In Kooperation mit Neue Visionen

Interview mit dem Regisseur

DJ AHMET feierte seine Weltpremiere auf dem Sundance Film Festival und gewann dort den Publikumspreis. Im Interview erzählt der Regisseur Georgi M. Unkovski, wie die Idee zum Film entstand und wie die Erfahrung war, mit Schafen am Filmset zu arbeiten

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Foto: Neue Visionen

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DJ AHMET

DJ AHMET

Georgi M. Unkovski

Tragikomödie

Nordmazedonien

99 Minuten

ab dem 19. März im Kino!

In Kooperation mit Neue Visionen

DJ AHMET

Wie entstand die Idee zu DJ AHMET?

Georgi M. Unkovski: Es begann mit einem Bild in meinem Kopf, das zwar keinen realen Bezug hatte, aber dennoch sehr echt wirkte: Ein Schäfer, der mitten im Wald in eine Technoparty stolpert. Ich hatte diese Szene monatelang immer wieder vor Augen. Es fühlte sich lustig, tragisch, hoffnungsvoll und gleichzeitig total wahr an.

Dann lief ich in einem Dorf an einem Steinhaus vorbei, das aus dem 19. Jahrhundert stammte und hörte von drinnen Drum and Bass Musik. Das wahr als würde mich die Realität auf die Schulter tippen und sagen: „Ja, das ist es! Diese Welt gibt es bereits, Du musst nur hinsehen.“ So entstand der Film, aus der Spannung zwischen einer alten Welt und dem Neuen, das zwischen den Rissen hervorbricht.

DJ AHMET ist Ihr erster Langfilm, nach mehreren erfolgreichen Kurzfilmen. Welchen Unterschied macht das unterschiedliche Format beim Dreh?

Ein Spielfilm ist wie ein Marathon. Man kennt das Ziel, aber alles zwischen Dir und diesem Endpunkt ist lebendig, unvorhersehbar und höchst wahrscheinlich mit Hindernissen gespickt. Kurzfilme sind dagegen wie ein 5-Kilometer-Wettrennen, es geht einfach alles sehr schnell. Spielfilme erfordern Ausdauer. Sie offenbaren alles über Dich und Deine Arbeit. Jeder noch so kleine Fehler bekommt Raum zum Atmen und Wachsen. Aber komischerweise ist es genau diese fehlende Kontrolle durch die der Film seine Seele bekommt.

Sie wurden in New York geboren, sind in Nordmazedonien aufgewachsen und waren schon an vielen Orten der Welt tätig. Hat diese kosmopolitische Erfahrung Ihren Film beeinflusst?

Zwischen verschiedenen Orten aufzuwachsen, sorgt für ein gewisses Gefühl fehlender Wurzeln. Man lernt die Dinge gleichermaßen von außen als auch von innen zu betrachten. Das ist für mich keine dramatische Dualität, sondern einfach ein normaler Zustand. Ahmets Verlangen nach Freiheit kommt genau von dieser Ambivalenz. Man lebt in der einen Welt, aber die andere flüstert ununterbrochen aus der Ferne nach einem. Dieses Flüstern kann sowohl Kompass als auch Fluch sein. In meinem Film ist es beides. Ich habe zwar nicht bewusst meine eigene Geschichte in den Film projiziert, aber ich kenne das Gefühl nirgends und doch überall hinzugehören sehr gut.

Wie haben sie die Schauspielerinnen und Schauspieler gefunden?

Wir haben tausende Kids gecastet, aber als Arif und Agush (Ahmet und Naim) in den Raum kamen, war alles sofort klar. Sie hatten diese stille Intensität, dieses Talent, ihrem Schauspiel Wahrheit und Authentizität zu verleihen ohne sich anzustrengen.

Am Set war ihre Ehrlichkeit fast schon irritierend und zu unglaubwürdig. Es war wunderschön. Die meiste Zeit folgte ihnen die Kamera einfach und nicht andersherum.

Wie haben sie die Balance zwischen Humor und der Sensibilität für kulturelle und religiöse Bezüge bewahrt?

Ich habe nie versucht, mich über die Kultur und Religion zu erheben oder sie bewusst zu reizen. Ich wollte sie von innen heraus zeigen, als säße ich mit den Menschen an einem Tisch, die diese Traditionen täglich leben. Wenn man das so macht, dann entsteht der Humor und die Absurdität des Films aus einer Liebe zum Gezeigten heraus. Wenn man etwas liebt, darf man auch die Schwachstellen ansprechen, ohne dass es respektlos wird. Das Ziel war, dass diese Welt ihre eigenen Widersprüche entfaltet und nicht irgendeinem Zynismus zu verfallen.

Sehen Sie selbst Musik als eine Form des Eskapismus an?

Musik ist ein Portal. Es versetzt Dich ohne Vorwarnung in eine andere Welt. Musik hält Dich am Leben und sorgt dafür, dass Du am Ball bleibst, obwohl Du manchmal einfach verschwinden möchtest. Ahmet nutzt die Musik, wie andere ihre Gebete oder Rebellion. Das ist etwas, das ich sehr gut nachvollziehen kann. Manchmal sind die Kopfhörer der einzige Ausweg. Manchmal ist Musik dein einziger Freund, der die Version deiner selbst versteht, die du selbst noch nicht kennst.

Sind Sie Fan elektronischer Musik. Wer hat den Soundtrack von DJ AHMET komponiert?

Ich habe schon immer eine große Faszination für elektronische Musik, weil sie in gewisser Weise gleichermaßen mechanisch wie spirituell ist. Für den Film wollten wir mo- derne Klänge, die sich anfühlen als wären sie die Geister alter Rhythmen. Die Komponisten Alen und Nenad Sinkauz haben einen großartigen Job gemacht und genau diese Stimmung eingefangen.

Wie war die Arbeit mit den Schafen?

Schafe sind das komplette Chaos. Sie scheren sich nicht um Kameras, Zeitpläne oder Deine Vorstellungen als Filmemacher. Sie wandern ins Bild, wenn sie es nicht sollen und sie hauen ab, wenn sie da bleiben müssten. Es war ein Albtraum. Nie wieder werde ich zum Einschlafen Schafe zählen, so viel ist sicher.

DJ AHMET hat bereits zahlreiche internationale Preise gewonnen, darunter zwei Trophäen beim Sundance Film Festival und dem Internationalen Film Festival in Sevilla. Haben Sie mit diesem Erfolg gerechnet?

Überhaupt nicht. Natürlich hofft man, dass der eigene Film einen guten Lauf hat und gut ankommt, aber wenn es dann plötzlich so abgeht, versucht man eigentlich nur, es zu verarbeiten. All diese Preise zu gewinnen fühlte sich sehr surreal an. Als hätte jemand mein Leben mit einem alternativen Ich ausgetauscht, für den es plötzlich gut läuft. Ich bin dem Sundance Team ganz besonders dankbar für ihre Unterstützung. Sie bedeutet mir sehr viel und fühlt sich fast so an, als wäre man Teil einer großen Familie.

Was hoffen Sie, dass das Publikum aus DJ AHMET mitnimmt?

Ich hoffe, sie verlassen den Kinosaal mit einem Gefühl, das sie nicht genau beschreiben können. Ein wenig glücklich, ein wenig traurig und ein bisschen hoffnungsvoll. Mit einem Verständnis davon, dass Träume auch an den Presseheft DJ AHMET 13 ungewöhnlichsten Orten wachsen können. Ich hoffe, dass sie erkennen, dass selbst im kleinsten Dorf ein ganzes Universum an Leidenschaft, Humor, Vorstellungskraft und Rebellion steckt. Wenn der Film auch nur einem einzigen Besucher für eine Sekunde den Mut gibt, mehr vom eigenen Leben zu wollen, dann hat er alles erreicht, was ich wollte. Die Welt ist seltsamer und schöner als wir denken und ich wünsche mir, dass DJ AHMET die Menschen daran erinnert.

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