Romería bezeichnet in Spanien eine Prozession zum Gedenken an die Toten, aber auch ein Volksfest. Auch Carla Simóns tief bewegender, meisterhaft erzählter Film ist beides: Eine Pilgerreise auf der Suche nach den eigenen Eltern und die Feier einer Generation, die in den 1980er Jahren den gesellschaftlichen Aufbruch nach Ende der Franco-Diktatur wagte – ein Moment der Freiheit, der sich auch in wilden Feiern und Drogen ausdrückte und oft im Schmerz endete: Heroin, Überdosen, AIDS, der frühe Tod vieler junger Menschen.
Mit Romería – Das Tagebuch meiner Mutter schließt Carla Simón, deren eigene Eltern selbst früh an AIDS starben, ihren autobiographisch grundierten Familienzyklus ab – nach den weltweit preisgekrönten Filmen Estiu 93 – Fridas Sommer und Alcarràs (Goldener Bär der Berlinale). Gemeinsam ist allen drei Filmen die Zärtlichkeit, mit der sie ihre Heldinnen und Helden inszeniert, die grandiosen Familienszenen, die immer bewusste Erzählperspektive, die Aufrichtigkeit und Unmittelbarkeit, die uns unwiderstehlich ins Geschehen ziehen. Carla Simón beherrscht ihre filmischen Mittel so meisterhaft, dass wir manchmal erst später bemerken, mit welchen Fallhöhen wir es hier zu tun haben: „Keine falschen Töne, kein melodramatisches Anspielen, eher kleine Verschiebungen als große Gesten“, schrieb ICS. „Aber wenn Carla Simón zuschlägt, dann richtig.“
Grandios gefilmt von Hélène Louvart, werden die fantastische Küstenlandschaft Galiziens, die unberührten Cíes-Inseln und der Hafen von Vigo zum eigenen Protagonisten des Films. Nur in diesem unendlichen Blau und Weiß der Ría de Vigo – und angeleitet von einer Katze wie aus Alice im Wunderland – scheint die überraschende Wendung zum magischen Realismus und der fantastischen Choreografie von „Bailaré sobre tu tumba“ am Ende von Romería möglich: Die imaginierte Erinnerung, die das reale Tabu sprengt.
Die großartige Neuentdeckung Llúcia García spielt Marina und Marinas Mutter, der Musiker Mitch, in seiner ersten Kinorolle, Marinas Cousin Nuno und ihren Vater Fon. Nach Alcarràs mit seinen weitgehend nicht-professionellen Schauspieler:innen setzt sich das Ensemble von Romería hauptsächlich aus renommierten Schauspielern wie Tristán Ulloa, Miryam Gallego, Alberto Gracía, Janet Novás, Sara Casasnovas oder José Ángel Egido zusammen – aber wer würde auf die Idee kommen, dass Marina Troncoso als Großmutter noch nie in ihrem Leben vor der Kamera stand?
Ihrer Arbeitsweise blieb Carla Simón auch mit ihrem neuen Film treu: Den Dreharbeiten ging eine lange Probenzeit voraus, in der das Ensemble sich mit Szenen beschäftigte, die vor der Spielhandlung des Films lagen, um eine „eine gemeinsame Erinnerung“ zu schaffen, wie Carla Simón es nennt. Es hat funktioniert, wie Marina Troncoso bestätigt: „Wir waren tatsächlich eine Familie, über die fiktive Familie hinaus, die man auf der Leinwand sieht.“