Jonas Engelmann
22.03.2013 | 11:20 2

Auch unten ist er allein

Comic-Architekt Ungeheuer komplex und radikal entschleunigt: Chris Ware sprengt mit „Jimmy Corrigan“ die Grenzen des Genres und rührt den Leser zu Tränen

Auch unten ist er allein

Foto: Abbildung aus dem besprochenen Band

Neben Art Spiegelman gibt es wohl keinen anderen zeitgenössischen Comiczeichner, der so virtuos, klug und belesen mit der Geschichte des eigenen Mediums hantiert wie Chris Ware. Und keinen, der die Grenzen der erzählten Geschichte immer weiter ausdehnt. Ware greift dazu die unterschiedlichsten Quellen auf: die Ligne Claire eines Hergé, die Avantgardebewegungen des 20. Jahrhunderts, Werbeanzeigen der dreißiger Jahre, Kinderbastelbögen, immer wieder die klassischen Motive der nunmehr über einhundertjährigen Comicgeschichte und nicht zuletzt die Superheldencomics.

Jimmy Corrigan ist ein Superheldencomic, der den Superhelden dekonstruiert, eine alptraumhafte Version der Traumlandschaften, die Winsor McCay Anfang des 20. Jahrhunderts in seiner Comicreihe Little Nemo in Slumberland entwarf. Es ist eine auf das Wesentliche reduzierte, modernistische Architektur, die gleichzeitig in den menschlichen Abgründen, von denen sie erzählt, zu Tränen rührt. Es geht um Verlust und um das Scheitern von Nähe und Kommunikation. Ware selbst fasst den Zustand all seiner Protagonisten im angehängten Glossar so zusammen: „Einsam. Dauerzustand des Menschen, ungeachtet aller Bemühungen, das Gegenteil zu erreichen. Kann auf unterschiedliche Weise – durch Ehe, Geschlechtsverkehr, Brettspiele, Literatur, Musik, Fernsehen, Partyhütchen, Gebäck etc. – gemildert oder gedämpft, aber nicht überwunden werden.“

Der einsamste Junge der Welt

Jimmy, der einsamste Junge der Welt, wächst bei seiner Mutter auf, seinen abwesenden Vater hat er nie kennengelernt – autobiografisch inspirierte Umstände, wie Ware im Nachwort ausführt. Die dominante Mutter, deren Gesicht im gesamten Album niemals zu sehen ist, bleibt auch im Erwachsenenalter Jimmys wichtigste Bezugsperson – für ihn nicht ganz freiwillig, ist sie es doch, die tägliche Telefonate von ihm einfordert.

Die Unfähigkeit, einen emotionalen Bezug zu seinen Mitmenschen aufzubauen, kompensiert Jimmy mit Tagträumen, in denen etwa die Kontaktaufnahme zu seiner heimlich geliebten Kollegin Peggy kein Problem mehr darstellt, sich Liebe und Hass, Ängste und Glück äußern; Gefühle, die Jimmy in der Realität nicht zulassen kann. Als sich eines Tages ein Mann bei Jimmy meldet, der behauptet, sein Vater zu sein, gerät sein Leben aus den Fugen. Er entschließt sich, ihn zu treffen, imaginiert sich jedoch gleichzeitig, getrieben von Ängsten, eine gewalttätige Familienvergangenheit, nur um schließlich einen ebenso einsamen Mann wie sich selbst aufzufinden, der plötzlich stirbt, während sie sich noch kennenlernen – auch diese Beziehung soll nicht von Dauer sein. Eine Halbschwester und ein Großvater werden kurz zur Ersatzfamilie, dann flieht Jimmy wieder in die Einsamkeit seines Lebens in Chicago.

Parallel dazu erzählt Chris Ware eine zweite Geschichte, die das Scheitern der Idee Familie beschreibt. Es ist die Geschichte des Großvaters, die mit der Gegenwart verknüpft wird, und hier wie dort beschreibt Ware eine Reihe gescheiterter Versuche, mit anderen zu reden. Schon dieser Großvater träumt sich als Kind in surreale Welten hinfort, um dem kargen Leben am Ende des 19. Jahrhunderts und dem autoritären Vater zu entfliehen. Der Vater flieht eines Tages jedoch selbst ganz real und lässt das Kind alleine auf dem Dach des Prunkbaus der Chicagoer Weltausstellung 1893 zurück. Die Einsamkeit durchzieht in Jimmy Corrigan alle Zeitebenen. In der Reduzierung und Präzision der Zeichnungen wird die Brutalität der Einsamkeit noch verstärkt. Fast ironisch wirkt es da, wenn im letzten Bild des Comics ausgerechnet ein Schneegestöber, die kalte Realität des Winters also, mit der Reduziertheit der Zeichnungen bricht und so ein wenig Hoffnung für den Protagonisten aufscheinen lässt. Ein Hoffnungsschimmer, dem man als Leser jedoch nicht wirklich trauen will.

Erzählt werden die miteinander verwobenen Geschichten in Bruchstücken, immer wieder unterbrochen von Tagträumen, Albträumen und Handlungsanweisungen des Zeichners selbst. „Selbstverständlich ist diese Arbeit nicht unbedingt vonnöten, um die betreffende Geschichte ungetrübt genießen zu können, aber wer sich daran wagt, wird sich in ihren Bächen und Nebenflüsschen besser zurechtfinden und außerdem im Besitz von hübschen Miniaturen sein, die er auch dann noch seinen Freunden und seiner Familie zeigen kann, wenn seine Fantasie nur noch einen Sumpf falsch erinnerter Nichtigkeiten gebiert“, schreibt Ware zum Beispiel über einen eingeschobenen Bastelbogen, mit dem die Zweidimensionalität des Comics überschritten werden soll.

Architektur und Comic

Zwölf Jahre hat es gedauert, bis Chris Wares Meisterwerk Jimmy Corrigan nun endlich mit dem Untertitel Der klügste Junge der Welt in Deutschland erscheint. Wer sein jüngstes Werk in deutscher Übersetzung lesen will, wird sich insofern womöglich gedulden müssen. Building Stories ist 2012 in den USA erschienen, und es sprengt den Rahmen einer klassischen Graphic Novel abermals. Es ist eine Box, die diverse Comics, Poster, Pamphlete und allerlei Gimmicks enthält. Sie basiert auf einer Sammlung von Comic-Strips über die Bewohner eines Mietshauses in Chicago, die Chris Ware über den Zeitraum von zehn Jahren im New Yorker, der New York Times und anderswo veröffentlicht hat. Building Stories: Der Anklang an die handwerkliche Tätigkeit des Bauens ist dabei durchaus wörtlich zu nehmen, nicht umsonst beschreibt der 45-jährige Zeichner und Autor Comics als Architektur aus visuellen Informationen.

Solche Überschreitungen sind dann auch das Thema, das Ware jenseits der tatsächlich erzählten Geschichten dem Leser nahezubringen versucht: die Überschreitung der herkömmlichen Vorstellung eines Comics, von Erzählstrukturen und Seitenlayouts. Die Superhelden tauchen immer wieder als gebrochene Helden auf, als Liebhaber der Mutter, Selbstmörder und Albtraumfiguren. Diese Umkehrung des Superhelden geht einher mit der Umkehrung der Erzählform dieses Genres: Nicht das Tempo steht im Mittelpunkt, sondern die Verlangsamung, manchmal scheint Jimmy Corrigan sich dem Stillstand anzunähern, dem Nullpunkt des Comics. Unübersichtliche Seitenaufteilung, ungewöhnliche Bild-Anordnungen, Unterbrechungen: Ware setzt alles daran, dem Leser ein flüssiges Lesen zu erschweren. Die Erwartungen an den Comic als schnell konsumierbares Produkt der Massenkultur unterläuft er mit seiner Ästhetik der Verweigerung, die sich zu immer neuen, immer waghalsigeren Gebäuden formt, hin und wieder einzustürzen droht und doch die Story nie aus den Augen verliert. Seine Comicgebäude und deren Bewohner erschaffen für den Leser tatsächlich eine eigene Welt, verstörend, rührend, direkt, kritisch und dabei immer mit einer selten zu findenden Selbstironie: „Die Lektüre des vorliegenden Werkes ist nicht sonderlich aufschlussreich – trotz aller Bemühungen“, behauptet der Autor.

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