Kultur

Linksbündig | 04.12.2008 00:00 | Tina Veihelmann

Schloss

Der älteste Architekturstreit flackert wieder auf

Als im Kronprinzenpalais effektvoll eine Haube gelüftet wurde, die das Modell vor den Blicken verborgen hatte, fühlte man sich betrogen. Es fehlte, was der Zauber des Deckellüftens versprach: die Überraschung. Seit Jahren angekündigt, ist er nun da, der Entwurf des Berliner Stadtschlosses mit drei barocken Fassaden. Dennoch flammt nun, wo man ihn sehen kann, die Schlossdebatte wieder auf. Doch sie entzündet sich nicht, sie flackert nur, eine Glut, die keinen Sauerstoff erhält.

Unentschieden und verhalten ist schon die Jury. Glücklich sei man nicht mit der rigiden Vorgabe der Barockfassaden, sagte Juryvorsitzender Vittorio Lampugnani , lächelnd, leicht unterkühlt. Aber Franco Stella habe die "Aufgabe" eindeutig am besten gelöst. Kein Zweifel, dass "Aufgabe am besten gelöst" wie das Bestehen einer Klassenarbeit klingt. Und um deutlich zu zeigen, dass die Wahl nicht die des Herzens war, bestimmte die Jury einen Sonderpreis und dotiert ihn mit 60 000 Euro höher als die dritten Preise des Wettbewerbs - während auf die Vergabe eines zweiten Preises verzichtet wird. Der Sonderpreis für Kuehn/Malvezzi durchbricht die rigiden Vorgaben und lässt einen leichten gläsernen Aufbau über dem Hauptportal schweben, statt eine Kuppel nachzubilden. Die Fassade plant er als Rohbau-Mauerwerk, die sich erst im Laufe der Jahre mit barocken Ornamenten füllt. Auch dies - das Feigenblatt der Juroren - ist weder ein wütender Aufschrei noch eine freche Provokation, aber immerhin ein intelligenter Kommentar. Denn niemand erwartet, dass das Schloss im Jahr 2013 fertig wird; man wird auf lange Sicht mit einem kahlen Rohbau leben müssen.

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Während sich die Juroren mit ihrem das-Gute-im-Schlechten winden, hört sich der Beifall der Befürworter so monoton und steril an, wie das Modell aussieht. "Ein wunderbarer Entwurf. Schlüter und Eosander haben mitgebaut" (Hans Stimmann, ehemaliger Senatsbaudirektor). Und auch die Kritik scheitert am allzu erwartbaren Resultat des längsten Architekturstreits der Stadt. Wenn Peter Conradi (ehemaliger Präsident der Bundesarchitektenkammer) sagt: "Wer Spiegelei bestellt, bekommt ein Spiegelei", klingt das wie ein hämisch, resigniertes "Siehste". Selbst Philipp Oswalt, der in der Schlossdebatte für starke Positionen bekannt ist, verzichtet auf grundsätzliche Kritik am Schlossnachbau mit barocken Fassaden. Zu oft wurde sie geäußert, zu ausdauernd ignoriert. Er misst den Entwurf an dem, was er leisten sollte: mit den Mitteln der Rekonstruktion einem historischen Ort gerecht zu werden. Es misslingt, wie Oswalt zu recht bemerkt. Stellas Schloss ist der Zeit enthoben. Es leugnet "die Geschichtlichkeit des Ortes". Das alte Schloss war ein Gebilde, an dem über Jahrhunderte geflickschustert und angebaut wurde. Die beiden Innenhöfe waren unterschiedlich groß, die Fassaden je nach Bauzeit verschieden gegliedert, der östliche Trakt stammte noch aus der Renaissance. Stella hingegen inszeniert rigorosen Ideal-Barock. In der Mitte des Gebäudes platziert er eine zentrale Nord-Süd-Achse, einen Mittelgang, mit genau mittigen Portalen und westlich und östlich zwei gleich großen Höfen. An die Stelle des Renaissance-Trakts schließlich, wo der Wettbewerb eine moderne Lösung erlaubte, stellt er einen gleichförmigen, ebenfalls symetrischen Riegel, den selbst die freundlich gesonnene Kritik als zu streng beurteilt. Nicht Kitsch, nicht Eklektizismus ist dem Entwurf vorzuwerfen. Hier baut ein Architekt ernsthaft barock. Barocker noch als barock.

Diese Entschiedenheit will Ratlosigkeit vergessen machen. Der Bau wird, sollte er jemals stehen, nicht überzeugen. Er wird erschöpfend, leblos wirken. Ein barockes Stadtschloss konnte als Traumbild die Herzen vieler gewinnen. Ein Traumbild, das mit Gewalt in die Welt katapultiert wird, wird nicht mehr als gespentisch aussehen.

 
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