Shelina Islam
21.08.2009 | 16:32

Hier wachsen durstige Pflanzen

Landwirtschaft Was für uns gut ist, kann für die Umwelt nicht schlecht sein! Glauben wir. Im Spanien trocknet der Anbau von Bio-Erdbeeren einen Naturpark aus

"Ruta del Sol" heißt die A7 in Andalusien. Sonnenroute. Weil hier schon die Sonne scheint, wenn es im Rest Europas noch kalt ist. Kurz hinter Almería eröffnet sie einen fantastischen Blick auf die andalusische Wirtschaft: Plastikplanen, soweit das Auge reicht. In Reih und Glied stehen sie da, die schnellen Brüter der spanischen Obst- und Gemüseproduktion. Und immer öfter wächst unter ihren Planen auch Bio. Doch wo Bio draufsteht, ist nicht immer Nachhaltigkeit drin.

Bio liegt in Deutschland im Trend: Laut Bio-Siegel-Report griffen im vergangenen Jahr 53 Prozent der Bundesbürger gelegentlich zu Biowaren, 17 Prozent sogar oft. Immer mehr Kunden nutzen dabei die Biosortimente der Supermärkte. 77 Prozent erledigten laut Bio-Siegel-Report ihren Einkauf im Supermarkt, 62 Prozent im Discounter. Und die füllen ihre Auslagen bereitwillig mit Ganzjahresware aus dem Ausland auf.

Besuch bei Bionest

Wenige Kilometer vor der portugiesischen Grenze, in der andalusischen Doñana, lehnt sich Juan Soltero in seinem Sessel zurück. Er sitzt in seinem gläsernen Büro mit blank gefliesten Böden und stilisierten Erdbeeren an den Trennwänden. Soltero ist Inhaber von Bionest, einem der größten Exporteure von Bioerdbeeren in Europa. 500 Hektar Anbaufläche besitzt sein Unternehmen, das unter anderem der Discounter Lidl und der Biomarkt Alnatura beliefert. "Bis zwei wird geerntet, am Nachmittag verpackt und abends geht die Ware raus auf die Straße. Kurz darauf ist sie in Deutschland und liegt in den Auslagen." Knallrot, prall und saftig lockt der hier besonders beliebte Fresón in Plastikschälchen gebettet und in Folie verschweißt den Biokunden zum Kauf. Und Juan schwört auf seine deutsche Klientel. "Erst war das eine bestimmte Art Leute, die Bioverfechter. Aber das Konsumentenbild hat sich geändert, jetzt lohnt sich das Geschäft."

Der Blick aus Juan Solteros abgedunkeltem Bürofenster fällt auf ein gebeuteltes Paradies. Vor seiner Tür liegt das Naturschutzgebiet Doñana. Jährlich machen hier Millionen Zugvögel Halt, Flamingos staken auf der Suche nach Futter durch die Lagunen, Pinienwälder erstrecken sich kilometerweit bis zum Meer. Doch das Idyll trügt. "Jeder will immer mehr Hektar für immer mehr Erdbeeren, und die sind durstig. Allein zwei Pfund Erdbeeren verbrauchen ganze 115 Liter Wasser. Die Feuchtgebiete trocknen langsam, aber sicher aus", sagt Felipe Fuentelsaz von der Umweltorganisation World Wide Fund for Nature (WWF).

Illegale Brunnen

Das Geschäft mit der Erdbeere hat eingeschlagen. Vor allem im Naturschutzgebiet. "Wenn ein Wasserreservoir erstmal versalzen ist, gibt es kein Zurück. Etwa die Hälfte der Brunnen hier ist illegal. Und sie werden immer tiefer gebohrt, weil der Grundwasserspiegel zunehmend sinkt." Doch ihnen den Hahn abzudrehen, ist leichter gesagt als getan. Die Landwirtschaft hat sich zu einem entscheidenden Wirtschaftsfaktor entwickelt. Laut spanischem Landwirtschaftsministerium verzeichnete der Bioanbau 2008 in Spanien Zuwächse um 33 Prozent, das trockene Andalusien liegt dabei vorn. Allein in der Provinz Huelva beackern Bauern knapp 186 Quadratkilometer Bioland, die Hälfte davon in der Naturschutzregion Doñana. Und graben dabei dem Feuchtgebiet das Wasser ab.

Juan Soltero von Bionest kennt die Wasserproblematik nur zu gut. Er sieht die Notwendigkeit zu handeln, wenn auch in seinem eigenen Sinne. "Die Behörden müssen endlich etwas tun", sagt er. Wasser sei genug da, einzig die Zuteilung der Ressource müsse endlich geregelt werden. Und bis das geschieht, nehmen viele Bauern ihre Wasserversorgung selbst in die Hand. Die meisten der illegalen Brunnen liegen versteckt im Wald. Doch viele Landwirte machen sich gar nicht erst die Mühe der Geheimhaltung und graben direkt auf ihren Feldern nach Wasser. Die Strafe von derzeit einem Euro pro Kubikmeter illegal gezapften Wassers schlägt da kaum zu Buche, und für den Brunnenbau selbst wird niemand belangt.

Die Rechnung geht auf, auch für den Bioproduzenten Soltero. Hinter der Lagerhalle des Unternehmens führt eine unbefestigte Straße zu den Feldern. Staub wirbelt auf. Vor einer Reihe Gewächshäuser steht ein Kran, ein LKW blockiert den Weg. Arbeiter sehen zu, wie sich ein Bohrer mit lärmendem Stottern in die Erde gräbt. Auf die Frage, wem diese Finca gehöre, gibt es eine freundliche Antwort: Bionest.

"Meine Philosophie ist der Einklang von Landwirtschaft und Natur. Die Leute hier denken genau so, und deswegen gräbt hier niemand mehr Brunnen", erklärt Juan Soltero in seinem gläsernen Büro zwei Kilometer entfernt. Was da auf seinem Feld passiert? Nach kurzer Irritation findet sich auch hierfür eine Antwort: "Der Brunnen ist nicht neu, er wurde nur repariert."

Die Behörden prüfen

Eine Erklärung, die Javier Serrano nicht zufrieden stellt. Als Leiter der staatlichen Wasserbehörde verfolgt er seit mehreren Jahren Wassersünder in der Region und hat sich damit keine Freunde gemacht. Er wirkt müde, aber entschlossen. Wenigstens die Gesetzeslage ist klar. "Dieses Unternehmen ist in der Vergangenheit schon mehrmals abgestraft worden, und ein Brunnen an dieser Stelle ist illegal", kommentiert er die Bionest-Bohrung. "Der Schutzplan für dieses Gebiet verbietet ausdrücklich weitere Wasserentnahmen für landwirtschaftliche Zwecke."

Doch Bionest ist nur ein Sünder von vielen. "Die zona fresera, das Erdbeeranbaugebiet nahe Almonte, ist einer der Brennpunkte, was die illegale Wasserentnahme anbelangt", so Serrano. Es gebe einen Plan, alle Brunnen zu schließen, die sich negativ auf das Ökosystem auswirken. Demnach wollen die Behörden nun 80 Prozent der Anbaufläche prüfen. Das Grundwasser im Untergrund der Region Almonte verringern sich seit den 70er-Jahren stetig. Das Gebiet ist laut Umweltministerium längst nicht mehr nur bedroht – es ist "im Alarmzustand".

Das Desaster wurde bislang der konventionellen Landwirtschaft zur Last gelegt. Der industrielle Biolandbau ist auf dem besten Weg, es ihr gleichzutun.