Bewegtes Leben

Biografie Sigmund Freuds Korrespondenzen legen viel von der bewegten „inneren“ Biografie des Begründers der Psychoanalyse offen. Nicht nur thematisiert der junge Arzt hierin seine beständigen Selbstzweifel, auch von seine großen Ambitionen ist dort zu lesen
Eine Stadtansicht Wiens um 1935.
Eine Stadtansicht Wiens um 1935.

Foto: Fox Photos/Getty Images

Sigmund Freud

Begründer der Psychoanalyse

Sigmund Freud (1856-1939). Sigismund Schlomo Freud wurde am 6. Mai 1856 in Přibor, heute Tschechien, geboren – in eine jüdische Familie mit ungewöhnlichen Generationenverhältnissen: Seine Mutter Amalia war in etwa so alt wie Freuds große Halbbrüder, er selbst im selben Alter wie sein Neffe. Im Herbst 1859 übersiedelte der Dreijährige mit den Eltern und Schwester Anna nach Wien, wo vier weitere Schwestern und ein Bruder zur Welt kamen. Während der Kindheit erfolgten zahlreiche Wohnungswechsel innerhalb Wiens, der Stadt in der Freud bis zur Vertreibung 1938 lebte: „[…] er studierte, er reiste, er heiratete, er praktizierte, er hielt seine Vorlesungen, er publizierte, er disputierte, er alterte, er starb“, schrieb sein Biograf Peter Gay lakonisch über Sigmund Freuds unspektakulär anmutende ‚äußere‘ Biografie. Dank Freuds umfassender Korrespondenzen ist uns heute viel über die bewegte ‚innere‘ Biografie des Begründers der Psychoanalyse bekannt. Die ersten Jahre nach dem Einzug in die Berggasse waren für den jungen Arzt und Familienvater gleichermaßen von großen Ambitionen wie von Phasen der Selbstzweifel geprägt; 1893 und 1894 litt er an Migräne und Herzsymptomen. Die Folgejahre bis zur Veröffentlichung der Traumdeutung (1900) waren vor allem von Freuds Selbstanalyse, der intimen Freundschaft mit Wilhelm Fließ und der Ausarbeitung der psychoanalytischen Prinzipien geprägt.
Im nächsten Jahrzehnt, das von den Schrecken des Ersten Weltkriegs geprägt war, gelang es ihm und seiner Gefolgschaft, die Wissenschaft der Psychoanalyse international zu verbreiten und zu institutionalisieren. 1923 wurde bei Freud Mundhöhlenkrebs festgestellt, bis zum Herbst 1938 wurden über 30 Operationen vorgenommen und eine Kieferprothese, die Freud „das Monster“ nannte, eingesetzt. Freuds Mitmenschen beschrieben ihn als ehrgeizig, großzügig, solide, als gütigen Vater mit Sinn für Humor. Technischen Neuerungen, dem Telefon oder der Schreibmaschine, stand er skeptisch gegenüber. Freude bereiteten ihm neben seiner Sammelleidenschaft für Antiquitäten insbesondere seine Hunde, deren Treue und Ambivalenzlosigkeit ihn faszinierten, ebenso Wanderungen in der Natur, Blumen und Pflanzen wie Gardenien, Orchideen, Maiglöckchen, Schneerosen, Flamingoblumen und insbesondere die Artischocke.

Anna Freud

Psychoanalytikerin

Anna Freud steht für eine breite Öffentlichkeit bis heute im Schatten ihres berühmten Vaters Sigmund Freud. Dabei wäre es falsch, anzunehmen, dass sie nur in seine Fußstapfen getreten sei. Anna Freud verwaltete, behütete und verbreitete zwar Freuds Vermächtnis, gleichzeitig aber schuf sie durch die Systematisierung und Weiterentwicklung der Kinderpsychoanalyse eine eigenständige Therapieform. In ihrer Arbeit konnte sie nachweisen, dass psychoanalytische Erkenntnisse auch auf die Kinderanalyse übertragen werden können. Die Unterschiede zwischen der Therapie eines Kindes und eines/einer Erwachsenen ergeben sich laut Anna Freud lediglich aus den unterschiedlichen Entwicklungsstufen, die die jeweiligen AnalysandInnen bisher durchlaufen haben. Auf dieser Einsicht basiert auch Anna Freuds Credo, Kinder wie Erwachsene als eigenständige Persönlichkeiten anzuerkennen.

Lou Andreas-Salomé

Schriftstellerin und Psychoanalytikerin

Loe Andreas-Salomé ist als „Dichterin der Psychoanalyse“ bekannt. Lange sah man in ihr ein Anhängsel berühmter Männer und insbesondere eine femme fatale. Dieses in der Nachwelt dominierende Bild der Andreas-Salomé geht unter anderem auf eine Fotografie zurück, auf der sie als junge Frau über Friedrich Nietzsche und Paul Rée die Peitsche schwingt. Seit den späten 1970er Jahren interessiert sich insbesondere der Feminismus für ihr umfassendes literarisches Œuvre und ihr Leben, wobei Andreas-Salomé gleichermaßen als Pionierin der Frauenbewegung und als Anti-Feministin gehandhabt wird. Tatsächlich schloss sie sich nie einer feministischen Bewegung an. Ihr Interesse galt nicht sozialen Bedingungen und politischen Forderungen, sondern der Sexualität und den Unterschieden der Geschlechter. Die Rezeption und Würdigung ihrer psychoanalytischen Schriften setzten erst in den letzten 15 Jahren ein; nur wenige ihrer Schriften wurden neu aufgelegt.

Marie Bonapartes

Autorin und Psychoanalytikerin

Marie Bonapartes illustres Leben verdeckt zuweilen den Blick auf ihr wissenschaftliches Werk. Dabei hat die Grande Dame der Psychoanalyse in Frankreich über 50 Aufsätze und rund 20 Bücher veröffentlicht, die großteils ins Englische oder ins Deutsche übersetzt wurden und ein breites Spektrum an Themen aus Psychoanalyse, Biologie, Anthropologie, Soziologie und Literatur aufweisen. Auch als Übersetzerin war Marie Bonaparte überaus produktiv: Ein Dutzend Freud-Schriften wurden von ihr ins Französische übertragen.

13:10 04.05.2022

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