Ich habe das Glück, Teil einer großen Familie voller Geschichten zu sein, die meine wichtigste Inspirationsquelle geworden ist. Familienbeziehungen faszinieren mich, weil wir sie uns nicht aussuchen können. Mein Vater starb, als ich drei Jahre alt war, und meine Mutter, als ich sechs war, beide an AIDS. Das letzte Mal, dass ich die Familie meines Vaters sah, war bei der Beerdigung meiner Mutter, danach verloren wir den Kontakt. Als ich kurz davor war, zur Universität zu gehen, brauchte ich die Sterbeurkunden meiner Eltern und wandte mich an meine Großeltern. Ein paar Stunden später meldete sich einer meiner Onkel bei mir und lud mich ein, sie zu besuchen. Meine Neugier und mein Wunsch, mehr über meine Herkunft zu erfahren, überwogen jede Enttäuschung aus diesen Jahren des Schweigens.
Meine Eltern waren jung, als Spanien in den 1980er Jahren den demokratischen Übergang erlebte – eine Zeit der Freiheit und des Experimentierens, in der junge Menschen sich von den überlieferten Werten einer zutiefst katholischen und konservativen Gesellschaft lösten. Diese lang ersehnte Zeit der Freiheit, bekannt als „La Movida“, brachte allerdings auch eine Heroinkrise mit sich, die Spanien zum Land mit der höchsten AIDS-Sterblichkeitsrate in Europa machte. Diese Geschichten wurden jedoch oft verschwiegen. Romería ist ein Film über Erinnerung – über die flüchtigen Familienmomente, die wir vielleicht nie ganz greifen können. Ich habe versucht, die Geschichte meiner Eltern anhand der Erinnerungen meiner Familie und derer, die sie kannten, zu rekonstruieren. Aber ich habe es nicht geschafft. Die schon von sich aus fragmentierte Natur der Erinnerung spielt dabei eine Rolle, aber das größte Hindernis dabei ist das Stigma, das AIDS umgibt und diese Erinnerungen überdeckt. Unser Film will das Vermächtnis einer übersehenen Generation wiederherstellen, die von den doppelten Folgen der Heroinsucht und des Aufkommens eines neuen Virus betroffen war; ein Teil der kollektiven Erinnerung Spaniens, der es verdient, wieder aufgegriffen zu werden.
In meiner Enttäuschung über die Unmöglichkeit, die ganze Geschichte meiner Eltern zu erfahren, fing ich an, die Erinnerung zu erschaffen, die mir fehlte. Können wir unsere eigenen Erinnerungen herstellen, wenn sie nicht existieren? Ich glaube, wir können. Und wir müssen es tun, um eine lebendigere Beziehung zur Vergangenheit aufzubauen und unsere Identität zu formen. Zum Glück habe ich das Kino.
– Carla Simón, Regisseurin von Romería