archinaut

nirgends.......... sicher... nie

03.02.2012 | 23:56

Weiße Stadt am Horizont

 

In jedem Jahr gibt es einen Tag, an dem der Sommer stirbt, liebe Freunde, in manchen Jahren über Nacht mit einem schmerzhaften, kalten Schnitt, in anderen Jahren ertrinkt der junge Sommer in der grauen Melancholie einer verregneten Juliwoche, nur ganz selten reift der August in den Herbst mit warmen, sternenlosen Nächten und sonnensatten Wochen bis in den Oktober... erst im Rückblick ist zu erkennen, wie groß der Sommer war.

Als wir von Wismar aufbrachen, blieb die Sonne im trüben Wolkendunst verhüllt, obwohl der Tag schon fast die Mittagsstunde erreichte: den Morgen hatten wir für einen Stadtspaziergang genutzt, vor uns den Buggy mit unserer kleinen Tochter im Mäanderkurs über zerklüftete Pflasterflächen der historischen Schwedenfeste bugsierend...

Wir nahmen die Straße nach Nordosten, die uns möglichst dicht an der Ostsee entlang führte, wir folgten nicht dem verlockenden Hinweis zur Insel Poel, umrundeten das ausgedehnte Salzhaff und fanden schließlich in Rerik den Blick auf die graue See... in Sichtweite ein rostiges Tor mit dem rotgeränderten Warnschild Militärisches Sperrgebiet, darunter noch verwitterte kyrillische Buchstaben....

Inzwischen war es sehr windig geworden, erste Gischtfahnen glänzten kurz über den Wellen, der unentschlossene Tag am Rande des Sommers hatte sich weiter abgekühlt. Auch der nächste Badeort verhieß wenig Wärme, Richtung Kühlungsborn ging es jetzt, meine Liebste hatte sich mit der Kleinen zum Stillen auf die hinteren Sitze zurückgezogen, und ich überlegte sorgenvoll, wann wir unser Tagesziel wohl erreichen würden: In einer Zeitschrift hatte ich einen kurzen Bericht über Heiligendamm gelesen, die Bilder dazu hatten mich sofort in ihren Bann geschlagen hatten, ja, wir mussten unbedingt die Weiße Stadt am Meer sehen!

Aber die oft geübten, Trost und Nahrung spendenden Rituale zwischen Mutter und Kind wollten ihren Takt nicht finden, das Köpfchen drehte sich immer wieder zur Seite, und die Brüste schmerzten doch schon...

Schließlich brach sich Empörung Bahn. Warum müssen wir die ganze Zeit fahren? So habe ich mir das nicht vorgestellt! Wir haben ein kleines Kind, es ist doch völlig idiotisch, die ganze Ostseeküste abzuklappern! Wir brauchen ein Zimmer, wo wir ein paar Tage bleiben können! Ich will an den Strand, unser Kind soll im Sand spielen, dafür bin ich mitgefahren! Ärgerlich und gereizt war meine Liebste jetzt, alle möglichen Vorwürfe schleuderte sie mir von hinten wütend in den Rücken, während ich den kleinen Wagen über die kurvenreiche Landstraße steuerte....

Ihr Ausbruch überraschte mich völlig unvorbereitet. Eine Fahrt ins Blaue war für mich die höchste Kunst der Reise: nichts erwarten, alles finden. Aber ich hoffte, dass es morgen wieder wärmer werde, in der Weißen Stadt am Meer wird alles gut, dachte ich, wir werden uns einen Strandkorb suchen, wie es sich für junge Familien gehört....

 

 

halbgefrorene ostsee vor prerow im januar 2011

Photo: kay.kloetzer



Prolog zum Gastmahl am Meer

menschenlippen, menschenhaut

Begrüßung der Gäste

Vorstellung der Weißen Stadt

Das Leben ist eine Reise

Nach Osten

Weiße Stadt am Horizont

Nacht in der Weißen Stadt

Weiße Stadt – Im Lauf der Zeit

Stärker als der Tod – Hochzeit Blau

 

 

Hier endet der 258. Eintrag: Dieser Blog mischt Fiktion mit Realität. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind zufällig und in der historischen Überlieferung nicht verbürgt. Ich bin nur der Navigator, mein Name sei NEMO:

Ich schreibe um unser Leben. Bitte bleib dran.

 

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Kommentare
kay.kloetzer schrieb am 04.02.2012 um 00:17
ach wie schön: der sterbende sommer, der kalte schnitt, das ertrinken des jungen sommers "in der grauen Melancholie einer verregneten Juliwoche" und der nur ganz selten in den herbst gereifte august ... und die letzte ausfahrt weiße stadt! denn ohne meer bleibt auch das zuviel zu wenig. das merke ich gerade, dein blog lesend, weil wegen freiburg in diesem winter die ostsee ausgefallen ist. gerade jetzt wäre ich gern dort.
und nun versuche ich mal ein bild einzubetten, falls es nicht klappt (wovon ich ausgehe): es ist die halbgefrorene ostsee vor prerow im januar 2011:
https://lh6.googleusercontent.com/-bMgnDZr4Bdk/TwOKQ72LeII/AAAAAAAAAwI/smwrVuhiVtg/s720/DSC03888.JPG
kay.kloetzer schrieb am 04.02.2012 um 00:17
ja. wie geht das?
archinaut schrieb am 04.02.2012 um 00:38
Liebe kay.kloetzer,
beim Einbetten von Bildern in Kommentare erlebe ich auch immer wieder Überraschungen, daher habe ich mir erlaubt, das Bild in den Blog zu nehmen (hoffe auf deine Erlaubnis ;-))
YouTube geht aber ganz einfach,
wenn man die richtigen Knöpfchen findet....
kay.kloetzer schrieb am 04.02.2012 um 00:44
da ist es! danke. ja, youtube kann ich dank rosa sconto, aber picasa überfordert mich. zumal die schon wieder irgendwas geändert haben neulich vor ein paar monaten ...
archinaut schrieb am 04.02.2012 um 00:48
Ja, das Internet lebt!
kay.kloetzer schrieb am 04.02.2012 um 00:29
übrigens verstehe ich die genervte kindsmutter. manchmal kann man freiheit empfinden, wenn man gebunden ist, und sei es an einen strandkorb.
archinaut schrieb am 04.02.2012 um 00:42
... Freiheit, die ich meine....

Frauen und Männer passen einfach nicht zusammen,
wusste schon Loriot ;-((
kay.kloetzer schrieb am 04.02.2012 um 00:51
nun ... also ... naja ... ach was, das kann immer passieren, wenn jemand, den man zu kennen wagt, sich für einen moment verändert. am montag erscheint michael ondaatjes neuer roman "Katzentisch", in dem es im wesentlichen um die schiffsreise und freundschaft dreier ca. elfjähriger geht, die nach großbritannien einwandern, in den 50er jahren. darin heißt es: „Es würden immer Fremde wie sie sein, die mich an den verschiedenen Katzentischen meines Lebens zu einem anderen Menschen machen sollten.“ so ist es wohl auch mit der fremdheit. man sucht sie und man flieht sie. es kommt auf den moment an. was ich auch schön fand: „Was interessant und wichtig ist, ereignet sich in der Regel im Verborgenen, an machtfernen Orten (...) Diejenigen, die Macht besitzen, bleiben in der vertrauten Fahrrinne, die sie sich ausgebaggert haben.“ ich denke, das buch könnte Dir gefallen.
archinaut schrieb am 04.02.2012 um 02:42
".... die Katzentische des Lebens,"
ja, das klingt verheißungsvoll ;-))
Das Buch kommt sofort auf die To-Do-Liste!
abghoul schrieb am 04.02.2012 um 00:50
Schöne Reise, archie.
Dankeschön.
@kay gezielte Reise, gebuchte Plätze, gemietete Strandkörbe...
naja, Freiheit ist ein sehr subjektiver Begriff...
kay.kloetzer schrieb am 04.02.2012 um 01:00
@abghoul
nun, der strandkorb muss ja nicht gemietet sein, nur da sein, so als möglichkeit.
und wirklich: manchmal beobachte ich in den urlauben frische eltern, die ihre säuglinge teilhaben lassen an alldem, woran sie selbst spaß haben. da können die interessen aber sehr auseinandergehen, glaube ich.
meine subjektive freiheit ist auch das na-mal-sehen. das bade ich allerdings allein aus (oder zumindest unter mehr oder weniger gleichaltrigen).
archinaut schrieb am 04.02.2012 um 02:47
Reise
ist mein Lieblingsort,
freundlicher abghoul ;-))
archinaut schrieb am 04.02.2012 um 03:03
Ach ja, liebe kay,
im Tragekörbchen kann ein Säugling noch überall dabei sein, erst wenn er zu groß für's Körbchen wird, beginnen die Interessenkollisionen....
Georg von Grote schrieb am 04.02.2012 um 04:39
So langsam beginne ich diese "Serie" zu lieben. Nein gelogen.
Schon der erste Beitrag hat mich gepackt.

Und wenn ich jetzt auf die zugefrorene Ostsee blicke, werde ich melancholisch, Dann will ich wieder Planken unter den Füßen haben, das Wiegen der Wellen spüren und in den Horizont segeln. Weit, weit weit, Ohne Plan.
archinaut schrieb am 04.02.2012 um 17:37
...ja, Segeln gehn,
den Wind nehmen,
das ist der Plan.....
h.yuren schrieb am 04.02.2012 um 07:24
eine geradezu arch(i)etypisches idyll, lieber archie. die heilige familie vom ostseestrand. neueste version der biblischen geschichte.
archinaut schrieb am 04.02.2012 um 17:39
Oh, vielen Dank, wortreicher h. yuren,
ein herzliches Dankeschön für die illustre Gesellschaft!
Nashira schrieb am 04.02.2012 um 11:39
freude beim Lesen. Und genauso machen wir es auch: Nicht fahren. Strand. Sand. Zehen ins Wasser. Ob warm oder kalt. Aber hier und jetzt und nicht dort und drüben, morgen oder übermorgen.
archinaut schrieb am 04.02.2012 um 17:41
Freude beim Schreiben finde ich, liebe Nashira,
wenn ich so freundliche LeserInnen finde:
hier und jetzt lesen,
schreiben für morgen und übermorgen ;-))
poor on ruhr schrieb am 05.02.2012 um 13:11
Wismar ist für mich auch eiune faszinierende Stadt, auch wenn ich noch nie dagewesen bin, lieber archie. Du hast so schön den Zauber dieser Hansestädte beschrieben, auch wenn ich nachvollziehen kann, dass die Frau mit dem Kind auch noch nach etwas Anderem sucht. Ich liebe Wismar.

Herzliche Grüße

por
archinaut schrieb am 05.02.2012 um 17:08
.... Du erinnerst mich daran, lieber por,
dass ich schon zu lange nicht mehr da war.

Ob es das Eiscafé gegenüber vom Alten Hafen wohl noch gibt....

fragt sich
archie
poor on ruhr schrieb am 05.02.2012 um 17:15
Ich habe mir mal ein Wappen von Wismar anfertigen lassen. Wenn ich deinen Blog lese frage ich mich, ob ich statt dessen lieber hingefahren wäre und doch erübrigt sich die Frage weil das Wappen von Wismar dann doch nicht so teuer war, lieber archie. ;O) Ich bin aber beruhigt, wenn man Deinem Blog entnehmen dard, dass Wismar noch mehr zu bieten hat als Soko Wismar vom ZDF.

Liebe Grüße

por
archinaut schrieb am 05.02.2012 um 17:57
Fahr lieber nach Wismar,
wenn die Ostsee nicht gefroren ist, reiselustiger por!
poor on ruhr schrieb am 05.02.2012 um 17:59
Mache ich lieber archie! :O)
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