So entsteht ein bildgewaltiger, musikalischer Abend, der von der schöpferischen Kraft der Kunst, der Schönheit der Natur und ihrer gnadenlosen Ausbeutung durch den Menschen handelt.

Mit „SIBYL“ werden die Ruhrfestspiele 2022 eröffnet.

BROS | Deutschlandpremiere

Konzept und Regie: Romeo Castellucci (Koproduktion mit Societas)
Musik: Scott Gibbons

Romeo Castellucci ist der Theaterentgrenzer unserer Tage. Nach dem Studium der Malerei und Bühnenbild an der Akademie in Bologna gründete er 1981 die Kompanie Societas Raffællo Sanzio. Seine Stücke, die er als Autor, Regisseur, Lichtdesigner, Bühnen- und Kostümbildner gestaltet, werden von den führenden Theatern, Opernhäusern und auf internationalen Festivals gezeigt. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u. a. den Premio Europa Nuove Realità Teatrali und den Goldenen Löwen der Biennale Venedig für sein Lebenswerk. In seiner neuen Arbeit untersucht Castellucci die Mechanismen von Macht.

Auf der Bühne befinden sich über zwanzig Männer, alle Amateure in Uniformen aus alten Zeiten, die ebenso an burleske Filmszenen erinnern wie an die dunkelsten Momente des letzten Jahrhunderts. Sie erhalten Befehle und führen sie aus – aber wissen sie auch um deren Sinn und Zweck? Mit „Bros“ nimmt Castelluccis Arbeit eine Wendung: Statt großer Bilder und Fiktionen wie in Bachs „Matthäuspassion“ in den Hamburger Deich torhallen oder Mozarts „Requiem“ in Aix-en-Provence setzt er exemplarisch unsere Gegenwart in Szene. Hier wird jeder Körper zum Spielball einer Autorität – und sei es nur einer orchestrierenden Theaterinstanz. Wo stehen wir, zwischen Herdentrieb und individueller Verantwortung? Auf welche „Ordnungskräfte“ stützt sich ein System? Die Bühne wird zum Experimentierfeld, das unser tief widersprüchliches Verhältnis zu Macht und Gesetz hinterfragt. Die manchmal absurden Situationen fragen nach Haltung, nach Gehorsam und Willensfreiheit, Theater und Politik. „Bros“ sprengt theatrale Grenzen. Ein wahres ästhetisches und politisches Manifest.

EUROTRASH

Regie: Jan Bosse (Schaubühne am Lehniner Platz)

Es ist ein richtiges Theaterereignis. Ein Theaterfest. Die Uraufführung des neuen Romans „Eurotrash“ von Kultautor Christian Kracht in der Regie von Jan Bosse. Als Zweipersonenstück gespielt von dem Ausnahmeschauspieler Joachim Meyerhoff und der vielleicht größten Schauspielerin unserer Tage: der einzigartigen Angela Winkler. Wer kennt sie nicht aus den Klassikern des neuen deutschen Films der 1970er Jahre, aus „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ oder aus „Die Blechtrommel“? Oder auf der Bühne als Hamlet in der berühmten Inszenierung von Peter Zadek? Angela Winkler und Joachim Meyerhoff – nun spielen sie Mutter und Sohn. „Eurotrash“ ist der Roman einer Reise – einer Reise in die Abgründe einer Familie, deren Geschichte sich auf tragische und bisweilen sehr komische Weise mit der deutschen Geschichte kreuzt. Es ist ein berührendes Meisterwerk von existentieller Wucht und sarkastischem Humor. Der IchErzähler Christian Kracht bricht zusammen mit seiner exzentrischen, schwerkranken Mutter auf zu einem letzten gemeinsamen Roadtrip. Mit einem Taxi und 600 000 Franken im Gepäck, mit viel Wodka und Schlafmitteln, einem Rollator und künstlichem Darmausgang geht es hinauf in die Schweizer Berge und zugleich auf eine Reise in die eigene Familiengeschichte, die geprägt ist von mondänem Jetset, NS-Vergangenheit, Missbrauch, Krankheit und Sucht. Die bewegende Begegnung zwischen Mutter und Sohn wird zum gemeinsamen, aber auch immer wieder konkurrierenden Parforceritt durch die Erinnerung: Was soll wachgerufen und erzählt werden, was unausgesprochen, vergessen und verdrängt bleiben? Unvergleichlich intensiv gespielt.

„(...) so dienen Angela Winkler und Joachim Meyerhoff einander im Spiel; und würde man die mittlerweile 77-jährige Winkler nicht ohnehin lieben, liebte man sie nach diesem Abend noch ein bisschen mehr.“Die Zeit

TAO OF GLASS | Deutschlandpremiere

von Philip Glass und Phelim McDermott (Co-Regie: Phelim McDermott und Kirsty Housley, Koproduktion mit dem Manchester International Festival)

Was ist die Essenz von Kreativität? Woher kommt eine Idee? Was sagen unsere Träume über unsere Persönlichkeit? Und was bleibt schließlich von unseren Träumen, was bleibt von uns? „Tao of Glass“ ist ein in Teilen autobiografisches Stück des großen Schauspielers, Puppenspielers und Regisseurs Phelim McDermott und des New Yorker Komponisten Philip Glass. Seit Jahrzehnten beschäftigt sich McDermott mit den Werken des Erfinders der Minimal Music, dessen Musik eine stete Quelle der Inspiration war.

Philip Glass ist zweifelsohne einer der bedeutendsten und einflussreichsten Musiker*innen und Komponist*innen der Gegenwart, der, ausgehend von den USA, die musikalische Avantgarde der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts maßgeblich beeinflusst hat. Phelim McDermott hat mehrere seiner Opern in hochgelobten Inszenierungen auf die Bühne gebracht, zuletzt für die English National Opera in London und die Metropolitan Opera in New York. Für „Tao of Glass“, einer ganz persönlichen Bühnenmeditation über die Kraft und den Einfluss der Musik von Glass, hat der heute 85-Jährige zehn neue Stücke komponiert, die nach der Coronapause zur Deutschen Erstaufführung kommen werden. Es ist die bislang persönlichste Zusammenarbeit der beiden Künstler. In ihr thematisieren sie sowohl das Ende des Lebens als auch seinen Beginn, mit Witz und Derbheit. Hier trifft die Weisheit des Taoismus auf Erkenntnisse der Psychologie. Ein lustiger, trauriger, warmherziger und weltumspannender Abend, der vor allem eines leistet: Er feiert die Kraft des Theaters. Ursprünglich für die Ruhrfestspiele 2020 geplant, kommt die Produktion jetzt endlich live nach Recklinghausen.

MEIN NAME SEI GANTENBEIN

Regie: Oliver Reese (Berliner Ensemble)

Stellen Sie sich vor, Sie lassen alles hinter sich und fangen noch einmal neu an: andere Stadt, anderer Beruf, andere Liebschaft. Stellen Sie sich vor, es wäre an Ihnen, Ihr Leben zu gestalten, Sie selbst würden bestimmen, wie Ihr Leben verläuft ... Aber Moment: Tun wir das nicht? Wie würden wir denn leben, wenn wir nur anders könnten? Was würden wir tun, wenn wir nur anders wollten? Würden wir nicht am Ende trotz allem wieder in dieselben Muster verfallen, egal wie oft wir die Kleider wechseln? Würden die Falten nicht trotzdem immer wieder an denselben Stellen entstehen? Fehlt es uns an Fantasie? An Mut? Oder an Überzeugung?

Max Frischs letzter großer Roman „Mein Name sei Gantenbein“ (1964) treibt dessen Lebensfrage danach, wer wir sind und wer wir sein könnten, auf die Spitze – und gibt der Zweifelhaftigkeit des modernen Menschen und der Abwägung von Wirklichkeit und Möglichkeit gleichermaßen eine Stimme. Es sind Geschichten wie Kleider, die man probiert.

Der Regisseur Oliver Reese und der Schauspieler Matthias Brandt, der nach 20 Jahren erstmals wieder in einer Inszenierung auf die Theaterbühne zurückkehrt, gehen Frischs radikal moderner Suche nach der eigenen Identität in der Spannung zwischen ethischem (Was sollte ich tun?) und ästhetischem (Was will ich tun?) Lebensentwurf nach: Könnte nicht alles anders sein? Könnte ich nicht ein ganz anderer sein? Stellen Sie es sich zumindest vor!

„Ich probiere Geschichten an wie Kleider!“ Der bewegende Roman von Max Frisch als Monolog des Ausnahmeschauspielers Matthias Brandt. Die Frage nach der Identität eines Menschen, seinen sozialen Rollen: Leben als Spiel erdichteter Rollen, als Spiel mit Biografien und Fiktionen.

„Mehr braucht es nicht für einen faszinierenden Theaterabend: einen guten Schauspieler, ein literarisches Werk, das einige prinzipielle Fragen stellt, und einen Regisseur, der genau hinhört.“Süddeutsche Zeitung

Tanz

COLOSSUS| Deutschlandpremiere

Choreografie: Stephanie Lake Stephanie Lake Company (Kooperation mit dem Institut für Zeitgenössischen Tanz, Folkwang Universität der Künste)

Sie laufen und atmen im Takt, heben die Arme, wenden die Köpfe – immer miteinander im Einklang. Es ist unmöglich zu erkennen, wo der eine Körper aufhört und der nächste anfängt. In „Colossus“ erkundet die australische Choreografin Stephanie Lake die Freuden und Spannungen kollektiver Erfahrungen. Die Bühne ist gefüllt mit einer lebendigen Masse, einem Koloss aus fast 50 Tänzer*innen, der sich wogend als eine Einheit bewegt. Viele Bewegungsmuster sind dabei der Natur entliehen, sie wirken wild und animalisch, andere streng und restriktiv. Umso stärker scheinen die Momente, in denen ein Individuum solistisch aus der Masse ausbricht.

„Colossus“ thematisiert Menschlichkeit und befragt die Komplexität, Nähe zu leben. Sind unsere Gesellschaften und sozialen Netzwerke mehr als nur Ansammlungen von Individuen? „Colossus“ demonstriert die Macht der Vielen. Lake schafft eine choreografisch vielschichtige Mischung aus kompliziertem Gleichklang und wilder Individualität, aus explosiven, auch zarten, intimen Momenten. „Colossus“ erforscht durch die überwältigende Masse der Tänzer*innen Erfahrungen der Gemeinschaft. Wie navigieren wir als Individuen durch die Masse?

Und noch etwas ist besonders: Lake arbeitet bei diesem Großprojekt nicht etwa mit Tänzer*innen ihres Ensembles. Ganz im Sinne der Nachhaltigkeit studiert sie „Colossus“ vielmehr jeweils lokal mit Tanzstudierenden vor Ort ein. Für die Deutschlandpremiere haben die Ruhrfestspiele sie mit dem Institut für Zeitgenössischen Tanz der Folkwang Universität der Künste zusammengebracht. Die Folkwang Studierenden werden diese atemberaubende

Tanzperformance nun für die Ruhrfestspiele zum Leben erwecken.

„Spannend und erschreckend und absolut unvergesslich. Ein monumentales Talent.“Time Out

ISADORA DUNCAN

Konzept: Jérôme Bel Choreografie: Isadora Duncan

Mit „Isadora Duncan“, diesem für Elizabeth Schwartz konzipierten Stück, setzt der große französische Choreograf Jérôme Bel seine Serie von Tänzer*innenporträts fort, die er 2004 begonnen hat. Im Gegensatz zu „Véronique Doisneau“, „Cédric Andrieux“ und „Pichet Klunchun & Myself“ zeichnet Jérôme Bel hier zum ersten Mal das Porträt einer verstorbenen Choreografin – Isadora Duncan, kompromisslose Pionierin und Wegbereiterin des modernen Tanzes. Bel nimmt Duncans autobiografisches Werk

„Ma Vie“ („Mein Leben“, 1927) als Ausgangspunkt und entdeckt hinter der romantischen Figur eine visionäre Choreografin, die durch ihre große Freiheit des Ausdrucks, ihre Spontaneität und Natürlichkeit in der Bewegung die Grundlagen des modernen Tanzes schuf – die Wurzeln des zeitgenössischen Tanzes. In einer Mischung aus diskursiven und sensiblen Stilen, gesprochenen Momenten und getanzten Soli erweckt die Performance die Erinnerung an den freien Tanz zum Leben. Mit seinem Anliegen, den Tanz als Hebel der Emanzipation zu ermöglichen, aktiviert Bel Duncans Lehre und zeigt die Aktualität ihres kritischen Potenzials: Neben ihren Tanzkünsten ist Duncan auch für ihr feministisches Engagement sowie die Förderung einer jungen Tänzerinnengeneration bekannt. Ihr turbulentes Leben faszinierte, machte sie zu einer Heldin ihrer Zeit. Mit ihren nackten Füßen, ihren dünnen „griechischen“ Tuniken und ihren „freien“ Bewegungen, das heißt befreit von jeder bekannten Technik, setzte sie eine neue Idee des Tanzes durch, die auf Erfindung, Improvisation und Harmonie von Körper und Geist beruht. Jérôme Bels getanztes Portrait „Isadora Duncan“ ist ein bewegendes Meisterwerk des zeitgenössischenTanzes.

Die R.B./Jérôme Bel Company reist aus ökologischen Gründen nicht mehr mit dem Flugzeug. Eine zweite Version des Stücks entstand via Telekonferenz mit der Tänzerin Catherine Gallant in New York.

Produktion: R. B. Jérôme Bel, Koproduktion: La Commune centre dramatique national d'Aubervilliers, Les Spectacles Vivants – Centre Georges Pompidou (Paris), Festival d'Automne à Paris, R.B. Jérôme Bel (Paris), Tanz im August/HAU Hebbel am Ufer (Berlin), BIT Teatergarasjen (Bergen) mit Unterstützung von: CND Centre National de la Danse (Pantin) im Rahmen seines Residenzprogramms, MC93 (Bobigny), Ménagerie de Verre (Paris) im Rahmen von Studiolab, für die Bereitstellung von Atelierräumen

Literatur

Sharon Dodua Otoo | Eröffnungsrede

Im letzten Jahr war die Schriftstellerin, Herausgeberinund politische Aktivistin Sharon Dodua Otoo in der Reihe „... im Gespräch mit Denis Scheck“ zu Gast bei den Ruhrfestspielen. Die Lesung aus ihrem ersten, hoch gelobtenRoman „Adas Raum“ und das Gespräch waren eindringlich. Die 1972 in London geborene, heute in Berlin lebende Ingeborg Bachmann-Preisträgerin setzt mit ihrem Schreiben neue Maßstäbe: Formal und inhaltlich bricht sie Sprechund Denkweisen auf und befragt damit vermeintlich Gesetztes. Sie ist Herausgeberin der englischsprachigen Buchreihe „Witnessed“ in der edition assemblage. Ihre erste Novelle „Die Dinge, die ich denke, während ich höflich lächle“ erschien 2012 in englischer und 2013 in deutscher Sprache, 2014 folgte „Synchronicity“. Mit der ersten in Deutsch verfassten Erzählung „Herr Gröttrup setzt sich hin“ gewann sie den Ingeborg Bachmann-Preis 2016. In ihrer Eröffnungsrede zum Bachmann-Preis 2020 „Dürfen Schwarze Blumen Malen?“ diskutierte sie die Bedingungen des schriftstellerischen Arbeitens für Schwarze Autor*innen in der deutschsprachigen Literaturlandschaft.

Sharon Dodua Otoo überschreitet sprachlich und erzählerisch Grenzen. Sie schafft Bilder und Räume, die das Leben mit neuer Klarheit sehen lassen. Engagiert und anarchisch, augenöffnend und spannend gelingt ihr ein Umund Neudenken von Perspektiven und Erfahrungen. Ihr Erzählen findet neue Zugänge zu gesellschaftlichen Umbrüchen, individuellen Erinnerungen und kollektiven Traumata. Ihr Mut und ihre Lust zu erzählen, ihre Empathie und ihr Humor, ihre Neugier, unsere Gegenwart zu verstehen, machen atemlos. Nun kommt Sharon Dodua Otoo zurück zu den Ruhrfestspielen und hält nach Judith Schalansky, Clemens Meyer und Enis Maci die diesjährige Eröffnungsrede.

Sharon Dodua Otoo wird zudem in Kooperation mit den Ruhrfestspielen als Kuratorin die Konzeption für das dreitägige Festival „Resonanzen – Schwarzes Literaturfestival“ entwickeln.

Antje Rávik Strubel | im Gespräch mit Denis Scheck

Für ihren neuen Roman „Blaue Frau“ erhielt die mit zahlreichen Preisen geehrte Autorin und Übersetzerin Antje Rávik Strubel den Deutschen Buchpreis 2021. „Blaue Frau“ erzählt von den ungleichen Voraussetzungen der Liebe, den Abgründen Europas und davon, wie wir das Ungeheuerliche zur Normalität machen. In der Jurybegründung heißt es: „Mit existenzieller Wucht und poetischer Präzision schildert Antje Rávik Strubel die Flucht einer jungen Frau vor ihren Erinnerungen an eine Vergewaltigung. Schicht um Schicht legt der aufwühlende Roman das Geschehene frei. Die Geschichte einer weiblichen Selbstermächtigung weitet sich zu einer Reflexion über rivalisierende Erinnerungskulturen in Ostund Westeuropa und Machtgefälle zwischen den Geschlechtern.“ Gelobt wird auch ihre ergreifende Poetik: „Literatur als fragile Gegenmacht, die sich Unrecht und Gewalt aller Verzweiflung zum Trotz entgegenstellt.“ Nun kommt Antje Rávik Strubel zu den Ruhrfestspielen und ist zu Gast bei dem Moderator und Literaturkritiker Denis Scheck.

Fritzi Haberlandt liest | „Die Legende vom heiligen Julian“ von Gustave Flaubert

1877 veröffentlichte Gustave Flaubert sein letztes Buch. Für viele ist es sein vollkommenstes Werk und eines der schönsten Bücher der französischen Literatur: „Drei Geschichten“. In ihm vereint Flaubert das Unterschiedlichste: die Poesie der Sprache und die spürbare, materielle Wirklichkeit der Welt. Die mittlere dieser drei Geschich ten trägt den Titel „Die Legende vom heiligen Julian“. Es ist die ungeheuerliche Geschichte von Julian, der seine Eltern ermordet und trotzdem ein Heiliger wird, eine Art mittelalterlicher Ödipus, der die ihm prophezeite Tat durch furchtbarste Qualen büßt. „Ich denke an all meine Toten, ich wälze mich in der Schwärze“, schreibt Flaubert in einem Brief. Dieser Schwärze ringt er besonders in der Julian-Legende eine erschütternde Intensität ab. Unbarmherzig blickt er auf die barbarische Natur des Menschen, Zeile für Zeile dringt er tiefer in das Grauen, in die Verruchtheit der Menschengewalt. Und dieses späte Meisterwerk liest keine Geringere als Fritzi Haberland.

Resonanzen – Schwarzes Literaturfestival

Konzeption und Kuratorin: Sharon Dodua Otoo

wir schreiben bis zum letzten atem,
damit ein hauch von bewusstsein bleibt, ein funke von befreiung entfacht,
und im innersten der tatendrang erwacht, alles zu verändern.

– Furat Abdulle (Aus dem Gedicht „Werke der Welten“)

Schwarze deutschsprachige Belletristik hat eine lange, beachtliche Tradition, die in vielen Strömungen lebendig wurde. Vom ersten Roman des Schwarzen deutschen Autors Dualla Misipo zum Ende der Weimarer Republik bis hin zu aktuellen Titeln Schwarzer Autor*innen, die eine immer größere Wirkung erzielen. Heute fragen wir: Wann erweitert sich die Liste von Schwarzen Schriftsteller*innen, die es auf die Longlist des Deutschen Buchpreises schaffen? Wann erscheint der erste Roman eines Schwarzen auf Deutsch schreibenden männlichen Schriftstellers in einem großen Publikumsverlag? Wie kann es mehr gut vernetzte, etablierte deutschsprachige Literaturkritiker*innen geben, die die Traditionen, Einflüsse und Bezüge von Autor*innen der afrikanischen Diaspora erkennen und zu deuten wissen? Mit „Resonanzen – Schwarzes Literaturfestival“, einer Kooperation zwischen den Ruhrfestspielen und der Schriftstellerin und politischen Aktivistin Sharon Dodua Otoo, wird ein Um-, Neuund Weiterdenken von Perspektiven und Erfahrungen innerhalb der deutschsprachigen Literaturszene angestrebt. Entstanden ist ein Festival im Festival.

Im Rahmen des dreitägigen Literaturfestivals werden Schriftsteller*innen und Literaturkritiker*innen Schwarze Ästhetiken in der deutschsprachigen Literatur ins Zentrum rücken: sie präsentieren, würdigen und feiern. Darüber hinaus bieten das Festival und sein Rahmenprogramm Möglichkeiten der Begegnung und Vernetzung. Ideen für literarische Texte und Lesarten können hier ausgetauscht werden. Ziel des Festivals ist es, zu einer wertschätzenden Auseinandersetzung mit Schwarzer deutschsprachiger Belletristik beizutragen, die über Schwarze Communities hinausführt.

Neuer Zirkus

CIRCULAR VERTIGO

Overhead Project, Deutschland

Die Kompanie Overhead Project aus Köln arbeitet an der Schnittstelle zwischen Tanz und zeitgenössischem Zirkus. In ihrer neuesten Arbeit „Circular Vertigo“ vollzieht Tänzerin Mijin Kim diesen Balanceakt. Unter der Regie von Tim Behren glänzt die Südkoreanerin in diesem Duett durch tänzerischen Ausdruck und klare Bühnenpräsenz. Ihr Spielpartner: Ein 100 kg schweres Pauschenpferd. Stoff aus Schulalpträumen und Symbol für Drill und Wettbewerb im Hochleistungssport. Ein Endgegner also. Aber nicht für Mijin Kim. Völlig unbefangen nähert sie sich ihrem Spielpartner, mit fast kindlichem Staunen ertastet und erkundet sie das Gerät. Lotet aus, was möglich, aber auch, was unmöglich ist. Und nutzt es doch nie so, wie man es erwarten würde.

Unermüdlich und leichtfüßig arbeitet sich Mijin Kim an ihrem Gegenüber ab, das im Kreis durch die Luft schwingt. Mal ist sie dabei verschmitzt oder provozierend, mal voll trotzigem Widerstand. Und symbolisiert so auch ein Stück Female Empowerment innerhalb der Zirkusgeschichte: Hervorgegangen aus der Reitkunst des 18. Jahrhunderts, konnten Frauen im Zirkus u.a. als gefeierte Reiterinnen einen Platz fernab von klassischen Familienrollen finden.

Unterstrichen werden die starken, klaren Bilder von der musikalischen Komposition von Simon Bauer, einer stimmungsvollen Mischung aus Klavier und Elektro, die nicht nur untermalt, sondern das Geschehen auch voranzutreiben scheint. So entwickelt sich aus der reibungsvollen Begegnung zwischen Mensch und Objekt ein feingliedriges Miteinander. „Circular Vertigo“ zeigt einen wilden Reigen an Möglichkeiten, spielerischen Annäherungen und ungeahnten Höhenflügen.

„(...) virtuos zwischen gefährlichem Taumeln und glücklichem Triumph.“kultur.west

JULIETA | Weltpremiere

von und mit Gabriela Muñoz (Mexiko)

Die Mexikanerin Gabriela Muñoz schafft skurrile, detailverliebte Welten, die einem zu Herzen gehen. 2019 begeisterte die Clownin das Recklinghäuser Publikum mit ihrer Show „Perhaps, Perhaps ... Quizás“. Nun präsentieren die Ruhrfestspiele die Weltpremiere ihrer neuesten Arbeit.

„Julieta“ ist eine Geschichte über das Älterwerden und eine Hommage an Muñoz’ eigene Großmutter, eine, so Muñoz, „freie, lustige, kreative, eitle und kokette Seele, eine großzügige Frau, die mich viel über das Leben gelehrt hat“. Die Idee zu der neuen Arbeit kam ihr, als die Clownin in Altenheimen auftrat. Ihr wurde die Poesie hinter den Metamorphosen des Alterns bewusst. Mit ihrem entwaffnenden Witz bekämpft sie nun das Stigma des Älterwerdens und wirft einen satirischen Blick darauf. Ihre neue Show nimmt auch den Jugendwahn – wortwörtlich – unter die Lupe. „Julieta“ erkundet die verschiedenen Lebensphasen und untersucht, wie sich unser Selbstbild entsprechend immer wieder verändert und verformt. Dafür schlüpft Muñoz in die Pantoffeln ihrer Großmutter und kreiert ein schräges und liebevolles Alter Ego, das sich auf ein Date mit dem Lieblingssänger im Fernsehen vorbereitet oder unliebsame Falten mit Tesafilm glättet. Während sich ihre Umgebung in ein Spiegelkabinett der Erinnerungen verwandelt, findet unsere Titelheldin neue Wege sich anzupassen. Sie wird durch verschiedene Brenngläser betrachtet, die alles, was das Leben ihr in den Weg stellt, vergrößern, verzerren und damit spielen.

Das Publikum taucht in Muñoz’ eigenwilligen Kosmos ein. „Julieta“ ist eine bildreiche, mit viel Fantasie und Liebe zum Detail gestaltete One-Woman-Show mit einem Bühnenbild so facettenreich wie ein erfülltes Leben.

„Muñoz verbindet manische Energie mit echter Emotion; das Ergebnis ist ein ausgelassener, überschäumender Spaß.“Three Weeks, Edinburgh

Zum vollständigen Programm der 76. Ruhrfestspiele

13:26 28.04.2022

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Netzschau „[Kentridges] Themen sind die Brutalität des Apartheid-Systems, Polizeigewalt und Folter. Schon früh lernte er, was Apartheid bedeutet, obwohl er selbst weiß ist. Sein Vater war Menschenrechtsanwalt und juristischer Vertreter von Nelson Mandela.“

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Element of Crime | Ruhrfestspiele 2022

Video Seit 35 Jahren spielen sie ihre Songs. Jetzt zum ersten Mal bei den Ruhrfestspielen. Es gibt nichts Vergleichbares, die diese Musik in die Welt brächte, ohne auch nur einen Moment darüber nachzudenken, ob das gerade in den Zeitgeist passt oder nicht


Eurotrash | Ruhrfestspiele 2022

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