moritz wichmann
02.11.2012 | 13:09 7

Tag zwei nach Sandy

Manhattan Bericht von einem Streifzug durch Manhattan am Tag zwei nach Megasturm Sandy. Szenen aus einer Stadt, die versucht zur Normalität zurückzukehren und aufräumt

Tag zwei nach Sandy

Warten auf den Strom: Nachwirkungen des Wirbelsturms Sandy

Foto: Timothy A. Clary/AFP/Getty Images

[Anmerkung: Ich habe den Bericht gestern Abend amerikanische Zeit geschrieben, konnte ihn aber erst heute online stellen]

Die Fahrt von Brooklyn zum Times Square dauert normalerweise zwanzig Minuten. Heute dauert sie zwei Stunden. Weil keine U-Bahnen fahren nehme ich den Bus, doch an der Williamsburg Bridge ist Schluss, hier geht es nur zu Fuß weiter. Im Bus habe ich Laura kennengelernt. Sie ist Korrespondentin für den kolumbianischen Radiosender WRadio und berichtet ihren Landsleuten live per Handy was sie sieht. Weil sie nicht nur Korrespondentin für Kolumbien, sondern noch für Radiosender einer Reihe weiterer Länder ist, hat sie außerdem noch verpasste Anrufe aus Peru und Mexico. An der Ecke Delancey Street 1st avenue bleibt Laura stehen: „Mein Akku gibt gleich auf, ich muss noch einen Anruf machen und der Empfang wird immer schlechter hier“. Ich wünsche alles Gute, sie bleibt zurück.

Überfüllte Busse in Manhattan

An der Bushaltestelle 100 Meter weiter hat sich eine Traube von etwa 50 Menschen gesammelt. Mehrere Busse rasen überfüllt vorbei. „Immer wenn Wahlen sind passiert etwas in diesem Land“, kommentiert ein älterer Schwarzer mit Armeeparker, grauen Haaren und nur noch wenigen Zähnen, laut. Viele der Umstehenden die geduldig warten lächeln. Nach einer halben Stunde schaffe ich es mich in einen Bus zu zwängen.

Times Square

Am Times Square leuchten die bunten Leuchtreklamen wie eh und jeh. Doch auch hier nördlich der Linie 39. Straße, dem südlichen Teil von Manhattan, der seit Montagnacht ohne Strom ist, ist der Alltag noch nicht ganz wieder eingekehrt. Nur etwa die Hälfte der Geschäfte, Banken und Kinos sind geöffnet. Ein Muster ist nicht zu erkennen. Geöffnet haben offensichtlich haben die Geschäfte deren Angestellten es geschafft haben nach Manhattan zu kommen.

Geschlossenes Geschäft am Times Square

In einem Discounter nahe des Times Square steht Natalia vor einem Regal von Duftkerzen. „Douane Reade ist ausverkauft, dort haben sie keine Kerzen mehr“, sagt die junge Frau lächelnd, während sie an mehreren Kerzen riecht. Sie wohnt in Lower Manhattan und muss nun den Nachschub an Kerzen organisieren. Südlich des Times Square beginnt die Zone ohne Strom.

Bus Manhattan

„23. Straße letzte Haltestelle, 23. Straße letzte Haltestelle“ sagt die Busfahrerin auf dem Weg Richtung Lower Manhattan mehrmals durch. Wer weiter nach Süden will muss laufen oder das Taxi nehmen. Ich laufe die 23. Straße entlang zum Hudson. Vorbei an Con Edison Arbeitern, die an der Widerherstellung der Stromversorgung arbeiten, ratternden Generatoren vor vornehmen Residenzen und noch laufenden Pumpen, die Keller leeren.

Con Edison Arbeiter

Wasser wird aus einem Keller gepumpt

Militärhumvee auf der 11th ave, Polizist regel Verkehr

Hudson River Park after SandyAußer einigen umgestürzten Verkehrszeichen, abgerissenen Planen an Baugerüsten und dem etwas dreckigen Park erinnert hier am schicken Hudson River Park wenig an die Sturmflut vom Montag. Erst beim näheren Hinsehen sieht man die Spuren. An der Südseite der Chelsea Piers, heute ein großes Sportzentrum, wurden Schwimmstege durch die Flut so hoch getrieben, das sie an einer Seite auf den großen Eichenpfählen, an denen sie eigentlich festgemacht sind, hängen geblieben sind.

Chelsea Piers after Sandy

Der Hafen von New York ist schon seit Jahren tot, alte Piers verroten oder sie wurden mit Müll zugeschüttet und es wurden Luxusimmobilien auf ihnen errichtet wie im Fall der heftig vom Sturm betroffenen Battery Park City im Süden Manhattans. Andere wie die Chelsea Piers dienen heute hauptsächlich gastronomischen Zwecken und nicht mehr maritimen, doch am Chelsea Pier liegen noch einige Boote und Segler. Die Crew von einem Traditionssegler der sonst Tagesfahrten anbietet, entsorgt am Mittag Möbel, Bier und Sekt aus ihrem gefluteten Büro.

Chelsea Piers

In der Nacht zum Dienstag als die Sturmflut kam waren sie auf ihrem Schiff. „Der Motor lief die ganze Zeit um das Schiff gegen die Flut von der Pier wegzuhalten und die Schwimmstege in Position zu halten“, erzählt eine Frau. Weil die Flut weit über das Level der Pierkante gestiegen war drohte der Schwimmsteg und das Schiff über die Pier an Land geschwemmt zu werden.

In der noch weiter südlich gelegenen 14. Straße, im sonst belebten Meatpacking District, herrscht heute gähnende Leere. Nur einige Ladenbesitzer kontrollieren ihre Boutiquen. Ähnlich sieht es im Rest der Straße weiter östlich aus. Ohne Strom bleibt vielen Ladenbesitzern nur das Saubermachen und Warten.

Meatpacking District after Sandy

Vor seinem Haus sitzt ein Mann in einem Klappstuhl und liest einen Kunstkatalog. Er wirkt nicht sonderlich beunruhigt, nimmt die Katastrophe mit großstädtischer Gelassenheit. Drinnen sei es zu dunkel zum Lesen ohne Licht sagt er. Außerdem könne er so Ausschau halten ob jemand komme um den Strom wieder anzuschalten, meint er lachend.

Mann 14th street

Etwa 500 Meter weiter wuchten Mitarbeiter vom „Good Stuff Diner“ Lebensmittel vom Keller auf die Straße. Tunfisch Filets und andere frische Zutaten sind seit zwei Tagen wegen des Stromausfalls ungekühlt. Er werde insgesamt Lebensmittel im Wert von 40.000 Dollar wegwerfen sagt ein Mitarbeiter. „Was sollen wir tun?“, sagt er etwas hilflos schulterzuckend.

Diner 14th street

Gegenüber an der Straßenecke haben einige Bangladeshis ihren Clothing Store wieder geöffnet. „Wir müssen die Community versorgen“, erklärt der Verkäufer selbstbewusst. „Wir haben Handtücher, Decken, Taschenlampen, brauchst du welche?“, mit dieser Frage weist er auf die Auslagen, die er aus dem dunklen Ladeninnern herausgeholt auf Tischen vor dem Laden ausgebreitet hat.

Schräg gegenüber haben sich Menschentrauben neben einem Fernsehübertragungswagen gebildet. Der Generator des Wagens tuckert, eine Kabeltrommel und mehrere Verteilersteckdosen sind der Grund für den Menschenauflauf. Während die meisten nur ihre Handys aufladen, telefonieren einige gleich an Ort und Stelle mit noch eingestecktem Ladekabel.

14th streetHandy aufladen 14th streetAbgestürzte Fassade Chelsea 14th street

Auf der anderen Straßenseite erinnert die abgefallene Fassade eines Hauses an die Gewalt von Sandy. Das Bild ging in den letzten Tagen um die Welt. Mittlerweile hat die Polizei den Bürgersteig vor dem Haus mit Eisengittern abgesperrt. Spaziergänger, Touristen und Schaulustige, die immer wieder vor den Absperrungen direkt auf der Straße stehenbleiben und Fotos machen,  werden per Lautsprecherdurchsage ermahnt weiterzugehen.

Am Union Square, im East Village und  in der Lower East Side verkaufen fliegende Händler Batterien, Taschenlampen und Feuerzeuge, an die die ausharren. Die anderen, Studierende aus den Dorms der New York University etwa, machen sich nach zwei Tagen ohne Strom mit Taschen, Decken und Kissen unter dem Arm zu Verwandten und Freunden in anderen Teilen der Stadt auf. Händler TaschenlampenAn den Straßenecken stehen Menschen die geduldig Taxis heranwinken. „Bring uns hier raus“, sagt eine junge Frau zu ihrem Freund. Andere haben sich offenbar eingerichtet. „How`s it going?“, ruft ein Mann seinem Nachbar zu, der mit Taschenlampe seinen Hund spazieren führt. „Its a pain in the ass“, beschwert sich der lautstark. Doch er sieht eher so aus als ob er gleich wieder nach Hause geht. In einer geöffneten dunklen Bar sitzen zwei Polizisten, diskutieren und machen Pause, während ihre Kollegin den Verkehr an der Kreuzung zur 1st Avenue regelt. Taxi East VillageObwohl hier die meisten Geschäfte geschlossen sind, haben einige Lebensmitteläden, Kioske und auch Pizzaläden wieder geöffnet. Die Gasöfen funktionieren offenbar noch. „Kommen sie herein, was brauchen sie?“, fragt eine Kioskbesitzerin und winkt Besucher in den engen dunklen Laden. Hinter ihr stehen ihr Mann und ihre Tochter und leuchten mit Taschenlampen die Regale ab. „Alles ok soweit, nur das Eis ist geschmolzen“, resumiert sie die noch laufende Inspektion des Ladens. Die Familie ist wie andere Ladenbesitzer am Morgen aus dem New Yorker Stadtteil Queens zu ihrem Laden im East Village aufgebrochen.

Kiosk East Village

Shop East VillageEinige Straßen weiter in der Orchard Street versuchen zwei Männer die runtergelassenen Metallrolläden ihres Shops zu öffnen, um in den eigenen Laden zu gelangen. „Kannst du uns helfen?“, fragt er. Kurze Zeit später gibt er auf: „Keine Chance ohne die Elektrik“.

Ladenbesitzer Orchard street versucht Laden zu öffnen

Orchard street

 

Ansonsten erinnern ein gutes Dutzend umgeknickte Bäume auf den Straßen der Lower East Side und des East Village an die Orkanböen, die hier Montagnacht durch die Straßen fegten. „Und das sind noch nicht mal die schlimmsten Schäden" murmelt ein Mann, der einen Kinderwagen neben einem umgeknickten Baum vorbeischiebt, seiner Frau zu. Nur wenige Meter weiter verkauft ein Pizzabäcker vor seinem Laden an einem improvisierten Stand Pizza.

Umgestürzter Baum

Polizisten Delancey StreetAm Nachmittag stellen Polizisten nahe der Williamsburg Bridge Leuchtscheinwerfer für die Nacht auf. Über die Williamsburg Bridge findet an diesem Tag eine kleine Völkerwanderung statt weil keine Busse zwischen Brooklyn und Manhattan fahren. Nicht nur die im Straßenbild von Manhattan immer präsenten Jogger, die wieder ihre Runden drehen, sondern auch auffallend viele Menschen mit Taschen und Koffern machen den halbstündigen Gang über die Brücke. Unter ihnen eine Touristin aus England mit ihren Töchtern. „Wir wollen zum Flughafen“, sagt sie während sie die Brücke hochstapft.

Williamsburg Bridge

 

Kommentare (7)

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Ehemaliger Nutzer 03.11.2012 | 10:48

Also Moritz, natürlich schließe ich mich den Meinungen von Goedzak, Magda und Beutelratte an *****!!!!! Klasse

Dachte aber, mach mal auf den Symmetriebruch aufmerksam, Beutelratte ... das war kein meckern, aber zuviel Lob macht den Blogger übermütig, kennst das doch von mir :-)

mowi 03.11.2012 | 18:06

Hier ein ähnlicher Artikel aus der New York Times von vorgestern (mittlerweile ist der Strom zumindest in der Lower East Side und im East Village wieder da):

"Eric Liebowitz, a photographer who lives on 19th Street, sat on the floor of the bank in a ski hat waiting for his phone to charge. “We are the dark people,” he said.

“The people uptown have no clue what’s going on down here,” he said — and he was enjoying himself, in a way. (...)

Some people said they had been turned away from hotel lobbies, other banks and cafes near 40th Street when they asked to charge their phones. It was as if, said Gabriella Sonam, a massage therapist who had biked up from the East Village, no one empowered in these places with electricity even knew a national emergency was going on just across the street.

“I’m not traumatized by the storm; I’m traumatized by the indifference,” Ms. Sonam said, near tears."

http://www.nytimes.com/2012/11/02/nyregion/above-40th-street-the-powerless-go-to-recharge.html

Eine Reportage über das Leben in den Projects ohne Strom:

In New York’s Public Housing, Fear Creeps In With the Dark

http://www.nytimes.com/2012/11/03/nyregion/in-public-housing-after-hurricane-sandy-fear-misery-and-heroism.html?hp&_r=0

Bilder aus New York:

http://www.nytimes.com/interactive/2012/11/02/us/2012-sandy-POD-4.html#/?slide=0

http://www.buzzfeed.com/ryanhatesthis/15-photos-of-new-yorkers-getting-back-to-work

Viel krasser als Manhattan hat es andere Gegenden getroffen, die zum Teil nicht so im Fokus der Medien stehen, ein Beispiel ist Piermont, ein kleiner Ort oberhalb von New York City:

http://www.youtube.com/watch?v=PC7SbAMj_04&feature=youtu.be


New York diskutiert jetzt endlich über den Klimawandel (O-Ton eines Kommentators in der Times: "Erst wenn er uns voll in die Fresse schlägt fangen wir an darüber zu reden"), das ist was Mitt Romney dazu zu sagen hat:

http://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=ZENtH3psXl4