Dilek Zaptcioglu
13.08.2009 | 15:30

Apo fehlte es nie an Phantasie

Abdullah Öcalan Ankara und Washington wollen die ­Kurdenfrage endlich lösen. Eine moderne Türkei mit Minderheitenrechten scheint in greifbarer Nähe. Schlüsselfigur: der inhaftierte PKK-Führer Öcalan

Für die Einen ist er die Inkarnation des Bösen, der Chefterrorist, der Zehntausende unschuldiger Menschen auf dem Gewissen hat. Für Andere ist Abdullah „Apo“ Öcalan ein Nationalheld, ohne den sich ein Leben gar nicht vorstellen ließe. „Biji Serok Apo“ – „Es lebe unser Führer Apo“ rufen seine Anhänger auf jeder Demo und je nachdem, wie man auf diese Parole reagiert, ist man entweder für die Freiheit des kurdischen Volkes oder für die Unteilbarkeit der türkischen Nation. So wie die Wahrheit irgendwo zwischen „größenwahnsinnigem Terroristen“ und der „größten Sonne über der kurdischen Nation“ liegt, wird jetzt die Lösung der türkischen Kurdenfrage in einem Mittelweg zwischen gewaltsamer Assimilierung und Abspaltung gesucht, in einer „demokratischen, multikulturellen Republik“ – zumindest will Öcalan dies in seinem Lösungsvorschlag am 15. August bekanntgeben.

Dass ganz Ankara seit Wochen deshalb Kopf steht, wäre dennoch unverständlich, gäbe es da nicht den Rückzugsplan der Amerikaner aus dem Irak. Schließlich ist das nicht die erste Roadmap, die Öcalan entwirft. Unzählige Waffenstillstände, zahlreiche detaillierte Pläne in über 40 Büchern – Apo fehlte es nie an Phantasie. „Diesmal“, schreibt der liberale Kommentator Cüneyt Ülsever im Massenblatt Hürriyet, „könnte es klappen, denn die PKK wird von niemandem mehr gebraucht.“ Die US-Armee zieht sich aus dem Irak weitgehend zurück und will eine befriedete Region mit den Kurden als ihren besten Verbündeten zurücklassen. Diese brauchen die Türkei als politische Schutzmacht. Auch Israel sieht in den eher säkular orientierten Kurden einen wichtigen Verbündeten. Und Ankara will die Kurdenfrage endlich politisch lösen – das neue Regierungskonzept einer neo-osmanischen Softpower verlangt Frieden mit den unmittelbaren Nachbarn, um eine glaubwürdige Rolle als das Oberhaupt der islamischen Welt spielen zu können.

Nach Öcalans Vorschlag sollen die PKK-Kämpfer nach ihrer Begnadigung ins Zivilleben zurückfinden und führende Köpfe ins Exil gehen. Eine neue, demokratische Republik Türkei mit kurdischem Wahlunterricht in den Grundschulen und freien Medien, mit Wahrheitskommissionen und verbrieften Minderheitenrechten in der Verfassung – nichts scheint mehr unmöglich. Und aufgeschrieben hat es Apo, der seit zehn Jahren einsam auf der Gefängnisinsel Imrali südlich von Istanbul einsitzende Führer des letzten großen kurdischen Aufstandes in der Türkei.

Zeit und Muße hat Öcalan dort. Er ist der einzige Häftling. Die Insel ist weiträumig abgesperrt, kein Boot darf in ihre Nähe. Apo liest Bücher, hört Radio und hat täglich Ausgang, so hört man von seinen Anwälten, die ihn alle zwei Wochen einmal auf der Insel besuchen. Bei heftigem Seegang im Winter bleiben diese Besuche jedoch manchmal über einen Monat aus. Bei den Treffen gibt der 61-Jährige ihnen seine Notizen und diktiert seine Ansichten.

Öcalan gehört einer Generation kurdischer Linker an, die sich ihre linksnatio­nalistische Gesinnung erst im Zuge der Migra­tion in die türkischen Metropolen aneignete. Sie waren aufgrund der Assimilierungsmaßnahmen türkisch sozialisiert und sprachen wie Apo vielfach gar kein Kurdisch mehr. Einem subtilen Rassismus der Großstadttürken ausgesetzt, gingen sie in der Metropole auf die Suche nach Gleichheit und Anerkennung, die sie zuerst zu den Linken führte. Rasch wurden sie zu Freiheitskämpfern: Das linke Prinzip vom Recht auf Selbstbestimmung bedeutete das Recht auf einen eigenen kurdischen Nationalstaat. Die Türkei wurde als kolonialistisch und imperialistisch entlarvt.

Gegenüber dem Journalisten Mehmet Ali Birand räumte Öcalan ein, in seiner Berufsschulzeit in Ankara Vorträge des islamisch-nationalistischen Denkers Necip Fazıl Kısakürek besucht zu haben. „1970 kam die Wende. Ich bekam ein Buch namens Sosyalizmin Alfabesi in die Hand. Die Lektüre veränderte alles.“ Die türkische Ausgabe von The ABC of Socialism des amerikanischen Autoren Leo Huberman machte aus dem introvertierten, gläubigen Studenten einen Marxisten.

Nach dem Militärputsch vom 12. März 1971 beteiligte er sich an den Boykott­aktionen an der Uni. Im April 1972 wurde er verhaftet und zu drei Monaten Haft verurteilt; insgesamt saß er etwa sieben Monate ein. Nach seiner Freilassung schwenkte er auf eine stramme maoistische Linie ein. Seine Rivalen innerhalb der PKK, die er 1978 gegründet hatte, zwang er gnadenlos zur „Selbstkritik“ oder ließ sie kurzerhand liquidieren. Die PKK (Partiya Karkeren Kurdistan = Arbeiterpartei Kurdistans) wurde nach ersten blutigen Überfällen auf Armeestationen in den frühen Achtzigern zu der am meist gefürchteten und berüchtigten Organisation, auch innerhalb der Linken, und bald zu einer Massenbewegung. Selbstmordanschläge und Bombenattentate begleiteten jahrelang diesen „schmutzigen Krieg“, der von der türkischen Seite aus ebenso unversöhnlich geführt wurde. Tausende kurdische Dörfer wurden ausgeräumt, Dutzende von PKK-Unterstützern verschwanden spurlos.

Erste Ansätze einer Aufarbeitung dieser schmerzhaften jüngeren Geschichte finden heute im Rahmen des so genannten Ergenekon-Prozesses statt, bei dem die islamische Regierung extreme Nationalisten vor Gericht stellt. In Südostanatolien wird gezielt nach den Überresten der vor 15 Jahren verschwundenen Kurden gesucht. Türkische Journalisten decken die paramilitärischen Strukturen im Staate auf, die im Kampf gegen die PKK rechtstaatliche Methoden mit Füßen getreten haben. Manche Fragen bleiben dabei unbeantwortet, wie die des Ex-Premiers Bülent Ecevit, der nach der Festnahme Öcalans im Februar 1999 in Kenia durch türkische Sicherheitskräfte sagte: „Ich weiß nicht, warum die Amerikaner uns Apo frei Haus geliefert haben.“

In diesen Tagen will in der Türkei nicht einmal die amerikakritische Linke darüber nachdenken, ob heute wieder Washington hinter der Lösungsstrategie Öcalans steckt oder nicht. Hauptsache, der blutige Bruderkrieg geht endlich zuende. „Gegen die Big Bosse kann man immer noch weiterkämpfen“, sagt der kurdische Gemüsehändler im Kiez und fügt leise hinzu: „Biji Serok Apo.“