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In ein paar Tagen wäre er 80 geworden, jetzt ist der Liedermacher und Schriftsteller Franz Josef Degenhardt in Quickborn gestorben. Luggi hatte hier vor ein paar Tagen in Sachen des Alten „buchstabenmäßig rumgesumst“. Und man erinnert sich an die Waldeck-Kontroverse im Freitag (hier, hier und hier). Was andere von ihm hielten, das hat er gleich vertont: Große Schimpflitanei von 1973.
Vor fünf Jahren schrieb Thomas Rothschild an dieser Stelle: "Franz Josef Degenhardt wird am 3. Dezember 75 Jahre alt. Dass er – wie der fünf Jahre jüngere Wolf Biermann – das Bundesverdienstkreuz erhält, ist nicht zu befürchten. Irgendetwas muss er falsch gemacht haben. Hat halt nicht dazugelernt. Und sich mit den falschen Leuten angelegt. Er wird´s verkraften. So schrecklich wichtig hat er sich nie genommen."
Biermann hat morgen Geburtstag. Und heute stirbt der Degenhardt.
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Nu isser "verrecket", der Franz-Josef.
Gehasst (von Rechten sowieso - von degenerierten und geistig verwirrten Linken* ebenso), aber auch verehrt und hoffentlich auch geliebt, war er einer der ganz großen Lyriker und Sänger der Nachkriegszeit. Nu sitzter mit Tonio Schiaavo, Horsti Schmandhoff und den anderen Schmuddelkindern ewig unterm Pflaumenbaum. Gott, oder wer auch immer hab' ihn seelig. --------------------------------- Ich bin sehr traurig und weine Tom ############################################ * Der geistig schwer verwirrte Biermann hat ihn gestern abend auf WDR5 noch als schlechten Gitarrenspieler und minder begabten Lyriker und überhaupt als abschäumenden Dreckskerl bezeichnet. Soller haben, der Durchgeknallte alte Sack. Auch den werd' ich dereinst, wenner vor mir das Zeitliche segnen sollte, als großen deutschen Lyriker preisen.... |
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"Auch den werd' ich dereinst, wenner vor mir das Zeitliche segnen sollte, als großen deutschen Lyriker preisen...." - Gut so, denn man kann den Degenhardt lieben ohne den Biermann zu verachten.
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@ koslowski schrieb am 14.11.2011 um 20:28
>>>Gut so, denn man kann den Degenhardt lieben ohne den Biermann zu verachten.<<< Genau: Man kann den Biermann ignorieren, wenn man den Degenhardt liebt. |
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"Der geistig schwer verwirrte Biermann hat ihn gestern abend auf WDR5 noch als schlechten Gitarrenspieler und minder begabten Lyriker und überhaupt als abschäumenden Dreckskerl bezeichnet."
Da kann man nur mit einem Degenhardt-Zitat antworten: "Ich glaube, ich erbreche mich". (Deutscher Sonntag) |
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@Magda
>>>"Ich glaube, ich erbreche mich". (Deutscher Sonntag) Hab' ich gerade eben gehört! "Sonntags in der kleinen Stadt..." Höre ihn schon den ganzen Abend.... Und, lassen wir den vernagelten Biermann doch morgen seinen 75sten feiern - falschzeitige Revolutionäre hin, lebende Oberlehrer-Tote her; große Lyriker waren/sind sie allemal. Abseits aller rechten oder linken Lehre. Und weiter: vielleicht sollten wir gucken, ob nicht so langsam die Zeit der Habichte gekommen ist. Ich hab's irgendwie im kleinen Finger. Kann mich täuschen; mag auch am Alter liegen, oder am medialen Overflow. Ich weiß nicht... Lieben Gruß nach Berlin Tom ohne Projekt |
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@koslowski
Seh' ich ähnlich. Als "irgendwie Linker" sollte man eben mit dem Begriff Dialektik noch was anderes als regionale Idiome verbinden. Aber vielleicht wäre Ambivalenz hier der richtigere Begriff.... Ach, egal. Der eine is eben dot - der andere noch nicht. Lob sei ihnen beiden. Preis und RIP dem Verblichenen. (Ich hör' gezz weiter Pflaumenbaummusikk und heul' mich in Schlaf...) --------------------------------- Tom ohne Projekt |
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Ein "ganz großer Lyriker", das war er. Einer der wenigen "populären" Sänger der Bundesrepublik, mit Liedern, von denen viele aktueller denn je sind. Und die darum nicht gespielt werden. Das wird sich nun für einen Tag ändern. Nur für einen Tag. Leider.
Nicht zu vergessen: seine kongeniale Übertragung von Liedern Georges Brassens'. |
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@ wwalkie schrieb am 14.11.2011 um 20:11
z.B.: "Hier ist mein Testament zu Ende, feiert ein schönes Leichenfest, gleich , ob ihr mich nun zur Legende macht oder ob ihre mich vergeßt. Ich bin dann längst im Land der Toten, wo ich nun wirklich nichts mehr brauch, wo längst die meisten von uns ruhen. Irgendwann kommt ihr dann ja auch. " (aus "Das Testament") T&M: George Brassens |
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schrieb am
14.11.2011 um 21:16
schließe mich an!
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Degenhardt war ja nicht nur der robuste Kritiker der westdeutschen Klassengesellschaft, er kannte durchaus, auch wenn er dagegen polemisierte, "Zwischentöne im Klassenkampf".
Mir wird in Erinnerung bleiben sein Lied an die Kumpane, in dem er sie daran erinnert, dass Horsti Schmandhoff, ein Prolet wie sie, der es geschafft hatte, Fähnleinführer und Stalingrad-Kämpfer, nach dem Krieg Rock’n Roller und Besitzer eines Jaguars, am Ende gar Berater eines schwarzen Präsidenten ( "inmitten dreißig Weibern, alle nackt und schwarz und prall" ) zu werden, ihr heimliches Vorbild gewesen war: „Ihr, die Kumpanen aus demselben Viertel voller Ruß, aus gleichen grauen Reihenhäusern und aus gleichem Guß, mit gleicher Gier nach hellen Häusern, Rasen, Chrom und Kies, nach schlanken Frauen, Kachelbad - Kumpanen, die ihr dies fast alle heute habt und nur noch ungern rückwärts seht -, wenn ihr euch trefft, per Zufall, irgendwo zusammensteht, von neuen Dingen sprecht und über alte Witze lacht, und einer von euch fragt: "Wer weiß, was Horsti Schmandhoff macht?" Kumpanen, dann, dann fällt euch ein: Ihr wolltet mal genau wie Horsti Schmandhoff sein.“ |
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Dann zitier ich mal zum Gedenken ein Stück Prosa, dieses besondere hier eher zufällig, weil ich es gerade herumliegen hatte.
„Zwischen den Zelten saßen, standen und lagen junge Leute, langhaarig die meisten, tranken Rotwein aus Flaschen, lachten, erzählten und rauchten: Fürsten in Lumpen und Loden, Prinzessinnen in Jeans und Tramps in Levis-Leinen und Parkas, die Herumzieher, und wie und warum die hergekommen waren, wußte er. Wenn sich irgendwo Widerstand organisierte in diesem Staat, lief diese Nachricht schneller als Notierungen an der Börse. Hoffnung macht hellhörig (...) Es gab aber welche, die empfingen die Botschaft früher als andere. Sie verfügten über ein besonderes Nachrichtensystem,... Das waren Schüler, die keine Schule, Lehrlinge, die kein Betrieb nehmen wollte, Verkäuferinnen, die nicht mehr verkaufen, Stenotypistinnen, die nicht mehr tippen, und solche, die überhaupt nicht mehr lernen oder arbeiten wollten oder konnten oder die es gar nicht erst versucht hatten. Keiner von ihnen war älter als zwanzig. Irgendwo zwischen Flensburg und München fühlten, witterten, rochen sie es, ihre Widerstands-, Abenteuer- und Reiselust packte sie, und sie packten den Schlafsack und zogen los, on the road, (...) Von ihnen stammten die treffendsten Sprüche und Reime; ihr Witz, ihre Phantasie riß andere mit. (...) Ohne Leute dieser Art wäre zu allen Zeiten manche Widerstandsaktion, Erhebung, Revolte oder sogar Revolution gescheitert, manche allerdings auch gelungen. Sie waren unberechenbar...“ (aus: Brandstellen) |
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Im Aufbau Literaturkalender diesen Jahres, 48. Woche ist ein Foto des jungen Degenhardts aus dem Jahr 1967 zu sehen. Gestern hatte ich vorgeblättert, Degenhardt gesehen und mir aus diesem Grunde wieder mal eine CD von Degenhart angehört. Ach, hätte ich doch nicht vorgeblättert.
Mein Lieblingslied "Feierabend" "Rasenmäher metzeln Nachbarscherze kurz und klein" Und vor allem: "Diesmal, Lodenröcke, dieses Mal, da lauern wir. Wir sind diesmal Jäger. In die Falle tappt jetzt ihr. Ich blas euch Halali, kommt, ist Feierabendzeit, und ich bin bereit." www.golyr.de/franz-josef-degenhardt/songtext-feierabend-629983.html |
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"Wie oft hat man sie schon totgesagt, doch
hier im Innern des Landes leben sie noch nach den alten Sitten und alten Gebräuchen, kaum dezimiert durch Kriege und Seuchen, stämmig und stark ein beharrliches Leben, den alten Führern in Treue ergeben, dem herzhaften Trunke, der üppigen Speise, in Häusern, gebaut nach Altväterweise, gefestigt im Glauben, daß alles fließt, daß unten stets unten, oben stets oben ist... Wie oft hat man sie schon totgesagt, doch hier im Innern des Landes leben sie noch und folgen den Oberhirten und -lehrern, den Homöopathen und weisen Sehern. Sie lieben das erdverbundene Echte, hassen zutiefst das Entartete, Schlechte, sind kurz vor der Sturmflut noch guten Mutes und tanzen im Takt ihres schweren Blutes, einen Schritt vor, zurück eins, zwei, drei, und schwitzen und strahlen und singen dabei... www.golyr.de/franz-josef-degenhardt/songtext-hier-im-innern-des-landes-630005.html |
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Den Fall seines Todes hat der Biermann vorher gesehen und daraus dieses schöne Gedicht gemacht:
Und wenn ich tot bin 1. Und wenn ich tot bin, Liebster, sing mir kein Lied voll Schmerz. Pflanz keine Rosen auf mein Grab, kein Schattenbaum auf's Herz Sei Du mein grün, mein Schauer, mein Morgentau im Licht Mach wie Du willst: Vergiß mich, oder vergiß mich nicht. 2. Ich merk ja doch kein Regen, kein Lied, auch wenn sie zirpt, die Grille nicht, die Nachtigall, die singt, als ob sie stirbt. Ich lieg bloß da im Zwielicht, da wird's nie Tag noch Nacht. Mag sein, vielleicht vergess ich, mag sein, vielleicht auch nicht. Schön, dass wenigstens der Biermann noch lebt. |
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Lieber Koslowski,
freilich war Bierman ein großer Lyriker und Liedermacher. Den historisch gesehenen Höhepunkt hatte er mit dem Köln-Konzert erreicht. Von hier an ist nur noch ein Niedergang zu verzeichnen. Was Biermann an politischen Einschätzungen, incl. die eigene Person betreffend in dutzenden von Interviews und Kurzfeatures im deutschen Rundfunk und Fernshehen seither dokumentiert, ist schlicht unter jedem ernstzunehmenden Niveau, wenn auch gelegentlich erschütternd seiner eigenen Geschichte gegenüber betrachtet. Auf künstlerischer Seite, können weder seine nur larmoyanten Bearbeitungen jüdischer Tradition, noch die überambitionierte Arbeit an den ihn total überfordernden Shakespearesonetten, schon gar nicht seine dem Gegenstand und Ursprung völlig fern bleibenden Näherungen an Bob Dylan überzeugen. Der Mann hatte seine Geschichte, wo er sich mit Recht und gut eingemischt hat, wo große Dichtung auch entstanden ist. All das hat er selbst vergessen, vergessen wollen, wird allenfalls von Reportern in falscher Weise heute noch daran erinnert und will davon für heute nichts mehr wahrhaben, als den Teil den seine, von ihm selbst eitel eingestandene Eitelkeit wissen will. Biermann möge in Frieden alt werden, aber als (politischer) Dichter und Sänger hat er nichts mehr zu sagen. Ob es davon unabhängig, wie er jetzt betont wirklich bei im eigentlich mehrheitlich "nur" "unpolitische" Liebesgedichte gegeben hat und diese also nicht von seinem ganzen Menschentum beinfluß worden seien, das er einmal praktizierte, kann er mich nicht glauben machen. mfg ut |
Ausgabe 22/2012
31.05.2012
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