Katharina Finke
01.05.2012 | 11:00

Das Handy hilft

Indien Wer angegriffen wird, verschickt blitzschnell seine GPS-Daten: Indische Frauen wehren sich mit Apps wie "Fight Back" und interaktiven Karten wie "Harassmap" gegen Gewalt

Vergewaltigt, belästigt und entführt zu werden, ist das Schicksal von sehr vielen, zu vielen Frauen in Neu-Delhi. In keiner anderen Stadt Indiens geschieht so etwas häufiger. Die Angriffe reichen von erniedrigenden Kommentaren, Raub und sexueller Belästigung bis hin zu Vergewaltigung, Verschleppung und Mord. Sie passieren meist nachts, wenn die Frauen allein unterwegs sind. Doch nur die wenigsten von ihnen zeigen die Täter an. Der kulturelle Druck, die Angst vor der Polizei und der Familie sind einfach zu groß.

Um das zu ändern, gibt es seit Ende des vergangenen Jahres eine technische Neuheit: Fight Back heißt „Indiens erste App für die Sicherheit von Frauen“. Die Applikation ermöglicht es, Verbrechen zu melden, zu lokalisieren und im Notfall Hilfe-Nachrichten zu versenden.

Den Initiatoren, zwei Journalisten, ist durchaus bewusst, dass sie ein kulturell bedingtes, grundlegendes Problem der indischen Gesellschaft nicht allein mit einer App lösen können. Ihr Ziel ist es vielmehr, den Frauen mittels neuer Technologie die Möglichkeit zu geben, Einfluss auf ihr eigenes Schicksal zu nehmen und zudem eine größere Aufmerksamkeit auf das Problem zu lenken. „Wir sind beide in Neu-Delhi aufgewachsen“, erzählt die 31-jährige Shweta Punj, „die Gewalt gegenüber Frauen ist hier ein gravierendes Problem – wir mussten etwas tun.“ Zumal das Thema öffentlich niemand bespricht. „Es gibt einfach zu wenig offizielle Angaben dazu“, erklärt ihr gleichaltriger Kollege Hindol Sengupta.

Die Regierungsagentur National Commission for Women registrierte im vergangenen Jahr über 500 Belästigungsbeschwerden, die von der Polizei der indischen Hauptstadt nicht aufgenommen wurden. Zwar gibt es dort inzwischen eine gesonderte Abteilung für Verbrechen gegen Frauen, doch ein prinzipielles Umdenken der Männer wird noch eine Weile dauern.

Nun soll erst einmal die Fight-Back-App die Situation verbessern. Ein Jahr hat die Entwicklung gedauert, momentan ist sie nur auf Englisch verfügbar, bald aber soll es die App auch auf Hindi und in anderen indischen Sprachen geben. Sie kostet 100 Rupien, etwa 1,50 Euro, für ein Jahr. Und so funktioniert sie: Nutzerinnen speichern bis zu fünf Telefonnummern, die im Falle eines verbalen oder körperlichen Angriffs durch Knopfdruck per Email, SMS oder bei Facebook eine Nachricht mit den GPS-Daten vom Tatort erhalten. „Wer so eine Nachricht erhält, wird nicht untätig bleiben“, sagt Punj, „dadurch werden verschiedene Menschen mobilisiert.“

Auf die Idee, das sogenannte Crowdsourcing – Einbinden von möglichst vielen Außenstehenden – für die Bekämpfung von Missbrauch von Frauen zu nutzen, hatte Sengupta und Punj die ägyptische harassmap.org gebracht. Diese Internet-Plattform wurde von der Frauenrechtsanwältin Rebecca Chiao vor zwei Jahren ins Leben gerufen, da auch dort die Gewalt gegen Frauen ein großes Problem ist. Laut dem Zentrum für Frauenrechte sind über 80 Prozent der Frauen betroffen, 50 Prozent sogar täglich.

Mit interaktiven Karten

Bei harassmap können die Nutzer den Ort des Verbrechens über noch mehr Wege melden: SMS, Twitter, Facebook, E-Mail oder direkt auf einer Website, die auf einer interaktiven Karte alle eingegangenen Berichte öffentlich macht. Bislang sind es mehr als 700. Harassmap ist – auf Englisch, Französisch und Arabisch – das bekannteste Beispiel für eine Technologie, die versucht, Gewalt gegen Frauen sichtbar zu machen. Die Seite wurde über 40.000 Mal besucht.

Inzwischen hat sie zahlreiche Nachkommen, die versuchen – wie auch Fight Back – mit Slogans auf sich aufmerksam zu machen. „You are not alone“, heißt es beispielsweise bei Streetwatch Ramallah, wo zudem noch juristische und psychologische Beratungen vermittelt werden können.

Einen etwas globaleren Ansatz hat Take Back the Tech gewählt. Als Teil einer Kampagne, die weltweit die Gewalt gegen Frauen sichtbar machen will, verbindet es verschiedene Länder: Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Montenegro, Serbien, Argentinien, Brasilien, Libanon, Pakistan, Philippinen und Uganda. Auch hier können die Berichte per Twitter, E-Mail oder direkt auf der Website abgegeben werden. Nach dem Motto: „Map it. End it.“

Dabei nutzt Take Back the Tech wie auch harassmap, Streetwatch Ramallah und zahlreiche andere das Opensource-Angebot von Ushahidi, was auf Suaheli soviel wie Zeugnis bedeutet. „Wir wollen jedem die Möglichkeit geben, selbst aktiv zu werden und etwas verändern zu können“, sagt Ushahidi-Mitbegründer Erik Hersman. Der Dienst wird in über 150 Ländern in Anspruch genommen.

„Welche Kanäle dabei bespielt werden, hängt dabei immer vom Kulturraum ab“, erklärt der 36-Jährige. In den USA und Europa twittern viele, hingegen dominieren in Afrika SMS und E-Mail. Das gemeinnützige Softwareunternehmen Ushahidi hat selbst schon längst den Überblick über alle Projekte verloren. „Doch wenn wir Anfragen bekommen, beispielsweise zum Thema Gewalt gegen Frauen“, sagt Hersman, „stellen wir gerne den Kontakt zu den verschiedenen Organisationen her.“

Menschen durch Technologie zu verbinden, diese Idee findet in allen Initiativen Anklang, in welchem Land auch immer sie arbeiten. „Heutzutage hat jeder ein Handy“, sagt Hindol Sengupta, „so können wir viele Menschen erreichen.“ Bislang haben sich in Neu-Delhi zwar schon Hunderte, vor allem technikaffine Frauen die Fight-Back-App auf ihr Telefon geladen, doch das sind natürlich noch viel zu wenige.

„Fight Back an die Frau zu bringen, ist bei unserem beschränkten Budget die größte Herausforderung“, sagt Shweta Punj. Das lässt sie allerdings genauso wenig wie ihren Kollegen den Glauben an ihr Projekt verlieren: „Wir hoffen, dass wir dadurch mehr Zahlen und Fakten als bisher haben und die indische Gesellschaft aktiv gegen das Problem vorgehen kann“, sagt er. „Die App kann wirklich etwas verändern“, sagt Punj, „aber das ist eine Frage der Zeit.“