archinaut

nirgends.......... sicher... nie

13.02.2012 | 23:52

Weiße Stadt – im Lauf der Zeit

 

 

Kinder sind ein Geschenk, sagt man.... gedankenlos, in aller Unschuld. Aber das ist nur die halbe Wahrheit: Geschenke kann man zurückweisen.

Über die Nacht in der Weißen Stadt haben wir beide erst wieder gesprochen, als wir zusammen dieses Treffen vorbereitet haben, die Einladung an Euch, unsere lieben Freunde.... und wir mussten feststellen, dass unsere Erinnerungen sich in ganz wesentlichen Punkten unterscheiden.

Ich soll die Geschichte so erzählen, wie ich mich erinnern kann, hast Du gesagt. Und so möchte ich jetzt weiter reden, wenn Ihr noch mehr von unserem ersten Besuch hier hören wollt.

Es war nicht ganz still in jener Nacht, das Meer war wie von fern zu hören, weil unser Zimmer auf der anderen Seite lag, ein dumpfes Raunen webte der Nieselregen in den nächtlichen Wald vor unserem Fenster, als ich müde und erschöpft vom Streit sagte, dass wir uns trennen müssen...

Aber es ist noch zu früh, sagtest Du nach einer kurzen Pause.

Das waren die letzten Worte, die ich in dieser dunklen Nacht von Dir hörte, und ich lag noch lange wach, weil ich wusste, weil ich doch ganz genau wusste, wie recht Du hattest.

Ich schlief, bis unsere Tochter mich wieder weckte, sie greinte hungrig, ich legte sie an Deine Brust wie viele Male zuvor, ohne Deinen Schlaf zu berühren.... drehte mich dann zum Fenster und sah hinaus zum Himmel über dem Wald, wo das feine Rot der Morgensonne leuchtende Muster in die Nachtwolkenschatten zeichnete.

Weil ich ja wusste, dass wir in dieser Nacht keine andere Entscheidung treffen konnten als in unserer Konditionierung vorgesehen, keine andere Entscheidung vor uns selbst hätten rechtfertigen können als das Weitermachen, keine andere Entscheidung, die uns weniger unglücklich gemacht hätte.

Wenn ich später an die Nacht in der Weißen Stadt denken musste, habe ich nie das Gefühl gehabt, den falschen Weg eingeschlagen zu haben.... aber wenn ich ehrlich bin, kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ob dies die beste aller möglichen Alternativen war.

Ich weiß nur, dass ich nie bereut habe.

Was ich aber unterschätzt habe: wie verletzlich wir werden, wenn wir ein Kind haben. Wir sind plötzlich erpressbar. Wir müssen die Miete für eine Wohnung aufbringen, wir müssen regelmäßig arbeiten und doch Zeit aufbringen für unser Kind. Wir müssen für ein Kind sorgen, dafür müssen wir die Sorge um uns selbst zurückstellen. Wir sind nicht mehr Paar, nicht mehr Individuum, wir sind Eltern. Dieses Wort kennt kein Singular. Eltern sein geht nur mit Kind. Man ist zu zweit oder zu dritt, nie mehr allein.... was für eine Zumutung der Natur, was für eine Prüfung!

Es ist nicht so, dass ich neidisch auf die Freunde wäre, die ihr Leben nicht mit Kindern belastet haben. Vielleicht möchte man gelegentlich tauschen, für einen Tag oder für eine Woche. Damit man solange die Angst nicht mehr spürt, die geheime Angst, die einen nie mehr verlässt, solange man um ein Kind sorgt.

Ob ich die Entscheidung von damals wieder treffen würde nach allem, was ich inzwischen erlebt und erfahren habe? Oh nein, fragt nicht danach, ihr wisst doch, dass es für jede Entscheidung nur einen einzigen passenden Moment geben kann....

Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist die Gründung einer Familie absolut unrentabel, habe ich irgendwann in einer Studie über die Kosten eines Kindes gelesen, die Untersuchung errechnet Kosten in Höhe von etwa zweihunderttausend Euro bis zum achtzehnten Lebensjahr für das erste Kind.... es gibt andere Berechnungen, die niedriger liegen, aber alle Studien belegen Kosten über hunderttausend Euro....

Ja, wenn wir ehrlich sind, müssen wir uns eingestehen, dass wir herzlich blauäugig in eine gefährliche Kampfzone geraten sind, die uns nicht nur mental, sondern auch wirtschaftlich schwer mitgenommen hat.

Und wir wissen nicht, ob wir uns besonders ungeschickt angestellt haben oder ob wir einfach zu wenig Fortune hatten.... die falschen Jobs, besonders anspruchsvolle Auftraggeber, habgierige Vermieter.... was auch immer.

Die bürgerliche Ehe wird per Gesetz als Zugewinngemeinschaft definiert, ist das nicht eigenartig? Steigt die Bilanzsumme einer Liebe Jahr um Jahr wie in einer umsatzverwöhnten Kapitalgesellschaft?  

Wir haben zugelegt. Wir haben bescheidene Erbschaften verbraucht, wir haben Sparverträge gelöst, wir haben Schulden.... für das bürgerliche Lager sind wir wohl verloren: Und ich weiß ja, dass es vielen von Euch gerade so ergangen ist.... Wir haben unsere Kinder, und wir haben nichts als unsere Kinder, die bleiben...... wir sind Proletarier geworden im wahren, ursprünglichen Wortsinn: die nichts einbringen können außer ihren Nachkommen. 

Müßig bleibt zu spekulieren, ob wir am Ende oder am Anfang einer Entwicklung leben, ob wir am Rand stehen oder in der Mitte eines noch zu beschreibenden Stroms fortgespült werden in eine nomadische, vielleicht prekäre Zukunft, fort von den vertraut wirkenden Ufern eines Lebens nach bürgerlichen Idealen.

Aber ich will Euch nicht langweilen, wir wollen heute feiern. Wir sind noch einmal davongekommen, auch wenn es nicht immer günstig für uns aussah... ja, den Grund der Einladung sind wir Euch bisher schuldig geblieben, habt noch einen Moment Geduld... greift zu, es ist weiterhin genug zu essen da!

Die Sonne ging auf nach dieser ersten Nacht in der Weißen Stadt, verlässlich wie immer, vertrieb sogar die meisten Wolken, sodass wir uns gegen Mittag einen Strandkorb auf der anderen Seite der verwitterten Promenade sichern konnten, es war sehr kühl geworden durch die Regennacht, und wir blinzelten stumm, fremd und traurig in die kalte Sonne, zu unseren Füßen im kühlen Sand der einzige Mensch, der uns aus diesem Unglück erlösen konnte.

Zehn Monate alt war unsere Erstgeborene damals, eine Tochter der Nacht, zwei Jahre später schenkten wir uns die Tochter der Sonne.

 

 

Prolog zum Gastmahl am Meer

menschenlippen, menschenhaut

Begrüßung der Gäste

Vorstellung der Weißen Stadt

Das Leben ist eine Reise

Nach Osten

Weiße Stadt am Horizont

Nacht in der Weißen Stadt

Weiße Stadt – Im Lauf der Zeit

Stärker als der Tod – Hochzeit Blau


 

Hier endet der 265. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion mit Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

 

Next

Back

Klick zum Gästebuch

 

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
goedzak schrieb am 14.02.2012 um 00:03
Mann, archie, was soll ich sagen, die weiße Stadt ist das Beste von Dir hier! Habe vielen Dank!
archinaut schrieb am 14.02.2012 um 00:30
Freu mich sehr, lieber goedzak,
dass Du noch zugehört hast..;-))
kay.kloetzer schrieb am 14.02.2012 um 22:57
Ich schließe mich da jetzt mal wortkarg an. es spricht ja alles für sich. danke!
archinaut schrieb am 15.02.2012 um 00:17
Auch Dank
für karg ;-))
abghoul schrieb am 14.02.2012 um 08:33
archie, das ist viel zu wahr.
Sowas sagst du besser nicht, ohne dem wahr ist doch alles viel einfacher.
Was soll ich sagen,... beeindruckend.
greetings from the pit
abghoul
archinaut schrieb am 15.02.2012 um 00:30
"Die Zeit vergeht, und allmählich wird alles wahr, was man erlogen hatte," habe ich heute im SPIEGEL gelesen
(war ein Zitat von Proust ;-))
SuzieQ schrieb am 14.02.2012 um 20:23
Lieber archinaut,

Mmmh, dankeschön für eine weitere kleine Reise.

"Aber es ist noch zu früh" konnte man hören : )

"...aber wenn ich ehrlich bin, kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ob dies die beste aller möglichen Alternativen war" zum Glück kommt noch "Ich weiß nur, dass ich nie bereut habe" nach.
Hör mal, die beste aller möglichen Alternativen? Hinterher ist man immer schlauer.
Vielleicht hast Du die beste Ehefrau von allen. : ) Gruß von Kishon.

"ihr wisst doch, dass es für jede Entscheidung nur einen einzigen passenden Moment geben kann..."
Es kann aber im nächsten Moment schon wieder eine neue Entscheidung anstehen. Die die vorherige revidiert...

"Wir haben unsere Kinder, und wir haben nichts als unsere Kinder, die bleiben..."
Und damit sind wir reicher als Könige.

Herzlichen Gruß, Suzie
archinaut schrieb am 15.02.2012 um 00:42
Ach ja, reiche SuzieQ,
hoffen wir für unsere Königskinder...

Wie Kishon!
Er hat ja nicht nur über die beste Ehefrau von allen,
sondern auch über sein Söhnchen geschrieben..;-))
poor on ruhr schrieb am 14.02.2012 um 21:24
Lieber archie, ganz toll. Ich freu mich immer solche schönen Sachen von Dir zu lesen. Das ist doch Dranbleiben das Allerwenigste! ;O)

Herzliche Grüße

por
archinaut schrieb am 15.02.2012 um 00:43
Lieber por,

greif zu, nimm Dir auch was zu Essen,
solange es noch warm ist!

Herzlichst
archie
poor on ruhr schrieb am 15.02.2012 um 09:14
Lieber archie,

danke für die Einladung. Mjahmmm, schmeckt das gut. ;O)

Herzliche Grüße

por
archinaut schrieb am 16.02.2012 um 00:27
.... und vergiss nicht zu tanzen,
solange die Musik spiel....;-))
archinaut
Ein Blick weitet den Horizont: Dieser Blog zieht um die deutschen Häuser
Ort:
Quedlinburg/Berlin
Mitglied seit:
2 Jahre 42 Wochen
Zuletzt aktiv:
24.05.2012
Status:
Blogger
Aktivität:
Beiträge: 333
Kommentare: 5394
Mein Web:
Logbuch
22:27
Lapis hat gerade einen Kommentar geschrieben.
22:24
Vertrauen hat gerade einen Kommentar geschrieben.
22:16
Hakan Civelek hat gerade einen Kommentar geschrieben.
22:04
DagmarSchatz hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
22:04
luddisback hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG