Der Drehbuchautor Simeon Ventsislavov und ich verfolgen seit Jahren die Entwicklungen in der bulgarischen Bekleidungsindustrie. Sie besteht größtenteils aus kleinen Fabriken in Orten mit hoher Arbeitslosigkeit, in denen die Näher:innen für einen Hungerlohn ausgebeutet werden. Die Standards liegen weit unter denen der Europäischen Union, ähneln eher denen des Globalen Südens, manchmal sogar schlechter. Als die Corona-Pandemie ausbrach, wurden diese Nähfabriken zu den ersten Hotspots der Krankheit. Angesichts der vielen Menschen, die in den überfüllten Werkstätten zusammengepfercht waren, der entsetzlichen Arbeitsbedingungen, des Fehlens grundlegender Sicherheitsmaßnahmen und der Tatsache, dass der Profit Vorrang vor Menschenleben hatte, war das nur logisch. Oft verbergen die Arbeitenden jede Krankheit, um nicht fernzubleiben und ihren ohnehin schon geringen Lohn zu verlieren, von dem die Hälfte ein Bonus ist, der an Anwesenheit gebunden ist.
Als bulgarischer Staatsbürger schäme ich mich, aber ich bin auch wütend, dass dies in meinem Land geschieht, das seit 15 Jahren EU-Mitglied ist. Die ehrliche Darstellung und das Verständnis der Realität sind die ersten Voraussetzungen für ihre Veränderung. Das ist das Ziel von Made in EU – das wahre Leben darzustellen. Und zu versuchen, es zu ändern, zumindest ein bisschen. Die Geschichte wurde von wahren Begebenheiten inspiriert, die sich im März 2020 in der Bekleidungsfabrik Miziya in Pleven ereigneten. Es war die erste Häufung von Coronavirus-Fällen in Bulgarien, und alles wurde einer Näherin zugeschrieben, die als Patientin Null bezeichnet wurde. Im Film wird sie verkörpert durch die Hauptfigur Iva. Sie trägt keine Schuld an dem, was passiert ist, und doch wird sie als Sündenbock benutzt und zum Feind der Stadt gemacht.
Dieser psychologische Prozess der Viktimisierung schafft einen tiefgründigen und vielschichtigen Film und einen Blick in die Persönlichkeit und Innenwelt alltäglicher Menschen, die immer auf der Verliererseite stehen und sich selbst überlassen sind, selbst unter so extremen Bedingungen wie der Coronavirus-Pandemie. Der Film wurde in Rudozem gedreht – einem kleinen ehemaligen Bergbaustädtchen, der Haupt- stadt der kleinen Bekleidungsfabriken. Die Authentizität der sozialen Realität der Stadt geben der Geschichte auch einen dokumentarischen Wert, was durch lange, aus der Hand gedrehte Aufnahmen, natürliche Farben, minimalen Schnitt und den Verzicht auf nicht-diegetische Musik verstärkt wird.
Ein großer Teil der kleineren Rollen und Cameos wird von Laiendarsteller:innen aus der Stadt Rudozem gespielt, was ebenfalls der Authentizität des Films zugutekommt. Die Schauspielerei und das vielschichtige Sounddesign tragen dazu bei, die Atmosphäre in der Textilfabrik mit ihrem chaotischen Lärm sowie die Angst und die Spannung in den Straßen der Stadt, im Krankenhaus und in Ivas Wohnung zu erzeugen. Hunderte von bulgarischen Ärzten verloren ihr Leben durch das Coronavirus, mit dem sie sich bei der Ausübung ihrer Tätigkeit infiziert hatten.
Eines der ersten Opfer war der 77-jährige Arzt Boris-lav Ivanov aus Vidin, der sein Leben bei der Pflege und Rettung seiner Patienten verlor. Ein Arzt im Ruhestand, der in das Krankenhaus in Vidin zurückkehrte, um es vor der Schließung zu bewahren, da es an Ärzt:innen mangelte.
Made in EU ist ihm gewidmet.