Hiddensee, ein nicht mal 17 Kilometer langer Streifen Land, der sich vergrößert, sobald man länger hinsieht. In Schwarz-Weiß-Bildern verwebt die preisgekrönte Regisseurin Annekatrin Hendel in ihrem neuen Dokumentarfilm „Hiddensee“ Landschaft, Geschichte und Schicksale der gleichnamigen Ostseeinsel zu einem Porträt.
Hiddensee umfasst eine besondere Aura: ein hermetisch abgeschlossenes Reiches und gleichzeitig eine Landschaft, die so schön ist, dass sie fast misstrauisch macht. Hier ist die Welt übersichtlich. Wie durch ein Brennglas blickt dieser Film auf Bewegungen, die weit über diese Insel hinausreichen, als sähe man Deutschland, manchmal sogar die Welt in Miniatur.
So geht der Film bis in die 1920er Jahre zurück, als die Berliner Avantgarde hier zu Hause ist und die Insel „Das romanische Café in der Ostsee“ genannt wird. Frauenbewegung, Expressionismus, Schriftsteller, Maler, Schauspielerinnen... aber schon früh werden die Strandkörbe mit Hakenkreuzfahnen behängt. Im Nebeneinander und Nacheinander der Generationen und Zeiten, unter sparsamer Verwendung von Rückblenden und fiktivem Material, werden verschiedene Handlungsstränge fast wie in einem episodischen Spielfilm miteinander montiert.
Wir erleben die Jungen, Millennials, die gerade erst mit offenen Gesichtern ankommen. Und hundertjährige Frauen, die mit einer Selbstverständlichkeit von Krieg und Faschismus sprechen, als wäre es das Wetter. Immer wieder schieben sich die Zeiten hinein, nicht als Kapitel, sondern wie ein zweiter Puls. Während Schlagerstar Jürgen Drews bei einem Auftritt versucht, lauter zu sein als der Protest-Schrei „Hiddensee wird niemals Mallorca“, taucht plötzlich ein Gesicht aus den Zwanzigern auf, als hätte es nie aufgehört, hier zu sein. Asta Nielsen, die Stummfilmdiva, die die Insel liebt, aber Deutschland verlässt, als das Land beginnt, Menschen wie sie aus dem Bild zu schneiden. Die nie zurückkehrt. Ging sie, weil sie musste, oder weil sie früher sah als andere?
Ein Blick über die Dünen und man meint, den Literatur-Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann beim „Produktivspaziergang“ am Strand zu sehen. Was hielt ihn hier, als die jüdischen Malerinnen verfolgt und deportiert wurden? Das plötzliche Wohlwollen der Nationalsozialisten? Die Nähe zur Macht? Was bleibt, wenn das Kapitel entfernt wird, das am lautesten schweigt?
Doch diese Lebenswege sind nur Linien in einem viel größeren Geflecht. Denn in diesen hundert Jahren hat sich weit mehr abgespielt als ein kultureller und politischer Stimmungswechsel. Krieg, Diktatur, Befreiung, Neubeginn – lassen sich schwer abstrakt begreifen, werden verständlich, weil sie sich in einzelnen Menschen spiegeln: in Künstlerinnen und Künstlern, in jenen, die blieben, und jenen, die gingen, in jenen, die verstummten, und jenen, die ihre Stimme verloren oder erhoben haben.
Am Ende bleibt ein Film, der nicht erzählt, sondern schichtet, der zeigt, dass Geschichte nicht wiederkehrt — sie war die ganze Zeit da.
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