Ein revolutionärer Akt

Kommentar Mehr als 10 Jahre lang hat sich der deutsch-spanische Regisseur Enrique Sánchez Lansch mit Matthew Herberts Arbeit auseinandergesetzt, bis schlussendlich „A Symphony of Noise“ entstanden ist – ein einmaliger Film über einen einzigartigen Musiker ...
Ein revolutionärer Akt
Szene aus „Symphony of Noise“ von Regisseur Enrique Sánchez Lansch.

Foto: Rise and Shine Cinema

Bevor ich Matthew Herbert 2010 zum ersten Mal persönlich begegnete, hätte ich mir nicht träumen lassen, dass ich mich über zehn Jahre intensiv mit ihm und seiner Arbeit beschäftigen würde. Damals wusste ich kaum mehr über ihn, als dass er ein Star der Elektro-Szene ist, bekannt für bühnenwirksame Auftritte und exzentrische Kostümierung, der die Clubgängercrowd begeistert. Die Deutsche Grammophon hatte damals namhafte Künstler anderer musikalischer Sparten eingeladen, in einer Reihe mit dem Titel Recomposed eigene Versionen bekannter Klassik-Werke zu produzieren. Weil Gustav Mahler seine 10. Sinfonie bei seinem Tod nur skizzenhaft hinterlassen hatte, hatte Matthew Herbert sie als Grundlage ausgewählt. Ich bekam nun die Gelegenheit, ihn bei einem Dreh über dieses Projekt kennenzulernen, um mir dabei zu überlegen, ob ich mir auch einen längeren Film über ihn vorstellen könnte. Ich war sehr gespannt, wie er sich Mahlers Werk annähern würde, und freute mich schon aufs erste Vorgespräch. Aber dann dauerte es erst einmal zwei Monate, bis ich den schwer beschäftigten Star der Clubszene überhaupt am Telefon hatte. Bei diesem Gespräch schilderte er, wie er Mahlers Werk in einem Krematorium aus einer Urne heraus neu aufnehmen wollte, aus einem im Kreis fahrenden Leichenwagen und einem Sarg, den er mit Lautsprecherboxen hatte ausstatten lassen. Den Sargdeckel wollte er dabei immer wieder anheben und absenken. Als ich auflegte, wusste ich nicht, was ich davon halten sollte.

Zwei Wochen später, an einem kühlen Januarmorgen, stand ich mit meinem Drehteam in einem unaufgeregten Hafenstädtchen im Südosten Englands. So hatte ich mir den Wohn- und Arbeitsort Matthew Herberts nicht vorgestellt. Und der persönliche Zugang war sofort da: Ich lernte den vermeintlich exzentrischen Star als bescheiden auftretenden Menschen kennen, der um sich selbst kein Gewese macht. Ich spürte gleich ein großes Vertrauen. Und mehr noch: dass wir irgendwie dieselbe Sprache sprechen. Ich erlebte ihn als Künstler, der mit großer Ernsthaftigkeit und gut durchdachten Konzepten an seine Arbeit herangeht. Er hatte sich für die Mahler-Aufnahmen präzise vorbereitet, wusste genau, was er wollte, und seine Vorgehensweise war schlüssig und klar. Voller intensiver Eindrücke kam ich von dieser Reise zurück, aber vor allem mit dem Vorsatz, auf jeden Fall einen längeren Film über Matthew und seine Arbeit zu versuchen.

Ich bin selbst als klassischer Musiker ausgebildet und Musik als Thema spielt in den meisten meiner Filme eine große Rolle, immer verbunden mit einem politischen oder sozialen Kontext. So in Das Reichsorchester über die Verantwortung der Berliner Philharmoniker als Propagandawerkzeug im Nationalsozialismus. Oder anders bei Rhythmis it!! über ein Tanzprojekt mit 250 Jugendlichen, viele aus bildungsfernen Verhältnissen. Oder bei The Promise of Music über eine halbe Million Kinder und Jugendliche aus ärmsten Familien in Venezuela, die in einer Jugendorchesterbewegung eine Zukunftsperspektive erhalten. Ich wollte ihre Geschichte erzählen, aber auch das Filmpublikum mit ihrer Begeisterung für Musik anstecken. Mit Matthew Herbert einen Film über den ungeheuer sinnlichen Reichtum des Hörens bis hin zu seiner politischen Sprengkraft anzugehen und dabei die Filmzuschauer aufzufordern, genau hinzuhören, hat mich sofort fasziniert.

Der Funke war also bei mir schon längst entzündet, als ich Herbert dann regelmäßig traf z.B. bei einem seiner Konzerte zum Album One Pig. Während des Konzerts gab es eine Tanzperformance in einem stilisierten Viereck, halb Gehege/halb Boxring. Jedes Mal, wenn der Tänzer gegen die Umzäunung stieß, wurden Töne erzeugt, die sofort in die Musik eingingen. Gleichzeitig bereitete ein Koch in voller Montur auf der Bühne nach allen Regeln der Kunst Schweinebraten zu, den die Band nach dem Konzert vor aller Augen genüsslich verspeiste. Als ich in den folgenden Jahren einen rastlos arbeitenden Matthew Herbert mit oder ohne Kamera begleitete, war ich immer mehr beeindruckt von der Vielfalt seiner Projekte und Auftritte, die er nicht nur wie ein Musiker, sondern wie ein Konzeptkünstler angeht. Der Schlüssel zur Frage, wie ich im Film diese vielen Facetten eines Hochkreativen zusammenhalten könnte, der jeden Tag zwanzig neue Ideen hat, kam, als Matthew Herbert mir 2014 seine Idee zu The Music skizzierte. Es sollte ein Album über Geräuschwelten werden, die er kaum je mit dem Mikrofon einfangen, sondern bloß mit Worten beschreiben könnte. Ein Album, das dann konsequenterweise in Buchform erscheinen müsste mit Musik, die erst im Kopf der Lesenden entsteht. Ich beschloss, die Entstehung des Buches, das dem Thema Hören noch eine weitere Dimension gibt, als dramaturgische Klammer zu nutzen.

Ton kann so viel erzählen, oft viel mehr als Bilder. Gerade Filmmenschen wissen das eigentlich. Die zehn Jahre, in denen ich Matthew Herberts Arbeit begleitete und tiefer in die Komplexität seiner Gedankenwelt um die Qualität von Geräusch, Musik und Hören eindringen konnte, hat nicht nurmein Gehör geschärft, sondern mein Hören der Welt fundamental verändert. Und das Hören von Geräuschen hat für mich nun eine neue Dimension, die nicht zuletzt mein Musikverständnis bereichert.

Doch Matthew Herbert hat mir auch bestätigt, welches politische Wirkungspotenzial von Musik und überhaupt von künstlerischer Arbeit ausgehen kann. Herbert erweist sich hier als künstlerisch-schöpferischer Aktivist im besten Sinne. Denn ebenso wie es einen Riesenunterschied macht, ob wir bei gesellschaftlichen Missständen weg- oder hinschauen, ist es auch mit dem Weghören und Hinhören. Und sorgfältiges Hinhören lässt uns nie gleichgültig zurück. Es fordert zwangsläug eine Änderung der Haltung. Und genau da steckt der Keim zum politischen Akt, zur Revolution, der Revolution unseres Hörens. Vielleicht auch zu einer besseren Welt.

Enrique Sánchez Lansch, Regisseur von A Symphony of Noise

12:53 31.08.2021

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