Sehr wichtiger Film

Interview Regisseur von „Dear Future Children“ – Franz Böhm – spricht im Interview über die Dreharbeiten bei den brutalen Protesten in Chile, Hongkong und Uganda und seinen unbedingten Willen, jungen Aktivist*innen mit seinem Film Gehör zu verschaffen
Pepper aus Hongkong.
Pepper aus Hongkong.

Foto: Camino Filmverleih

Was interessiert Sie an dem Themenkomplex „politisch radikaler Protest“?

Die 60er und 70er Jahre waren in Deutschland die Zeit der großen Proteste gegen die Atomkraft und Pershing 2-Stationierung, die gerade von der jungen Generation getragen wurden. Danach wurde es still und man hatte den Eindruck, die Jugend hätte sich von der Politik abgewendet. Das ist aber falsch, denn es kommt auf das Thema an, wie zum Beispiel die Fridays for Future-Bewegung zeigt. So waren die letzten Jahre weltweit von kraftvollen Straßenprotesten geprägt. Gerade die jungen Menschen waren diejenigen, die nach einem Weg gesucht haben, um einen direkten Einfluss auf das politische Geschehen in ihren Ländern zu nehmen. Diese jungen Bewegungen waren und sind von Aktivist*innen angeführt worden, die sich vielen Herausforderungen und Gefahren stellen müssen und mit limitieren Ressourcen oftmals gegen deutlich mächtigere Kontrahenten agieren. Unsere Generation, meine Generation fühlte sich nicht ernst genommen und beschloss für einen „seat on the table“ zu kämpfen. Wir als Team wollten mehr über dieses Phänomen lernen und sehen, wer hinter diesen Bewegungen steht. Als wir mehr und mehr in das Thema eingestiegen sind, haben sich die Hongkonger Proteste erst richtig entfaltet. Uns wurde klar, dass wir den jungen Menschen dort gegenüber eine Verantwortung haben. Ihre Geschichten müssen gehört werden. Alle haben über jungen Aktivismus geredet und ihre Meinungen in die Welt gesetzt. Gefehlt hat ein ernsthafter Film von jungen Filmschaffenden, der jungen Aktivist*innen zuhört und ihre Geschichten und Hintergründe verstehen möchte. Das wollten wir ändern.

Wie fanden Sie die Protagonistinnen?

Für das Projekt haben wir eine umfassende Recherche gestartet und eng mit lokalen Journalist*innen, Aktivist*innen und Filmschaffenden zusammengearbeitet. Wir wollten in drei möglichst unterschiedlichen Ländern arbeiten und waren an Protestbewegungen interessiert, die von jungen Menschen angeführt worden sind. Für jedes Land hatten wir eine kleine Auswahl an Kandidat*innen. Schließlich haben wir uns für die jeweils interessanteste, repräsentativste Person entschieden, die auch bereit war, ihre Gedanken mit uns zu teilen und vor der Kamera zu stehen. Alle drei Protagonistinnen haben aufgrund ihrer Vorgeschichte ein unglaubliches Feuer entwickelt, welches in einen kompromisslosen Mut und einen beeindrucken Tatendrang resultierte. Für uns war klar, dass wir über diese drei Menschen mehr lernen wollen.

Wie konnten Sie ihr Vertrauen gewinnen?

Wir verbrachten sehr viel Zeit mit unseren Protagonistinnen, begleiteten sie auf Protesten und Veranstaltungen und führten lange und wichtige Konversationen bei gemeinsamen Abendessen. Wir haben ihnen unser Vorhaben offen und ehrlich kommuniziert und uns auf sinnvolle Regeln für die Zusammenarbeit verständigt, welche wir dann auch eingehalten haben. Beispielsweise versprachen wir ihnen, dass sie den Film im Schnitt sehen werden. Sie wollten vermeiden, dass Zitate von ihnen aus dem Kontext gerissen werden und hatten daher ein Veto-Recht im Schnittraum, welches aber nie genutzt wurde.

Sie sind bei einigen Szenen praktisch mitten im Protest. Was war für Sie persönlich die gefährlichste Situation?

Die Proteste in Chile waren sehr unkontrolliert und brutal. Wir haben uns lange und intensiv auf die Dreharbeiten dort vorbereitet. Vor Ort war es unübersichtlich und ständig waren die ohrenbetäubenden Schüsse zu hören. Oftmals wurden vor unseren Augen minderjährige Aktivist*innen schwer verletzt. Obwohl unser Team klar als „Presse“ markiert war, haben Polizisten auf uns geschossen und mich einmal am Helm getroffen. Ebenso seltsam waren die vielen Drohungen, Hass-Mails und Briefe, die wir nach Veröffentlichung der Crowdfunding-Kampagne im Bezug auf Hongkong bekommen haben. Hiervor wurden wir gewarnt und haben frühzeitig eine Kooperation mit einer Universität in den USA begonnen, um das Projekt bestmöglich zu schützen. Für uns als Team war völlig klar: Wir dürfen uns von Angstmacherei niemals aufhalten lassen, sondern sollten das als Grund sehen, warum wir diesen Film überhaupt machen. Wenn wir eingeknickt wären, hätten wir uns dieser Angst ja hingegeben und hätten die angst-verbreitenden Mächte gewinnen lassen. Das wollten wir keinesfalls zulassen und so haben wir das mulmige Gefühl genutzt, um uns zu motivieren.

Was radikalisiert junge Menschen, die politisch engagiert sind, aus Ihrer Perspektive?

Viele dieser Aktivist*innen engagieren sich seit Jahren für ihre Ziele. Wir haben mit vielen jungen Menschen gesprochen, die in der Vergangenheit an Initiativen und Aktionen beteiligt waren, die versucht haben, diese Probleme über andere Wege zu lösen. Oftmals war die Arbeit im Rahmen von Unterschriftensammlungen, digitalem Aktivismus oder dem diplomatischen Weg schlichtweg nicht „laut“ genug. Ihnen wurde nicht zugehört, sie wurden ignoriert oder über politische Schlupflöcher kaltgestellt. Hilda musste wegen des Klimawandels aus ihrer Heimat fliehen, daher ist sie es leid zuzuhören, wie manche Politiker*innen den Klimawandel verleugnen. Die Aktivist*innen in Hongkong und Chile wissen, dass sie die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich haben. Sie sind müde von falschen Versprechungen der herrschenden Politiker*innen. Sie haben von anderen Ländern gelernt, wie Politik teilweise auf Protest und innerpolitischen Druck reagiert. Das ist der letzte Ausweg, der ihnen noch bleibt.

Rechtfertigt die Gewalt der Staatsmacht die Gegengewalt der Demonstrant*innen?

Ich selbst habe noch keine feste Meinung dazu. Es war spannend und interessant diese drei Protestbewegungen zu begleiten. Ich habe mit unseren Protagonistinnen viel darüber gesprochen, wie sie zu dieser Problematik stehen. Ihre Haltung ist beeindruckend. Sie wollen sich von einer gewaltbereiten, angsteinflößenden Polizei nicht stoppen lassen und suchen nach Möglichkeiten, sich gegen sie zu schützen und die Proteste auch in einer schwierigen, gefährlichen Umgebung fortzusetzen. Sie werden in ihrem Recht eingeschränkt, gegen ihre Regierungen zu protestieren. Auf dieses Recht bestehen sie aber und verteidigen es zur Not auch mit Gewalt. Wenn man einer Jugend – wie beispielsweise in Hongkong praktisch jegliches Mitspracherecht wegnimmt, muss man auch damit rechnen, dass Straßenproteste als letzte Alternative dann umso heftiger ausfallen. Wenn sie einen anderen Ausweg sähen, würden die jungen Leute nicht auf die Straße gehen. Das machen sie ja nicht aus Spaß.

Könnten sich auch entsprechende Szenen in Deutschland abspielen? Was ist Ihre Einschätzung?

Meine Antwort: Ein klares „Ja“. Auch in Deutschland gibt es viele junge Menschen mit hohem politischen Engagement. Dass der junge politische Aktivismus hierzulande derzeit vorwiegend friedlich abläuft, ist das Resultat von einer guten Debattenkultur. Falls sie ignoriert werden, werden die Aktivist*innen nach anderen Möglichkeiten suchen, um sich Gehör zu verschaffen. Wie leicht das auch in „westlichen Ländern“ kippen kann, sehen wir beispielsweise in den USA.

Was machen die drei Protagonistinnen heute? Haben Sie noch Kontakt?

Wir haben zu den drei Protagonistinnen eine enge Freundschaft aufgebaut. Rayen ist froh, dass sich die chilenische Protestbewegung erfolgreich für eine neue Verfassung einsetzen konnte. Hilda führt noch immer einen langen, anstrengenden Kampf, um auf Ugandas Umweltprobleme aumerksam zu machen – ich denke, dass wir von ihr noch viel hören werden. Wie viele andere Hongkonger musste auch Pepper aus ihrer Heimat fliehen. Einige ihrer engen Freunde wurden verhaftet und sitzen teils jahrelang im Gefängnis. Für Pepper ist es nicht leicht, in ihrer neuen Heimat ein Leben aufzubauen eine sehr bedrückende Situation.

18:42 12.10.2021

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