Annekatrin Hendel: Man könnte sagen, dieser Film begann vor zehn Jahren mit einer Unruhe. Nicht der Sorte, die einem ins Gesicht springt, sondern der, die sich wie ein Stachel im Alltag festsetzt: zwischen zwei Sätzen am Küchentisch, zwischen U-Bahn-Stationen, zwischen Wahlplakaten, die plötzlich wieder Farben tragen, die man nur noch aus Geschichtsbüchern kennt. Und in dieser Zeit fuhr ich zurück nach Hiddensee – auf die Insel, die wir als Ostberliner Teenager in den Achtzigern für uns gekapert hatten. Das Meer war umsonst. Das war unser Kapital. Ideal für uns Stromer, Mittellose, Möchtegern-Künstler. Was haben wir hier gelacht, geliebt und gebrochene Herzen geflickt.
Die „Goldgräberstimmung“ der schnellen Wiedervereinigung Deutschlands 1990 brachte mich dazu, nicht mehr hier her reisen zu wollen. Wilder Westen an der Ostsee. Häuser wurden verschoben wie in einem gigantischen Monopoly, bei dem die Ostler nicht mal Startgeld bekommen hatten. Ich hatte das Gefühl, wir verlieren den von uns Deutschen angezettelten 2. Weltkrieg ein zweites Mal. Die Insel wurde mir fremd.
Jahre später erzählten Freunde, die geblieben waren, von neuen Verwerfungen. Und plötzlich wurde diese kleine Insel, die auf der Landkarte kaum auffällt, wieder interessant. Also zogen wir los mit der Kamera. Nicht wegen der Natur – die ist sowieso unverschämt schön –, sondern wegen eines Streits, der die Insel spaltet. Pastor gegen Bürgermeister. Zwei Männer, zwei Welten, zwei Deutungen von Heimat. Kein pittoreskes Duell, sondern ein Kampf um Räume, Werte, Kultur und politische Macht.
Doch dieser Streit ist nur eine Schicht. Denn während diese Kräfte ringen, gibt es stets immer auch die Stimmen der Achtzigerjahre, meiner Generation. Die erzählen, wie Hiddensee einst war – Insel der Freiheit, der lauten Rebellion. Und darunter die Stimmen der 1920er, als der Hiddensee Mythos überhaupt erst entstand. Dann die Jungen von heute. Sie kommen, weil sie etwas suchen, das sie anderswo nicht finden: Ruhe, Klarheit und vielleicht eine Ahnung davon, wie man leben könnte, wenn man sich traut. Und über allem die Alten, die das ganze letzte Jahrhundert überblicken.
In diesem Mikrokosmos erkennt man plötzlich die größeren Driftlinien. Deutschland unter der Lupe. Man schaut hin und merkt, dass man einer Wiederholung beiwohnt. Nicht derselben Geschichte, aber derselben Versuchung. Das Reaktionäre schleicht sich lange schon wieder ein. Man denkt, man beobachtet nur eine lokale Irritation, aber unter der Oberfläche brodelt es. Und manchmal reicht ein Blick auf eine Insel, um zu verstehen, was im ganzen Land schiefläuft.
Droht die Insel wieder zu zerreißen? Eine Sturmflut kommt. Die Fahrrinne friert zu. Silvester im Wieseneck, Andreas Dresen legt auf. Ein Investor übernimmt die Ruine des Hotel Ostsee. Wir begleiten den Umbau. Ein Zeitsprung nach vorn. Einer zurück. Und überall dieselbe Sehnsucht: Wir wollen gute Großväter haben. Wir wollen nicht wissen, dass unsere Vorfahren Täter waren. Aber die Insel erinnert sich.
Wie erzählt man so einen dokumentarischen Tanz über deutsch-deutsche Abgründe? Indem man die Formen mischt. Realität trifft Historie. Natur trifft Bühne. Und ja, Marionetten. Weil sie etwas können, was wir nicht können: Sie öffnen eine andere Dimension. Sie erlauben uns, die Toten auftreten zu lassen, ohne sie zu imitieren. Der auf der Insel ansässige Puppenspielkünstler Karl Huck wird unser Verbündeter. Der Künstler Christian Werdin baut Figuren, die wirken, als hätte sie die Insel selbst ausgespuckt: Asta Nielsen, Joachim Ringelnatz, Gerhart Hauptmann, Gret Palucca... So entsteht eine Hiddensee Revue, ein dokumentarisches Essay, das sich weigert, persönliche und gesellschaftliche Geschichten sauber zu trennen. Ein Film darüber, wie sich Lebensläufe in Landschaften einschreiben und darüber, dass man manchmal nur auf eine kleine Insel schauen muss, die vielleicht am Ende weniger Ort als Frühwarnsystem ist.