Blutiger Kampf um Unabhängigkeit

Hintergründe Die Organisation „ETA“ – gegründet als Widerstandbewegung gegen die Franco-Diktatur – verfolgte das Ziel, eines von Spanien unabhängigen, baskischen Staates. Ihr Kampf ging auch nach dem Übergang Spaniens von der Franco-Diktatur zur Demokratie weiter
Das „AMNISTIA (Amnestie)“-Grafitti in Bilbao (Nordspanien) ist eine Anspielung auf die inhaftierten ETA-Mitglieder, 1999.
Das „AMNISTIA (Amnestie)“-Grafitti in Bilbao (Nordspanien) ist eine Anspielung auf die inhaftierten ETA-Mitglieder, 1999.

Foto: CHRISTOPHE SIMON/AFP via Getty Images

1895 | Früher baskischer Nationalismus

Mit der Gründung der sozialdemokratisch ausgerichteten PNV (Partido Nacionalisa Vasco – Nationalistische Baskische Partei) durch Sabino Arana Goiri findet der baskische Nationalismus eine Interessensvertretung. Goiri und die PNV treten mit friedlichen Mitteln für ein auf baskischen Traditionen und Sprache gegründetes unabhängiges Baskenland ein.

1920er Jahre bis 1936 | Radikalisierung

Angeheizt durch die repressive Politik des spanischen Zentralstaats, die auch nach dem Übergang der Monarchie zur Republik Bestand hat und sogar die baskische Sprache verbietet, entstehen radikale baskisch-nationalistische Gruppierungen wie die Studentenvereinigung Aberri. 1934 Gründung der militanten seperatistischen Gruppe Jagi-Jagi. Nach dem Verbot von Jagi-Jagi und Aberri gehen viele ihrer Mitglieder in den Untergrund.

1936–39 | Spanischer Bürgerkrieg

Mit dem Putsch von Francisco Franco beginnt der Spanische Bürgerkrieg, der im Baskenland besonders brutal geführt wird, u.a. mit der Bombardierung Guernicas durch die deutsche Legion Condor. Gründung der Baskischen Armee, in der Mitglieder von Jagi-Jagi gemeinsam mit den Sozialdemokraten der PNV kämpfen.

1939–57 | Repression

Verbot aller baskisch-republikanischen Verbände nach Francos Sieg, Hinrichtungen baskischer Repräsentanten, Massenverhaftungen und Internierungen, viele fliehen ins Exil. Jagi-Jagi geht erneut in den Untergrund, vereinzelte bewaffnete Aktionen. Weitgehende Zerschlagung des Widerstands bei gleichzeitiger Annäherung des Franco-Regimes anden bürgerlichen baskischen Nationalismus. Das Verbot der PNV wird aufgehoben. Als Gegenbewegung entstehen neue militante linksnationalistische Formationen, u.a. EKIN.

1958–75 | Die ETA in der Diktatur

Gründung der ETA (Euskadi ta Askatasuna – Baskenland und Freiheit) 1958. Die ETA sieht sich in der Tradition der Jagi-Jagi, des antifrankistischen Widerstands und der entstehenden antikolonialen Befreiungsbewegungen. Ihr Ziel ist ein unabhängiges Baskenland, der bewaffnete Kampf wird als legitimes Mittel gesehen. Erste bewaffnete Aktionen Anfang der 60er Jahre,die vom Franco-Regime mit brutaler Repression sowohl gegenüber der ETA als auch Studentenvereinigungen und Gewerkschaften beantwortet werden. Eskalation des Konflikts. Die ETA und die Abertzale-Linke – die sozialistisch ausgerichteten baskisch-nationalistischen Gruppierungen – finden bei einem Großteil der baskischen Bevölkerung und Franco-Gegnern in ganz Spanien Unterstützung.

1975–79 | Die ETA in der Transition

Mit der Generalamnestie nach Francos Tod kommen sämtliche inhaftierten ETA-Mitglieder frei. 1978 Verabschiedung einer neuen spanischen Verfassung. 1979 erhalten die baskischen Provinzen weitgehende Autonomierechte. Nachdem sich bereits 1974 innerhalb der ETA ein politisch-militärischer (ETA/ PM) und ein militärischer Flügel (ETA/M) gebildet hatte, kommt es im Übergang Spaniens zur Demokratie zum Bruch: ETA/PM gründet die Partei Euskadiko Ezkerra, die dann mit der baskischen PSOE fusioniert. Der militärische Flügel setzt als ETA den bewaffneten Kampf gegen den spanischen Staat fort, nimmt nun aber zunehmend auch baskische Politiker:innen und Journalist:innen ins Visier. Die Erpressung von Schutzgeldern wird Teil des Alltags.

1979–2010 | Die ETA in der Demokratie

1980 kommen mehr Menschen bei ETA-Anschlägen um als jemals zuvor oder danach. Der spanische Staat antwortet mit großer Härte. Der Polizeiapparat, weiter frankistisch geprägt, schreckt auch vor Folterungen von ETA-Mitgliedern oder baskischen Separatist:innen nicht zurück. Von 1983-87 sind die Todesschwadronen der GAL (Grupos Antiterroristas de Liberación) aktiv, die in enger Abstimmung mit der Guardia Civil und ihrem General Galindo sowie mit Wissen und sogar Billigung der PSOE-Regierung 28 Menschen ermorden. 1988 erklärt die ETA eine Waffenruhe, die geheimen Gespräche zwischen ETA und der spanischen Regierung scheitern. 1989 führt die Ermordung des von der ETA entführten 29jährigen Lokalpolitikers Miguel Àngel Blanco 1989 zur Massenmobilisierung in Spanien, auch im Baskenland gehen Hunderttausende gegen die ETA auf die Straße.

2000 eröffnet der zwischen PP und PSOE geschlossene „Antiterrorpakt“ eine neue Phase des Konflikts, die von der ETA bis 2001 mit vermehrten Anschlägen beantwortet wird. 2003 werden die als ETA-nah geltende Partei Batasuna und Nachfolgeorganisationen verboten, wasauch von vielen Kritiker:innen der ETA als Affront gegen die baskische Autonomie gewertet wird. 2004 gibt die ETA das Ende der bewaffneten Aktionen in Katalonien bekannt. 2006 erklärt sie die Waffenruhe in ganz Spanien, im Anschluss kommt es zu Gesprächen mit der PSOE-Regierung von Zapatero. Ende Dezember 2006 kehrt dieETAunterneuerFührungzurGewaltzurück. 2008 wird die ETA-Kommandostruktur durch die Verhaftung zahlreicher führender Kader in Spanien und Frankreich erheblich geschwächt. Im September 2010 verkündet die ETA einen erneuten Waffenstillstand.

2011–18 | Der Weg zur Selbstauflösung

Am 10. Januar 2011 gibt die ETA zunächst einen „dauerhaften und allgemeinen Waffenstillstand“ bekannt, am 20. Oktober verkündet sie die endgültige Einstellung des bewaffneten Kampfs. 2014 meldet die ETA die Auflösung ihrer logistischen und operativen Strukturen, 2017 die Niederlegung der Waffen – in Bayonne werden der französischen Polizei 3,5 Tonnen Waffen übergeben. Nachdem in einer internen Abstimmung über 90% ihrer Mitglieder für diesen Schritt gestimmt hatten, erklärt die ETA am 18. April 2018 ihre Auflösung. co – Nationalistische Baskische Partei) durch Sabino Arana Goiri findet der baskische Nationalismus eine Interessensvertretung. Goiri und die PNV treten mit friedlichen Mitteln für ein auf baskischen Traditionen und Sprache gegründetes unabhängiges Baskenland ein.

19:22 24.05.2022

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