Adrian Lobe
16.06.2013 | 06:00 9

Provokateur ohne Grenzen

Robert Ménard Der Journalist hat einst in Frankreich die Nichtregierungsorgsanisation "Reporter Sans Frontières" gegründet. Nächstes Jahr tritt er bei Wahlen für den Front National an

Provokateur ohne Grenzen

Früher war Robert Ménard ein Linker und kämpfte für die Meinungsfreiheit. Jetzt will er, dass es in seiner Heimatstadt Béziers nicht zu viele Moscheen gibt

Foto: Franck FiFe/ AFP/ Getty Images

Für großes Erstaunen sorgt diese Entscheidung kaum. Schon länger hegt der Journalist Robert Ménard Sympathien für den rechtspopulistischen Front National (FN). 2008 erklärte er, er wolle auf die Straße, um die Presse der Partei zu verteidigen; 2011 verfasste er das Pamphlet Vive Le Pen! – im vergangenen Jahr plädierte er auf seinem Blog für eine vereinte Rechte. Der Front National – inzwischen kommt die Partei auf 15 bis 20 Prozent der Wähler – könne nicht mehr ignoriert werden. Nun will Robert Ménard bei den Kommunalwahlen 2014 im südfranzösischen Béziers für die Rechten antreten. „Ich habe dort meine Kindheit verbracht, ich besitze ein Haus, meine ganze Familie wohnt in dieser Gegend“, sagte er in einem Interview für Le Monde, als es um seine politischen Ambitionen ging – Béziers sei „seine“ Stadt.

Aufgewachsen in Algerien

Robert Ménard entstammt einer katholischen Pied-noir-Familie aus dem algerischen Oran, in der man „Gaullisten und Kommunisten hasste“, wie er sagt. Der Vater, ein gelernter Drucker, steht in den frühen sechziger Jahren der Untergrundbewegung OAS (Organisation Armée Secrète) nahe, die sich einer Unabhängigkeit Algeriens vehement widersetzt. Nach dem Kolonialkrieg geht die Familie fast mittellos nach Frankreich, lebt im Département Aveyron und verdammt den gaullistischen Staat. Mit der Mai-Revolte von 1968 schließt sich Ménard zunächst der trotzkistischen Ligue Communiste Révolutionnaire (LCR) an. Er sei entschlossen gewesen, „ein professioneller Revolutionär“ zu werden, wird er später über diese Zeit sagen. Es folgt eine kurzlebige Mitgliedschaft bei den Sozialisten, bevor ihn 1983 Radio France Hérault engagiert. Fortan ist der Journalismus sein Metier. 1985 gründet er die Organisation Reporter Sans Frontières, deren Generalsekretär er bis 2008 bleibt. 2005 erhält Reporter ohne Grenzen den Sacharow-Preis des Europäischen Parlaments.

Ménard, der Aktivist, ist omnipräsent, reist durch den Sudan, nach Palästina und in den Irak. Wo immer ein Journalist in Gefahr gerät – Ménard steigt ins Flugzeug. „Sein Koran, das war die Pressefreiheit“, erzählt Ben Ami Fihmann, ein alter Vertrauter. Die Journalistin Florence Aubenas, die 2005 von irakischen Rebellen entführt wurde und heute beim Nouvel Observateur arbeitet, erinnert sich an seine Hartnäckigkeit: „Das Telefon läutete, Ménard war dran. Fünf Minuten später, der nächste Anruf – wieder Ménard. Und zehn Minuten danach, noch mal Ménard. Als ich in meiner Zelle saß, stellte ich mir vor, er würde das Gleiche für mich tun.“ Das Magazin L’Express bezeichnet ihn als „Nervensäge ohne Ende“. So energisch er seinen Freiheitsanspruch durchsetzt, so autokratisch ist sein Führungsstil. Rony Brauman, ebenfalls ein Gründungsmitglied, konstatiert, Robert Ménards Verhalten gleiche dem eines „kleinen Diktators“.

Rage und Furor mögen biografisch oder mit einem instinktiven Misstrauen gegen die Mächtigen begründet sein. Nach den Unruhen in Tibet vor den Olympischen Spielen 2008 in Peking stört Ménard die Entzündung der olympischen Flamme, er ruft die Staatschefs zum Boykott der Eröffnungszeremonie auf und gefällt sich wieder einmal in der Rolle des Bad Guy. „Ich bin eine Agentur mit schlechter Werbung“, beschreibt er sein Renommee . Mit der FN-Vorsitzenden Marine Le Pen teilt Ménard ostentativ den anti-elitären Impetus, gäbe es doch eine „politisch-mediale Klasse“, die voller Dünkel und von der Überzeugung beseelt sei: Wer nicht so denke wie sie, denke zwangsläufig falsch.

„Ich habe keine Lust darauf, dass es in meinem Land genauso viele Moscheen wie Kirchen gibt“, räsoniert Ménard im März 2011, um ein Jahr später das Pamphlet Vive l’Algérie française zu veröffentlichen. Geschichtsrevisionismus, kaschiert als Meinungsfreiheit und gedacht als Argumentationshilfe für einstige Algerien-Franzosen, die mehrheitlich Front National wählen. Dabei geht Ménards Aggressivität weit über die verbreitete „Man wird ja wohl noch sagen dürfen“-Attitüde hinaus. L’Express attestiert ihm die „Rhetorik einer Bulldogge“. Im Vorjahr lanciert Ménard die rechtslastige Informationsseite Boulevard Voltaire, für die unter anderem Jean-Yves Le Gallou schreibt, ehemaliger Europaabgeordneter des FN und Frontmann des pseudowissenschaftlichen Thinktanks Polémia, der durch völkischen Rassismus – „eine Erde, ein Blut, ein Volk“ – von sich reden macht.

Klar exponiert

Zwar hat sich Ménard zuweilen vom Front National öffentlich distanziert und will auch jetzt seine Kandidatur bei der Kommunalwahl als „apolitisch“ verstanden wissen. Das allerdings ist wenig glaubwürdig. Immerhin vertritt er reaktionäre politische Positionen, verteidigt die Todesstrafe, hält Folter „in bestimmten Fällen“ für legitim und wünscht sich, dass seine Kinder nicht homosexuell werden. Eine Ménard-Kolumne des rechtskonservativen Portals Nouvelles de France – der Wikipedia-Eintrag der Seite wurde inzwischen gelöscht – war mit dem Titel Nach der Homo-Ehe die Polygamie? versehen.

Kollegen verfolgen diese Tiraden mit Kopfschütteln. „Quelle déchéance!“ – welch ein Verfall – entrüstet sich Edwy Plenel, Produzent der Internetplattform Mediapart. „Der Gründer von Reporter ohne Grenzen, der eine Eloge auf die Todesstrafe hält?“, fragt Plenel entgeistert. Egal, wie Ménard seine Kandidatur bei der Kommunalwahl für den FN begründet: Er kann sich nicht mehr als Herold der Meinungsfreiheit feiern, sondern wird zum Handlanger einer rechtsextremen Partei, die gegen Ausländer und Minderheiten hetzt.

Kommentare (9)

weinsztein 17.06.2013 | 04:55

"Kritiker werfen Reporter Ohne Grenzen eine selektive Berichterstattung der Diskriminierung von Journalisten vor. Die Auswahl der Länder würde sich an der Schwarzen Liste des US-State Department orientieren, jedoch jegliche Berichterstattung bezüglich gegen Journalisten gerichtete Aktivitäten in mit den USA verbündeten Ländern oder den USA selbst möglichst vermeiden.[14]

Die Staatsführung Kubas reagierte auf kritische Berichte von RSF oft mit Diffamierung der Organisation und ihres Gründers: In der internationalen Ausgabe von Granma, dem offiziellen Organ des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kubas, ließ sie beispielsweise 2006 die These verbreiten, RSF sei „praktisch dafür geschaffen“ worden, „Kuba anzugreifen“. Die regierungsunabhängig auf der Insel tätigen Journalisten, auf die sich RSF berufe, seien „von der CIA gelenkt“, Robert Ménard habe Verbindungen zu der „faschistischen CIA-Schöpfung“ eines von George W. Bush vorgeschlagenen internationalen Freiheitsfonds und sei Teil einer „Söldner-Streitmacht“, die fast 50 Jahre mit dem alleinigen Ziel verbracht habe, „Kuba zu annektieren“.[15]Die Nichtverlängerung der terrestrischen Sendelizenz des Privatsenders RCTV seitens der venezolanischen Telekommunikationsbehörde CONATEL im Jahr 2007 bezeichnete Reporter ohne Grenzen in ihrem Missionsbericht ("Mission Report") vom 5. Juni 2007[16] als „Schließung des Senders“, obwohl die Möglichkeit, das Programm weiterhin per Kabel, Satellit und Internet zu verbreiten, davon nicht betroffen war. Auch behauptete ROG, dass die Entscheidung der venezolanischen Telekommunikationsbehörde sich außerhalb aller rechtlichen Grundlagen befunden hätte, obwohl sie juristisch durch die Verfassung des Landes und das Telekommunikationsgesetz legitimiert war.[2] In einer Analyse des ROG-Berichts im Fernsehsender teleSUR unter dem Titel «La consolidación de una mentira mediática a través de 39 embustes» (deutsch: „Die Verankerung einer Medienlüge durch 39 Schwindeleien“) wurde dem Bericht in 39 Punkten unwahre Berichterstattung vorgeworfen. Insgesamt wurde der Bericht als einseitig und ohne das Minimum an journalistischer Ethik beschrieben.[17]
Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hatte die Nichtverlängerung der Sendelizenz als politisch motiviert und als einen Rückschlag für die Meinungsfreiheit kritisiert.[18]Amnesty International äußerte sich ähnlich.[19] Nachdem die terrestrische Sendelizenz von RCTV seitens der venezolanischen Telekommunikationsbehörde CONATEL nicht verlängert worden war, verzichtete der Privatsender vorläufig ganz auf die Ausstrahlung eines regulären Programms.[2] Mit dem Auslaufen der Lizenz musste RCTV auch die technische Ausrüstung an den neuen öffentlichen Sender Teves übergeben,[20][21][22] womit laut RCTV-Chef Granier ein sofortiges Ausweichen auf Kabel stark behindert wurde.[23] Nachdem RCTV nach rund sieben Wochen seinen Sendebetrieb via Kabel und Satelliten wieder aufnahm, sprach Reporter ohne Grenzen auch nicht mehr von „Schließung“, forderte aber weiterhin die Rücknahme des Lizenzentzugs für die terrestrischen Frequenzen.[24]Auf Kritik stieß auch, dass die Organisation den Fall des im Dezember 2001 auf einer Dienstreise nach Afghanistan in Pakistan entführten, schwer gefolterten und am 13. Juni 2002 nach Guantánamo verbrachten Kameramanns von Al Jazeera, Sami Al-Haj, bis zum Jahr 2006 vernachlässigt habe. Zwar forderte die Organisation schon am 20. September 2002 erstmals Erklärungen von den US-Behörden bezüglich der Festnahme Sami Al-Hajs, habe den Fall aber erst im Jahr 2006 wieder aufgenommen und von den US-Behörden seine Freilassung verlangt; am selben Tag als ein Bericht der Vereinten Nationen herausgegeben wurde, der die Schließung des Gefangenenlagers in Guantánamo forderte.[25][26][27]Die Tötung von 16 Mitarbeitern der jugoslawischen Fernsehstation RTS durch einen NATO-Luftangriff auf die Station im April 1999 wurde in keinem Jahresbericht der Organisation kritisiert.[4]

Unabhängig dieser Fallbeispiele wird die methodische Vorgehensweise der Organisation stark kritisiert: lediglich drei Experten werden pro Land mit dem Ausfüllen des Fragebogens, der das einzige Instrument für die Indexbildung darstellt, beauftragt. Auch die Unabhängigkeit dieser Experten ist nicht immer zweifelsfrei gegeben.[28]"

Außerdem:

"Nach Recherchen der Zeitung junge Welt wurde ROG u. a. von dem US-Multimilliardär George Soros finanziert, der bereits die polnische Gewerkschaft Solidarność mit Millionen US-Dollar unterstützte, sowie vom National Endowment for Democracy, das seinerseits seine Gelder zu über 90 Prozent aus dem US-Staatshaushalt bezieht.[2] Im Jahr 2003 stammte das Jahresbudget zu rund 10 Prozent vom französischen Staat und zu weiteren 15 Prozent von der EU.[3]"

aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Reporter_ohne_Grenzen

msylanus 17.06.2013 | 14:04

ER hat Schmitt verstanden und sich für die Seite MAN, also von Macht, Hass, Gewalt und Unterdrückung entschieden.... sowie das Recht gleichgesinnter Meinungs-"freiheit" (?)

IHN zu Foltern wäre damit legitim? (Vielleicht für IHN sogar sexuell anregend?)

 

schmitt verstehen - aktuelle weltpolitik verstehen - gewalt macht staat = biopolitik = mit der schere den leviathan zurechtschneiden:

Brasilien

sem violência = keine gewalt:

http://www.youtube.com/watch?v=XynV7AYbGDE

http://www.youtube.com/watch?v=ydnaOK2SSes

 

weltweiter ausnahmezustand (4. weltkrieg - globaler bürgerkrieg):

bRepublikD:

http://www.youtube.com/watch?v=XHD40-rFmGI

spanien:

http://www.youtube.com/watch?v=hyT2MWf4AT4

frankreich:

https://www.youtube.com/watch?v=P899cKD69aM

türkei (s.o. vielen dank fr. wagner!):

https://www.facebook.com/photo.php?v=528901583837795&set=vb.507965195935274&type=2&theater

"Derjenige, der im Bürgerkrieg nicht Partei ergreift, wird mit Ehrlosigkeit geschlagen, und verliert jegliches politische Recht." -

Solon, Verfassung von Athen

 

http://vimeo.com/ondemand/wearelegion

prism-break.org

Phineas Freek 17.06.2013 | 19:14

Schon bezeichnend, dass die „unschuldigste“ PR-Kompanie der vergangenen NATO-Kriege (neben „Amnesty“ nach div. Putschen und personellen Veränderungen und von Anfang an HRW)  erst dann ins Zwielicht zu geraten scheint, wenn einer ihrer Gründer damit anfängt(?) im Braunen Sumpf zu planschen.  

Erstaunlich, dass der WIKI-Eintrag noch nicht von interessierter Seite bearbeitet wurde.

 

 

anne mohnen 19.06.2013 | 08:59

Lesenswerter Artikel.

Nun es könnte der Eindruck entstehen, dass alle „Pieds noirs“ katholisch und reaktionär sind. Fakt ist, dass sephardische Juden,  obwohl viel länger in der Maghreb ansässig gewesen als die französischen Kolonialisten und sich an der französischen Kultur orientierten, nach ihrer Immigration in Frankreich auch als „Pied noir“ bezeichnet werden, wie überhaupt für das Gros der Franzosen „pied noir“ eine abfällige, ausgrenzende Bezeichnung ist.

http://www.arte.tv/de/der-ausdruck-der-pied-noir/2925196,CmC=2925204.html