Katharina Teutsch
11.07.2013 | 06:00 8

Wohnst du noch oder rauchst du schon?

Alltagskommentar In Deutschland kann man jetzt wegen Rauchens aus der Wohnung geworfen werden - so wie gerade ein 74-jähriger Düsseldorfer. Also geht man zum Rauchen wieder in die Kneipe

Wohnst du noch oder rauchst du schon?

Foto: Sean Gallup/ AFP/ Getty Images

Das Schöne am Sommer, an den vielen Biergärten, Freiluftkinos, Bordsteinbarbecues ist die Abwesenheit des Problemkomplexes Passivrauchen. Zwar gibt es sogar im Pafferparadies Berlin zunehmend Eltern, die ihre Kleinen auch unter der freien Sonne vor Lungenschäden zu schützen vorgeben, indem sie degoutiert mit ihren Speisekarten wedeln. Davon abgesehen qualmt es sich seit der Lockerung des 2008 eingeführten Raucherverbots „in Gaststätten“ nirgendwo entspannter in Gaststätten als hier. Nur ein Jahr lang schien es auch dem Hartgesottensten, als habe er die längste Zeit an der Theke geascht. Auf einmal galten nur noch Spelunken als straflos berauchbar: Endstation Roth-Händle – selbst das Ordnungsamt sah sich machtlos.

Von solchen Ausnahmen abgesehen, konnte man selbst die berüchtigsten Absturzetablissements beim Einziehen gestalterisch fragwürdiger Glaswände beobachten. Von massiven Auftritten der Ordnungshüter hörte man Wirte greinen und renitente Gäste zur Löschung ihrer Rauchware ermahnen. Und als man sich schon halb an die neue Zeit gewöhnt hatte, galt auf einmal das Primat der „getränkegeprägten Kleingastronomie“ – es durfte wieder geraucht werden. Ganz Berlin war über Nacht eine „getränkegeprägte Kleingastronomie“ geworden, ein vor dem wirtschaftlichen Ruin zu bewahrendes kulturelles Institut. Wer heute in Berlin ausgeht, wedelt selbst als Raucher gelegentlich mit der Getränkekarte.

Hinter Glasscheiben

Wer hingegen in den vergangenen Jahren eine Reise nach Kalifornien unternommen hat und öffentlich inhalieren wollte, weiß, wie sich Stigmatisierung anfühlt. In Japan ist es nicht besser, nur hat man dort Erbarmen mit den Süchtlern und beauftragte Architekten mit einer Neuinterpretation der historischen Leprastationen. Der Raucher wird dort als Beispiel sozialer Desintegration nicht zufällig hinter Glasscheiben, quasi als Teil einer Zombie-Freakshow ausgestellt. In Deutschland traut man sich das nur an großen Bahnhöfen. Ansonsten ist der öffentliche Raum noch weitgehend intakt.

Der jetzt rechtskräftige Rauswurf eines 74-jährigen Kettenrauchers aus seiner Düsseldorfer Wohnung (er sah sich dem Vorwurf ausgesetzt, die Gesundheit seiner Nachbarn zu gefährden) erhärtet einen anderen Verdacht: Während Nationen mit radikalen Gesundheitskampagnen das Rauchen aus dem Bereich der Sichtbarkeit verbannen, geht Deutschland den umgekehrten Weg: Das Private ist auf einmal öffentlich und damit justiziabel, das Öffentliche privat. Soll doch jeder machen, was er will, solange es nicht zu Hause ist!

Kommentare (8)

Rupert Rauch 12.07.2013 | 00:48

Der spezielle Fall wäre interessant gewesen. Wie kann ein Kettenraucher seine Nachbarn gesundheitlich gefährden?

Tatsächlich weine ich der zunehmend zurückgehenden Sucht keine Träne nach. Wenn Qualm durch Fenster- und Türschlitze dringt, ist das eine genauso unangenehme Belästigung wie Lärm. Ich habe es selbst mehrmals erlebt. Man fühlt sich ausgeliefert, entweder man macht das Fenster nicht mehr auf, oder man erleidet den sporadischen und unvorhersagbaren Verbrennungsgestank.

Sogar in Nichtraucherabteilen von Zügen, erdreisten sich die Gelbfinger. Nach dem Motto: "reicht ja, wenn man das Fenster aufmacht". Bleibt zu erwähnen, dass (so ausnahmsweise genügend Platz da ist) sie lieber in Nichtraucherabteilen sitzen und nur für ihre Sucht das Abteil wechseln.

Dass man Eltern nicht dafür bestrafen kann, dass sie ihren Kindern körperlich Schaden zufügen, ist auch noch so eine Sache, die es zu klären gilt.

Und was ich am meisten begrüße: die dümmlich-machohafte Möchtegern-Rebellion, verliert sich. Raucher sind nicht mehr cool, sondern werden zunehmend als das gesehen was sie sind:pubertär oder süchtig.

Normalerweise hält sich die Belästigung in Biergärten in Grenzen, zumindest wenn nicht so viele Leute da sind. Aber nur ein Raucher kann ernsthaft glauben, dass bei Windstille, 30 Grad im Schatten und besetzten Rauchertischen ringsum die Luft besser ist als in einem geschlossenem Raum...

 

panettone 12.07.2013 | 17:33

"Sogar in Nichtraucherabteilen von Zügen, erdreisten sich die Gelbfinger."

Verzeihung, aber wann sind Sie zum letzten Mal mit dem Zug gefahren? Es gibt in Zügen der Deutschen Bahn schon seit etlichen Jahren keine Raucher- und Nichtraucherabteile mehr, vielmehr darf nirgends mehr geraucht werden. 

Falls Sie wegen Passivrauchs aus der Türritze eines Nachbarn um Ihre Gesundheit besorgt sind, seien Sie bitte so konsequent und hüten sich auch vor Dieselfahrzeugen:

http://www.focus.de/gesundheit/ratgeber/krebs/news/brisante-studie-der-who-dieselabgase-sind-so-gefaehrlich-wie-passivrauchen_aid_767106.html

 

Herr Aldi 13.07.2013 | 07:58

Ich kann Mr. RR da gut verstehen, befand ich mich doch selbst mal in der Situation, mein Schlafzimmerfenster nachts nicht offen stehen lassen zu können, da ich sonst regelmäßig in einem wunderbaren Kneipendunst aufgewacht wäre. Weit und breit war natürlich keine Kneipe vorhanden, aber sowohl die Nachbarn von oben als auch die Nachbarn im Erdgeschoss haben kräftig gequarzt, bevorzugt schon morgens um sechs Uhr, und der ganze Schmodder zog dann, verbunden mit köstlichstem Schweißmief, bei mir in die Wohnung. Nicht per Fenster, nein - aber dieses ermöglichte einen tollen Durchzug per Hausflur, und da war es ganz egal, wie sehr ich mich um eine Abdichtung der Wohnungstür bemüht habe, irgendeinen Weg fand der Mief immer.

Oder auf den Punkt gebracht: Um gesundheitliche Bedenken gehts dabei überhaupt nicht. Eher darum, dass es widerlich ist und man sich - wie RR schon sagte - der nachbarlichen Willkür und der Windrichtung ausgeliefert ist und man nur im Glücksfall mal nachts ein Fenster geöffnet lassen und tagsüber auch im Sommer nur stoßweise lüften kann, immer sprungbereit, die Fenster zu schließen, wenn sich der Mief wieder seine Bahn bricht. Vergisst man das mal oder lässt mans drauf ankommen, riecht die Bettwäsche halt, als wäre sie ohne ihren Besitzer auf einer Party gewesen.

deeplooker 13.07.2013 | 09:35

Zitat: „In Japan ist es nicht besser, nur hat man dort Erbarmen mit den Süchtlern und beauftragte Architekten mit einer Neuinterpretation der historischen Leprastationen. Der Raucher wird dort als Beispiel sozialer Desintegration nicht zufällig hinter Glasscheiben, quasi als Teil einer Zombie-Freakshow ausgestellt. In Deutschland traut man sich das nur an großen Bahnhöfen. Ansonsten ist der öffentliche Raum noch weitgehend intakt.“

Ist der öffentliche Raum also intakt, wenn man in ihm rauchen darf, oder sollte man dort die „Süchtler“ wie in einem Tierpark präsentieren, sozusagen als eingehegtes Freiwild? Die Einstellung der Autorin zum Rauchen in der Öffentlichkeit wird nicht deutlich, ein seltsames Lavieren zwischen Dulden und mehr Reglementieren – hierin zeigt sich eine gerade für jüngere Leute typische Orientierungslosigkeit hinter der Ablehnung des Rauchens. Vielleicht helfen einige grundlegende Betrachtungen zu dem Problem:
http://deeplooker.com/2013/06/25/rauchfrei-dem-gluck-entgegen-bemerkungen-zur-entgiftung-der-gesellschaft/

J.Taylor 15.07.2013 | 09:00

Es gibt auch die positiven Seiten des Rauchens. Raucher sterben früher und liegen damit der Rentenkasse nicht so lange auf der Tasche, Raucher bevölkern als Jogger getarnt nicht die Grünanlagen, Raucher sind erstklassige Steuerzahler und aufgrund der Sucht berechenbar in den Einkünften, Raucher werden früher optisch alt und machen den Singlemarkt frei, Raucher futtern all die Medikamente, die wir sonst wegschmeißen müssten, Raucher stehen selbst bei -30° in Gruppen an zugigen Straßenecken, ach, es gibt so viele positive Seiten des Rauchens. Lasst Sie doch Wohnungen verqualmen, ist doch eh nur für kurze Zeit.

Rupert Rauch 18.07.2013 | 23:45

Wenn sie dabei niemanden belästigen, jederzeit. Ich bin weit davon entfernt, jemandem vorschreiben zu wollen, was er tun soll.

Ich bin mir im Klaren darüber, dass das eine Gratwanderung ist. Wo zieht man die Grenze bei "Belästigung"?  Bei optischen Kriterien (sieht hässlich aus), bei akkustischen (ist zu laut und nervig) usw.?

Letztlich sollte das eine demokratische Entscheidung sein, ich bin auch über die Nichtraucherschutzgesetze nicht glücklich, weil sie eben nicht vom Volk kamen, sondern per EU-Vorgabe.

 

J.Taylor 19.07.2013 | 08:31

Gäbe ein Bewusstsein der Bürger, dass das übermäßige Rauchen ungesund ist, die Mitmenschen quält und gleichzeitig den Staatshaushalt stabilisiert, könnte man sich die Reglementierungen sparen. Rauchen ist ja keine Entscheidung aus der Vernunft, sondern Raucher werden "angefixt" und an ihrer Sucht verdienen sich andere Menschen dumm und dämlich.

Die Süchtigen einzuschränken mag als Placebo das Gewissen beruhigen, die Probleme löst es nicht.

Rupert Rauch 19.07.2013 | 11:14

Man kann nie alle ausreichend bilden und rücksichtsvoll machen, das ist eine reine Frage der Statistik. Wenn es keine Mörder gäbe, bräuchten wir auch keine Gesetze gegen Mord. Es gibt aber eben immer welche, selbst in der perfektesten Gesellschaft.

Die Einschränkung der Süchtigen (wo sie nicht auf Trotz trifft) zeigt ja durchaus auch Wirkung, vielleicht auch die Aufklärung:

http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/starker-rueckgang-nur-noch-13-prozent-der-jugendlichen-rauchen-a-747525.html

Wo Raucher als Abhängige begriffen werden und man ihre Sucht auch konsequent in die Schranken verweist, wird der Griff zum Tabak unattraktiv.