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Meine Liebe stirbt nicht

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Kultur : Zurückgeworfen auf einen Keim

Nicht die Mikrobe EHEC ist das Problem: Der Seuchenzug eines Darmbakteriums zeigt, wie unachtsam wir mit der industriellen Produktion von Nahrung umgehen

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Es sind immer wieder die ganz kleinen, unsichtbaren Dinge, die alles aus dem Ruder laufen lassen. Moleküle, Viren und Bakterien, zuletzt waren es die radioaktiven Strahlen. Fassbar nur im Kopf, nicht mit dem Auge. Aber wie schnell sie dann übergroß werden: Dioxin, aviäre Influenza, Salmonellen, Schweinegrippe und nun EHEC, ein wenige Mikrometer messendes Darmbakterium aus Schlachttieren, das seit den siebziger Jahren bekannt ist, das sich über Nahrungsmittel verbreitet, das seinen Platz in den Lehrbüchern der Mikrobiologie sicher hat. Und das jetzt trotzdem über uns kommt als Mysterium, weil es sich verändert hat und in neuem Gewand eine Gefährlichkeit entfaltet, die sich nicht von selbst erklärt und damit auch jeder Absehbarkeit entzieht.

Niemand weiß, welche Ausmaße die Verbreitung des aggressiven Keims noch annehmen wird, weil niemand nachvollziehen kann, wie er überhaupt ent­standen ist. Macht das Angst? Vielleicht. Eher aber generiert der Ausbruch dieser neuen Seuche das stetig wiederkehrende Gefühl, dass wir, die fortschrittlichen Menschen, uns da ein System geschaffen haben, das genau die Dinge, die wir verhindern und kontrollieren wollten, auf neue, unkontrollierbare Art und Weise produziert. Versehrtheit, Krankheit, Ausgeliefertsein. Und an keiner Schnittstelle zwischen Mensch und Umwelt wird das schneller deutlich, als am existenziellen Vorgang der Nahrungsaufnahme. Der Mensch braucht ja Energie nicht zu allererst, um Maschinen zu betreiben, Autos zu fahren oder Gegenstände zu produzieren, sondern um sich selbst am Laufen zu halten.

Die Beschaffung von und der freie Zugang zu sicheren Lebensmitteln und sauberem Trinkwasser ist deshalb der empfindlichste Bereich innerhalb dessen, was wir uns in den Industriegesellschaften errichtet haben, um nicht mehr wie viele Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländern leben zu müssen, die bei jedem Schluck und jedem Bissen mit lebensbedrohlichen Keimen und Krankheiten zu rechnen haben. Wer nach Asien oder Afrika reist, in Regionen ohne Supermärkte und PET-Flaschen, wird sich dieses Umstands zwangsläufig wieder bewusst: „Cook it, peel it or leave it!“ – koch es, schäl es oder lass es liegen, alles andere macht dich krank.

Schnell und unkompliziert

Dass das auf neue und selbstverantwortete Weise auch zu Hause gelten könnte, hier, wo der Salat tagelang in Plastik verpackt auf seinen Käufer wartet, um dann ungewaschen in die Schüssel geschüttet zu werden, schnell und unkompliziert, es ist ja nur Essen – so etwas kommt niemandem in den Sinn, es fehlt jedes Bewusstsein dafür, dass man auf so etwas zurückgeworfen werden könnte. Dabei wird es immer wieder offenbar: Vor fünf Jahren erst fahndeten die Gesundheitsbehörden in den USA wochenlang nach der Quelle eines EHEC-Keims. Auch damals war das eine kriminologische Tätersuche in jener industriellen Produktionskette, die über alle Technisierung und Optimierung sämtliche Bereitschaft zur Achtsamkeit vergessen lässt.

Nachdem Hunderte Menschen erkrankt und zwei gestorben waren, fand man die Quelle in abgepacktem Spinat, der schlicht ungewaschen verzehrt worden war. Auch damals wollte niemand wahrhaben, dass so etwas nun mal passieren muss, wenn man auf diese Art und Weise Lebensmittel produziert und dabei vergisst, dass es die ganz kleinen, unsichtbaren Dinge sind, die alles aus dem Ruder laufen lassen. Man wird es auch jetzt nicht wahrhaben wollen und das System, anstatt es zu überdenken, einfach nur erweitern. Mehr Kontrolle für falsche Sicherheit.

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