In Kooperation mit Filmgarten

Filmen im Widerstand

Im Interview erzählen die Filmemacher von Direct Action, wie sie Zugang zur ZAD fanden, warum sie auf Protagonist:innen verzichteten und wie aus Protest gelebte Gemeinschaft wird

Foto: Wojciech Chrubasik, Guillaume Cailleau (links); Jakov Muizaba, Ben Russell (rechts)

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DIRECT ACTION

DIRECT ACTION

Guillaume Cailleau & Ben Russell

Dokumentation

Deutschland, Frankreich 2024

216 Minuten

Ab dem 09.04.2026 im Kino!

In Kooperation mit Filmgarten

DIRECT ACTION

Antoine Thirion: Wann haben Sie angefangen, die ZAD zu besuchen?

Ben Russell: Ich begeistere mich schon lange für Kollektive und Ideen von Utopien, für das Porträtieren von Räumen und Gruppen von Menschen. Erst im Jahr 2020 hörte ich von einer Aktivist:innengemeinschaft in Frankreich, die ihren Kampf gegen den Staat gewonnen und dabei eine autonome Zone geschaffen hatte. Ich war sehr neugierig, zu sehen, wie dieser Ort nach dem Sieg aussah.

Guillaume Cailleau: Da ich in Berlin lebe, verfolgte ich ihren Kampf aus der Ferne – obwohl ich bis 2000 in der Nähe in Nantes studiert habe. Als Ben vorgeschlagen hat, dorthin zu fahren, habe ich einen Freund, der während des Kampfes gegen den Flughafen regelmäßig in der ZAD war, gebeten, unser Führer zu sein, und er hat uns die Tür geöffnet.

Wie haben Sie das Filmprojekt vorgestellt und wie ist es Ihnen gelungen, sich in die Gemeinschaft zu integrieren?

BR: Ein paar Leute dort kannten meine Arbeit bereits, andere waren einfach an der Idee interessiert, dass wir dort sind. Die ZAD ist ein Ort, der in den französischen Medien überrepräsentiert ist, aber meines Wissens nach waren noch nicht viele Künstler dort, um aus dieser Perspektive zu arbeiten. Ich glaube, die Gemeinschaft war begeistert und ein wenig verwirrt von unserem anfänglichen Vorschlag – wir haben nie gesagt, dass wir uns mit einem Bauern, einer Aktivistin und einem Kind treffen wollen; wir sagten nur: „Wir kommen zuerst für zehn Tage und kommen dann alle zwei Monate wieder, bis wir fertig sind.“

Wir hatten eine sehr klare Methodik – wir kamen, sprachen mit den Leuten, arbeiteten mit ihnen und fragten dann vielleicht, ob wir später wiederkommen könnten, um zu filmen. Die ZAD ist ein Ort, an dem niemand ohne ausdrückliche Erlaubnis fotografiert wird, also mussten wir uns wirklich Zeit nehmen und uns mit Bedacht bewegen.

GC: Was das Vertrauen anging, so war es wichtig, dass unsere Arbeit sichtbar war und dass wir jedes Mal, wenn wir zurückkamen, unsere Rushes vorführten. Die Leute haben sich an unsere Anwesenheit gewöhnt und verstanden, was wir taten, und zwar in demselben Maße, wie wir begannen, sie zu verstehen.

BR: Wir hatten anfangs die Idee, ein Porträt der ZAD als Ganzes zu machen – allerdings in der Größe eines internationalen Flughafens. Wir fanden schnell heraus, dass wir uns auf Aktivitäten konzentrieren sollten, die auf die eine oder andere Weise kollektiv waren. Wenn wir uns auf Einzelpersonen konzentriert hätten, wären wir in die Falle getappt, Protagonist:innen zu haben, obwohl wir einen Film über einen kollektiven Körper machen wollten.

GC: Die ZAD ist ein äußerst vielfältiger Ort, an dem über 150 Menschen dauerhaft leben und viele andere kommen und gehen; sie setzt sich aus verschiedenen Kollektiven und Weltanschauungen zusammen. Sich auf eine einzelne Person zu konzentrieren, hätte dieser Vielfalt geschadet.

Sie haben also im Grunde mit ihnen gelebt, wann immer Sie dort waren?

BR: Ja, wir blieben jedes Mal vor Ort, wenn wir zu Besuch waren. Um der wirklich negativen Presse, die die ZAD von der Regierung bekam, entgegenzuwirken, beschlossen die ZADist:innen anfangs, ein Willkommenszentrum zu errichten, in dem sich alle, die die ZAD besuchen wollten, willkommen fühlen sollten. Mehr oder weniger, kann jede Person zur ZAD kommen, solange sie will. Das ist ein wesentlicher Bestandteil der Kernidee dieses Ortes, und das hat uns definitiv geholfen, diesen Film zu machen.

Gab es Dinge, die Sie nicht filmen konnten?

GC: Wir konnten zum Beispiel die Treffen der direkten Demokratie nicht filmen. Die Gefahr von Repressionen ist so groß, dass man selbst dann, wenn man nichts „Illegales“ tut, nicht gefilmt werden möchte, weil jede Aufnahme gegen einen verwendet werden könnte.

BR: Die Leute sind zu Recht paranoid. Es gibt mindestens 3000 linke Aktivist:innen in Frankreich, die „fichés“ sind, was bedeutet, dass sie auf einer Terroristenliste stehen und aktiv überwacht werden. Wir wissen zwar nicht, wer sie sind, aber das ist der Grund, warum wir uns entschieden haben, im Abspann nur Vornamen zu verwenden, warum wir Hände genauso viel gefilmt haben wie Gesichter und warum wir einige Personen im Film überhaupt nicht identifizierbar gemacht haben. Der Titel kann sich auf viele Dinge beziehen, von einer politischen Theorie bis hin zu Möglichkeiten, Dokumentarfilme zu machen.

GC: Direkte Aktion wird im Allgemeinen als eine Situation definiert, in der sich Menschen organisieren, um die Kontrolle über ihre eigenen Lebensumstände ohne Rückgriff auf Kapital oder Staat zu erlangen. Es geht nicht nur um eine Konfrontation mit der Polizei – es geht darum, sein Schicksal in die Hand zu nehmen. Diese Idee schien sehr gut zu dem zu passen, was wir darstellen wollten. Es ist ein Film über die ZAD, aber es geht auch um das Kino: Direkte Aktion bezieht sich auf unsere Arbeitsweise, auf die Art und Weise, wie wir Filme machen wollen.

BR: Es war von Anfang an klar, dass diese Gemeinschaft anders war als alle anderen, die wir kennengelernt hatten, dass ihre Funktion darin bestand, dem Kampf zu dienen. All die Dinge, die um sie herum entstanden – gemeinsame Mahlzeiten, kollektive Arbeit, Brotbacken für „prix libre“ oder das Schmieden eigener Werkzeuge – dienten dem Kampf. In unserer Konzeption des Films ist die direkte Aktion ein langfristiger Prozess.

Angesichts unseres Themas haben wir viel Energie darauf verwendet, eine radikale Form zu finden, die zu unserem radikalen Inhalt passen könnte. Die täuschend einfache Form, die wir gefunden haben, besteht darin, eine S16-mm-Kamera auf ein Stativ zu stellen, sie auf ein Objekt zu richten und ein Ereignis zu beobachten – zuzuhören und es zu verstehen, indem wir über einen längeren Zeitraum dabei sind. Wir wurden natürlich von Filmemacher*innen wie Chantal Akerman, James Benning, Kevin Everson, Sharon Lockhart, Ulrike Ottinger und Frederick Wiseman beeinflusst – und in Bezug auf Ton und Bild fühlte sich unser Ansatz wie eine sehr prägnante Definition dessen an, was direktes Kino sein könnte. Es ist auch ein Film über einen Ort, der nicht hoffnungslos ist. Es ist keine sich entwickelnde Katastrophe.

BR: Richtig! Es war unser grundlegendes Interesse, dort zu sein und zu erkennen, dass die Anarchist*innen gewonnen haben! Sie haben nicht nur gesiegt, sondern auch sechs Jahre lang eine autonome Zone in Frankreich geschaffen – eine Zone, die an die Zapatist*innen in Mexiko erinnerte. Diese Hoffnung gab uns die Möglichkeit, einen Film zu machen, der in der Gegenwart spielt, der sich nicht mit der Geschichte dessen befasst, was geschehen ist, sondern mit dem, was jetzt und in der Zukunft geschieht.

Die zweite Hälfte des Films führt schließlich zu den Ereignissen in Sainte-Soline. Wie war es, in einem solchen kriegsähnlichen Umfeld zu drehen?

BR: Es war sowohl schockierend als auch erhellend für uns – schockierend, weil das Ausmaß der Gewalt erschreckend war, und erhellend, weil diese Art von Polizeigewalt etwas ist, das die ZADist:innen sowohl 2012 als auch 2018 in Notre-Dame-des-Landes erlebt hatten. Das Ausmaß an staatlicher Repression und Gewalt gegen die Demonstrierenden in Saint-Soline war nicht neu; die Menschen, mit denen wir sprachen, waren zwar vom Ausmaß, nicht aber von der Aktualität überrascht.

Als ich die letzte Sequenz dieses Protests filmte, dachte ich (aus verschiedenen Gründen), dass wir dieses Material auf keinen Fall verwenden könnten – und als eine Frau vor unserer Kamera stehen blieb und rief: „Das sollten Sie nicht filmen“, stimmte ich ihr voll und ganz zu. Dieser Moment blieb im Film, um die Zuschauer*innen vom Spektakel der Gewalt abzulenken – um auf all das hinzuweisen, was im Film zuvor passiert ist, um all das zu umrahmen, was noch kommen wird.

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