Jörg Augsburg
27.02.2013 | 13:22 1

Tied To The 90s

Ton & Text Eine neue Generation der Clubkultur beschert ihrer Elterngeneration etliche Wiedererkennungseffekte in Sachen Partykultur, Drogen und natürlich auch Musik

Die Beschreibung ist eher vage, man läuft ein bisschen auf gut Glück in die ungefähre Richtung. Dann – und das ist der Moment, der schon ein großes Stück der Faszination in sich birgt – hört man dieses verheißungsvolle, noch leise Wummern. Es kommt vielleicht von einer Lichtung im Unterholz eines Stadtwaldes oder vom geschützten Bogen einer Straßenbrücke. Irgendwo mitten im urbanen Nichts hat jemand ein DJ-Pult aufgebaut, während der Breaks hört man das Tuckern des Generators, der ein Stück abseits steht. Die Leute tanzen, die Getränke sind billig. Und selbst, wenn irgendwann die Polizei aufkreuzt und den Spaß unterbindet, ist das einer der raren Momente, die man feierlich in Erinnerung behält, von denen man die ganze Saison erzählerisch zehrt.

So ungefähr wird es wieder aussehen, sobald sich der Sommer blicken lässt. Von irgend jemandem organisiert, per Facebook einigermaßen kryptisch angekündigt für diejenigen, die die richtigen Freunde haben oder wenigstens wissen, wo sie nachschauen müssen. Es ist einer der nicht zu ignorierenden Trends der Zeit: nicht angemeldete, von niemandem genehmigte, – kurz – illegale Raves. Déjà-vu.

Wer den großen Techno-Aufbruch der frühen Neunziger erlebt und sich noch nicht vollends von der Musikszene verabschiedet hat, darf sich dieser Tage öfter mal die Augen reiben. Die Parallelen sind verblüffend. Die neue Rave-Generation scheint gerade mit großer Präzision all das erneut durchzuexerzieren, was vor zwanzig Jahren die aktuelle Clubkultur begründet hat. Illegale Partys, das Feiern unter Ausschluss einer nicht eingeweihten Öffentlichkeit und außerhalb eingefahrener Strukturen sind dabei nur am augenfälligsten. Und eben jener Gründergeneration wohl auch der größte Dorn im Fleisch. Denn nahezu alle heute existierenden Clubs – vor allem im Osten, wo es in den Achtzigern keine House-Szene gab, die sich schon damals eine Infrastruktur schuf – werden von den Protagonisten der damaligen Szene betrieben. Mit Argwohn beobachten sie den Trend zum Außerhaus-Feiern, der inzwischen so massiv ist, dass es im Sommer durchaus auch kritisch werden kann ob der bis dato ungewohnten Konkurrenzsituation mit neuen Veranstaltern, die weitgehend ohne lästige Fixkosten und Auflagen von Ordnungs- und Brandschutzämtern auskommen. Ohne Finanzamt und Buchprüfung obendrein.

Aber natürlich ist der Trend etwas mehr als ein kurzfristig vielversprechendes Geschäftsmodell. Auch, wenn die heute vorherrschende Club-Infrastruktur ihre Wurzeln in der damaligen bedenkenlosen Rave-Euphorie hatte – heute wird die institutionalisierte House- und Techno-Szene durchaus als fesselnd empfunden. Das fängt natürlich bei den erheblichen Getränkepreisen an, den Brauereideals, den reinen gastronomischen Sachzwängen, denen sich kein regulärer Clubbetreiber zu entziehen vermag. Und es endet noch lange nicht beim inzwischen eingespielten Star-System mit seinem buchstäblichen DJ-Jetset, den immer noch extraordinären Gagen für diesen einerseits und den eher sehr schmalen Freiräumen für junge DJs, die dann auch noch meist schlecht bezahlt werden – wenn überhaupt. Dann kann man doch gleich seinen Spaß auf der Wiese haben. Ohne Türpolitik, engstirnige Booker oder – oft genug auch ein ästhetisches Problem altgedienter Clubs – dörfisch angehauchtes Prollpublikum. Der Rave auf der Wiese ist so auch ein emanzipatorischer Akt, der Beginn einer neuen, vor allem eigenen, Ära – so wie das Tanzen in den Ruinen des Post-Mauerfalls vor zwanzig Jahren. Eine ganze Generation ist seitdem nachgewachsen, eine, die sich abnabeln will von den – auch kulturellen – Eltern. Der erste vollständige Zyklus der Clubkultur scheint vollzogen. Die erste komplette Generation ist nachgewachsen und muss schlicht und einfach alles selbst entdecken, statt es aus den „Geschichten von früher“ vorgekaut zu bekommen. Bis hin zu Drogen.

„Music Is The Drug“ – der große Abgrenzungs-Slogan zu den schlimmeren Drogendealer-Auswüchsen der Vorzeit – war immer mehr oder weniger Quatsch. „Partydrogen“ gehören seit jeher zur Clubkultur, ebenso willkommen für die Synästhesie auf dem Floor wie für das schnöde Durchhalten über mehr als 48 Stunden Dauerfeiern wichtig. Das hatte man zwischenzeitlich fast vergessen angesichts domestizierter Partys. Jetzt sind die schier endlosen Wochenendraves aber mit aller Macht zurück. Wirklich verlässliche Zahlen gibt es naturgemäß nicht. Aber an allen Ecken bekommt, wer sich ein wenig umhört, bestätigt, dass Drogen wieder wichtig sind auf dem Dancefloor. Und tatsächlich: Seit 2011 verzeichnen auch die offiziellen Statistiken einen deutlichen Wieder-Anstieg beim Handel und Gebrauch von Ecstasy, Amphetaminen und Methamphetaminen – den klassischen Partydrogen also.

Es gibt neben der Party- und Drogenkultur noch ein paar deutliche Parallelen mehr: der enorme Berlin-Hype mit seiner Weltgeltung als Techno-Hauptstadt. Der Rush an „DJs“, wiederum gespeist von einer neuen musiktechnologischen Revolution in Sachen Musikproduktion, -vertrieb und – womit wir direkt beim Thema sind – -präsentation im Stile eines eigenständigen „Künstlers“. Inklusive aller blutigen Möchtegerne und Trittbrettfahrer und trotzdem mit einem enormen Output an tatsächlich bemerkenswerten DJs, bei denen man zwischenzeitlich zwangsläufig den Überblick verliert. Selbst der Kernbereich – die Musik an sich – schließt dabei wieder den Kreis. Bis hin zu den damaligen Sounds reichen die Wiedererkennungseffekte. Es ist dem aktuellen Hipstertum geschuldet, das keinerlei ästhetische Berührungsängste kennt und den Spagat zwischen einer altersgemäß zwingenden Geschichtslosigkeit einerseits und seiner in immer hektischeren Spiralen agierenden bedenkenlosen Retro-Versessenheit meistert. Praktisch verschafft das einigen Stilen von damals – allen voran Minimal – ebenso erneute Präsenz wie den eigentlich ja strunzdummen Presets der einschlägigen Keyboards und Programme. Irgendwie spannend ist es trotzdem. Auch oder gerade, wenn man das alles schon einmal gesehen und gehört hat. 

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