Als blasser, nervöser, junger Journalist lernte ich den Selbstmord kennen. Es gehörte zu meinen regelmäßigen Aufgaben, aus dem Untersuchungsgericht zu berichten. Dort lernte ich die vielfältigen Arten kennen, die sich das kranke, menschliche Hirn ausdenken kann, um zu sterben. Die Gerichtsmediziner verwendeten nie das Wort „Geisteskrankheit“, sie bevorzugten die mitfühlendere Formulierung, der Betreffende habe sich „in einem Zustand das Leben genommen, in dem sich sein Bewusstsein im Ungleichgewicht befunden habe“. Die Formulierung hatte etwas Ambivalentes, als wären das Schicksal und überwältigende Umstände mit im Spiel. Ich bin inzwischen jedoch zu der Überzeugung gelangt, dass einer sich gerade deshalb für den Selbstmord entscheiden kann, weil sein Bewusstsein absolut im Gleichgewicht ist und er realistisch, pragmatisch, gelassen und scharf denkt.
Aus diesem Grund missfällt mir der Begriff „Beihilfe zum Selbstmord“, wenn sich einer dafür entscheidet, sein Leben mit der sanften Hilfe der Medizin zu beenden, nachdem er sorgsame Überlegungen angestellt und alle Vor- und Nachteile gegeneinander abgewogen hat. Die Menschen, die die schwierige Reise in die Schweiz auf sich nehmen, um sich dort mit der Hilfe von Dignitas das Leben zu nehmen, erscheinen mir sehr entschieden und methodisch vorzugehen. Sie wollen selbst über ihren Tod bestimmen und es ist gut möglich, dass ihr Verstand weniger aus dem Gleichgewicht ist als der ihrer Mitmenschen.
Alzheimer wird mich nicht drankriegen
Ich selbst wurde in die Debatte um die „aktive Sterbehilfe“ eher zufällig hineingezogen, als ich mich damit beschäftigte, was ich mir von einer Zukunft mit Alzheimer zu erwarten habe. Im Zuge meines „Coming-Outs“ als Alzheimerpatient habe ich Kontakt zu Forschungseinrichtungen auf der ganzen Welt bekommen und ich habe keinen Grund zu der Annahme, dass die Möglichkeit einer „Heilung“ unmittelbar bevorstünde.
Und so habe ich mir geschworen, dass der Alzheimer mich nicht drankriegen wird, sondern dass ich ihn erledigen werde. Ich möchte mein Leben wie bislang voll auskosten und sterben, bevor die Krankheit ihren letzten Angriff startet. Bei mir Zuhause, in einem Stuhl auf dem Rasen, ein Glas Brandy in der Hand, mit dem ich den tödliche Cocktail hinunterspülen werde, den mir ein hilfsbereiter Arzt besorgen wird. Zu den Klängen von Thomas Tallis auf meinem I-Pod werde ich dem Tod die Hand reichen.
Mir erscheint ein Tod auf Bestellung mit medizinischem Beistand als eine angemessene und vernünftige Entscheidung, wenn man an einer ernsten, unheilbaren und lähmenden Krankheit leidet.
Die Pflegelast tragen die Angehörigen
Die Organisation Care not Killing versichert, dass niemand darüber nachdenken müsse, freiwillig aus dem Leben zu scheiden, schließlich sei Pflege immer verfügbar. Das ist doch sehr fraglich. Der Medizin gelingt es, immer mehr Menschen am Leben zu erhalten, und diese benötigen immer mehr Pflege. Alzheimer und andere Demenzkrankheiten sind für unser Land pflegetechnisch eine große Last. Diese Last tragen zunächst einmal die engsten Angehörigen, die vielleicht selbst bereits älter sind und ebenfalls der Fürsorge benötigen.
Einer der Haupteinwände, den die Gegner der „aktiven Sterbehilfe“ häufig verbreiten, ist die Möglichkeit, ältere Menschen könnten illegalerweise dazu überredet werden, um aktive Sterbehilfe zu „bitten“. Denkbar wäre das, doch das Journal of Medical Ethics berichtete 2007, es gebe in Oregon, wo die aktive Sterbehilfe erlaubt ist, keinerlei Anzeichen für Missbrauch. Ich kann mir nicht vorstellen, warum das hier anders sein sollte.
Im vergangenen Jahr veröffentlichte die britische Regierung schließlich Richtlinien für den Umgang mit aktiver Sterbehilfe. Demnach müssen Verwandte und Freunde, die einem Kranken dabei helfen wollen zu sterben, eine große Anzahl von Kriterien erfüllen, um nicht wegen Mordes angeklagt zu werden. So, wie die Dinge dort festgelegt sind, kann man sich im Moment nur an diese Regeln halten und das Beste hoffen.
Für ein unparteiisches Schiedsgericht
Aus diesem Grund plädiere ich mit einigen anderen dafür, dass ein unparteiisches Schiedsgericht den Fall prüft, bevor die Sterbehilfe geleistet wird. Die Mitglieder des Gerichts würden im Sinne der Gesellschaft und im Sinne der Anwärter handeln. Sie würden gewährleisten, dass die Anwärter informiert sind und bei klarem Verstand, dass sie sich ihres Ziels sicher sind und dass sie unter einer tödlichen, unheilbaren Krankheit leiden und nicht unter dem Einfluss Dritter stehen. Dem Gericht sollte ein Anwalt angehören, der auf Familienangelegenheiten spezialisiert ist und der erkennen kann, ob Druck von außen ausgeübt wird. Und natürlich auch ein praktischer Arzt, der mit der Komplexität schwerer Langzeiterkrankungen vertraut ist.
Außerdem schlage ich vor, dass die Mitglieder dieses Gerichts über 45 Jahre alt sein sollten. Ein Alter, in dem sie die nötige Weisheit erlangt haben dürften – und Weisheit und Mitgefühl sollten in diesem Gericht dem Gesetz zur Seite stehen. Das Gericht müsste sich sicherlich auch mit Fällen auseinandersetzten, von denen vernünftige Leute sagen würden, dass sie trivial sind oder auf einem vorübergehenden Leiden beruhen. Wenn wir in einer Welt leben wollen, in der ein „früher Tod“ gesellschaftlich akzeptiert und erlaubt ist, dann muss er auf der Basis reiflicher Überlegung erlaubt werden.
Ich möchte in Frieden sterben, bevor die Krankheit mich überwältigt. Ich hoffe, dass das nicht so schnell der Fall sein wird. Ich weiß, dass jeder Tag so kostbar sein wird wie eine Million Pfund, wenn ich weiß, dass ich dann sterben kann, wann ich will. Wenn ich wüsste, dass ich sterben darf, könnte ich leben. Mein Leben, mein Tod, meine Entscheidung.
|
|
Soylent Green wird da sicher nicht hergestellt werden, aber in einem so genannten Einschläferungszentrum seinem Leben ein Ende zu bereiten, wird gang und gäbe werden.
Vielleicht wird es sogar einen gewaltigen gesellschaftlichen Druck auf die Kranken geben, gefälligst eine Euthanasieklinik - oder wie immer man die dann euphemisiert - aufzusuchen. Bei über 9 Mrd Menschen 2050. Ich möchte diese Wahl zum würdigen Freitod bei angemessenen Hürden haben. |
|
|
Auch der Zustand von Alzheimer-Patienten hat noch so etwas wie Lebensqualität. Das Annehmen der Krankheit, dass Bewusst sein ist das Grausame. Nicht die Krankheit selbst.
Wenn man die Möglichkeiten hat, dann sollte man die Zeit, die einem bleibt genissen. Und sie nicht damit verbringen über den Tod nachzudenken. Sinnvoller wäre es, sich & sein Umfeld auf die zu erwartenden Behinderungen durch die Krankheit einzustellen. Das beste an Qualität raus zu holen. Der Tod kommt sowieso. Und Sterbehilfe durch unterlassenen palläantive Medizin ist auch gang & gebe in Deutschen Krankenhäusern und in der häuslichen Pflegen. Darüber muss sich keiner Gedanken machen. Die Vorstellung ein "schmerzhaften Todes" durch Vergiften... Bitte, gucken Sie sich Hinrichtungen durch Gift in den USA an. Das wollen Sie wirklich anderen Menschen empfehlen? Und schwafeln davon, es an sich selbst anwenden zu lassen? Wie dumm. Ein friedlicher Tod ist der, wenn Körper & Seele bereit sind zu gehen. Und das braucht mal mehr & mal weniger Zeit. Wenn Sie sich töten wollen, dann hängen Sie sich auf. Aber da, wo Ihre Leiche keinen erschrecken kann. Da, wo die Menschen, welche Sie lieben Ihren Kadaver nicht finden werden. Denn die müssen auch damit leben, dass Sie sich vor Ihrer Zeit verdrückt haben. |
|
|
Und wer bist ausgerechnet D U , diese Entscheidung für andere Menschen zu treffen?
Und nicht nur zu treffen, nein, sie auch noch mit einer solch durchdachten, stringenten, und darüberhinaus noch so elegant formulierten Reihe von Argumenten zu begründen? |
|
|
Das öffentliche Sterben & das bewusste Abschiednehmen von den Menschen & Dingen welche er geliebt des polnischen Papstes Johannes Paul II, hat mich tief bewegt.
Er hat ein Zeichen gesetzt. Für den menschlichen & unverkrampften Umgang mit Sterbenden. Ein Vorbild. |
|
|
schrieb am
04.02.2010 um 23:50
Ich möchte nichts zum Thema sagen, aber bei chrisamars Auslassungen fällt mir ein schönes Zitat aus dem obigen Text ein: "Bewusstsein im Ungleichgewicht". Anders kann ich mir nicht erklären, wie man so selbstbewusst und reflektionsfrei vor sich hin labern kann.
|
|
|
Weil die Schwiegermutter in NL auf eigenen Wunsch im Krankenhaus "vergiftet" wurde.
Weil der Vater meiner Freundin sich aufgehängt hat. Im Wohnzimmer. Damit ihn seine Kinder auch finden, hatte er diese vorsorglich zum Essen eingeladen. Es war Weihnachten. Weil sich der Vater von einem Freund in deren Garage erschossen hat. Alle sassen am Tisch, als es knallte. Der Freund einer Freundin hat sich in deren Bett erschossen. Auch ein großes Hallo. Und Robert Enke nehme ich es auch übel, dass er den Zugfahrer traumatisiert hat. Es ist nicht leicht geboren zu werden. Und es ist auch nicht leicht zu sterben. Das weiss ich. Aus meiner ehrenamtlichen Sterbegleitung. |
|
|
"Kadaver"
Mir gefällt das Wort. In meinem Leben ist kein Platz für Illusionen. |
|
|
Tja, nur schade, das mein Kommentar zu dieser Perle des deutschen Wortschatzes gelöscht/zensiert/whatever wurde.
Kadaver. Ka.da.VER (kann man das 15mal hintereinander sagen?) kaadaaveer... Tja. Schmerzhafte Erfahrungen aus dem eigenen Umfeld, und, oho, die ehrenamtliche Sterbebegleitung verleihen alles Recht der Welt, sich eine eigene Meinung zu bilden. Wohlverstanden -> eine _eigene_ Meinung, so wie in "Ich werde meine eigene Meinung nicht als die endgültige, einzig wahre Wahrheit verstehen" Terry Pratchetts Wunsch nach einem selbstbestimmten, würdevollen Tod schlicht als "dumm" zu bezeichnen, seine sterblichen Überreste als Kadaver zu titulieren (und vermutlich in eine dunkle Tiefgarage zu wünschen), dabei gleichzeitig jedoch vom "menschlichen Umgang" zu schreiben... ... und dann noch über allzu pietätslos realisierte Suizide zu klagen; Suizide, die so und nicht anders realisiert wurden, eben in Ermanglung der Möglichkeit, die sich Terry wünscht... Tja, um ehrlich zu sein, so falsch fand ich ocas Meinung nicht. |
|
|
PS:
Der Vater, welcher sich in der Garage erschossen hat, war Arzt. Damit der II. Arzt aus meinem persönlichem Umfeld, welcher sich umgebracht hat. Mein Mann, den ich 2 Jahre lang gepflegt habe, hätte sich niemals umgebracht. Wir haben bis zum letzten Tag um jeden Sekunde Lebensfreude gekämpft. |
|
|
@ Oca
Wenn Du Dich zu einem Thema sachlich nicht äußern kannst,warum vergeudest Du Deine Zeit damit, mich hier öffentlich bloß stellen zu wollen? Das finde ich eklig. Hätte ich von Dir auch nicht erwartet. |
|
|
schrieb am
06.02.2010 um 12:18
Entschuldigung. Siehe unten.
|
|
|
Thema Alzheimer
Kenne ich mich auch ganz gut aus. Auch Alzheimer-Patienten werden von ihren Angehörigen geliebt. Und geliebte Menschen werden liebevoll umsorgt. Das weiss ich aber ganz genau. |
|
|
Und noch ein Vater:
Er war Geschäftsmann. Alkoholiker. Auch ein geplanter Selbstmord. Er kaufte Flaschenweise Korn & Zigaretten & setzte sich aufs Sofa. Dann trank er sich zu Tode. Seine Tochte & den Schwiegersohn haben ihn gefunden. Denn auch die Beiden waren zum Essen eingeladen worden. Toller Abgang! Und dann der erweiterte Selbstmord: Wo man das Objekt seiner Begierde gleich mit umlegt. Siehe Petra Kelly / Gert Bastian. Oder meine Freundin Iris & der Amokläufer. |
|
|
Was hat mich traumatisiert?
Warum ich gegen Tötung bin? Auch wenn der zu tötende unheilbar krank ist? Zu meinen persönlichen Interessengebieten seit meiner Kindheit gehört die Bildhauerei. Mit meinem Vater bin ich als Kind von meinem erstem Besuch bei Madame Taussaud / London unfassbar beeindruckt. Aber da war ein Raum. Im Keller. Zu dem durfte man nur in kleinen Gruppen. Damals waren dort alle Arten von Hinrichtungen inszeniert. Mit multimedialen Effenkten. Die Puppen zuckten & schüttelten sich. Schon damals erkannte ich, dass ein keinen "Sofort Tod" gibt. Und das das, was uns TV&Film verkauft, alles Lüge ist. |
|
|
Mir geht der Text nahe, gerade weil er so entschlossen zu sein scheint. Tatsache ist ja, dass jeder Mensch für sich entscheiden kann, ob er im Leben bleibt oder nicht. Dafür braucht es nur einen Entschluss, noch bei wachem Geist und Verstand.
Das ist wohl auch das Schwere, den Punkt auszumachen, wo die eigene berechtigte oder verzweifelte Hoffnung den Lebenswillen nicht mehr nährt. Und dann bei diesem Entschluss zu bleiben. Der Mensch hängt am Leben. ... Mir scheint Terry Pratchett will nicht leise sterben, sondern wenn er schon dieses Schicksal trägt, dann will er auch eine laute, deutliche öffentliche Debatte um sein Schicksal. Das kann ich verstehen, aber ob es ihm nützt, ob es der Öffentlichkeit nützt. Denn es liefert einer Gesellschaft eine von vielen Bestätigungen, dass es besser ist, ihre alternden Problemfälle human zu entsorgen? Ich habe mal eine Weile - wirklich nur kurz - in der Altenbetreuung gearbeitet. Und gespürt, dass Alzheimer Patienten meist gar nicht so unglücklich sind oder nicht immer. Es hängt auch da seltsamerweise noch vom ursprünglichen Naturell ab, wie sie sich dann verhalten und fühlen. Unglücklich und am meisten betroffen sind die pflegenden Verwandten. Die übertragen die eigene Betroffenheit auf den Kranken. Aber ich selbst wüsste gern, wie man sich am schmerz- und angstärmsten umbringt. Da fällt mir immer nur eine vorherige gnädige Narkose ein und dann.......macht doch,was Ihr wollt. |
|
|
@chrisamar
Ich finde die Haltung Freitod ohne Einschränkung abzulehnen, sich für keine Kompromisse herzugeben und alle anderen Möglichkeiten als die vorzuziehenden aufzuzeigen, in Ordnung. Ich würde Sie nicht von was anderem überzeugen wollen. Was ich nicht in Ordnung finde, nie in Ordnung finde, ist, anderen zu erklären, wie diese Dinge, solche Dinge, in Wirklichkeit zu beurteilen sind. Wie man sie zu sehen hat. Und dass alles andere dumm ist. Auch der Zustand von Alzheimer-Patienten hat noch so etwas wie Lebensqualität. Sinnvoller ist… Weil Sie das so sehen, so erlebt haben ist es allgemeingültig und der Betroffene möge das bitte akzeptieren und sich dieser „neuen Qualität“ fügen? Dumm ist für mich, wenn man nicht begreift, dass Lebenswelten und die Auffassung von Lebensqualität so anders sein können, dass man sie nicht begreift. Und dass es dann eine Anmaßung ist, sich (ver)urteilend dazu zu äußern. Und Leute belehrt, wie sie gefälligst ihre Lebenswelt und Ihren Tod zu gestalten haben. Wenn jemand vom „Verdrücken vor seiner Zeit“ spricht, heißt das für mich, dass da neben sicher sehr viel vorhandener Güte, Herzenswärme, Hilfsbereitschaft auch ein unbarmherziger Zug an diesem Menschen ist. Und Unbarmherzigkeit und Lebensbejahung passen für mich nicht zusammen. P.S. Ich bin auch ein bisschen irritiert darüber, dass Sie ihre Erkenntnisse über den „Soforttod“ aus einer Show (wie Sie selbst sagen, mit multimedialen Effekten) für grundlegend halten, die aus anderen Shows (Film&Fernsehen) aber nicht… |
|
|
Liebe chrisamar,
ich kann, was deine Stellungnahmen betrifft, nur kla rechtgeben: deine Erfahrungen sind nicht meine, ich fürchte, da laß ich auch nicht andere in mein Leben reinreden. Ich jedenfalls will mein Leben so selbstbestimmt enden lassen, wie ich es führe, und natürlich sind auch die gesellschaftlichen Realitäten ein Grund für eben diese Entscheidung. Auch in meinem Umfeld sind viele durch Selbsttötung gestorben, die sicherlich mit entsprechender Hilfe hätten länger leben, vielleicht sogar zu einer erfüllenden Existenz hätten gelangen können, aber wer wäre ich, deren Schmerz mit dem meinen wegen des Verlustes zu vergleichen? Eine demokratisierte, inividualisierte Welt verlangt doch von ihren Protagonisten geradezu, selbst einen Sinn zu entwickeln, da ist keine stereotype christliche Moral in der Lage, das zu ersetzen. Wenn dann jemand wie Terry Pratchett seine Ängste so gut kennt, halte ich es für sein gutes Recht, selbst zu entscheiden, wie er ihnen begegnet, mit ihnen umgeht, und ich finde seinen Entschluß verdammt selbstbewußt und (mindestens für mich) nachvollziehbar. Wann und warum ich mein Dasein für lebenswert halte, ist meine Sache, und meine Freunde wissen das und werden meine Entscheidung dann auch akzeptieren können, gerade weil wir uns über solche Dinge oft und genau unterhalten (wir sind aber auch nicht mehr die Jüngsten). Ich werde dann auch kein Blutbad veranstalten, damit sich andere schlecht fühlen, und genau dieses hat Terry Pratchett auch gesagt. Es geht weder ihm noch anderen in seiner Lage um Rache. Da ich weiß, was Schmerzen sein können, behalte ich mir vor, selbst zu entscheiden, wie lange ich sie zu ertragen gedenke, und wenn ich dermaleinst gehen werde, mach ich aber ganz sicher noch ein fettes, großes Freudenfest, damit mich alle so positiv in Erinnerung behalten, wie ich gelebt habe. Ich wüßte nicht, wer sich da beschweren will. Verlust gehört nunmal dazu, und wer´s nicht glauben will, wird spätestens dann merken, daß es auch ohne mich weitergeht und das vielleicht nicht mal schlechter. Deine Erfahrungen in allen Ehren, aber meine sind andere, und ich wage nicht, sie zu verallgemeinern, bitte also darum, daß du das auch nicht tust. mfg cf |
|
|
@chrisamar:
Entschuldigung für meinen Kommentar. Ich hatte bei Deinem Text nicht den Eindruck, dass Du Deine Überzeugungen aus persönlichen Erfahrungen gewonnen hast, sondern im Gegenteil, dass es Dir an solchen Erfahrungen fehlt. Ich kann Deine Haltung jetzt verstehen und weiß auch, wodurch Du zu dieser Haltung gekommen bist. Also nochmal, entschuldigung für die harten Worte. Ich möchte Dir aber noch sagen, warum ich durch Deinen ersten Text auf die Idee gekommen bin, dass Du Dich mit dem Thema nicht wirklich auseinandergesetzt hast. Du schreibst: "Auch der Zustand von Alzheimer-Patienten hat noch so etwas wie Lebensqualität. ... Und Sterbehilfe durch unterlassenen palläantive Medizin ist auch gang & gebe in Deutschen Krankenhäusern und in der häuslichen Pflegen. Darüber muss sich keiner Gedanken machen." Ich finde das zu allgemein. Sicherlich gibt es mit Alzheimer auch noch so etwas wie Lebensqualität. Allerdings musste ich bei Deinem Text an ein persönliches Erlebnis mit einer Alzheimerpatientin denken, das mich sehr beeindruckt hat. Die Frau hatte obendrein Krebs und musste im Krankenhaus untersucht werden. Ich war Zivi und musste dabei helfen. Ich kann mich nicht in einen Alzheimerpatienten hineinversetzen, aber für mich war klar, dass diese Frau, bei der die Krankheit wohl schon das Endstadium erreicht hatte, weder wusste, wer sie war, noch wo, noch warum, noch was wir mit ihr vor hatten, und dass sie nur noch Angst hatte. Anders konnte ich ihr Verhalten und ihren Blick nicht deuten. Sie machte auf mich nicht den Eindruck einer Person, bei der man noch in irgend einer Form von "Lebensqualität" sprechen könnte. Die Untersuchungen wurden trotzdem durchgezogen. Ärztliche Pflicht, nehme ich an. Ob sie danach noch behandelt wurde, weiß ich nicht. (Mein Chefarzt meinte übrigens, die Patienten sollten sich nicht so anstellen, er bringe sein Auto ja auch in die Werkstatt, wenn es kaputt sei. Der Oberarzt war der Überzeugung, dass manchen Patienten "ein Carzinom zusteht" - soviel zu einfühlsamen Ärzten.) Aus dieser Erfahrung heraus erschien mir Deine Aussage viel zu allgemein und, für einen Fall wie den eben geschilderten, beschönigend. Auch Dein Vergleich mit Hinrichtungen durch die Giftspritze in den USA erschien mir verfehlt. Es gibt tausende Arten von Gift, und nicht jeder Tod durch Gift muss so aussehen wie die sadistische Prozedur einer Hinrichtung in den USA. Ich fand auch diesen Kommentar von Dir viel zu allgemein. Ich sehe das Thema "Sterbehilfe" sehr skeptisch, vor allem, weil ich fürchte, dass es dann, wenn sie erst einmal gesellschaftlich weitgehend akzeptiert ist, auch schnell heißen wird: "Warum lässt der/die sich nicht endlich die Tablette geben". Es erscheint mir sehr wahrscheinlich, dass aus der Selbstbestimmung bald ein gesellschaftlicher Druck werden wird. Aber ich konnte Deinem Text nicht zustimmen, weil ich der Ansicht war, dass Du ein sehr komplexes Thema nur von einer Seite betrachtest und Dir dabei herausnimmst, über viele Aspekte genau bestimmen zu können - über Lebensqualität und die Erfahrung des Sterbens. Ich verstehe jetzt, dass Deine Aussagen auf persönlichen Erfahrungen beruhen. Ich habe andere Erfahrungen, und ich möchte das Thema nicht so radikal auf eine Seite reduzieren. |
|
|
schrieb am
06.02.2010 um 11:56
P.S.: "Auch Alzheimer-Patienten werden von ihren Angehörigen geliebt. Und geliebte Menschen werden liebevoll umsorgt. Das weiss ich aber ganz genau."
Die Frau, von der ich oben berichtet habe, war allein. Ich weiß nicht, ob sie Angehörige hatte, die sie liebevoll umsorgten. Jedenfalls waren sie nicht da. Vielleicht hatte sie auch nicht mehr die Kraft dazu. Ich glaube, Du kannst Deine Erfahrungen nicht so verallgemeinern. |
|
|
schrieb am
06.02.2010 um 12:14
P.P.S.: "Wenn Sie sich töten wollen, dann hängen Sie sich auf." - Auch das soll nicht immer besonders angenehm sein. Wenn Du Gift ablehnst und erhängen bevorzugst, Dann solltest Du ehrlicherweise dazusagen: Geschmackssache.
|
|
|
"Ich sehe das Thema "Sterbehilfe" sehr skeptisch, vor allem, weil ich fürchte, dass es dann, wenn sie erst einmal gesellschaftlich weitgehend akzeptiert ist, auch schnell heißen wird: "Warum lässt der/die sich nicht endlich die Tablette geben". Es erscheint mir sehr wahrscheinlich, dass aus der Selbstbestimmung bald ein gesellschaftlicher Druck werden wird."
Oca, genau das ist meine Befürchtung. Deshalb bin ich - von allen anderen Gründen abgesehen - gegen diese Überlegungen. |
|
|
Danke Oca.
Alle meine Erfahrungen zu veröffentlichen, würde den Lesern - wenn es denn interessierte Leser gäbe- die Haare zu Kopf stehen lassen. Selbstmord ist etwas schreckliches. Niemals könnte ich einem Menschen dazu raten. Und ich kann keinen Menschen töten. Und sei er noch so krank. Schmerzen nehmen: Ja. Narkose: Nein Vergiften von einem Arzt? Niemals! Die Sprüche der Ärzte, welche Du /Orca zitierst sind ein Teil der Realität. Diese Herzlosigkeit. Dieser Zynismus. Kaum zu ertragen. Ein Arzt, der Menschen vorsätzlich tötet, wäre kein Arzt meines Vertrauens. Und das Roger Kusch rumrennt & seine "Tötungsmaschine" offeriert, ist für mich das Ende der Zivilisation. Madame Tussaud Es dauerte Jahrzehnte, bis ich einem sterbenden Menschen bis zum Ende begleitet habe. Das tat ich nicht aus wissenschaftlichem Interesse. Sondern aus Liebe. Jetzt weiss ich erst, wie Sterben geht.Jedenfalls so ungefähr. Und aus dieser Perspektive kann ich erst beurteilen, wie erschreckend realistisch die Hinrichtungen der Puppen damals dargestellt wurden. Alzheimer Glücklicherweise kenne ich andere Patienten mit bessere Versorgung. Da bin ich froh drüber. Alzheimer ist eine schleichende Krankheit. Manche Patienten leben Jahrzehnte damit. Keine Krankheit ist besonders erstrebenswert. So ist das nun mal. Wir alle sollten uns auf Gebrechen, das Alter & den Tod "rechtzeitig" vorbereiten. Wäre doch mal eine Idee? Das ist alles. |
|
|
schrieb am
06.02.2010 um 16:39
Meine persönlichen Erfahrungen mit Sterbenden sind - glücklicherweise, möchte ich hinzufügen - noch recht eingeschränkt, weshalb ich mir kein abschließendes Urteil erlauben möchte. Die "Tötungsmaschine" finde ich ebenso schrecklich wie Du, und die Vorstellung, dass mit dem Sterben noch ein Geschäft gemacht wird, noch schlimmer. Bedrückend ist eben auch die Einsamkeit, in der viele Menschen offenbar sterben müssen. Der Wunsch, seinem Leben selbst ein Ende zu setzen, hat doch auch damit zu tun, dass der Tod eben nicht immer im Kreis geliebter Menschen und in Begleitung verständnisvoller Ärzte stattfindet. Vielen Menschen (mir auch) graut vor der Vorstellung, einsam und verlassen in einem Krankenhaus zu sterben, in dem dann noch die zynischen "Halbgötter in Weiß" die Regie übernehmen, die es dort zweifellos in nicht zu geringer Zahl gibt. Wenn Du schreibst, wir alle sollten uns auf den Tod rechtzeitig vorbereiten, so möchte ich hinzufügen: auch die Gesellschaft muss sich darauf vorbereiten, dass Menschen in Würde sterben möchten. Gruß, oca
|
|
|
Ein schwieriges Thema. Oft denke ich auch, der Gedanke an den Tod wird bestmöglich verdrängt. Das trägt zu einer Reihe von Mißständen bei.
Um über ein würdevolles Sterben diskutieren zu können, müssen die Diskutierenden akzeptieren, sterblich zu sein. Und das scheint immer schwerer zu werden. |
|
|
Lieber Oca,
danke für Deinen Kommentar. Tenessee Wiliams: "Die Katze auf dem heissem Blechdach" Big Daddy quält sich mit Tumor-Schmerzen. Die Familie will ihm Schmerzmittel reichen. Er lehnt ab: "So lange ich noch Schmerzen habe weiss ich, dass ich noch lebe." Dieser Satz beeidruckt mich bis heute. |
|
|
Dem möchte ich mich anschließen.
Schön, wie die Familie ihm eine eigene Entscheidung zubilligt, bzw. die getroffene auch respektiert. |
|
|
„Das Leben ist kannibalisch. Das eine Ich frisst das andere Ich. Immer ist jemand dabei, an einem anderen zu nagen, aus Neid, aus Profitgier, aus Angst. Wissen Sie, die Vorstellung, in einem Zimmer zu schlafen, wo nicht irgendwo eine Flasche steht, finde ich ziemlich schrecklich. Es könnte ja immerhin sein, dass ich nachts aufwache und einen Schluck brauche.“
Tenessee Williams |
|
|
Es ist unfassbar traurig, wenn alte Menschen sich nur noch als wirtschaftlichen Kostenfaktor wahrnehmen müssen und sie deshalb ihren freiwilligen Suizid anstreben.
Die Gier und das Profitdenken haben auch dazu geführt, dass wir unsere Alten verhungern lassen, wenn sie sich schon nicht freiwillig umbringen: Als Folge der neoliberalen Umverteilung sind zwischenzeitlich 30 % der Altenheimbewohner, Tendenz drastisch steigend, mangel- oder unterernährt. Eine erbärmliche Schande für unsere Gesellschaft. |
|
|
(um es twitteresk auszudrücken:)
Was kla & carlfatal schreiben. |
|
|
@mustermann
"Es ist unfassbar traurig, wenn alte Menschen sich nur noch als wirtschaftlichen Kostenfaktor wahrnehmen müssen" Existenzbedrohung durch Belastung in Folge Krankheit der Alten ist eine lang-bekannte Erscheinung. Schon kurzes guggln ergibt zB Folgendes: "Bei den eskimoischen Völkern (auch bei den Inuit) entsprach es bis zur Übernahme des Christentums, zeitlich etwa bis zum Umzug aus den Camps in Siedlungen zur Mitte des 20. Jahrhunderts, alter Tradition, zur Sicherung der Überlebensfähigkeit des Stammes oder einer Großfamilie kranke oder behinderte Kinder und lebensuntüchtig gewordene alte Menschen (diese überwiegend auf eigenen Wunsch) bei Wanderungen im Camp zurück zulassen oder gar zu töten." wapedia.mobi/de/Suizid?t=8 Soll keine Befürwortung sein. Aber vielleicht haben wir modernen Menschen ein zu sentimentales Verhältnis zum Tod. Ich glaube, es ist noch sehr viel Gedankenarbeit nötig, um einen selbstgewählten Tod wirklich als einen würdigen, gesellschaftlich akzeptierten Freitod institutionell ermöglicht zu bekommen. |
|
|
@ Der Held
Haben auch organisch gesunde Menschen ein Recht auf Freitod? Wenn ja, was macht man mit den Organen? Ein so gesunder & toller Körper wie der von Robert Enke. Und so ein würdeloses Ende... Mein Mann hätte sich zu Lebzeiten über eine Lebendspende oder eine Organspen gefreut. Wir hätten dann vielleicht zusammen Alt werden können. Mit unseren altersbedingten Gebrechen. Wenn Ärzte auf Wunsch töten dürfen, dürften die im Gegenzug auch Leben durch Organspende retten? Als spiritueller Ausgleich? |
|
|
Der Artikel geht mir irgendwie nah.
Es gibt nicht nur Alzheimer Patienten. Es gibt Krankheiten, die in einem bestimmten Stadium absolut keine Lebensqualität mehr zulassen. Bei verschiedenen Krebserkrankungen bilden sich im fortgeschittenen Stadium Lungenmetastasen. Viele Tumore der Lunge, oder auch Emphyseme, führen zu qualvoller Atemnot. Das Endstadium vieler Krebserkrankungen ist durch Hirnmetastasen gekennzeichnet, die je nach Region zu epileptischen Anfällen, Spach- oder Gedächtnisausfällen oder agressiven Persönlichkeitsveränderungen führen können. Als Angehöriger würde ich mir wünschen, den Patienten bis zum Ende begleiten zu dürfen und die Vorstellung eines Suizids wäre schrecklich. Als Betroffene würde ich allerdings von meinen Angehörigen erwarten, dass sie ihre Befindlichkeiten zurückstecken und mir die Wahl lassen, ob ich hinüber dämmern oder langsam weniger werden, evtl ersticken, möchte. Eine Debatte über Sterbehilfe wäre für mich eine sinnvolle Erweiterung der Patientenverfügung. Es ist doch auch irgendwie verlogen, dass auf unseren Intensivstationen bereits Sterbehilfe geleistet wird, das aber eine Grauzone ist, die dort auch kaum besprochen wird und von der moralisch-ethischen Überzeugung des behandelnden Arztes abhängig ist. Meine Angehörige lag im künstlichen Koma, weil sie langsam erstickte. Irgendwann waren die Sauerstoffwerte so niedrig, dass ihr Gehirn langsam abstarb. Ich wurde gefragt, ob ich meine, dass meine Angehörige leidet. Ich habe bejaht. Daraufhin wurde das Narkosemittel überdosiert und sie starb innerhalb von Minuten. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon einige Tage am Stück wach gewesen und sehr verwirrt. Erst später ist mir klar geworden, dass das Sterbehilfe war. Ich kann nicht beurteilen, ob das richtig ist/war, zumindest nicht mit meinem Verstand. Mein Bauch findet es allerdings richtig. |
|
|
Edit: Den Vergleich von einem Suizid eines Depressiven, der u.U. jemanden ungewollt schädigt, mit einem Todgeweihten, der sich Leid ersparen möchte, hinkt mMn.
Auch verstehe ich das Mitgefühl für den Lokführer im Fall von Herrn Enke natürlich vollkommen, kann aber auch keine wirkliche Schuld bei jemandem erkennen, der seelisch krank war und offensichtlich sehr verzweifelt. Auf jeden Fall sollte man diese Debatte nicht nur aus Sicht eines Hinterbliebenen führen, oder eines Gesunden. |
|
|
die Bemerkungen zur "Pflegelast" erleichtern es nicht gerade, Pratchett zuzustimmen, denn wenn Hilfe zum Selbstmord eines nicht darf, dann ist es, auf merkantile Verflechtungen zu schielen. Davon abgesehen halte ich es wieder mal für typisch, dass ein bedeutender Mensch, oder was sich dafür hält, nicht einfach den Cocktail kippen kann, sondern vorher noch öffentliche Blähungen erzeugen muss. Bei unzähligen anderen ging das völlig unaufgeregt und unbemerkt.
Für mich ist die Sache völlig klar. Es gibt einen unteren Grenzwert für Lebensqualität, den ich mitzumachen bereit bin. Wird der unterschritten, wird mich niemand daran hindern können, mir ein lauschiges Plätzchen zum letzten Glas Whisky zu suchen. Und niemand wird es wissen, ehe es für alles zu spät ist. |
Ausgabe 10/10
11.03.2010
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 2.90 €
>> bestellenBoing Boing
Ein Verzeichnis wundervoller Dinge
Wired News
Technologie-Trends von heute und morgen
Jezebel
Das US-Frauennetzwerk
maedchenmannschaft. net
Das Blog der Alphamädchen
flannel apparel
girlism. großkariert.
nutriculinary.com
Große Küche von Herrn Paulsen