Alltag

Koch | 27.08.2011 09:00 | Jörn Kabisch

Warum muss man Reis anbrennen lassen?

Der Koch widmet sich ausgiebig der Paella. Aber nach vier Versuchen muss er feststellen: Das spanische Reisgericht ist gar nicht so einfach, vor allem der Reis ...

Hier ein Werkstattbericht, nennen wir ihn "Ich und die Paella – Tag vier". In der vorigen Kolumne hatte ich es schon angedeutet: Die spanische Reispfanne bestimmt ausschließlich die Aufmerksamkeit des Kochs. Und dafür sind weder Mühe noch Kosten zu hoch. Ich nenne nun eine stählerne Flachpfanne mein Eigen, sie setzt in nullkommanichts Flugrost an. Dafür war sie billig. Anders als der Safran. Das 10-Gramm-Glas im Regal hat den Gegenwert eines anständigen Restaurantbesuchs. Aber auch diese Investition wird sich schon auszahlen. Ganz sicher. Meine Paella bekommt man nun schon runter, richtig geschmeckt hat sie aber eigentlich noch nicht.

Warum Paella? Gegenfrage: Warum nicht? Die Paella flirtete mich eben an. Es war ein Schwarz-Weiß-Foto: Picasso mit Freunden an einer weiß gedeckten Sommertafel im Freien. In der Mitte steht auf dem Dreibein die runde Paella-Pfanne, obenauf Muscheln, Scampi, Paprika und Artischocken. Ein appetitliches Bild! Seit zehn Jahren koche ich nun Risotto, das große italienische Reisgericht – die meiste Zeit mit viel Passion, heute mit viel Routine. Noch nie ist es vorgekommen, dass mir eine Zutat verdorben ist. Dann fand ich im Kühlschrank ein großes verschimmeltes Stück ­Parmesan. Sollte das kein Zeichen sein? Außerdem: Das Erste, was mir beim Nachdenken zu Paella einfiel, waren Begriffe wie Villa riba, Villa bajo und Fairy ultra – also die Werbung für ein Spülmittel aus den neunziger Jahren. Dieser Gedankengang war mir unangenehm.

Theoretisch auf Stand

Theoretisch bin ich inzwischen auf Stand. In Kürze: Paella ist das spanische Nationalgericht, zu­bereitet wird es in einer runden, ­flachen Pfanne mit zwei Henkeln, der Paellera, gern über offenem Feuer. Grundbestandteile sind Reis, Brühe und Olivenöl. Typisch ist die ­Paella aus Valencia, die mit Safran ­gefärbt und aromatisiert wird. Weitere Zutaten sind Huhn, Schweinerippe und Kaninchen, manchmal werden auch kleine Schnecken beigegeben, außerdem grüne Bohnen und Artischocken. Die Paella mit Meeresfrüchten und Fleisch ist dagegen kein echter Klassiker der spanischen Küche. Es sind die Touristen, die sie beliebt gemacht haben.

Die große Auswahl an Zutaten lenkt aber nur davon ab, dass es sich um ein Reisgericht handelt. Das ist mein Fazit nach den ersten Versuchen. Ich habe dabei – hoffe ich – alles falsch gemacht, was man falsch machen kann.

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Die Zubereitung einer Paella folgt vier Schritten. Zuerst werden Fleisch und Gemüse in Olivenöl angegart, dann kommt der Reis hinzu. Er wird einige Minuten in der Pfanne mitgerührt, ohne zu bräunen, und soll dabei die im Fett gelösten Aromen aufnehmen. Anschließend soll der Reis selbst garen, also wird es in der Pfanne flüssig – Tomatensoße und Brühe kommen dazu. Ab jetzt, heißt es in allen Rezepten, darf nicht mehr gerührt werden. Stattdessen soll die Pfanne für fünf Minuten stark brodeln, was die Körner schön umwälzt. Anschließend lässt man die Flüssigkeit bei milder Hitze zwölf Minuten verdampfen.

Ich musste Stoff geben

Bei meinem ersten Versuch schwamm der Reis nach dieser Zeit immer noch in der Brühe, ich musste also Stoff geben. Nach 20 Minuten sah die Paella zwar aus wie eine Paella, aber der Reis war verkocht, schal und muffig, trotz der vielen schönen Aromen.

Beim zweiten Versuch war der Reis zwar schon auf dem Punkt, aber ich nahm an Erfahrung davon mit: Ohne Tomatensoße ist Paella nur was für Fortgeschrittene.

Im dritten Anlauf befolgte ich die Mengenangaben für das Olivenöl und schüttete 200 ml in die Pfanne, was hieß, Gemüse und Reis zu frittieren, und mit einem richtig schweren Magen endete.

Die vierte Paella gelang so lala. Nach dem Essen fand ich in der Pfanne das, was auf Spanisch sorrocat heißt. Da waren ein Dutzend Reiskörner am Boden angeklebt: Außen knusprig, innen weich und aromatisch. Zuletzt trafen die Zähne einen wieder etwas festeren Kern. Sehr lecker und genau das Gegenteil von dem, was man von einem Risotto erwartet, da will der Koch es weich und cremig.

So sieht nun der Plan für die folgenden Tage aus: Ich reduziere die Zutaten auf das Nötigste – Reis, Olivenöl, Tomatensoße und Brühe. Dieser krustige Reis, das wird das Ziel des ganzen Experiments. Ich fürchte schon: Er wird mehr als einmal anbrennen.

 
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Artikelaktionen
Kommentare
Blinkfeuer schrieb am 28.08.2011 um 00:13
Nun, "Warum muss man Reis anbrennen lassen?" , das ist einfach zu erläutern: Der Spanier und seine -In, die haben ja so um "High Noon" schon mal frei. Einst theoretisch, nun aber, da jeder Spanier mindestens 500 m² Wohnraum zu verantworten + zu bezahlen hat, nicht mehr. Hat das Merkel so verfügt.
Das war die Theorie.
Nun die Praxis:
"WIE kann man Reis anbrennen lassen?"....naa? Richtig! Eine Freitag Seite aufrufen, das alte Tempo von WIn 3.1 genießen... und alles brennt an! Cool'n easy modus, Baby, switch over... be Freitag and eat Saturday.
paulart schrieb am 28.08.2011 um 01:02
Damit man diesen brennenden Reis dann mit Schnaps löschen kann. So ist m.E. der Reisschnaps entstanden.

So langsam wird der Freitag zur echten Konkurrenz all dieser wunderbar fürchterlichen TV-Kochshows...
weinsztein schrieb am 28.08.2011 um 04:01
Lieber Jörn Kabisch,

die Lösung des Paella-Rätsels ist evtl. die Beachtung unterschiedlicher Garzeiten. Braten Sie die Kaninchen-, Schweine- oder Hähnchenstücke mit reichlich Olivenöl in der Pfanne gar. Jetzt nehmen Sie das Fleisch heraus und braten imselben Fett die Gambas (die kleinen preiswerten) in der Schale eine Minute je Seite. Die geben Sie zum gebratenen Fleisch. In der Pfanne verbleibt ein aromatischer Sud.

In diesen Sud geben Sie eine Handvoll Zwiebel- und Knoblauchwürfel und den Reis, den Sie sich im spanischen Laden besorgen, nach eingehender Beratung. Der saugt sich jetzt voll mit all den Aromen. Braten Sie alles langsam an, einige Minuten. Dann ablöschen mit einem Fond nach Wahl, gut verrührt mit den Safranfäden, ich rate zu einem vom Huhn.
Alles aufschmurgeln lassen und mit Salz würzen. Danach eine Gemüseauswähl nach Gefühl hinzu geben: mindestens Streifen von Paprikaschoten, einige grüne Bohnen, tiefgefrorene Erbsen und - später- Tomatenwürfel. Es darf durchaus bis jetzt gelegentlich gerührt werden.

Gelegentlich die Bisskonsistenz vom dank Safran ergibten Reis probieren. Ahnt man, dass er nur noch fünf Minuten braucht, kommen Fleisch und Gambas wieder dazu, unbedingt auch ein, zwei Hände voll Miesmuscheln. Jetzt die Hitze auf Winzigst runterschalten und die Pfanne mit einem Küchentuch abdecken.

Wieder den Reis probieren. Ist er körnig gar, etwas weicher als der vom Risotto, das Küchentuch entfernen, die Hitze erhöhen, so lange, bis Sie ahnen, dass auf dem Pfannenboden ausreichend viel golden gerösteter Reis klebt, die Röststoffe sind ein mit entscheidende Aromat für die Paella. (Gewürze ganz nach Geschmack und google, ich gebe beizeiten Scheibchen kleiner Chilischoten dazu, solche, die einem beim Verzehr tief in den Arsch kneifen. Falls sie verstehen, was ich meine.

Es gibt für die Paella nicht DAS Rezept.
Spanische Binnenländler nahmen Kaninchen und Schwein, Fischersfrauen Meeresfrüchte. "Mit allem" schmeckt sie mir am besten, auch miti gebratenen Choriza-Scheiben.
Warum an alten "Originalrezepten" festhalten, wenn es die Nachfahren - von mir aus auch Touristen - besser wissen, wie es geht?
Jörn Kabisch schrieb am 29.08.2011 um 14:43
Lieber weinsztein,

der fünfte Anlauf war der Durchbruch. Der Reis ist zwar an einigen Stellen angebrannt, aber trotzdem ist genügend Reis goldbraun angelegen. Das ist das entscheidende Geschmackserlebnis, wie ich schon vermutet hatte. Ich kann der Surf&Turf-Variante mit Fleisch und Meeresfrüchten auch einiges abgewinnen, aber ich koche mich jetzt erst einmal hoch: Eine weitere Zutat nach der anderen.

Schöne Grüße, JK
Keywan Tonekaboni schrieb am 30.08.2011 um 17:31
Bei persischem Reis ist ein angebrannter Boden gewollt und sehr lecker. Zunächst wird der Reis herkömmlich in einem Topf gekocht bis er "Al-dente" ist und anschliessend im Topf oder besser noch einem speziellen Reiskocher gedämpft. Die Kruste nennt sich Tahdig und mich am liegsten die Variation mit paar dicken Kartoffelscheiben auf dem Topfboden.
weinsztein schrieb am 31.08.2011 um 03:23
@Keywan Tonekaboni

Genau so ist es. Auch persischer Reis mit gepellten Kernen von Dicken Bohnen, Gemüsefond und sehr viel Butter ist eine Delikatesse. Oder ein Reisgericht, das ich in Afghanistan kennen lernte: Narenj Palau (schreibt man das so?), also Reis mit Streifen der Schale von Zitrusfrüchten, Mandelstiften, Rosinen und wieder mit viel Butter und Brühe. Und das unbedingt mit einem angerösteten Reis-"Boden".

Ich mag persische Küche sehr, sie ist so raffiniert!


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