Sarah Schaschek
14.02.2013 | 01:00 1

„Der Herrenwitz-Text ist ein Fortschritt“

Im Gespräch Ursula Kosser erlebte in Bonn oft sexistisches Verhalten von Politikern. Warum schwiegen die Frauen so lang?

Der Freitag: Frau Kosser, eine Redakteurin von Spiegel Online berichtete, wie sie von Piratenpartei-Mitgliedern als Prostituierte diffamiert wurde. Und eine Stern-Reporterin erzählt, wie FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle sich über ihren Busen äußert. Kommt Ihnen das bekannt vor?

Ursula Kosser: Das ist für mich Déjà-vu pur. Was die Kolleginnen schildern, entspricht genau dem, was wir uns in Bonn laufend anhören mussten. Solche Sprüche waren für uns damals allerdings leider die mildeste Form des Sexismus.

Wäre es vor 30 Jahren möglich gewesen, darüber zu berichten?

Möglich vielleicht. Aber niemand hat es gewagt. Und hätte man es gemacht, hätte sich die Empörung eher gegen die Frau als gegen den Mann gerichtet. Ich empfinde es wirklich als Fortschritt, dass solche Artikel heute geschrieben werden und dass sie ein großes Echo haben. Es bewegt sich etwas im Verhältnis von Männern und Frauen.

Warum haben die Frauen sich damals nicht getraut?

Die Übermacht der Männer und ihr fehlendes Unrechtsbewusstsein war das eine. Aber lange gab es auch keine gesetzliche Möglichkeit, sich selbst bei üblen Übergriffen zu wehren. Das deutsche Gleichberechtigungsgesetz, das die sexuelle Belästigung erst justiziabel machte, stammt aus dem Jahre 1994. Und ernsthaft vorgehen kann man gegen solche Vorfälle erst seit 2006, als auf Druck der EU das „Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz“ verabschiedet wurde.

Sie haben Ihr Buch ja viel später veröffentlicht. Hatten Sie trotzdem Angst, über die Hammelsprünge in Bonn zu schreiben?

Ich wurde ständig gefragt: Bist du verrückt? Viele meiner Kolleginnen wollten mir selbst jetzt ihre Geschichte nur „unter drei“ erzählen. Ich durfte ihren Namen und den des Politikers nicht nennen. Daneben gab es allerdings die Reaktionen der Frauen, die ihre Tagebücher geöffnet und gefragt haben: ‚Meine Güte, warum haben wir uns damals nicht gewehrt? Warum haben wir darüber nicht mal gesprochen?‘ Es war nicht so, dass man der Kollegin erzählte: ‚Du, der ist mir mal wieder nah gekommen, das war mir unangenehm.‘

Galt das auch in den Redaktionen als Tabu?

Wir Frauen waren eine überschaubare Gruppe in Bonn. In jeder großen Redaktion gab es nur eine Vorzeigefrau. Wenn die gesagt hätte: ‚Hör mal, der hat mich belästigt‘, dann hätte sie nichts anderes geerntet als schallendes Gelächter. Der eine oder andere nette Kollege hätte vielleicht sogar darauf hingewiesen, dass die Kollegin ja genau dafür angeheuert worden sei. Da hat sich viel geändert. Auch in den Medien sind die Frauen nicht mehr hoffnungslos unterlegen.

Dem Stern wird vorgehalten, dass die Redaktion zu lange mit der Veröffentlichung gewartet habe und der Zeitpunkt jetzt Kalkül sei.

Man kann natürlich fragen, ob man die anzüglichen Bemerkungen von Brüderle so hoch hängen musste. Und hinter der Veröffentlichung stecken sicher auch wirtschaftliche Überlegungen. Dass die FDP sich darüber entrüstet, ist ihr gutes Recht. Aber ich bleibe dabei: Damit an die Öffentlichkeit zu gehen, ist auch heute noch eine mutige Sache. Die Sexismus-Debatte, die sich daran entzündet hat, zeigt doch, dass wir noch mitten drin sind in der Aufarbeitung dieses Themas. Was den Vorwurf angeht, dass da ein Spitzenkandidat angegriffen wird: Erstens: So funktionieren Medien nun mal. Und zweitens: Hätte die Kollegin das vor einem Jahr nach einem Vorfall veröffentlicht, hätte es mit Sicherheit geheißen: Komm Mädel, hab dich mal nicht so. Der Zeitpunkt für eine solche Veröffentlichung ist immer falsch.

Die Autorin sagt, sie wollte zeigen, dass Brüderle „aus der Zeit gefallen“ ist.

Schön wär’s. Aber er ist leider kein Einzelfall. Was Annett Meiritz von Spiegel Online über die Piraten erzählt, macht mich genauso sprachlos. „Ex-Fickse“, „Tittenbonus“, diese Begriffe kommen ja von jungen Leuten. Dieser Nerd-Sexismus ist nicht weniger schlimm.

Stellen Sie sich vor, eine jüngere Kollegin kommt zu Ihnen und erzählt, dass sie sexuell belästigt wird. Durch Berührungen, Blicke, Kommentare – Sexismus hat ja viele Formen. Vielleicht kommt dazu, dass sie sein Wohlwollen für ihre Arbeit braucht, weil er Spitzenpolitiker ist. Was raten Sie ihr?

Es ist schon mal gut, dass junge Frauen heute deutlicher sagen: Verpiss dich. Das kriegen sie besser hin als wir früher. Wenn Hierarchie ins Spiel kommt, wird es schwieriger. Da kann man sich an die üblichen Stellen wenden, etwa an Frauenbeauftragte. Allerdings ist für eine Frau immer noch abzuwägen, wie weit sie sich zum Fenster hinauslehnt. Man sieht ja, wie viel Kritik Laura Himmelreich vom Ste rn nun entgegenschlägt. Eine Möglichkeit, einem Mann seine Grenzen aufzuzeigen, ist, dass mehrere Frauen ihm zu verstehen geben, dass sein Verhalten nicht in Ordnung ist. Frauensolidarität wird da manchmal unterschätzt.

Meinen Sie damit, dass Frauen zum Interview lieber zu zweit gehen sollten?

Nein, das ist albern. Das wäre ja wieder ein Rückfall in die alte Zeit. Und wir wollen ja keine geschlechterfreie Zone erfinden. Nein, man muss schon ein bisschen tough sein und sich wehren können. Aber man kann eine Kollegin zum Beispiel bitten: ‚Sag mal, kannst du dem auch mal was sagen, wenn der dich so anmacht.‘ Damit signalisiert man, dass sein Benehmen bereits Gesprächsthema ist. Und so kann man jemanden in seine Schranken weisen.

Haben Sie ein Rezept, mit dem Sie sexistischem Verhalten vorbeugen?

Ich bin der Ansicht, dass man heute nicht mehr unbedingt darauf achten muss, was man anzieht, ob der Rock nicht zu kurz und der Ausschnitt nicht zu tief ist. Wir haben uns zum Schutz immer ein bisschen männlich gemacht. Wir hatten damals Routine mit sexistischen Männern. Wenn wir zu einem Politiker kamen, checkte der, bevor er irgendwas sagte, erst einmal ab: Kann ich bei der landen oder nicht? Und da wusste man gleich: Stimme tiefer machen, ein bisschen weiter weg setzen. Das halte ich heute für den falschen Weg.

Aber gewehrt haben Sie sich nicht?

Doch, es gab auch damals Frauen, denen es irgendwann reichte. In meinem Buch schildere ich, wie ein Politiker einer Kollegin während eines Interviews penetrant auf den Busen starrte, bis sie ihm schließlich sagte: „Die können nicht sprechen.“ Das war damals schon deutlich. Und ist es heute immer noch.

Ein direkter Spruch, gleich vor Ort ...

... tut gut, ja.

Kommentare (1)