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Warum man beim Verstehen und Kochen immer wieder bei Null anfangen muss
Vorweg. Zu diesem Beitrag angeregt, wurde ich durch eine Rezension, die Magnus Klaue über ein Suhrkamp Buch zur „Gastrosophie“ schrieb. - Dazu eine Bemerkung: Rezensionen wirken oftmals ohne soliden Boden, wenn sie auf längere Zitate verzichten, ohne längere Inhaltsangaben auskommen müssen und sich sogar eine Charakterisierung der Hauptanliegen der besprochenen Autoren weitestgehend sparen. Woran es liegt, dass sich heute kaum noch eine Zeitungsredaktion traut, einmal vom New Yorker, vom Times Literary Supplement oder von einigen wenigen italienischen und französischen Publikationen abgesehen, die eine stärkere Anreicherung des Diskurses noch unbedingt wollen, auch wenn es ökonomisch eher ineffizient ist, also eine Rezension mit Zitaten und Zusammenfassungen zu drucken, mit denen der jeweilige Autor zumindest nachweisen kann, dass er mehr als den Klappentext und die Verlagswerbung las, weiß ich auch nicht so genau zu sagen (www.freitag.de/kultur/0952-gastrosophie-magnus-klaue-essen-rezepte-erlebnis-gastronomie-mahlzeit ) .
Mache ich es mir sehr einfach, dann ist daran das Lese- und vor allem das Seherpublikum schuld, das entweder immer schon Alles weiß, es sogar viel besser weiß, oder aber, es gar nicht mehr besser, sondern nur noch ungefähr, wissen will. D.h., das Publikum neigt dazu, eine dezidierte Meinung zu bejahen oder zu bestreiten, die Empirie dahinter allerdings, erscheint in einer Welt voller Fakten und Daten, eher belanglos und zweitrangig.
So, das war das Ende der Vorbemerkung, und schon bin ich bei meinem Thema, denn es ist eng mit Magnus Klaues Rezensionsthema und mit den dazu bereits eingestellten Kommentaren verknüpft. Daher geht auch mein Dank an die bisher dort schreibenden und sicherlich auch real kochenden Herren und an den Rezensenten. Damen werden sich sicher auch noch zu Wort melden.
Warum die Menschheit zwar mehr Kochbücher und mehr Kochsendungen produziert, als je zuvor in der Geschichte, aber trotzdem Schuldgefühle und eingestandenes Unwissen aus jedem neuen Beitrag zum Thema hervorlugen
Frühere Leben, ich meine die unserer Vorfahren, waren durch Einförmigkeiten und Gleichheiten in den Lebensstilen und sozialen Mustern in der je eigenen Lebenswelt bestimmt. Nur selten überschritt ein Mensch freiwillig die Grenzen seiner Erziehung, seiner Kultur, seiner sozialen Herkunft. Das ist schon einige Zeit nicht mehr so, vor allem, weil es diese sehr starren und irgendwie sozial verbindlichen Lebenswelten nur noch an den äußeren Rändern unserer westlichen Gesellschaften gibt. Dort, wo die Armut herrscht und dort, wo der Reichtum sich ein eigenes Gehege schaffte oder gerade dabei ist, dies zu tun.
Wir dazwischen, hegen den starken Wunsch, nicht mehr nur zu essen, was auf den Tisch kommt, sondern lesen und schreiben uns satt, übersättigen uns mit der Vorstellung von möglichst vielen Ess- und Lebenswelten, die nur medial wirklich existieren. In der Wirklichkeit gehen wir fünfmal die Woche in eine Kantine und es ist uns egal, sowohl quantitativ, als auch qualitativ. In der Wirklichkeit haben wir an das tägliche Essen in etwa so hohe Ansprüche, wie an unsere demokratischen Institutionen und an unsere Presse. Es sind keine hohen Ansprüche mehr. Dafür nehmen wir mit einem gehörigen Schuss Unterhaltung vorlieb.
Es gibt auch noch einige hochspezialisierte Gehege, z.B. die der politischen Think tanks, Internistenkongresse, der Umkreis des Kernforschungszentrums Jülich, das Large Hadron Collider Project, die CIA oder das FBI.... Solche sozialen Institutionen ließen sich bisher einigermaßen sicher in ihren Strukturen durch teilnehmende Beobachtung, „dichte Beschreibung“ oder Mitagieren und Reagieren, erforschen und beschreiben. - Die Wissenschaftler versuchen es nun sogar mit den sozialen Netzwerken ( www.freitag.de/alltag/0952-guardian-interview-netz-anthropologie ) . - Das tun Anthropologen und Sozialforscher anderer Provenienz schon so lange es ihre Wissenschaften gibt, das tun wir beständig in unseren, als eng empfundenen, aber kaum als durch uns gestaltbar betrachteten, realen Alltags-Lebensräumen. - Das ist doch seltsam, wir akzeptieren Alles wie es ist!
Heute wären selbst die besten und feinsinnigsten Feldforscher, wären selbst Künstler und Intellektuellen ohne Bindung an eine strenge, damit zwar wissenschaftlich aussagefähige, aber eben unendlich voraussetzungsreiche Methode, wohl viel zu vorsichtig und zu distanziert, um solchen Vorhaben noch zu trauen. - Die medialen Konsumentenwelten setzen längst mehr auf ein starkes Unterhaltungsmoment, bei dem nicht die Nähe zur Abbildung der Realität eine Qualität darstellt, sondern die Meinung zu einem Akt in dieser Realität, die absolute Hauptrolle spielt. Das könnte man als den „Jeans-Faktor“ der Cyberkultur des voll entwickelten Individualismus bezeichnen, so wie es die 2003 verstorbene Theologin Dorothee Sölle einst, in einer berühmt gewordenen Text -Anthologie aus dem Hause Suhrkamp, bereits als leisen Zweifel am Individualismus der Befreiung aus den Zwängen der langen 50er und 60er Jahre des letzten Jahrhunderts formulierte („Du sollst keine andere Jeans neben mir haben“, in: Habermas, Jürgen (Hg.), Stichworte zur >>Geistigen Situation der Zeit<<, Bd. 2, es- Suhrkamp, Bd.1000,F.a.M. 1979, S.541-553). Das ist ein allgemeines, so genannt stellvertretendes, uneigentliches Meinen, letztlich eine reine Unterhaltungs- und Anregungsfunktion, wie ein Kinobesuch, eine Talk-Show, ein Krimi vor dem Schlafengehen für die „Mimi“.
Neben vielen anderen, sozial auffälligen und bemerkenswerten Motiven und beobachtbarem Verhalten, hat sich aber eine Tatsache besonders stark in den Vordergrund geschoben. Wir bleiben, außer für den ganz allgemeinen täglichen individuellen Lebensvollzug, meist Laien und Unwissende im Umgang mit Informationen oder Sachverhalten, tun jedoch beständig so, und müssen beständig so auftreten, als seien wir zumindest „Kenner“, in manchen Fällen, sogar „Experten“. Das wird gesellschaftlich erwartet. Besonders viele mediale und alltägliche Experten gibt es für das Autofahren, den Fußball, die Politik, soweit sie medial „auf dem Schirm“ ist und selbstverständlich für das Kochen und die Musik.
Ein Lebensbereich widersetzt sich hartnäckig jeglicher Art des Expertentums. Das ist die liebende Beziehung, in dem sogar unsere ganzen Kultur- und Kunstprodukte die sich mit diesem Thema beschäftigen, eher große Unsicherheit ausstrahlen und meist ein Scheitern beschreiben. Nur bei Rosamunde Pilcher wartet am Ende fast immer ein Nirwana-ähnliches, Happy end. - Kein Wort an dieser Stelle dazu.
Ein „leuchtendes Vorbild“, besser sollte ich sagen, ein Abgrund der Dunkelheit, sind die medialen Auftritte medial Prominenter, die, sagen wir zum Spaße einmal, einen wichtigen Unterwasserkrimi schrieben und nun zum Thema Ozeane und Schwarmintelligenz als auskunftsfreudige und eloquente Gesprächspartner dienen, die über Pilgerwege ziehen und schon als Experten für die stille Einkehr und Besinnung funktionieren, oder qua neuntwichtigster Kolumne des Landes, plötzlich als Experten von Auslegung bis Auslegware auftreten, ja, dazu regelrecht eingeladen werden. Schauspieler, die, nachdem sie Mutter oder Vater spielten, oder den verlorenen Sohn, oder die gefallene Tochter gaben, nun zu Experten für dissoziale Jugendliche, alkoholisierte Kinder, geschlagene und geprügelte Familienmitglieder und, je nach Filmrolle, zu Tierschützern und medialen Hilfssozialarbeitern mutieren.
Das Kochen ist also so ein Bereich, wie das Kinder kriegen, die Scheidung, der Tod, die Gewalt gegen Menschen und Sachen, Krankheiten aller Art und die ewige Frage nach der rechten Ökonomie und nach der Totalität dieser Ökonomie.
Einerseits herrscht großes Misstrauen, denn kaum Einer oder Eine kann noch kochen. Allenfalls gesteht man Kenntnisse dazu noch jenen zu, die Thilo Sarrazin jüngst als „Unproduktive“ verunglimpfte, oder, es wird nur noch jenen Kreisen zugetraut und zugeschaut, die über einen hohen Grad an freiem Zeitmanagement und dazu noch über ausreichende Kapitalien verfügen, längere Zeit höchst ineffizient sein und bleiben zu können, also Muße zu haben. Andererseits ist Kochen, wirkliches, lustvoll-kreatives Kochen, eine im höchsten Grade ineffiziente Tätigkeit und geradezu zerstörerisch für jede globale arbeitsteilige Produktion. - Das ist jetzt nur ganz am Rande eine Gesellschaftskritik, sondern in diesem speziellen Falle viel eher ein Beispiel, welches erklärt, warum zwar unser Wissens- und Informationsangebot stetig, exponentiell und inflationär wächst, aber die eigentlichen individuellen Fähigkeiten bei ganz grundlegenden Dingen wie Kinder erziehen oder Lieben, oder Kochen oder Gärtnern, deutlich zurück gehen. Meist ist es übrigens nicht eine grundlegende Unfähigkeit oder Unkenntnis, sondern eine Art Verschüttung und Überdeckung zutiefst menschlicher Potentiale, die in der Flut an einströmenden Hinweisen und Meinungen dazu, was unbedingt wichtig ist, in der wachsenden, aber beständig überspielten individuellen Selbstunsicherheit, untergegangen sind.
Warum eine virtuelle Community bewusst falsch spielen muss, um sich nicht in Belanglosigkeiten zu verlieren
Zeitungen, vor allem jene, die mehr sein wollen als Anzeigenblätter, Erweiterungen der Tagesschau und der Heute-Nachrichten, mehr als nur die vollendete Ausformulierung von dpa-Meldungen und den anderen fünf wichtigsten Nachrichtenlieferanten, Zeitungen wie „Der Freitag“ haben es daher per se schwer und die Aufgabe wird noch schwerer, weil bei gebildeten und professionellen Lesern und Schreibern das Wissen um die eigenen Laienhaftigkeit und Oberflächlichkeit fast immer zu einer ganz ausgeprägten Selbstunsicherheit führen muss.
Wer nichts weiß, aber glaubt, ganz besonders zu wissen, was wichtig und richtig ist, der schreibt mit dem größten Mut und häufig allerdings auch mit Übermut. Der bildet Theorien für das Leben an sich und für sich, selbst wenn die Zahl der überhaupt menschlich zu fassenden Möglichkeiten und Ausgänge begrenzt ist. Selbst ganz große Philosophien, Religionen und wissenschaftliche Erkenntnisse, werden in dieser Art und Weise, meist gegen den erklärten Willen ihrer Schöpfer, missverstanden.
Online Debatten kreisen häufig um das „Wie“ des Dialogs und um die akzeptable Etikette. Viel häufiger, als das am Tresen, beim Gastmahl, in der Familie, am Arbeitsplatz, in der Freizeit oder gar an der Universität, in einem Verein oder bei einer Vereinigung, allgemein, von Angesicht zu Angesicht, notwendig wäre.
Die „Community“ behauptet etwas, nämlich Gemeinschaft, das sich virtuell, so zumindest meine erfahrungsangereicherte These, nicht wirklich herstellen lässt. - Der Test, „The proof of the pudding is in the eating“, lässt sich nur in der Realität und in konkreten Handlungen und Situationen durchführen und genügend oft wiederholen, um daraus die Sicherheit zu gewinnen, zu verstehen was der Andere wirklich meint und will. - Leider gelingt dieses Eingeständnis der eigenen Ohnmacht gerade gegenüber virtuellen Partnern am allerschlechtesten. Leider gelingt es, angesichts einer notorisch selbstunsicheren Lebenswelt, immer häufiger nur unvollkommen, die groben Missverständnisse zumindest zu bedauern.
Ein Ausweg wäre, diese Tatsache des häufigen Scheiterns von Kommunikation zumindest für die „Der Freitag“-Community rundweg anzunehmen. - Das Glück eines Verständnisses, die Chance, sogar das ganz Andere und Fremde zumindest wahr zu nehmen, ist dann ein unverhofftes Geschenk aus dem Dialog. - Eine solche Haltung beseitigte auch die notorische Überforderung in einer nicht- realen Gemeinde oder Gemeinschaft, die noch nicht einmal allzu klare, gemeinschaftliche Aufgaben und Ziele kennt. Eine solche Haltung führte zurück an den Punkt, an dem man sich nur deshalb anstrengt, um eine Sache, eine Meinung, eine Ansicht so in Worte zu fassen, dass sie nach eigenem menschlichen Ermessen nicht missverstanden werden kann. Diese Anstrengung lohnte aus sich heraus.
Eine Gemeinschaft zum Schein, in der Virtualität des Web, hier beim „Der Freitag“, müsste also erheblich mehr Mühe aufwenden, müsste die Ansprüche an die Form und die Verständlichkeit höher hängen, als jede reale Gemeinde oder Gemeinschaft. Netzwelten verlangten nach mehr Klarheit im Ausdruck, auch mehr Mut zur Wiederholung und zum häufigen erneuten Anfangen beim Wissens- und Meinungsstand Null, weil eben nichts voraus gesetzt werden kann,vor allem nicht, eine lange personale, kontinuierliche und reale Kontaktaufnahme zu irgend einem individuellen Gegenüber.
Das ist, wenn man den Anspruch stellt, nicht nur dahin quasseln möchte (auch das hat seine Berechtigung!), ganz schön anstrengend und nervend. - In der Blogger- und Netzrealität wirken aber viele unbewusst und manche ganz absichtlich , in genau die entgegengesetzte Richtung. Vielleicht aus Scheu vor der Anstrengung? - Dazu im Folgenden mehr.
Steht unser Text, ein gesampelter oder verlinkter Ton oder gar ein Bild Online, zuletzt sogar im Print-Medium, sind wir schon längst weiter. Wir haben den Kampf mit unserem Text, unserer Ausdrucksform, hinter uns oder handelten gar als hemmunglose Voluntaristen, gänzlich ohne solchen inneren Widerstreit, zumindest hier im Blog und in den anderen virtuellen Klubs der kommunizierenden Seelen.
Wir glauben, uns selbst und das was wir hingeschrieben haben, verstanden zu haben, tun jedenfalls so, und allzu oft leiten wir daraus ab, der Nutzer, Leser, Mitkommunade müsse zumindest unserer gute oder schlechte Absicht verstehen oder ahnen. - Wenn jetzt schon einige unruhig auf ihren Sesseln, vor ihren Bildschirmen oder Lesegeräten herum rutschen und Widersprüche anmelden wollen, -das wäre normal-, bitte ich noch um etwas Geduld, denn ich bin noch nicht ganz an ein Ende gelangt.
Einige Haltungen in einer Gemeinschaft, die eigentlich keine ist
Auch hier ein Vorweg. Keinesfalls soll das nun Folgende einen Kommentator, einen Autoren oder gar einen der professionellen Macher dieser Community beleidigen. Allenfalls dazu anregen, über die eigene Rolle nachzudenken, die sich in virtuellen Gemeinschaften nicht etwa selbstverständlicher ergibt als in der wirklich gelebten Realität, sondern in einem noch viel stärkeren Maße konstruiert und erkünstelt ist.
I Ich meine, also heute, und Morgen schon ganz anders
Was individuell spielerisch wirkt, gar als oberflächlich kreativ und gescheit daher kommt, kennzeichnet andererseits eine Haltung, die dem je anderen, virtuellen Gegenüber kaum eine Chance lässt. Entweder, weil diejenigen mit einer solchen Haltung davon ausgehen, die vielen Gegenüber oder der Nachbarn im Web agierten grundsätzlich mit der gleichen Grundüberzeugung, mit dieser Art von „Netzphilosophie“, oder, weil sie egal welche Themen auch anstehen, von der grundsätzlichen Unernsthaftigkeit der virtuellen Welt tief überzeugt sind, auch wenn sie es nur selten sagen.
II Ich möchte an die Grenze gehen, beleidigen, einseitig sein, beständig urteilen, weil ich provozieren möchte, selbst wenn ich es mir nicht eingestehen kann, oder mir die eventuell einsetzende, emotionale Reaktion überhaupt völlig egal ist
Die virtuelle Community verleitet zu Dialog-Systemen permanenter kleiner Beleidigungen oder umgekehrt zu einer immer wiederholten Anbiederung an die Reaktanden solcher Kommunikation.
Es ist so, weil der Einsatz einerseits gering und andererseits wiederum total ist. Real so weit weg gerückt, kann man von sich selbst und vom je anderen, schreiben und sagen was einem gefällt. Noch leichter geht es, weil natürlich die Anonymität groß ist. - Achtung, das ist jetzt kein Plädoyer für die Aufgabe von Anonymität, sondern nur eine Aufforderung, beim eigenen Tun in diesen Anonymitäten, sich dieser angemaßten Überlegenheit aus der gegebenen Form, aus der Art der Kommunikation bewusst zu sein. - Es ist also gar kein Verdienst besonderer denkerischer Schärfe, besonders gut begründeter Argumente, besonders emotionaler und engagierter eigener Sprache, sondern ein Vorteil, der sich aus dem medialen Format, aus seinen schieren Möglichkeiten, ergibt.
Leider fällt es uns schwer, einen Blick auf die Nachteile zu werfen, denn das verletzte nicht nur unseren Egoismus, sondern auch den Schutz aus Selbstsicherheit, den es im Web gratis und en passant gibt.
III Ich habe nur ein Thema, alle anderen Themen, die Themen der Anderen, interessieren mich nicht
Das Thema, ein Anliegen, eine Faible, eine Schwärmerei, eventuell eine starke persönliche Fixierung aus einer Lebenserfahrung, werden so absolut, dass jeder Beitrag zu einer Ausformulierung dieses eigenen Haltepunktes wird. Neben dieser Eigenwelt haben andere Eigenwelten nur Bestand und Bedeutung, sofern sie als davon strikt abgetrennt formuliert werden. Jede leise Kritik an der ewigen Endlosschleife gerät dann zu einem persönlichen Schlagabtausch, der ohne die soziale Kontrolle in einer realen Umgebung, die immer wieder die Bedeutung der eigenen Fixierungen ohne viele Worte relativierte, ausartet oder auszuarten droht. So sind viele Blogger, aber auch viele professionelle Schreiber schnell enttäuscht, wenn die Rückmeldung im Web den eigenen Kernpunkt aufs Korn nimmt. Gedankenfixierte tun diesen Tort meist anderen Gedankenfixierten an. Fast jedes Argument wird dann zum persönlichen Treffer und verletzt.
IV Das Netz ersetzt Gedächtnis, Quellen, Zitate und alte Geschichten
„Sie haben ja überhaupt nicht gelesen, was ich seit undenklichen Zeiten hier, in meinem Blog, auf anderen Webseiten, in diesem oder jenem Buch, in dieser Ausgabe einer Zeitung, also hier und dort, zu diesem Thema schon geschrieben und gesagt, schon längst aufgezeigt habe.“ - Selbst die größten Denker und Künder und vor allem solche die sich beständig dafür halten, neigen zu dieser Art Argumentation. - Es bleibt aber ein Scheinargument, selbst wenn man in der Lage ist ständig noch einen Link, noch einen Text, noch eine Information nach zu legen. Mit diesem Scheinargument umgehen wir immer häufiger die hohe Hürde, einen Text an Ort und Stelle plausibel zu machen.
Das passiert übrigens Profis in den neuen Informationswelten nicht weniger selten, als den ganzen liebhaberischen Dilettanten, Freiwilligen und lustvoll motivierten Schreibern und Zeigern im Netz der Netze.
Die digitale Form verleitet dazu, weil sie, aufgrund der Schnelligkeit und fast zeitlosen Verfügbarkeit, die einzelnen Äußerungen radikal entwertet. Wenn es auf den Artikel, den Beitrag, den Kommentar, das Blog nicht ankommt, beginnt die Beliebigkeit an uns zu nagen. Ganz am Ende zählen bei manchen Zeitgenossen nur noch Quantitäten. So gelangen universitäre Bürokratien und Stiftungen für Bildungseffizienz zu ihrem Index für das „Publish or parish“, so schreiben sich „Reformer“ die Finger wund, der durchaus noch bildungshungrigen Jugend jeglichen Bildungs- und Ausbildungsgang in „Rankings“ vor zu stellen, so beginnen Zeitungen und Rundfunkmedien ihre Maßstäbe entlang von „Charts“ und Bestsellerlisten zu gestalten, so gewinnt die Prominenz über jede Form der Unsicherheit, die doch das eigentliche Wissen und einen großen Teil der Weißheitslehren der Menschheit ausmachen.
Tatsächlich müssten sich aber gerade Äußerungen im Netz einer mehrfachen und viel skrupulöseren Gewissensprüfung stellen, wenn das was geäußert wird, so wie immer wieder propagiert, tatsächlich bedeutsam werden sollte.
Es bleibt nur ein Ausweg, in der „Gastrosophie“ und ebenso für jegliche anderer Weisheitslehre. - Das Kochen mag mittlerweile unendlich kompliziert, detailliert und unendlich unübersichtlich beschrieben werden, ohne eine ernsthafte Haltung zu den Gegenständen der Beschreibung, ohne den inneren Wunsch, mehr als nur ein großes, chaotisches „Blabla“ zu erzeugen, entsteht aber auch aus der Masse der Bei- und Einträge zum Thema keine Qualität, wird nirgendwo ein Licht aufgesteckt.
Grüße
Christoph Leusch
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In Punkt I) konnte ich mich am ehesten wiederfinden. Allerdings nur in der Beschreibung, nicht in der Erklärung. Diese Plattform nehme ich manchmal viel zu ernst, aber das ist mein Problem.
Ihren Ansatz kann ich einerseits gut nachvollziehen. Anderseits befürchte ich den Verlust jeglicher Spontanität und im Ergebnis: Langeweile. Wem ich zu flappsig bin, der darf mich gerne ignorieren oder konfrontieren. Wer nicht will, dass ich in seinem Blog "quatsche", sage Bescheid. Jetzt habe ich wieder ganz schnell kommentiert...das Thema nehme ich aber nochmal mit... |
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Danke für die Mühe!
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Respekt, was für ein Text!
Ich gebs lieber gleich zu, ich bin Laie und habe kein wirkliches Spezialgebiet, jedenfalls bisher nicht. Allerdings muss ich ja nicht Philosophie studiert haben, um mich mit Philosophen zu beschäftigen. Du hast recht, mit Ernst, Sorgfalt und Basiswissen sollte man sein jeweiliges Thema schon angehen. Das mindeste wäre, dass ich selber von meinem Text überzeugt bin, bevor ich ihn veröffentliche. Gestehe, das war und bin ich nicht immer. Gerade eben habe ich - nur so zum Spaß - einen blog über den Asteroiden 2029 veröffentlicht, ohne viel darüber nachzudenken, ob das für irgendjemanden nützlich sein könnte. Zu leicht und verfügbar ist ist die Funktion "ok" und Kommentar absenden. Vielleicht sollte da vorher noch ein Warnfenster erscheinen : Wollen Sie diesen Kommentar/ Beitrag wirklich veröffentlichen? Deine Argumentation regt mich an, demnächst gründlicher, ernsthafter und überlegter mit den Sachen umzugehen, die ich hier oder anderswo im Netz zur Verfügung stelle. Damit ich nicht statt zu mehr Information womöglich zu mehr Müll beitrage. Hoffnung macht mir einzig der Satz von dir: "Meist ist es übrigens nicht eine grundlegende Unfähigkeit oder Unkenntnis, sondern eine Art Verschüttung und Überdeckung zutiefst menschlicher Potentiale, die in der Flut an einströmenden Hinweisen und Meinungen dazu, was unbedingt wichtig ist, in der wachsenden, aber beständig überspielten individuellen Selbstunsicherheit, untergegangen sind." Fühle mich zwar nicht direkt "verschüttet", aber doch irgendwie manchmal nicht ganz "ich selber", im Sinne von "mein Bestes geben" und auf das Miteinander mehr achten als auf pure Unterhaltung. Seufz. LG Feli P.S. @ merdeister Ich hoffe, du bleibst wie bisher! Hab bisher nicht festgestellt, dass du "gequasselt" hättest. Du fasst dich doch meist kurz und prägnant, aber verständlich! :) |
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Und wenn merde mal quasselt, lese ich ihn mit Vergnügen.
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du siehst, merdeister, du warst wohl doch nicht gemeint. du hattest den geringsten grund, dir schuldig an die eigene brust zu kloppen. die culpa liegt woanders. ich schließe mich feli und weinsztein an. der verlegenheitsknopf als reaktion auf felis komment ist ein typischer merdeister. danke.
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lieber columbus, als ich grundschüler war, gabs noch die schulspeise. die wurde in kesseln gekocht, die so groß waren wie waschkessel, mit darunter befindlicher feuerstelle.
an so einen kochkessel erinnert mich dein blog übers kochen und andere möglichkeiten, sich zu verbrennen. aus dem großen pott fisch ich mal was raus, das mir besonders schmeckt. (einen kochkessel sich einzuverleiben wäre zu vermessen) 1."In der Wirklichkeit gehen wir fünfmal die Woche in eine Kantine und es ist uns egal, sowohl quantitativ, als auch qualitativ. In der Wirklichkeit haben wir an das tägliche Essen in etwa so hohe Ansprüche, wie an unsere demokratischen Institutionen und an unsere Presse." 2."... ein Beispiel, welches erklärt, warum zwar unser Wissens- und Informationsangebot stetig, exponentiell und inflationär wächst, aber die eigentlichen individuellen Fähigkeiten bei ganz grundlegenden Dingen wie Kinder erziehen oder Lieben, oder Kochen oder Gärtnern, deutlich zurück gehen." in der hochgradig arbeitsteiligen gesellschaft, sagst du zu recht, ist das ganze do-it-yourself allenfalls noch das hobby am wochenende oder in der rente, nicht aber der normalfall. was ist denn dann vom menschen, vom ganzen menschen noch übrig, wenn er nurmehr in einem winzigen segment was versteht? lichtenberg schrieb: "Wer nur Chemie versteht, versteht auch die nicht recht." und schiller sprach im selben jahrhundert bereits von "Teilmenschen". dass die fähigkeiten nur "verschüttet" seien, habe ich im kontext 'überforderte eltern' schon mal gelesen. ist wohl nur ein frommer wunsch. manchmal wird's stimmen, oft aber auch nicht. in dem großen pott hab ich vergeblich nach deinem rezept gesucht. nach deinem kochkunststück. kochst du vielleicht auch gar nicht? |
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h.yuren schrieb am 04.01.2010 um 19:27
Sie sehen, lieber H.Yuren, selbst hart an der Grenze zu 20.000 Zeichen, also im großen Kessel Buntes, - Ich dachte, ich hätte einigermaßen stringent zumindest für und über die vielen Community-Interna Diskussionen der letzten Wochen, aber auch zu einigen natürlichen Schwierigkeiten einer kleinen Zeitungsredaktion, die ihre Leser und Mitschreiber eher freundlich und nicht abweisend zur Produktion einlädt, geschrieben. -, ist längst nicht alles gesagt. Mein Rezept für mehr Verständnis und weniger Missverständnis lautet, mehr Selbstüberprüfung vor dem Absenden von Botschaften und Erklärungen, da, wo nicht einfach das „Teilmensch“ A Wissen, mit dem Wissen von „Teilmensch“ B kongruent sein kann. Über die Bewertungen kann dann immer und häufig, sogar ewig gestritten werden, wenn die Teilnehmer so viel Zeit haben und eventuell sogar Schulen gründen. - Das ist, um vielleicht ein schönes Bild dafür beizubringen, wie in der Talmud-Schule. Bezüglich des Köchelns gibt es die passende Kolumne und die Kunst wäre es in meinen Augen, wenn das Künstliche gar nicht so sehr auffällt. - Die Vorleistung und Anstrengung Online, ich schrieb es schon, müsste ja eigentlich höher liegen, weil eben die Zugänge so einfach sind und der Spontanitätsgrad (Merdeister) extrem hoch. Merdeister befürchtet Langeweile. Ich fürchte mehr die Beliebigkeit und schätzte eben mehr die eher optimistische Einstellung, dass fast Alles für fast Alle verstehbar gemacht werden kann, wenn ich mir Mühe gebe. „was ist denn dann vom menschen, vom ganzen menschen noch übrig, wenn er nurmehr in einem winzigen segment was versteht? - Darauf kann ich nur zirkulär antworten und behaupten, dass nicht die Unkenntnis oder Unwissenheit uns klein macht, nichts von uns übrig lässt, sondern diese vermaledeite Sucht, lieber zehnfach ein mehr oder weniger kenntnisreiches Urteil zu fällen, als das eigene Argument zehnmal zu erklären. - Wer soll da noch etwas verstehen? Wer soll da nicht am Ende dauerbeleidigt sein? - Zu dem schönen Hinweis auf die Schillerschen „Teilmenschen“ und Lichtenbergs erweiterte Chemie passt ja das Thema, denn beider Anspruch ist ja eine Befreiung der Menschen vom Joch der Vorurteile und schnellen Urteile, ohne je langweilig oder gar humorlos zu sein. Ich wünschte mir diese Gaben. Noch ein konkreter Hinweis. Neulich übers Jahr schrieb ein bloggender „Blogger“, aka „Sex Power“ zu „Motown“. Ich freute mich königlich und eine Flut von Youtube-Clips illustrierten vorzüglich, was er meinte. Aber ich denke, so ein notorischer Wissender, könnte auch einen guten Wortartikel dazu schreiben und ein wenig zu „Motown“ aufklären, denn das wäre ein Gewinn für die große Zahl derer, die davon bisher nie, kaum oder wenig hörten und lasen und schon ein wenig Entschlüsselungshilfe gebrauchen könnten. Liebe Grüße Christoph Leusch merdeister schrieb am 04.01.2010 um 14:35 Lieber Merdeister, H.Yuren ,Weinsztein, Felicitas haben zum Punkt individuelle Betroffenheit das Passende gesagt. Ich-Botschaften und Spontanitäten haben doch ihre Berechtigung. Mein Beitrag verweist nur auf die vielen persönlichen Kränkungen, die ja, das ist doch kaum zu bestreiten, gerade Online Foren und Blogs füllen und verbiestern, anstatt aus der Spontanität und dem unendlichen Witz der Vielen, Kraft und Stärke zu ziehen. Liebe Grüße Christoph Leusch Felicitas schrieb am 04.01.2010 um 15:04 Liebe Felicitas, Aus der 99,99 %igen alltäglichen Laienhaftigkeit können wir, Sie und ich Kapital schlagen. Zumindest virtuell und in unserem Geiste. Wir müssen uns nichts vormachen. Das entspannt ungemein und regt an. Sie geben sich Mühe, ich tue das, wir beiden haben einander nichts vorweg, im Gegensatz zu der Realität in der beständig solche Vorweg-Regeln aufgestellt werden. Kommt bis 2029 zuerst der Killer-Asteroid oder sind die Außeridischen nicht schon in der Gestalt Kevin Spaceys alias „Prots“ unter uns, um uns zu retten? Allein schon, wegen dessen schöner und variabler Schauspielerstimme wünschte ich mir einen Besuch auf „K-Pax“, was im Grunde nichts anderes wäre, als eine Utopie der Erde. Machen wir also weiter gutes Theater auf der blauen Kugel ( www.kevinspacey.de/Biografie/biografie.html , en.wikipedia.org/wiki/K-PAX ). Ganz liebe Grüße Christoph Leusch |
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Einiges gefällt mir sehr gut. Zum Beispiel Dein Stil. Auch das fürsorgliche finde ich sehr sympathisch. Andererseits standen mir hier & da auch mal die Haare zu Berge. Weil meine Gedanken zum Thema ganz anders sind.
Thema Kochen Kein Zweifel. Da teile ich Deine Ansicht, dass es da im www von Scharlatanen wimmelt. Das kann ich beurteilen. Und ich bitte darum, dass mir das auch geglaubt wird. Was mich wundert ist, dass fachliche Beiträge da nicht erwünscht sind. Die "Halbgaren" & Angeber bleiben gerne unter sich. Manchmal ist es lustig. Meistens erbärmlich. Wie es in den Küchen von anderen Leuten aussieht, interessiert mich nicht. Interessant wir es nur für mich, wenn ich etwas lernen kann. Oder wenn ich an einem Thema arbeiten kann, Anfragen erhalte. Beim Freitag ist mir das aber noch nicht passiert. Hier wimmelt es ja auch von "Experten". Virtuelle Realitäten Es keine 2 Realitäten. Darum ist es auch nicht empfehlenswert, 2 Personen schaffen zu wollen. Die Frau die hier Stunden in diesem elendem www verbringt tut es, weil es sie glücklich macht. Weil es eine Alternative ist, zum TV. Denn TV zwingt zum Konsumieren. Es ist manipulativ. Das www ist interAKTIV. Jeder User kann für sich selbst sein Programm gestalten.Und Informationen hinterfragen. Das intensive Nutzen des www, hat nichts mit Dummheit oder Verhaltensstörungen zu tun. Es ist ein Teil meiner Arbeit. Ein Teil meines Lebens. Und jetzt in eine Kneipe zu latschen und jemandem diese Story hier zu erzählen, wird schwierig. Denn das will keiner hören. Auch meine Freundin Brigitte nicht. Aber Sie lesen es. Und deshalb war es mir die Mühe wert. So geht es vermutlich auch vielen Usern da draussen. Es gibt einen gesetzlichen Rahmen der Möglichkeiten im Netz. Daran sollten wir uns halten, damit es nicht teuer für den einzelnen User & für den Verlag wird. Jeder User hat es selbst in der Hand, was er aus seiner Community macht. Es gibt atemberaubende Blogs. Und es gibt noch viel zu fragen & zu lernen. Jeder von jedem. Dafür sind wir hier. Danke für Ihre Aufmerksamkeit. |
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Danke. Columbus.
Herzliche Grüße Henner Michels |
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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