Mathias Mertens
07.10.2010 | 13:05 1

Die Treppenwitzmaschine

Networkmining Was ist eigentlich Facebook? Und warum "facebooken" wir nicht? Historische Überlegungen zu und ein erstaunlicher Selbstversuch in dem sozialen Netzwerk

Was ist Facebook? Die Frage lässt sich mit einer Aufzählung von technischen Beschreibungen beantworten: eine Internetplattform zur Ausbildung und Pflege sozialer Netzwerke. Jeder Benutzer hat eine Profilseite, auf der er sich vorstellen und Materialien über sich hochladen kann. Auf einer Pinnwand kann er Nachrichten hinterlassen, die von Leuten gelesen und kommentiert werden können, die mit diesem Benutzer auf der Seite verbunden sind. Außerdem kann man Nachrichten an andere Benutzer schicken oder mit ihnen einen Echtzeit-Chat veranstalten. Erklärt wird dadurch nichts. Schon gar nicht, warum Facebook an seinem sechsten Geburtstag am 5. Februar 2010 weltweit 400 Millionen aktive Nutzer hatte. Denn nichts von dem, was in der Aufzählung auftaucht, ist unbekannt; es klingt wie ein Schweizer Messer, in dem Forum, Chat, Website, Newsletter und Blog ineinander gefaltet sind.

Facebook ist eine dieser „Multimedia“-Angelegenheiten, mit denen wir seit ungefähr 20 Jahren konfrontiert werden und bei denen wir immer bekannte Formen in unbekannter Kombination identifizieren müssen. Die Frage, die man bei einer solchen medienmorphologischen Ableitung immer stellen muss, ist die, ob die Kombination altbekannter Elemente etwas Neues erzeugt, ob das Ganze also mehr ist als die Summe seiner Teile. Auf diese Frage sind zwei Antworten denkbar. Antwort 1: Eine völlig neue Form ist da. So neu, dass der Name synonym mit der Form wird, wie bei Tempo-Taschentuch, Föhn-Haartrockner oder Google-Internetsuche. Antwort 2: Die neue Form entpuppt sich als die zeitgemäße Variante einer historischen Form, meistens einer, die aus der Mode gekommen war und wieder Relevanz erlangt.

Im Fall von Facebook genügt der einfache Namenstest, um Antwort 1 auszuschließen. Denn wir „facebooken“ nicht, wie wir „föhnen“ oder „googlen“, wir sprechen nicht von „unserem Facebook“, wenn wir auf unsere sozialen Netzaktivitäten verweisen, wir bezeichnen StudiVZ, Buzz oder ähnliche Seiten nicht als „das Facebook“, das wir benutzen.

Neuer, interessanter, komplexer

Antwort 2 funktioniert besser. Etwa so: Facebook ist ein Blog. Allerdings einer, der nicht nur von einer Person, sondern von vielen geschrieben wird. Allerdings nur von denen, die man dazu ausgewählt hat. So wie bei einem Newsletter. Allerdings nicht auf ein bestimmtes Thema beschränkt. Eher so, wie man sich auf einer Homepage oder auf Myspace präsentiert. Allerdings ohne, dass es so statisch wäre wie dort. Eher wie in einem Chat, wo man präsentiert und reagiert. Allerdings nicht so flüchtig und echtzeitig wie dort, sondern mit einer Toleranz von Stunden und Tagen. Eher wie ein Forum, wo immer wieder neue Diskussionen entstehen, während alte weiter gehen können. Und so weiter.

Das Problem an dieser Antwort ist, dass es nicht wirklich Antwort 2 ist. Denn man redet nicht von der neuen Form, die eine alte ist. Man redet von den einzelnen Elementen dieser Form, die wiederum Formen sind, aber nur, wenn sie einzeln funktionieren. Genau das ist bei Facebook nicht der Fall. Facebook ist ein Komplex aus altbekannten Formen, der sich aber anders anfühlt, neuer, interessanter, besser, komplexer, überwältigender, was auch immer. Und wenn man vom Alten in neuer Verkleidung sprechen möchte, müsste man ein Äquivalent zu diesem Gesamtkomplex finden, das wäre die medienmorphologisch passende und erkenntnisträchtige Antwort 2.

Ähnliche Probleme gab es, als Handys aufkamen. Auch die wurden so erklärt: Ein Handy ist ein Telefon, allerdings mobil. 20 Jahre später mutet uns diese Erklärung so unzulänglich wie unkontrovers an, weil Handys inzwischen Handys sind und Leute immer noch Telefone haben. Auf Handys gab es irgendwann Antwort 1, nachdem man lange die vielen Formen, die es vereinigte, durchdekliniert hatte, um Antwort 2 geben zu können.

Vergessene Pfadfindergruppenführer

Um Facebook fassen zu können, muss man versuchen, eine passende Antwort 2 zu finden, also einen Vergleich mit einer historischen Form, der einleuchtet. Gelingt das nicht, dann ist Facebook entweder so neuartig, dass es von allein zur Antwort 1 wird, oder es ist so beliebig aus Elementen zusammengesetzt, dass die nächste bunte Tüte an Applikationen, die zusammengestellt und angeboten wird, das große Ding von heute zum Lifestyle-Accessoire von gestern machen kann. Dann war Facebook einfach nur das Second Life von 2009.

Ich ging einmal hin und schaute mir es an, anstatt darüber bei Wikipedia und Spiegel-Online nur zu lesen. Und stellte fest, dass man mitnichten ein soziales Netzwerk aufbaut und pflegt. Gleich nach der Anmeldung wurde ich mit zwei Sachen konfrontiert: Die eigene Selbstdarstellung ist stark formatiert und fühlt sich an wie das Ausfüllen eines Behördenformulars. Und das Netzwerkbauen wird sofort von einem Roboter auf Facebook übernommen, der einem erstaunliche Freundschaftsvorschläge unterbreitet. Erstaunlich, weil sie so kenntnisreich sind. Schon nach Sekunden auf der Seite erschienen Freunde aus dem gegenwärtigen sozialen Umfeld, längst vergessene Schulkameraden, nervtötende Bekannte von Bekannten, Pfadfindergruppenführer von früher und Angestellte aus dem Laden, in dem man angestellt ist. Die kannte ich alle. Manche lange nicht mehr.

Datenbankverwaltungsprogramm

Aber woher weiß dieses verdammte Facebook, dass man die alle kennt oder gekannt hat? Ich fing an, an einige der Leute Freundschaftsanfragen zu schicken, die bestätigt wurden, was zu weiteren Freundschaftsvorschlägen führte, weil diese Freunde wiederum Freunde auf Facebook haben, die zu einem passen. So entstehen die Netzwerke auf Facebook: Sie werden nicht aufgebaut, sondern abgebaut, wie man Eisenerz aus den Flözen abbaut, die sich im geologischen Spiel der Natur abgelagert haben. Es ist nicht auszuschließen, dass man fremde Leute recherchiert und ihnen Einladungen schickt, um ein komplett neues Netzwerk auf Facebook zu knüpfen und es für einen speziellen Kommunikationszweck zu benutzen. Das stellt aber die Ausnahme dar. Denn nach einigen Monaten Networkmining war klar: Als Netzwerk auf Facebook funktioniert nur, was vorher funktioniert hat, und auch nur, wenn es einigermaßen groß ist. Alle anderen Reste von vergangenen Netzwerken oder Anbahnungsversuchen zu neuen Bekanntschaften bleiben ebenso verdorrt oder unbekannt, wie sie es sonst schon waren.

Das alles hätte mir vorher schon klar sein müssen. Denn Facebook ist wie so viele Internetseiten und Computeranwendungen nur ein Datenbankverwaltungsprogramm. Wir mögen denken, dass wir kommunizieren, aber das ist nur die Verkleidung, das Interface, mit dem wir uns in diese Datenbank einpflegen und uns als Daten anschlussfähig an Prozessierungen mit anderen Daten machen. Und Ich ist sowieso immer ein Anderer, auf jeden Fall ist Ich 2010 ein völlig anderer Datensatz als Ich 1990; es mag starke Übereinstimmungen geben, die betreffen aber nur einzelne Werte und nicht die Verarbeitungsprozesse, in denen mit diesen Werten gearbeitet wird. Die im Netz kursierende Abwandlung des Facebook-Werbespruchs „Facebook: Finding out why you lost contact in the first place since 2006“ ist also alles andere als sarkastisch. Sie ist akkurat.

Ich hätte es niemals länger auf Facebook ausgehalten, und ich hätte auch nicht kontinuierlich dort gepostet, wenn es nicht das große Netzwerk gegeben hätte, das ich dort schürfen kann: die Kommilitoninnen und Kommilitonen des Fachbereichs der Uni, an der ich als Dozent arbeite. 90 Prozent meiner „Freunde“ auf Facebook entstammen diesem Zusammenhang, sei es als momentane oder ehemalige Studenten, als Kollegen oder als mit diesen assoziierte Freunde oder Verwandte. Mit vier einstigen Pfadfinderkollegen oder drei Ex-Freundinnen hätte das nicht funktioniert. Das Uni-Netzwerk trägt nicht nur den Social-Network-Kontakt, es bestimmt völlig seine Form. So sehr, dass ich, wenn ich darüber nachdenke, auf die Frage, was Facebook ist, zu einer echten Antwort 2 komme: Facebook ist der Treppenwitz der Geschichte.

Ein Salonkulturphänomen

„Unter dem Begriff ‚Treppenwitz‘ verstehen wir die guten Gedanken, die goldenen Worte und die in klarer, geschliffener und treffsicherer Prägnanz und in schlagwortartig gefaßter Form zum Ausdruck gebrachten Ansichten und Ideen, die uns meist zu spät einfallen. Hintennach, wenn wir bedächtig die Treppe herabsteigen, sind wir mit einem Mal viel klüger als zuvor.“

So erklärt William Lewis Hertslet in seinem 1882 erschienen Bestseller Der Treppenwitz der Weltgeschichte den Begriff in starker Anlehnung an Denis Diderot, der ein Jahrhundert zuvor vom l‘esprit de l‘escalier gesprochen hatte, um das entsprechende Salonkulturphänomen zu bezeichnen. Aber der Engländer Hertslet hatte ­lange genug im von Hegel erzogenen Deutschland gelebt, um nicht viel weiter auszuholen und aus dem Alltagsphänomen ein Welterklärungsmodell zu machen. Seiner Meinung nach stellt der Moment auf der Treppe eine „schmachvolle Niederlage“ dar, die „den Menschen an seiner empfindlichsten Stelle“ trifft: „in seinem Geltungsbedürfnis als Persönlichkeit. […] Was liegt also näher, als daß man die fatale Szene post eventum rekonstruiert, sich selber in den Mittelpunkt rückt und in logisch durchdachten Redewendungen die großen Worte formt, die die Zuhörer blenden, mitreißen und in ehrfurchtsvoller Bewunderung erstarren lassen sollten.“ Und so sei die gesamte Geschichtsschreibung eine solche Sammlung von Anekdoten, Legenden und Aphorismen, die nachträglich konstruiert wurden, um der Bedeutung der Geschehnisse gerecht zu werden oder sie gar erst herzustellen.

Hertslet war Mitarbeiter an Georg Büchmanns Sammlung Geflügelte Worte. Zu einem solchen konnte er den Titel des Buches machen – in geschickter Benutzung des Singulars. Eigentlich hätte das Buch Die Treppenwitze der Weltgeschichte heißen müssen, weil es diverse Geschichtserzählungen versammelte, deren Anekdotenhaftigkeit entlarvt wurde. Der Singular machte daraus ein Prinzip. So geflügelt flog das Wort in Gebrauchsweisen, die sich stark von Hertslets Verständnis entfernten. Spricht man heute vom „Treppenwitz der Geschichte“, dann meint man „Ironie des Schicksals“ oder „unangemessenes Geschehen“.

Beschäftigt man sich mit den Ursprüngen des Begriffs, dann erscheint diese Verwendung allerdings als Treppenwitz der Geschichte des Treppenwitzes der Geschichte des Treppenwitzes. Mit Diderots Moment der verzögerten Schlagfertigkeit, die sich erst im Anschluss an eine Gesellschaft ergibt, hat es nicht im Entferntesten zu tun. Vielleicht fällt das aber auch erst jetzt auf, wo es mit Facebook eine der Treppe des Salons des 18. Jahrhunderts ähnliche gesellschaftliche Struktur gibt. Wie in Diderots Zeiten ist man Mitglied einer bestimmten Gesellschaft, nur dass man es jetzt Netzwerk nennt, wie damals gibt es soziale Veranstaltungen, in denen sich diese Gesellschaft trifft und austauscht – in meinem Fall sind es Universitätsseminare. Und wie damals steht man unter erheblichem Performancedruck, der dazu führt, dass man sich auch nach dem sozialen Geschehen noch mit der eigenen Performance beschäftigt und weitere Einfälle hat, wie man es hätte besser gestalten können. Facebook ist der Ort, an dem diese Nachbeschäftigung passieren kann.

Kenne Dein Netzwerk

Der Kommentar ist die Währung von Facebook. Ein eigenes Posting ist sich nie selbst genug, es beginnt erst zu leben, wenn es Kommentare bekommt und diese Kommentare wiederum von anderen kommentiert werden. Erst dann hat es sich nämlich zum Witzigen entwickelt – witzig in der ursprünglichen Bedeutung von „umfassend gebildet“, „geistreich“, „einen Nerv treffend“, „für andere unterhaltsam“. Nichts ist irrelevanter auf Facebook als die bloße Selbstdarstellung: „Gehe heute abend ins Theater“ oder „Atme schon wieder“.

Es sei denn, es handelt sich um einen Treppenwitz. Denn alle diese Statusmeldungen könnten als nachträglicher Kommentar zu gesellschaftlichen Aktivitäten durchaus anschlussfähig und reaktionsfreudig sein. Und so postete ich die Statusmeldung, dass ich am Abend ins Theater gehe, nur deshalb, weil sie ein Treppenwitz zu meinen Ausführungen in diversen Seminaren darstellte, in denen ich über die gegenwärtige Irrelevanz des Theaters hergezogen hatte. Deshalb gab es sofort die witzigen Kommentare, in denen bestürzt gefragt wurde, ob es mir gut gehe oder ob mich jemand gekidnappt habe. Dass ich ins Kino gehe, ist kein Treppenwitz, deshalb poste ich es nicht. Aber dass ich mein Netzwerk kenne und mein Netzwerk mich, macht meinen Theatergang zu einer witzigen Angelegenheit. Das ist nicht spektakulär. Aber es ist extrem netzwerktauglich.

Der Treppenwitz bei Diderot war immer auf ein Publikum bezogen. Entweder auf ein reales, wenn man mit anderen aus dem Salon ging und ihnen gegenüber auf der Treppe die geistreiche Bemerkung fallen ließ, oder auf ein imaginäres, das man aus der Veranstaltung noch im Kopf hatte und das die Bemerkung, die einem einfiel, verstehen würde, wenn man sie vor ihm äußerte. Facebook hat die Möglichkeit zum Treppenwitz verbessert, indem die Treppe zeitlich verlängert worden ist, ohne ihre Kopplung an eine gemeinsame gesellschaftliche Erfahrung zu verlieren.

Weltweite Kantinengespräche

Man hat viel mehr Zeit, sich einen witzigen Kommentar zu überlegen, um ihn dann auf der Treppe zu äußern, und auch die anderen haben viel mehr Zeit, diese Treppe hinabzusteigen, um Zuhörer dieses Kommentars zu werden, um dann wiederum viel mehr Zeit zu haben, selbst einen Kommentar zu diesem Kommentar zu überlegen. Zeit, in der man sich den Witz, den man benötigt, überhaupt erst aneignet, indem man alles nachgoogelt, um dann als Kundiger in das Kommentarspiel einzusteigen. So wird Facebook auch noch zu einem inversen Salon, indem das Kommentarspiel dafür sorgt, dass man das Objekt der Kommentierung erst durch seine Kommentare erarbeitet.

Abgesehen davon, dass die meisten öffentlichen Darstellungen von Facebook vergeblich versuchen, Antwort 2 zu geben, scheitern sie an dem Punkt des Kenne-dein-Netzwerk. Sie tun so, als sei Facebook ein Massenmedium, suchen nach solcher Relevanz und finden nur Banales. Dasselbe Ergebnis würde aber auch die Auswertung des gesamten E-Mail-Verkehrs oder der weltweiten Kantinengespräche zeitigen. Uns wurde in den letzten Jahrzehnten antrainiert, die Qualität von Geschriebenem unter dem Aspekt von Druckreife zu beurteilen. Inzwischen gibt es öffentliche Orte, an denen das keine Rolle mehr spielt.

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