Alltag

Internet Fakes | 13.03.2009 17:30 | Lukas Heinser

Trau keinem über den Schirm

Sogar Innenminster und Staatsanwaltschaft haben sofort daran geglaubt: Der Amokläufer habe im Internet seine Tat angekündigt. Leider falsch. Was darf man im Netz glauben?

Der Amokläufer von Winnenden hat seine Tat in einem Internet-Forum angekündigt, wurde aber nicht ernst genommen“, verlas Jens Riewa am gestrigen Donnerstag zu Beginn der Tagesschau um 20 Uhr. Und obwohl die Nachrichtensprecher der ARD natürlich der Inbegriff von Neutralität sind, hatte man das dumpfe Gefühl in diesem Satz etwas mitschwingen zu hören, das wie „Gott sei Dank, hätten wir das geklärt!“ klang: Internet. Diese Freaks. Und keiner tut was.

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Der einzige, kleine Haken an der Sache: Das vermeintliche Beweisstück, das der baden-württembergische Innenminister Heribert Rech (CDU) auf einer Pressekonferenz der versammelten Weltpresse vorgestellt hatte, war keines. Es war das, was man auch außerhalb der Netzgemeinde gerne mal als „Fake“ bezeichnet - eine Fälschung.

Es fällt schwer zu glauben, dass die Staatsanwaltschaft Stuttgart Zweifel an der Echtheit zurückwies, während ein paar Privatpersonen mit ein bisschen Ahnung von Computern die Fälschung binnen kurzer Zeit enttarnten. Alles, was sie dafür brauchten, waren rudimentäre Computerkenntnisse und Google.

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Das technische Unvermögen der Berichterstatter, das mit der lustigen Vermengung von Begriffen wie „Chatroom“ und „Internet-Forum“ begann (das vermeintliche Beweisstück war die Bearbeitung eines Beitrags aus einem sogenannten Imageboard, wo man Bilder hochladen und sich darüber austauschen kann) und bei der Suche nach Spuren eines Chats auf der Festplatte des Täters (in der Regel werden Chats, wenn überhaupt, auf dem Server gespeichert, über den sie laufen) noch lange nicht endete, ist nur ein Teil der Geschichte. Die berechtigte Frage, die selbstverständlich aufkam, lautet: „Was darf man im Internet eigentlich glauben?“

Das Trash-Portal stern.de, das den Fake aus dem Internet gestern offenbar für glaubwürdig hielt, jammerte heute, im Internet würde man ja eh nur belogen. Gut einen Monat nachdem die Medien zuhauf einen falschen Vornamen des neuen Bundeswirtschaftsministers aus der Wikipedia abgeschrieben hatten, hatte das böse, böse Internet schon wieder ihre Arbeit diskreditiert - wenn auch diesmal über Bande und unter tatkräftiger Unterstützung von Ermittlungsbehörden und Politik.

Selbst wer nie eine Journalistenschule besucht hat, dürfte schon einmal den Ausspruch „eine Quelle ist keine Quelle“ gehört haben. Er passt nicht immer und lässt sich auch nicht auf die Kriminalistik übertragen, wo ein Indiz eben ein Indiz ist. Und wo kämen wir hin, wenn wir Innenministern nicht mehr trauen könnten? Dennoch scheint es nicht unwahrscheinlich, dass so viele an den Fake glauben wollten, weil eine Ankündigung der Gewalttat im Internet genau das war, was sie erwartet, ja fast erhofft hatten.

Was also darf man im Internet glauben? Überspitzt gesagt: Genauso viel oder wenig wie im richtigen Leben. Dass Journalisten, die auf der Suche nach einer guten Story sind, diese auch finden werden, ist nichts Neues. Wer auf den großen Wurf wartet, ist ein leichtes Opfer für Fälscher und Scherzbolde. Der Stern hat zum Beispiel seine ganz eigenen Erfahrungen aus einer Zeit, in der das World Wide Web noch nicht erfunden war.

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001, als eine noch viel größere mediale Hysterie herrschte als in diesen Tagen, verbreitete sich eine Geschichte im Internet, die für Gänsehaut sorgte: Man müsse nur die Flugnummer „Q33“ und „NY“ für „New York“ in der Schriftart „Wingdings“ eingeben und schon sehe man ein Flugzeug, das in zwei Türme (na ja: zwei Symbole für Textdokumente) rase, dahinter einen Totenkopf und einen Davidstern. Tatsächlich sah man das (und dass „NY“ in dieser Symbol-Schriftart einen Totenkopf und einen Davidstern ergeben, hatte schon vorher für Kontroversen gesorgt), nur hatte keines der beteiligten Flugzeuge die Flugnummer „Q33“ gehabt. Die Geschichte verbreitete sich trotzdem rasend schnell via E-Mail.

Menschen sind seit jeher bereit, Dinge zu glauben, die nicht echt sind: Schon Michelangelo soll eine seiner Statuen auf alt getrimmt und einem Sammler als antikes Kunstwerk verkauft haben. Vor mehr als siebzig Jahren waren sich etliche Radiohörer in den USA sicher, ihr Land werde von Außerirdischen angegriffen, weil Orson Welles ein besonders realistisches Hörspiel zu H.G. Wells‘ Roman Krieg der Welten produziert hatte. Und jede Raufasertapete zeigt das Gesicht Adolf Hitlers, wenn man sie nur lange genug im richtigen Winkel anstarrt.

Selbstverständlich erleichtert das Internet die Verbreitung von Fakes, Hoaxes und sonstiger Falschmeldungen. Genauso wie Journalisten, die solche Geschichten ohne einen Anflug von Zweifel und ohne weitere Recherche weiterverbreiten. Wenn aber beispielsweise einfach ein Mitschüler behauptet hätte, der Amokschütze habe ihm unter vier Augen von seinen Plänen erzählt, wäre das sehr viel schwerer zu widerlegen gewesen als eine schnell gemachte Grafik einer manipulierten Webseite - und man hätte ihm erstmal glauben müssen.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Schackerbilly schrieb am 15.03.2009 um 07:41
Schön und gut, aber indem der Autor einen Hyperlink zu einer ebenfalls nicht immer sonderlich glaubwürdigen Quelle (Wikipedia) setzt, widerspricht er den eigenen Prinzipien.
lukasheinser schrieb am 15.03.2009 um 12:58
Auch wenn ich ja gar nicht sage, dass das Internet generell unglaubwürdig ist, kann ich den Kritikpunkt völlig verstehen.

Andererseits halte ich die Wikipedia dann im Großen und Ganzen für so glaubwürdig, dass sie zumindest oberflächlich in den Themenkomplex "Hitler-Tagebücher" einführen kann. Für jedes andere einzelne Google-Suchergebnis zu dem Stichwort hätte sich die Glaubwürdigkeitsfrage genauso gestellt.
Schackerbilly schrieb am 16.03.2009 um 07:26
Ich bedanke mich für die prompte Rückmeldung, möchte aber dennoch widersprechen. Allen Beteuerungen der Wikipedia-Community zum Trotz: Eine qualifizierte redaktionelle Prüfung gibt es bei der Online-Enzyklopädie nicht, vielmehr kann jeder Internetbenutzer weitgehend anonym Artikel nach seinen persönlichen Vorstellungen verändern.

Gut, mittlerweile muss eine Änderung erst von einem zur Sichtung berechtigten User freigegeben werden. Doch ob dieser Sichter auch nur die blasseste Ahnung von dem hat, was er da freischaltet, steht auf einem anderen Blatt. Ich behaupte, dass ich mit etwas Boshaftigkeit innerhalb weniger Minuten einen eklatanten Fehler in den Artikel zu den Hitler-Tagebüchern einbauen könnte, den ich mit Pseudoquellen belegen würde, und den kein Sichter als 'Fake' bemerken würde. Schon allein das in diesem Freitag-Artikel benannte Beispiel der Vornamen des Herrn Guttenberg zeigt, dass so etwas auch tatsächlich geschieht und welche Konsequenzen das haben kann. Durch eine kompetente Redaktion, die bereits im Vorfeld einen guten Autor aussucht und außerdem Artikel vor der Publikation kritisch überprüft, könnte so etwas verhindert werden.

Nun will ich die Qualifikation von Autoren bei Online-Quellen und die Fachkenntnis von Online-Redaktionen nicht pauschal als bessere Alternative in den Raum stellen. Natürlich gibt es auch hier eine ganz Reihe von Portalen, über deren Qualität man sich streiten kann. Stern-Online wurde hier bereits kritisiert, ich selbst hätte auch keine Probleme damit, einmal die Qualität von Spiegel-Online kritisch zu hinterfragen. Wenn ich allerdings als Journalist selbst seriös arbeiten möchte, aber partout keine zitierfähige Quelle im Netz finden würde, dann wäre es doch im Zweifelsfall besser, gar keinen Link zu setzen und den Sachverhalt stattdessen mit ein oder zwei zusätzlichen Sätzen zu erläutern!
lukasheinser schrieb am 16.03.2009 um 16:16
Meiner Meinung nach braucht es keine "redaktionelle Prüfung" (die es für die Blogeinträge auf freitag.de ja auch nicht gibt), wenn das Kollektiv der Nutzer auch als Korrektiv funktioniert. Das Stichwort hier heißt "Schwarmintelligenz".

Ich will die Wikipedia nicht über Gebühr verteidigen, sie hat sicher ihre Schwächen, aber Studien haben ergeben, dass Artikel in der Wikipedia im großen und ganzen mit Artikeln in echten "Lexika" mithalten können.

Das Guttenberg-Beispiel zeigt nicht, dass man der Wikipedia grundsätzlich misstrauen muss, sondern dass man wissen sollte, wie man mit diesem Werkzeug umzugehen hat.
Schackerbilly schrieb am 16.03.2009 um 20:52
Danke! Wir können uns gerne über die Studien unterhalten, die Wikipedia mit anderen Enzyklopädien vergleichen. Hier gibt es nämlich tatsächlich sehr viel Diskussionsbedarf, z.B. in Bezug auf die Auswahl der Vergleichsgruppen, die gewähltenr Vergleichsparameter, die Größe der Stichprobe, die Repräsentativität der Stichprobe, die statistische Signifikanz des Gruppenunterschieds, etc.

Aber damit wir konkreter werden können: Welche der Vergleichsstudie ist genau gemeint?
lukasheinser schrieb am 19.03.2009 um 18:14
Nehmen wir zum Beispiel diese Studie des "Stern", über deren Methodik man sicher streiten kann: http://www.stern.de/computer-technik/internet/:%0A%09%09stern-Test%0A%09%09%09-Wikipedia-Brockhaus/604423.html

(Und bevor Sie es schreiben: Dass ich unter diesem Artikel ausgerechnet den "Stern" verlinke, widerspricht widerspricht vermutlich auch den eigenen Prinzipien.)

Was ich sagen will: Die Wikipedia ist als Einstiegsquelle in der Regel mindestens ausreichend bis gut. Man muss halt damit umzugehen wissen - das gilt aber auch für Bücher und andere Medien.
Schackerbilly schrieb am 20.03.2009 um 08:08
Tja, dass der "Brockhaus" im Gegensatz zu seinem Ruf schon lange nicht mehr das Gelbe vom Ei ist, das ist wenig neu. Kein Wunder, wenn man sich ansieht, wie es da seit geraumer Zeit hinter den Kulissen so läuft.

Dass in der Vergleichsstudie angesichts der Größe der untersuchten Werke allerdings eine erheblich zu kleine Stichprobe untersucht wurde, ist offenkundig. Leider kann man aber selbst anhand der in der Printausgabe des Sterns veröffentlichten Angaben die Methodik der Untersuchung nicht verlässlich beurteilen. Hier fehlen viel zu viele Details. Und auf der Webseite des Wissenschaftlicher Informationsdienstes WIND GmbH, der die Studie durchgeführt hat, finde ich zwar bei den "News" eine Meldung mit hübschen Smilies, aber präzisere Angaben zu der Untersuchung und ihre Methodik vermisse ich auch dort.

Interessant dürfte die Frage sein, wie sich der "Stern" in Zukunft zu Problematik Wikipipedia vs. Brockhaus verhalten dürfte. Stichwort Übernahme von Brockhaus-Enzyklopädie durch Bertelsmann...
kukidenta schrieb am 20.03.2009 um 11:52
Der Fake, dass diese Tat im Netz angekündigt wurde entspringt doch auch einer gewissen Erwartungshaltung der Medien und der Polizei.
Eine solche Tat muss doch im Netz angekündigt worden sein. Eine Ankündigung macht das Bild rund.

Was aber wäre, wenn Tim K. vor seiner Tat eine Kirche aufgesucht hätte um zu beten oder einen alten Frau über die Strasse geholfen hätte? Diese Vermutung ist genauso abstrus, wie die Erwartung das wir alles in Netz kritzeln was wir eben so machen.

Ich geh dann mal shoppen, guck grad eine Sendung oder lauf kurz Amok.


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