Hommage an eine Grande Dame

Interview Catherine Deneuve im Gespräch mit Stefano Pistolini über die Erfahrung mit dem japanischen Regisseur Kore-eda zu drehen, der Importanz von Poesie im Film und ihre Faszination von den vielen begabten Nachwuchsregisseuren des zeitgenössischen Kinos
Hommage an eine Grande Dame
Catherine Deneuve als alternde Diva Fabienne

Foto: 2019 PROKINO Filmverleih GmbH / Laurent Champoussin

„La Vérité – Leben und Lügen lassen“ beginnt mit der Szene, in der die Hauptfigur mit dem Journalisten die Geduld verliert. Hoffen wir, dass es uns heute nicht so ergeht. Langweilt es Sie, wenn Sie interviewt werden?

Catherine Deneuve: Aber nein, die Szene spielt am Ende des Interviews, wo es überflüssigerweise in die Länge gezogen wird. Keine Angst, stellen Sie ruhig ihre Fragen.

Der Ausgangspunkt von „La Vérité – Leben und Lügen lassen“ ist das Erscheinen der Autobiographie der Protagonistin. Ich habe Ihr Buch „Im Schatten meiner selbst“ (Sperling & Kupfer, 2005) gelesen, das eher ein Tagebuch über Ihre Arbeit am Set ist. Haben Sie nie darüber nachgedacht, eine echte Autobiographie zu schreiben?

Ich wurde mehrmals gefragt, aber habe nie den Wunsch danach verspürt. Wenn du eine Autobiographie schreibst, musst du viele Tatsachen und Personen deines Lebens dafür ins Spiel bringen. Es ist besser, bestimmte Dinge auf sich beruhen zu lassen.

Wenn man „Im Schatten meiner selbst“ liest, begreift man, dass der Beruf der Schauspielerin die größte Herausforderung in Ihrem Leben war ...

Das stimmt. Die Arbeit am Film hat mich am meisten interessiert. Nicht nur was die Rollen und die Persönlichkeiten angeht, sondern vielmehr der ganze Herstellungsprozess in all seinen Entwicklungsphasen.

Sie haben oft mit Verdruss hervorgehoben, zu sehr wie eine Berühmtheit behandelt zu werden und zu wenig wie eine Schauspielerin.

In meinem Land nicht, in Italien schon. Leider haben sich die Klatschblätter seit Kurzem auch in Frankreich ausgebreitet und die Zeitungskioske sind voll von Heften wie Closer oder Public.

Hatten Sie den Film, mit dem Kore-eda die Goldene Palme gewonnen hat, gesehen, bevor Sie gefragt wurden, ob Sie die Rolle der Fabienne übernehmen sollten?

Wir sind uns zwischen Paris und Japan begegnet und er hat mir gesagt, dass er einen Film mit mir in der Hauptrolle drehen möchte. Ich habe das Projekt von Anfang an mit verfolgt und wir haben gemeinsam die Figuren dieser Familiengeschichte entwickelt. Das Schöne ist, dass Fabienne von mir so weit weg ist, wie man sich nur vorstellen kann: Ich habe eine intensive Beziehung zu meiner Tochter Chiara.

Wie war die Erfahrung für Sie, unter einem japanischen Regisseur zu arbeiten?

Nicht einfach, weil Kore-eda nur seine Muttersprache spricht und am Set alles über die Vermittlung eines Dolmetschers läuft. Er selbst ist ein sehr diskreter, konzentrierter und zugewandter Mann, der es liebt, das Ende einer Szene offen zu lassen und den Schauspielern die Möglichkeit gibt, eigene Ideen beim Dreh einzubringen.

Zu Beginn des Films machen Sie eine geistreiche Bemerkung: „Die Poesie ist eine Notwendigkeit im Film“. Sind Sie von dieser Aussage überzeugt?

Ja. Das ist das, was häufig fehlt im Film. Es gibt viele Filme von guten Leuten, die ihr Handwerk beherrschen, aber eben nicht über Poesie verfügen. Es gibt heute aber hochbegabte junge Regisseure. Vor kurzem habe ich „Beanpole“ von Kantemir Balagow gesehen. Ein Werk von großer Wucht! Und der Mann ist erst 28 Jahre alt.

In ihrem Buch erzählen Sie, dass Sie einen Widerwillen gegen das perfekte Auswendiglernen einer Rolle verspüren und einen Sinn für die Annäherung entwickeln. Woher kommt diese Haltung?

Die Sätze müssen einfach stimmen. Ich bin immer bereit, meinen Beitrag dazu zu leisten, dass das gelingt.

Ein Thema von „La Vérité – Leben und Lügen lassen“ ist, das eigene Alter mit Würde zu tragen, aber auch ein wenig daran zu verzweifeln.

Diese Verzweiflung sehe ich ganz und gar nicht. Für eine Schauspielerin spielt das Alter und der Körper eine Rolle, aber die Verzweiflung stellt sich bei ganz anderen Dingen ein.

In „La Vérité – Leben und Lügen lassen“ sagen Sie, dass man manchmal stark sein muss für die Schauspielerei.

Man muss physisch stark sein und über eine gewisse Präsenz vor der Kamera verfügen. Und man muss die Kraft aufbringen, zu streiten, Fragen zu stellen und Antworten zu geben. Drehtage können unendlich lang und kompliziert sein.

Es gibt einen polemischen Strang im Film, der sich auf diejenigen Schauspielerinnen bezieht, die sich auf alles Gesellschaftliche stürzen, als wäre es ein Rettungsanker.

Es gibt Schauspielerinnen, die um wichtige Dinge kämpfen. Sie verdienen meinen höchsten Respekt. Aber dann gibt es auch solche, die sich, um Aufmerksamkeit zu erwecken, auf unglaubwürdige Dinge einlassen.

Rückblickend betrachtet: Was ist für Sie Film: Arbeit? Berufung? Zufall?

Eine Lebensform. Für meine Schwester Françoise Dorléac, die wie Sarah in „La Vérité – Leben und Lügen lassen“ viel zu früh verstarb, war ihr Beruf hingegen eine Berufung. Ich habe damals mit der Schauspielerei angefangen, weil sie im Theater auftrat. Sie hatten sie für einen Film ausgewählt und irgendjemand hat mich ausgewählt, ihre Schwester zu spielen. Es war Sommer und ich hatte keine Schule und so nahm ich das Angebot an. Rückblickend betrachtet waren beileibe nicht alle Filme, in denen ich mitspielte, Meisterwerke. In diesen Fällen fühlt sich die Arbeit am Set an wie jede andere Arbeit.

16:14 17.02.2020

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