Jan Pfaff
21.12.2012 | 12:09 5

Air Force One

Porträt Michael Jordan war als Basketballer nicht von dieser Welt. Als er aufhörte, verlor der Sport ein Stück seines Zaubers. Das Glaubensbekenntnis eines Fans

Air Force One

Michael Jordan während eines Spiels der Chicago Bulls 1989

Foto: Mike Powell/Allsport/Getty Images

Die Zuschauer in der Arena in Chicago ahnten, dass sie etwas Außergewöhnliches sehen würden, als Michael Jordan den Anlaufpunkt für seinen letzten Versuch im Dunking-Wettbewerb 1988 bis an das Ende des Feldes verlegte. Er dribbelte mit großen Schritten los, beschleunigte und sprang mit dem Ball in einer Hand an der Freiwurflinie ab, knapp fünf Meter vor dem Korb. Es war eine Aktion, die nur Bruchteile von Sekunden dauerte – und es war ein Flug für die Ewigkeit, als er den Ball lässig in den Korb stopfte.

Jordan hatte im Jahr zuvor bereits den Dunking-Wettbewerb der Profiliga NBA gewonnen, aber es sind die Bilder von 1988 – wie er mit gespreizten Beinen auf den Korb zufliegt –, die hängengeblieben sind. In Zeitlupen wurde der Sprung endlos wiederholt, später in eine 3D-Version verwandelt und im Kino gezeigt. Als Poster zierte er Jugendzimmer, ein Youtube-Video des Wettbewerbs hat heute 23 Millionen Klicks.

Es war der Moment, in dem sich in Jordans Karriere etwas Grundlegendes veränderte. Aus einem sehr talentierten Basketballer mit einer hohen Punkteausbeute wurde eine Ikone des Sports, ein globaler Medienstar und eine Marketingmaschine. Eine Figur, die alle anderen überstrahlte.

Es gibt in jeder großen Sportart Ausnahmeathleten, die die Grenzen des Vorstellbaren verschieben. Die etwas zeigen, was so noch niemand gesehen hatte und sich auch keiner vorstellen konnte. Beim Boxen denkt man an die Eleganz Muhammad Alis, beim Fußball an die genialen Momente von Diego Maradona. Beim Basketball ist es immer wieder Jordan, der vor dem inneren Auge auftaucht. Tritt ein solcher Ausnahmesportler ab, bleibt eine Wehmut zurück, die nie mehr ganz verschwindet. Man schaut weiter den Sport, man bleibt Fan – aber man tut das in dem Wissen, dass man das Besondere dieses Spielers, seine geniale Individualität, so niemals mehr wiedersehen wird.

Über 32.000 Punkte

Die NBA hat auch heute große Stars. LeBron James von den Miami Heat hat sich in aller Bescheidenheit „Der Auserwählte“ auf den Rücken tätowieren lassen. Viele Experten halten ihn aktuell für den besten Spieler der Welt – ein 2,03 Meter großes Muskelpaket mit einem technisch feinen Distanzwurf. Und es gibt natürlich Kobe Bryant von den Los Angeles Lakers, der gerade den 30.000. Punkt seiner NBA-Karriere erzielt hat. Als einer von fünf Spielern, denen das überhaupt gelungen ist – und doch musste er sich anschließend sofort fragen lassen, ob denn Jordan, der über 32.000 Punkte sammelte, ihn angerufen habe, um väterlich zu gratulieren. Wenn amerikanische Sportreporter den Auftritt eines Spielers heute besonders herausheben, nennen sie ihn „jordanesk“. Es ist das ultimative Lob. Und die Wortschöpfung ist nicht übertrieben. Jordan war für den Basketball, was Kafka für die Literatur bedeutete.

Das Außergewöhnliche an Jordans Spiel war, dass er in so vielen Bereichen dominierte. Normalerweise gibt es gute Verteidiger, Distanzwurfspezialisten und Spieler, die sich im harten Luftkampf vor dem Korb durchsetzen. Jordan konnte all das. Er gehörte zu den besten Verteidigern der Liga. Mit 1,98 Metern Körpergröße war er einer der kleineren Spieler – dennoch zog er von seiner Position weiter außen immer wieder zum Korb, um den Ball über 2,20 Meter große Centerspieler hinwegzustopfen.

Hinzu kam sein Improvisationstalent. In jedem Karriererückblick wiederholt wird eine Szene, bei der er absprang, ein Verteidiger in der Luft seinen Weg kreuzte, Jordan sich im Sprung drehte, den Ball mit dem Rücken zum Korb warf und traf. Auch seine Distanzwürfe perfektionierte er. Weil er länger in der Luft bleiben konnte als seine Gegner, verzögerte er den Wurf oft – und ließ den Ball erst los, wenn der Verteidiger schon wieder auf dem Boden war. Und Jordan liebte es, wenn das Spiel eng wurde. Er war der geborene Go-to-Guy, derjenige, der den alles entscheidenden Wurf Sekunden vor dem Spielende nimmt.

Es gab aber noch zwei weitere Faktoren, die dazu beitrugen, dass er in den Neunzigern zum bekanntesten Sportler der Welt wurde. Sein Eintritt in die NBA 1984 fiel zusammen mit dem Aufstieg des Kabelfernsehens. Plötzlich gab es viel mehr Kanäle. Der Sportsender ESPN übertrug Basketball nun mit einer Vielzahl an Kameras, speziellen Zeitlupen und Statistikanalysen. Das führte zu einer starken Personalisierung. Das Fernsehen hungerte nach Helden, die sich vor der Kamera epische Duelle lieferten. Jordan war wie geschaffen für eine solche Erzählung.

Der andere Faktor war das außergewöhnlich geschickte Marketing, das Nike mit Jordan von Beginn seiner Profikarriere an betrieb. Anfang der achtziger Jahre war Nike eine kleinere Sportschuhfirma, die bis dahin einigen Erfolg mit Laufschuhen gehabt hatte. Den Basketball-Markt beherrschte Converse, fast alle wichtigen Spieler waren dort unter Vertrag. Nike wollte im Kampf um Marktanteile einen neuen Weg gehen und eine eigene Schuhreihe für einen einzelnen Spieler entwerfen. Die Wahl fiel auf Jordan, der 1984 als vielversprechender College-Spieler zu den Chicago Bulls wechselte, denen damals allerdings hartnäckig ein Loser-Image anhaftete.

"Sie haben mich in einen Traum verwandelt"

Nikes Strategie ging auf. Jordan wurde in seiner ersten Saison zum „Neuling des Jahres“ gewählt und gehörte sofort zu den Topscorern. Die Schuhlinie taufte man „Air Jordan“, fortan auch Jordans Spitzname – nicht erfunden von enthusiastischen Fans, sondern ausgedacht am Schreibtisch eines Managers. Jordan selbst sagte später über die Nike-Kampagne: "Sie haben mich in einen Traum verwandelt."

Wegen des großen Erfolgs und seines telegenen Auftretens rissen sich Firmen um ihn als Werbepartner. Mit Magic Johnson, dem charismatischen Star der Achtziger, wollten einige Unternehmen noch nicht werben, weil sie annahmen, mit einem Schwarzen nicht ihre weiße Zielgruppe erreichen zu können. Für Jordan galten diese Grenzen nur wenige Jahre später nicht mehr. Jordan-Biograf Sam Smith: „Ein Schwarzer war nun die beliebteste Person in einer überwiegend weißen Gesellschaft – was hätte für Firmen attraktiver sein können als das Versprechen, so über alle ethnischen Grenzen hinweg jeden zu erreichen?“ Dabei nutzte Jordan auch seine Herkunft. Er war in North Carolina in einer schwarzen Mittelklasse-Familie aufgewachsen – die Mutter eine Bankangestellte, der Vater Abteilungsleiter bei General Electrics. Jordan sprach keinen Getto-Slang, trug keine Tattoos und betonte immer wieder, wie hart er für seinen Erfolg arbeite. Sein Hintergrund ähnelte jenem weißer Mittelklasse-Familien, denen er in Werbespots Cornflakes und isotonische Getränke empfahl. Auch als Werbefigur stieß er so in neue Dimensionen vor. Das Wirtschaftsmagazin Fortune schätzt, dass er den von ihm beworbenen Firmen zehn Milliarden Dollar einbrachte.

An der Magie seines Spiels änderte die Kommerzialisierung nichts. Auf dem Platz war er einfach ein Basketballspieler, der alles dafür tat, der Beste zu sein. Trotz seiner Dominanz fehlte Jordan aber lange ein NBA-Meistertitel. Er sei ein herausragender Einzelspieler, er habe aber nicht die Fähigkeit, ein gesamtes Team auf ein höheres Niveau zu heben, hielten ihm Kritiker vor. Die Bulls scheiterten Jahr für Jahr an ausgewogeneren Mannschaften. Und Jordan brauchte lange, um zu verstehen, dass er nicht alles allein machen konnte. Erst als er begann, genau zu unterscheiden, wann er selbst werfen sollte und wann er besser passte, und als er mit dem gereiften Scottie Pippen einen weiteren Topspieler an seiner Seite hatte, gewannen die Bulls 1991 ihren ersten Titel. Auch in den folgenden zwei Jahren wurden sie NBA-Meister.

Der Mord an seinem Vater

Ein tiefer Einschnitt in Jordans Karriere war der Kampf mit einer persönlichen Tragödie, den er vor den Augen der Weltöffentlichkeit führte. Auf dem Höhepunkt seines Könnens, als unumstritten bester Basketballer der Welt, kündigte Jordan im Oktober 1993 mit nur 30 Jahren seinen Rücktritt an. Wenige Monate zuvor war sein Vater, mit dem ihn eine enge Beziehung verband, bei einem Raubmord erschossen worden. Jordan beschloss, den Wunsch seines Vaters zu erfüllen. Dieser hatte ihm gesagt, er solle sein Glück als Baseball-Profi versuchen – das ist allerdings so, als wenn ein Bundesligafußballer erklärt, er wolle von nun an Profi-Eishockey spielen.

Der Baseball-Ausflug erscheint im Rückblick als 18-monatiges Intermezzo, damals war es Jordan aber verdammt ernst. Er spielte bei einem Minor-League-Team in Chicago und akzeptierte, nicht mehr der Chef einer Mannschaft zu sein. Als Anfang 1995 ein Spielerstreik begann, trainierte er aber heimlich wieder mit den Bulls. Geraune, er könne zurückkehren, ging durch die Medien.

Im März 1995 verschickte Jordan dann eine Drei-Wort-Pressemitteilung: „Ich bin zurück.“ Als die Bulls mit ihm 1996 erneut Meister wurden und das entscheidende Spiel am Vatertag gewannen, widmete er den Titel seinem Vater und brach weinend auf dem Boden der leeren Kabine zusammen. Eine Fernsehkamera hinter sich. Es war der große Held in seinem verletzlichsten Moment, überwältigt von seinen Emotionen. Jordan hat sich später nie darüber beschwert, dabei gefilmt worden zu sein. Er war es seit Jahren gewohnt, ein Leben in der Öffentlichkeit zu führen.

Es wäre das perfekte Ende gewesen

Man würde die Erinnerungen an Jordan vielleicht gern so beenden – oder auch mit seinem letzten Wurf in seinem letzten Finale. 1998 führte er die Bulls zur sechsten Meisterschaft. Sekunden vor Spielende schüttelte er seinen Verteidiger ab und erzielte mit einem wunderschönen Sprungwurf mit perfekter Ballrotation die entscheidenden Punkte. Es war seine letzte Aktion für die Bulls – und es wäre das perfekte Ende gewesen.

Aber wenn man einmal der Größte war, ist es schwierig, aufzuhören. Als Manager ging Jordan zu den Washington Wizards, einem der schlechtesten Teams der Liga. Und er konnte der Versuchung nicht widerstehen, noch einmal zu spielen. 2001 lief er als 38-Jähriger für die Wizards auf. Das Team hatte bei Weitem nicht die Klasse seiner früheren Mitspieler – und so hatte Jordans zweites Comeback den traurigen Beigeschmack einer aus der Zeit gefallenen Zirkusnummer.

Zuletzt las man, dass er nun Besitzer der Charlotte Bobcats in North Carolina ist. Die Bobcats stellten letztes Jahr einen Negativrekord auf, als sie die meisten Spiele pro Saison in der gesamten NBA-Geschichte verloren. Und Jordan fiel nur dadurch auf, dass er im NBA-Tarifstreit forderte, die Gehälter der Spieler stärker zu deckeln. Es klang nicht sympathisch. Als sei es ihm nicht gelungen, die Eleganz seines Spiels auf sein Leben zu übertragen.

Aber das ändert nichts an früher, es kann sein Werk nicht zerstören. Es bleiben die Erinnerungen an Jordans unvergessliche Aktionen und daran, wie es sich anfühlte, ihn spielen zu sehen. "Er brachte dich dazu, dir zu wünschen, dass du eines Tages fliegen könntest", beschrieb das einmal Magic Johnson. "Du fragtest dich einfach, wie es sein würde, das zu können, was er konnte."

Kommentare (5)

ALMU 28.12.2012 | 15:40

"Air"!! Echt cooler Artikel. Vielen Dank dafür. Da teilt jemand die gleichen Gefühle. Bei Jordan schaute man Sport der Ästhetik wegen. Seine Bewegungen und dieser wunderschöne Sprungwurf. Es ging nicht darum wer verliert oder wer gewinnt. Man wollte einfach sehen wie Michael Jordan Basketball spielt.

"I think it's just God disguised as Michael Jordan". Larry Bird über Michael Jordan.

Danke für den Link zur Doku. Mal etwas über die Baseballzeit.