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08.02.2012 | 16:40

Was will François Hollande? Interessiert das, neben Merkozy? -Teil I

 

Der einäugige Blick aus der Ferne, jeder Nähe abhold - Deutsche Beobachtungseinseitigkeiten des französischen Wahlkampfs und wie man ihnen begegnen könnte

Es ist schon sehr auffällig, dass sich die europäische „Holzpresse“, die Online-Zines und die Bloggosphäre gemeinschaftlich dazu entscheiden haben, den französischen Wahlkampf um die Präsidentschaft vornehmlich aus der Perspektive des Amtsinhabers und seiner neuen Cohabitation, Angela Merkel, zu betrachten.

Allenfalls noch die fremdenfeindliche und nationalistische Front National Chefin, Marine Le Pen, erregt so viel Aufmerksamkeit, dass im Dutzend über ihre Schwierigkeiten berichtet wird, die nötigen Deputierten und Funktionsträgerstimmen hinter sich zu bringen, um überhaupt zur Wahl zugelassen zu werden. - Es herrscht Personalisierung pur, mit dem Beigeschmack der extremen Verengung auf ein nicht wirklich zusammen passendes Paso-Doble Paar.

Niemand interessiert sich ernsthaft, ausser in Frankreich selbst, für die politischen Gegenpositionen und Gegenpersönlichkeiten zum kleinen Mann, nebst schöner Gattin und Kind im Élysée, obwohl doch dessen Realpolitik eine Katastrophe für das Land war und weiterhin ist. Sarkozy sucht nun sein Heil in den schweren, aber kurzen Armen seiner politischen Richtungsfreundin aus dem, nach (finanz)wirtschaftlichen Kennzahlen, eindeutig stärkeren Deutschland. Auch das kommt nicht so gut an, in der „France profonde“ (das eigentliche Frankreich).

Wenn auch diese tönerne Stärke Deutschlands im Inneren schon einige große, hohle Stellen aufweist und daher nicht unbedingt den Realitäten hinter dem Kennzeichen D entspricht, so nimmt kaum jemand in den deutschen Medien diese wirre Flucht an „Muttis“ breiten Busen unter die Lupe.

Die Probleme in Deutschland haben es derweil an sich, still und eher unbeaufsichtigt vor sich hin zu muckern! Die schon vorprogrammierte Altersarmut, die Ausdehnung von Niedriglohn, der Aufbrauch der angesparten materiellen Reserven bei der Unterschicht und unteren Mittelschicht, die überproportionalen Zuwächse an Einkommen und Vermögen bei den obersten 2-10% der Einkommenspyramide und vor allem, bei den Vermögens- und Besitzreichsten, die Überalterung der Gesellschaft, sie werden verdeckt durch die Gewohnheit der Medien, immerzu Durchschnittszahlen, die verzerrt positive Bilder vorgaukeln, zu publizieren. - Reicht das intellektuelle Rüstzeug nicht mehr zur Analyse? - Dereinst werden diese Fakten gewaltig ärgern, im ach so zahlenmäßig starken Germanien.

In Frankreich stehen die Konfliktparteien stärker auf der Straße, sind sichtbar, und das nicht nur über Personen. Der soziale Kampf in den Regionen und Suburbanisationen der Ballungsräume ist spürbarer und Alltag in den Medien. Das gilt auch deshalb, weil wesentlich mehr junge Leute (bis zu 30 oder gar 40%) direkt wirtschaftlich und sozial betroffen sind. Sie bekommen keine Arbeit, egal wie gut ihre Ausbildung war.

In Deutschland gibt es dafür die als „Wutbürgerschaft“ medial und politisch verunglimpften Protestbewegungen gegen Großprojekte, die aufgrund der etablierten einseitigen medialen Bewertung und der geringen Recherchetiefe der Presse auch keine großen Erfolge vorweisen können. Es fehlt ihnen an dauerhaft sichtbaren Persönlichkeiten, also an dem, was die Presse- und TV-Medien mehrheitlich wirklich suchen!

Die Mammutprojekte zur Gewinnmaximierung der Bau- und Immobilienwirtschaft und des weitgehend monopolisierten großen Center-Einzelhandels laufen daher unbeeindruckt weiter ab und gewinnen sogar Volksentscheide. Die Zusatzkosten, Preisüberschreitungen und Fehlkalkulationen werden über Fahrpreise, Immoblienpreise und zusätzliche staatliche Finanzierungen, die geschickt über ein Jahrzehnt oder noch länger gestreckt in die staatlichen und kommunalen Budgets eingehen, abgesichert.

Ab und an muss ein Ministerpräsident sein Lieblingsobjekt, z.B. eine legendäre Rennstrecke, doch einmal aufgeben, weil er beschissen wurde und sich auch recht gerne bescheißen lies. Dann kommt eher zufällig ans Licht, wie die Millionen- und Milliardengräber der vorgeblich weitsichtigen Strukturpolitik mit Steuermitteln und unter Schuldenaufnahme, die alle etablierten Parteien bevorzugen, wirklich funktionieren.

 

Was steht in François Hollandes 60 Punkten?

I - Frankreich wirtschaflich auf die Füße stellen

Der Kandidat möchte Frankreich vom Kopf auf die Füße stellen (Redresser la France).

Er plant eine Abkehr von bisherigen Modellen der Großplanung, die zentral und langfristig vom nationalen Staat bestimmt werden und vornehmlich die größere Industrie und das nationale Dienstleistungsgewerbe stärkten. Dafür möchte er die PME (= Les petites et les moyennes entreprises), das sind die kleine und mittelständische Betriebe, fördern und den regionalen Verwaltungen das Recht zugestehen, mit eigenständigen Budgets, für die der Zentralstaat die Mittel bereit stellt, regionale Wirtschaftsförderung zu betreiben.

Schaltzentrale dieser neuen Wirtschaftspolitik mit Priorität für die Regionalwirtschaft, soll eine neu geschaffene, staatliche Investitionsbank sein, die am Markt nicht als Abschöpferin von Zins und Spekulationsgewinnen auftritt, sondern als reine Kreditbank für die Realwirtschaft arbeitet.

Vordringlich sollen Projekte gefördert werden, die ökologisch verträglich sind und die energiewirtschaftliche Einseitigkeit Frankreichs (große nukleare Kraftwerke) abmildern.

Eine weitere Maßnahme soll ein ca. 20 Milliarden Euro starker Förderfond sein (Livret d´ Éspargne), der vornehmlich die Projekte der PME stützt die sich der nachhaltigen Betriebssanierung widmen. Die Basisfördersumme dieses schon eingerichteten Wirtschaftsförderungsinstumentes, - ehemals ein Idee der heutigen Weltwährungsfondchefin (IWF) Christine Lagarde in ihrer Amtszeit als Dominique de Villepins Finanzministerin-, soll von 6.000 Euro auf 12.000 Euro steigen und unbürokratisch für die genannten Zwecke eingesetzt werden können. Die Förderung erfasse dann auch die TPE (Très petit entreprises), also sehr kleine Unternehmen. Gemeint sind damit selbständige Einzelunternehmer und kleinste Familienbetriebe. - Das wäre z.B. in der Tourismuswirtschaft sinnvoll, bei der kleine Pensionsbetriebe in den Regionen ihre Zimmer und Logis im Standard anheben könnten, die dazu derzeit weder die nötigen eigenen Rücklagen, Sicherheiten oder Zins- und Tilgunsentnahmen aus dem laufenden Geschäft für Bankkredite aufbringen können. Diese Unternehmen profitierten auch von einer energetischen Sanierung ihrer Immoblien.

Staatliche Finanzierungen solle es zukünftig nur noch für jene Betriebe geben, die auch in den Regionen produzieren und dort Leute einstellen. - Das ging bisher auch ohne diese Kritierien, wenn die Zentralregierung dies befürwortete.

Problematisch dürfte ein Vorschlag Hollandes für die Großindustrie werden. Er möchte diese Firmen anregen, ihre Produktionsstätten nach Frankreich zurück zu verlegen. Firmen, die hingegen aus Frankreich hinaus gehen, sollen zukünftig ihre staatlichen Zuschüsse zurück zahlen müssen.

Nicht ungewöhnlich für einen Sozialisten, möchte der Kandidat die staatlichen Betriebe, SNCF (Eisenbahn), EDF (Électricité de France), La Poste, in ihrem Status erhalten, also weitere Privatisierungen verhindern und auch die Kontrolle des Staates bezüglich des Geschäftsgebarens nicht aufgeben. Das spielt sicher bei der, von den Sozialisten propagierten, vorsichtigen „Energiewende“ unseres Nachbarn eine große Rolle!

Während Sarkozy sich nun an deutsche Postionen in der Wirtschafts- und Finanzpolitik anlehnt, pflegt sein Herausforderer die Bindung an die EU. Die europäische Landwirtschaftspolitik, ohnehin der Hauptmotor der Agrarwirtschaft und gleichzeitig Hüter des Subventionsbergs, solle sich auf die regionale und lokale Landwirtschaft konzentrieren und den biologischen Anbau förden. Regionale Versorgungsmärkte möchte Hollande gefördert wissen und die Kreislaufwirtschaft lokal gestärkt sehen.  Hier trifft er  populäre Anliegen, denn es herrscht dafür in Frankreich mehr Bewusstsein, als es sich je beim Nachbarn an Rhein, Elbe und Donau einstellte. Politisch ist das ebenfalls sehr geschickt, weil der Sozialist die chancenlosen Grünen und die relativ unabhängige alternative Agrarbewegung seines Landes einbinden kann.

Hollande möchte die Geschäftsbeziehungen der privaten und staatlichen französischen Banken mit den Finanzdienstleistern in den globalen Steuerparadiesen verbieten. Das ist ehrgeizig, aber auch schwer durchsetzbar. Vage, weil von so vielen widerstrebenden Partnern in der Wirtschaft und den ablehnenden Regierungen in Europa abhängig, bleiben seine Vorschläge für eine ganzes Steuersystem auf Spekulationen und Transaktionen an den Finanzmärkten. Nicht nur die Tobin-Steuer (allgemeine Transaktionssteuer) sondern auch Abgaben auf Stock-Options und gar Verbote bestimmter Transaktionen schweben ihm vor. Hierzu schlägt er eine europäische Kontrollbehörde vor, bei der alle großen Fiananzgeschäfte notiert werden müssen.

Für das Staatsbudget verspricht er die Einhaltung des 3%-Kritieriums bis 2013 und bis zum Ende seiner ersten Amtszeit einen ausgeglichenen Haushalt. Das ist mutig, liegt aber auf der Linie  die derzeit auch Sarkozy fahren muss, will er es sich mit uns Deutschen und unserer Kanzlerin nicht verderben.

Wie will der Sozialist diese Ziele erreichen? - Ob es wirklich reicht, gerade einmal 29 Milliarden Euro durch die Streichung von Subventionen und durch die Schließung von Steuerschlupflöchern einzusparen? Die notwendigen Sparanstrengungen dürften sich eher beim doppelten oder dreifachen dieses Betrags bewegen.

Die Vorschläge zum Arbeitsmarkt bleiben allgemein. Während in der Spitze Boni-Zahlungen und Perspektiv-Zuschläge beschränkt werden sollen, setzt sich der Kandidat für eine Verbesserung bei der  prekären Beschäftigung ein. Er plant dafür einen runden Tisch der Arbeitgeber und Gewerkschaften, die einen Sozialpakt verabschieden sollen. - Wer vergleicht, der stellt schnell fest, solche runden Tische waren auch ein Spielzeug des jetzigen Präsidenten. Es kommt darauf an, wo die Regierung dann Platz nimmt, und ob ihr eine neutrale Rolle an jeder Tischform abgenommen wird. Sarkozy saß konsequent bei seinen Freunden.

Auf europäischer Ebene möchte sich Hollande gegen strenge Austeritätsprogramme (strenge Spar- und Fiskalpolitik in der Krise) wehren, die die Krise nur verschärft hätten. - Da prallen unterschiedliche Wirtschaftdoktrinen, insbesondere jene der deutschen konservativen Regierung unter Merkel, sowie jene Großbritanniens unter Cameron, mit der Meinung des Kandidaten zusammen. Denn dort heißt es weiterhin, der Staat müsse funktionell und finanziell zurück geführt werden. - Vorbeugend bietet Hollande Deutschland einen neuen Wirtschaftspakt an. Das ist sicher Wunschdenken, so lange Angela Merkel regiert.

Als neues Instrument der Wirtschaftsförderung auf EU- Ebene, soll es Europa-Obligationen geben. D.h., die EU bietet auf dem Kapitalmarkt verzinste Papiere an, deren Verkaufserlös direkt in die Struktur- und Wirtschaftsförderungsprojekte flösse. Der Herausforderer möchte an den Fünfjahres-Budgets der EU, das nächste läuft von Ende 2014-2020, festhalten.

Hier dürften sich ebenfalls Gräben, dieses Mal zum EU-Parlament, auftun, denn solche längerfristigen Globalbudgets sind von den Parlamentariern kaum mehr zu kontrollieren. Bei der Aufstellung blieben die Regierungen der Mitgliedstaaten und die steuernde EU-Kommission unter sich und bezüglich der verhandelten Sachen immer im Vorteil.

Christoph Leusch

PS: Demnächst kommt Teil II zu den 60 Punkten François Hollandes. Dann geht es um die Bereiche Steuern und Recht, um die Generationengerechtigkeit, den Laizismus, die Integrationsfähigkeiten und Chancen der multikulturellen Gesellschaft, die Rückkehr der Gerechtigkeit, die Wende gegen die Korruption, um die Ausweitung und Erneuerung der Demokratie und die kulturellen und politischen Werte der französischen Gesellschaft, aus der Sicht der Sozialisten.

Wer mehr über die Personen um den Kandidaten wissen möchte, der lese:

www.freitag.de/community/blogs/columbus/franois-hollande-und-seine-quipe-auf-den-stufen-zum-lyse

 
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Kommentare
wwalkie schrieb am 08.02.2012 um 19:19
Eine realitätsprinzipielle Einschätzung der Hollandeschen Positionen, die ja die unterschiedlichen Strömungen des PS widerspiegeln.

Und ich fürchte, ja, ich glaube, Hollande wird im zweiten Wahlgang nicht gewählt. Zunächst unterscheidet er sich inhaltlich nicht wirklich, besser: wirksam vom Präsidenten, den so viele nicht mehr ertragen, den sie aber diesem Langweiler Hollande vorziehen werden. Die Personalisierung, die Sie ansprechen, wird das ihre tun. In der heutigen FR war ein Photo zu sehen, das Hollande neben Gabriel zeigte. Die beiden sind noch nicht einmal gemeinsam so stark wie Merkelsosie. Die Personalisierung hat sich der PS übrigens selber zuzuschreiben (teilweise): Primaires zu institutionalisieren und einen Hollande zu kreißen (auch wenn der behauptete: je suis neuf), ist kein Zeichen von Klugheit. Der Zug zur Mitte, den Hollande wahrscheinlich einschlagen wird (ausgeglichener Haushalt, der "Mittelstand", wahrscheinlich wird er auch die Lohnkosten reduzieren wollen - wegen der Konkurrenzfähigkeit Frankreichs, versteht sich), auch nicht gerade.

Sie merken, dass ich Hollande nicht besonders viel zutraue. Das wäre egal, wenn es vielen Franzosen nicht auch so ginge.
Columbus schrieb am 08.02.2012 um 19:46
Das ist eine legitime Einschätzung, Wwalkie. Sie steht ja jedem Wahlbürger in Frankreich zu und jedem Medienkonsumenten hierzulande auch. - Die Frage ist jedoch, wie sich in einer Öffentlichkeit Meinungen bilden sollen, wenn meist nur noch mit Personalisierungsstereotypen gearbeitet wird.

Ich selbst mache das ja auch, schreibe von "Mutti" und "Merkozy", erwähne die Langeweile, die von diesem Sozialisten ausströmte, oder erlaube mir die durchaus unsaubere, mir aber hier passend erscheinde Bemerkung zu dem familiären Triptych im Élysée.

Wer und was hat noch politische Chancen? Wenn die Nation sich gar nicht von der medialen Kolportage heilen lassen möchte?

Liebe Grüße
Christoph Leusch
Columbus schrieb am 08.02.2012 um 20:11
Letzter Satz, besser mit Komma und nur einem Fragezeichen! C.L.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 08.02.2012 um 19:36
@ Columbus
Erst mal Danke insbesondere dafür, dass Sie ins Detail gehen.

Ich bin Hollande gegenüber sehr zwiespältig eingestellt, aus eben den Gründen die Sie nennen.
Er bleibt vage und da, wo er zulangen will - zu Recht - ist er abhängig von der EU. Interessant ist sein Agrarkonzept, das ähnelt sehr den Grünen in Frankreich. Nur wenn es Spitz auf Knopf geht, dann wird gerade in Frankreich eingeknickt. Ein eigenes Thema ist die Energiepolitik. Hier finde ich ihn in den letzten Wochen extrem ungenau.
Wie steht er zu Deutschland? Die Partei selbst ist ja Merkel-kritisch. Mit guten Argumenten, eben jenen, die Sie auch hinsichtlich der deutschen Sozialstandards, vor allem für die Zukunft, aufwerfen.
Aber die Vorstellung, dass dieser Sarkozy weiter am Ruder bleibt, ist mir ein Graus!

Salut
Ihre
HN
Columbus schrieb am 08.02.2012 um 20:07
Liebe Frau Neumann,

Die Spielräume der Politik sind eng und in Frankreich wäre die Energiewende ein noch viel größere Sensation, als es diese Art von Opportunismus war, die hierzulande die Regierungschefin, letztlich in einer Art neoabsolutistischer "Der Staat bin ich"- Manier dazu brachte, um sich ihr Amt zu erhalten. - Vorher vertrat sie eine genau gegensätzliche Programmatik, bzw. der Schwenk entlarvte, wie egal ihr begründete Überzeugungen sind.

Links der Sozialisten, die ja in ihren Reihen auch eine große sehr radikale und syndikalistische Fraktion kennen, gibt es noch eine hier gar nicht wahrgenommene Sozial- und Regionalbewegung und die unahängigen Agrarier, dazu unabhängig von einer klaren Einordnung, aber jedenfalls deutlich weiter links positioniert als die Grünen Deutschlands, die Verts.

Hollande muss praktisch alle diese Lager einsammeln, will er gegen den zuletzt gewachsenen Bürger- und Ressentimentblock eine Chance haben. Sarkozy und Marine Le Pen haben aber auch zusammen gewürfelt, derzeit nicht unbedingt die Mehrheit hinter sich.

Umso erstaunlicher, dass in den D.-Medien über den derzeit und schon geraume Zeit, führenden Politiker und seine Partei, über sein Wahlprogramm, so gut wie nichts bekannt gemacht wird.

Meine Vorliebe für diese Linke speist sich ja mehr aus den programmatischen Aussagen der PS und deren praktischer Tätigkeit in den eher "weichen" Feldern der Politik. Das ist eine mittlerweile sehr offene und durchlässige Partei, die, anders als ihre bürgerliche Konkurrenz, lokal und regional arbeitet, den Multikulturalismus hoch hält und so auch aufgestellt ist, weit mehr von Kultur und Bildung hält als ihr deutsches Pendant und dies auch in den Persönlichkeiten verkörpert, die von ihr aufgestellt werden, die EU orientiert denkt und noch ein Menschenbild hat. - Kurzum, es finden sich noch erstaunlich viele Idealisten dort und recht wenige Opportunisten, die Machtwechsel-Chancen einfach als ein Teil ihrer Karriere sehen. Das gefällt mir.

Beste Grüße
Christoph Leusch
Ehemaliger Nutzer schrieb am 08.02.2012 um 20:44
@ Lieber Columbus

"Umso erstaunlicher, dass in den D.-Medien über den derzeit und schon geraume Zeit, führenden Politiker und seine Partei, über sein Wahlprogramm, so gut wie nichts bekannt gemacht wird."

Tja, ich suche insgesamt nach einer dezidierten Auseinandersetzung mit Frankreich in den Medien. Wäre da nicht mein "Spiegel", quel malheur!

"Hollande muss praktisch alle diese Lager einsammeln, will er gegen den zuletzt gewachsenen Bürger- und Ressentimentblock eine Chance haben. "

Das sehe ich auch so als Strategie, die Hollande fährt.

Hinsichtlich der Energiepolitik wollte ich Ihnen gar nicht widersprechen. Mir ist die Linie der Sozialisten auch nicht wirklich klar. Einigen dämmert es ja, dass es eine Alternative zur Atompolitik geben könnte. Aber so ein richtiges Profil in Sache Energiepolitik sehe ich nicht , geschweige eine Wende. Da ist Betonierung angesagt.
Außerdem ist abzuwarten, was sich in Deutschland tun wird. Hier darf man ja noch lange nicht auf eine Wende hoffen, solange sich praktisch bezüglich der Trassen nichts tut, oder?

Die "Verts" in Frankreich sind von ganz anderer Provenienz und in der Tat, die sich lokal formierenden Gruppierungen, sehr bodenständisch, sehr konkret und sehr links, vor allem fassbar, vielleicht deswegen "durchlässig", wie Sie sagen.

Ich teile auch Ihre Auffassung "es finden sich noch erstaunlich viele Idealisten dort und recht wenige Opportunisten, die Machtwechsel-Chancen einfach als ein Teil ihrer Karriere sehen. Das gefällt mir."

Salut
HN

P.S. Auch wenn dies nicht das Thema ist, kann ich mir die Frage nach Ihrer Einschätzung der "Le Pen Tochter" nicht verkneifen

www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,813456,00.html
Ehemaliger Nutzer schrieb am 08.02.2012 um 20:47
Ich habe 5 Sterne gegeben, aber das verdammte System weigert sich!
Columbus schrieb am 08.02.2012 um 22:45
Das macht gar nichts, Frau Neumann. Mir sind die Kommentare viel lieber und auch wichtiger.

Bezgl. Atomenergie ist auffällig, dass Hollande an prominenter Stelle in seinem Team ein paar Frauen hat, die dazu eine Meinung gegen die derzeit noch etablierte Mehrheitsposition der Sozialisten vertreten.

Die Dezentralisierung der Energiewirtschaft, das haben zumindest einige PS-Leute und der Kandidat verstanden, sichert qualifizierte Arbeitsplätze in den Regionen und ist auch anspruchsvoller als den Techno-Dinosaurier Kernenergie weiter zu hätscheln. Vor allem wird Frankreich die horrenden Ersatzkosten für die Nachfolgegeneration der Alt-Reaktoren nicht mehr so einfach aufbringen können (Sie gehören alle dem Staat, der sowohl Nachrüstung, als auch Entsorgung und Ersatz finanzieren muss und den Strom für Endverberbraucher subventionierte). Das macht dann klug und lässt nach Alternativen Ausschau halten.

LG und gute Nacht
Christoph Leusch
Columbus schrieb am 08.02.2012 um 22:53
Das macht gar nichts, Frau Neumann. Mir sind die Kommentare viel lieber.

Bezgl. Atomenergie ist auffällig, dass Hollande an prominenter Stelle in seinem Team ein paar Frauen hat, die dazu eine Meinung gegen die derzeit noch etablierte Mehrheitsposition der Sozialisten vertreten. Siehe Vorblog zu den PS+ Hollande Personen.

Die Dezentralisierung der Energiewirtschaft, das haben zumindest einige PS-Leute und der Kandidat verstanden, sichert qualifizierte Arbeitsplätze in den Regionen und ist auch anspruchsvoller als den Techno-Dinosaurier Kernenergie weiter zu hätscheln. Vor allem wird Frankreich die horrenden Ersatzkosten für die Nachfolgegeneration der Alt-Reaktoren nicht mehr so einfach aufbringen können (Sie gehören alle dem Staat, der sowohl Nachrüstung, als auch Entsorgung und Ersatz finanzieren muss und den Strom für Endverberbraucher subventionierte). Das macht dann klug und lässt nach Alternativen Ausschau halten.

Ja, wenigstens der Spiegel macht da noch was.
Aber die TV-Bilder mit Kommentar des Offensichtlichen, Merkel und Sarko am Pult und das sonstige Pressewesen,....

M. Le Pen. Das ist Gefahr, weil die viel moderater und populistischer rüber kommt als ihr Vater und jüngere Leute ebenfalls anzieht. Wölfin im Schaftspelz. Das Programm des FN ist erbärmlich und die Verankerung in den Regionen mit irgend welchen Sachthemen, irgend einem Moment an positiver und aktiver Politik=0. Wenn ich Zeit habe, nach all´ den 60Pkten, kommt vielleicht was dazu. - Größte Furcht: M. Le Pen mobilisiert die Ressentimentalisten für Sarkozy und schafft da eine hohe Quote. Thema: Innere Sicherheit, Polizei.

LG und gute Nacht
Christoph Leusch
jens kassner schrieb am 09.02.2012 um 13:49
Mal angenommen, Hollande würde die Wahl gewinnen. Wie würde sich dann das, was jenseits der Programmatik in der Realpolitik abläuft, von der Regierungsarbeit eines Gerhard Schröder oder Tony Blair unterscheiden? Vieles in der Darstellung klingt zwar sympathischer als das, was Sarkozy tut. Aber kann das wirklich umgesetzt werden? Und wenn doch, dann wäre es Sozialkosmetik, die an den Kernproblemen vorbei schrammt. Das ist natürlich keine Frage allein der französischen Politik, da könnte auch kein anderer Politiker etwas ohne Synergie mit anderen ökonomisch starken Ländern etwas ändern.
Insofern sind mir die Zyniker der Macht fast lieber als solche Möchtegern-Reformer. Das weiß man, was man hat.
Columbus schrieb am 09.02.2012 um 14:36
Ja, das schreiben Sie so leicht hin, Herr Kassner.

Aber das Modell Schröder (Teil 2 der Amtszeit)-Blair, verbrämt immer mit dem Rekurs auf Giddens offenes Politikmodell des "dritten Weges", ist ja eher sehr zentralistisch, sehr populistisch und personenbezogen ausgestaltet worden. Bei Blair mit dem Ergebnis, als ertappter Lügner in Staatsangelegenheiten, einer zunehmend desinteressierten Gesellschaft vorzustehen. - Wir kommen ja gerade auch so weit!

Die Anteile des Giddens-Modells, die ein Mehr an gesellschaftlicher Teilhabe, ein Mehr an Demokratie, an dialogischer Politik, ein Mehr an Abkehr von Großplanungen und vorgegebenen Globalstrukturen ermöglicht hätte, die hat das Team Schröder/Fischer, ähnlich wie deren Vorbild Blair, schlicht weg gelassen.

Übrigens in der Argumentation um Ausreden genau so wenig verlegen wie der Prime Minister auf der Insel, wie der derzeitige Präsident im Nachbarland, der gerne darauf verweist ein Getriebener der Augenblicks zu sein und auf die "Krise", die vielen beständigen "Krisen" nur zu reagieren!

Genau so taten das Schrö-Fi auch. Angela Merkel lernte nicht nur von Kohl das Aussitzen, sondern auch von Schrö-Fi, das Ablaufen des Tagesgeschäfts, von Kalenderblatt zu Kalenderblatt.

Was geschähe in Frankreich? Ausbildung und Jugendarbeitsmarkt würden ganz sicher anders angegangen. Das flexible Konzept der Regionen, ein von den Konservativen unterbrochenes, sehr notwendiges Reformwerk, käme wieder in die Gänge, und die politischen Beteiligungsmöglichkeiten die der PS vorschweben, sie sind bei weitem nicht so sehr auf Akklamation angelegt, wie die des Wahlvereins um die UMP herum. Vor allem aber, ist die PS Frankreichs gefestigter gegen das rechte Ressentiment. Das ist zukünftig doppelt und dreifach wichtig, wenn man zur Bescheidenheit gezwungen ist.

Beste Grüße
Christoph Leusch

PS: Es kommt ja noch Teil II zu den 60 Punkten.
Rosa Sconto schrieb am 10.02.2012 um 11:00
Eine Freundin aus Frankreich erzählte mir vor einigen Monaten einmal das die meisten Kleinbetriebe mindestens 50 % ihrer Aufträge "schwarz" machen müssen. Zu den ca 6. Mio Arbeitslosen kommen noch einmal 7 Mio gering-verdienende Arbeitnehmer die unter dem offiziellen Existenzminimum leben müssen. Was sie aber besonders schockierend fand ist das diese Leute viel Sympathien für Marine LePen hätten und zur gleichen Zeit überall immer mehr Militär auf Flugplätzen, Bahnhöfen u.a. öffentlichen Plätzen als "Sicherheitskräfte" präsent sei. Anti-europäische Stimmung in Frankreich ist zur Mode geworden. Vielleicht nicht in Paris, aber in den ganzen ländlichen Regionen.

Realität ist das die MWST auf um 2,2% auf 22% angehoben wurde, was unweigerlich zu einer Gesamtpreiserhöhung von ca 5% führen wird. Kleine und mittelständische Betriebe haben längst ihre Produktion eingestellt und wandelten sich in Importfirmen, weil damit mehr zu verdienen war. Das ging alles so lange gut, wie Frankreich sich billig Geld leihen konnte. Nur all diese Finanzen gingen in den Konsum (monopolisierten großen Center-Einzelhandels), anstatt in innovative Technologien. Das ist das eine Desaster dieses Landes, das eigentliche Desaster aber ist, das Franzosen über Jahrzehnte gewohnt waren sich durch bestimmte staatlich Unterstützungen irgendwie, "ce la vie", ein relativ unbeschwertes Leben leisten konnten.

Das Millau Viaduct ist ein gutes Beispiel für die Milliardengräber der vorgeblich weitsichtigen Strukturpolitik. "Weitsichtig" weil, finanziert durch die HRE, die nun ihr Geld durch die erhobene Brücken-Maut bis 2079 zurück erhalten soll... Dieses Prestigeobjekt ist mit 2460 m die längste Schrägseilbrücke der Welt und besitzt eine maximale Pfeilerhöhe von 343 m. Die Brücken-Maut zahlt sich bei dem gegenwärtigen Verkehraufkommen vielleit 2179 aus... ob so lange die Brücke hält wage ich zu bezweifeln.
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