Matthias Dell
Ausgabe 2415 | 12.06.2015 | 06:00 17

„Das ist ein riesiges Thema“

Interview Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, reagiert auf die Kritik am Umgang mit dem Kolonialerbe im Humboldt-Forum

Am 12. Juni gibt es in Berlin das Richtfest für den Wiederaufbau des Schlosses, in dem einmal das Humboldt-Forum residieren soll. Und es gibt ein „Nichtfest“ im Lustgarten gegenüber, zu dem die Initiative „No Humboldt 21“ lädt. Das Humboldt-Forum will mit den außereuropäischen Sammlungen, die aktuell in Berlin-Dahlem zu sehen sind, einst für ein „respektvolles und gleichberechtigtes Zusammenleben der Kulturen und Nationen“ stehen. „No Humboldt 21“ kritisiert, dass die kolonialen Bedingungen, unter denen die Sammlungen entstanden, nicht reflektiert, die Provenienzen der Objekte nicht erforscht seien. Die Kommunikation zwischen beiden Seiten liegt brach, seit Hermann Parzinger, einer von drei Gründungsintendanten des Humboldt-Forums, nach internen Runden ein geplantes öffentliches Gespräch im vergangenen Dezember kurzfristig absagte. Im folgenden Interview wird Parzinger deshalb nach von „No Humboldt 21“ formulierten Kritikpunkten gefragt.

Info

Das Interview wurde für die digitale Ausgabe des Freitag in seiner längeren Fassung belassen

der Freitag: Herr Parzinger, wie stellt sich „No Humboldt 21“ aus Ihrer Sicht dar?

Hermann Parzinger: Wir hatten in einer größeren Runde ein gemeinsames Gespräch, in dem wir unsere Überlegungen zur neuen Präsentation der Dahlemer Sammlungen im Humboldt-Forum dargestellt haben. Das fand ich eigentlich ganz konstruktiv. Ansonsten nimmt man diese Gruppierung wahr durch Äußerungen, die in meinen Ohren oft sehr pauschalisierend bis polemisch wirken. Ich habe manchmal das Gefühl, es wird ein Feindbild benötigt, an dem man sich abarbeiten kann. Das Anliegen als solches finde ich grundsätzlich durchaus wichtig. Man muss über die Dinge wie den deutschen Kolonialismus reden, weil auch er ein Teil der deutschen Geschichte ist. Ich sehe es als große Chance, diese Themen im Humboldt-Forum aufzugreifen und zur Diskussion zu stellen. Aber ich sage auch: Die Kolonialgeschichte und ihre Folgen sind nicht nur eine Sache der Museen, da würde man es sich in unserem Lande zu bequem machen. Diesem Thema muss sich Deutschland insgesamt stellen, insbesondere die Politik.

Gibt es Impulse für Ihre Arbeit, die sich „No Humboldt 21“ verdanken?

Im öffentlichen Bewusstsein ist wenig bekannt über den Anteil am Unrecht in der Kolonialzeit. Von Namibia, den Verbrechen an den Hereros, haben viele schon gehört, von anderen Dingen weniger. Vielleicht muss man manchmal auch ein bisschen schrill sein, um überhaupt wahrgenommen zu werden. In den Museen ist dieses Bewusstsein vorhanden. Wir wissen, wie essenziell es ist, nach der genauen Herkunft der Objekte zu forschen und den Kontext ihrer Erwerbung aufzuzeigen. Dies aufzuklären gehört zum täglichen Geschäft der Mitarbeiter. Wenn die ethnologischen Sammlungen im Humboldt-Forum präsentiert werden, muss die Erwerbungsgeschichte der Objekte klar sein.

Sie verweisen, zu Recht, auf die Politik, die die Kolonialgeschichte zum Thema machen müsste. Aber könnte sich das Museum da nicht einfach als Innovator in Schale werfen?

Genau das tun wir doch.

Bei der NS-Raubkunst ist die Bereitschaft zur Rückgabe spätestens seit der Sache Gurlitt Konsens. Warum überträgt sich, was naheliegend wäre, der Restitutionsdruck nicht auf Erwerbungen aus früheren Zeiten?

Bei der Stiftung nicht erst seit Gurlitt. Aber das ist ein anderes Thema. Man darf nicht alles in einen Topf werfen. Und eines möchte ich ganz klar betonen: Kolonialer Kontext ist nicht automatisch Unrechtskontext. Wir müssen schon, und das gilt nicht nur bei NS-Raubkunst, immer ganz genau den Einzelfall prüfen. Das ist aufwendig und dafür braucht man Personal und Mittel. Wenn sich dabei herausstellt, dass etwas unrechtmäßig erworben, also geplündert oder gestohlen wurde, dann muss man auch eine Rückgabe in Erwägung ziehen.

Die Kritiker sagen, Kultgegenstände könne man vor der Existenz eines kolonial geprägten Markts gar nicht anders als gewaltsam bekommen haben – ein Thron fände sich nun mal nicht am Wegesrand.

Wir sollten uns vor Pauschalisierung hüten und immer genau hinschauen. Den Thron aus Bamun, ein zentrales Objekt unserer Kamerun-Sammlung, bekam Wilhelm II. von König Njoya als Geschenk, auch wenn es keine Gabe unter Herrschern auf Augenhöhe war. Das Auftreten der Deutschen in Kamerun werden wir an dieser Stelle genauer beleuchten. Bei der Arbeit mit den ethnologischen Sammlungen stellen wir aber auch immer wieder fest: Viele Kultgegenstände, die eine gewisse Bedeutung hatten, wurden von den indigenen Gruppen regelrecht an Sammler verkauft. Ich bin in der Südsee gewesen und habe in Vanuatu, das übrigens nie eine deutsche Kolonie war, das dortige Museum besucht. Dort hat der Museumsdirektor gesagt: Unsere Stücke sind nicht älter als 40, 50 Jahre, weil wir sie früher nicht bewahrt haben, und glücklicherweise gibt es die Sammlungen in Europa und Nordamerika, jetzt wissen wir, wie lange unsere Traditionen zurückreichen. Man kann das Humboldt-Forum also auch als Chance begreifen.

Gab es denn schon Restitutionen von Dingen, bei denen der Raub geklärt war?

Wir haben in den 80er Jahren ein Objekt an Simbabwe zurückgegeben, aus Stein gearbeitete Vogelfiguren, weil sie dort Nationalsymbol sind, obwohl das kein Raubkontext war. Wir haben auch vor drei Jahren an die Türkei eine hethitische Sphinx übergegeben, und zwar als freiwillige Geste, ohne dass dazu ein rechtlicher Grund bestanden hätte. Solche Dinge gibt es immer wieder. Man kann über vieles reden, man kann auch über einen Austausch von Leihgaben sprechen, wenn man unaufgeregt und ohne Polemisierung an das Thema herangeht.

Wie ist denn der Stand der Provenienzforschung? Gibt es da eine Gruppe bei Ihnen, die sich dem widmet?

Zuständig sind dafür die Kuratoren der ethnologischen Sammlung, es ist Teil ihrer Arbeit. Allerdings muss man auch sagen, dass die Bedeutung der Provenienzforschung gestiegen ist und damit die Anforderungen an die Museen. Entscheidend ist, dass uns die Politik durch die Bereitstellung entsprechender Mittel in die Lage versetzt, diese detailreiche, aufwendige Arbeit auch zu bewältigen.

Zur Person

Hermann Parzinger, 56, ist Prähistoriker und seit 2008 Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Er bildet mit Neil MacGregor und Horst Bredekamp die Gründungsintendanz des Humboldt-Forums, das 2019 im Schloss öffnen soll

Foto: Reiner Zensen/Imago

„No Humboldt 21“ weist darauf hin, dass von insgesamt 500.000 Objekten nur 8.000 gezeigt werden. Und dass das Restitution doch leichter machte, wenn die Sachen hier nur im Depot liegen.

Ein Museum ist ja keine Ausstellungshalle, es ist ein Wissensarchiv, das die Geschichte, die materielle Hinterlassenschaft der Menschheit verwahrt, auch für die Forschung. Da kann man nicht sagen, wir behalten zehn Pfeilspitzen und die übrigen 200, die ähnlich aussehen, die geben wir weg. Das wäre eine völlig unwissenschaftliche Haltung zur Bewahrung des kulturellen Erbes. Wichtig ist, dass die Dinge für jedermann zugänglich sind. Außerdem sollen im Humboldt-Forum nicht 8.000, sondern 24.000 Objekte präsentiert werden.

Für jedermann zugänglich heißt aber nicht, dass jedermann durch die Depots spazieren kann?

Da gibt es natürlich Sicherheitsstandards. Aber wir haben regelmäßig Besucher von indigenen Gruppen, First Nations zum Beispiel, Yupik aus Alaska sind regelmäßig hier. Forscher aus aller Welt sowieso. Und wenn sich jemand mit gutem Grund dafür interessiert, bestimmte Dinge zu sehen, bemühen sich die Museen, das zu ermöglichen.

Ein weiterer Kritikpunkt von „No Humboldt 21“: die menschlichen Gebeine im Besitz der Sammlung, die zurückgegeben werden müssen. Stimmt es, dass daran noch geforscht wird?

Diese anthropologische Sammlung befindet sich erst seit kurzem in unseren Sammlungen. Wir haben sie von der Charité übernommen, weil im Museum für Vor- und Frühgeschichte Kompetenzen im Umgang damit vorhanden und auch Skelettreste aus prähistorischen Gräberfeldern in Deutschland dabei sind. Ganz entscheidend ist, dass wir menschliche Reste nicht wie übliche Sammlungsobjekte behandeln, sondern Sensibilität und Respekt walten lassen. Wir mussten sie konservatorisch aufwändig bearbeiten, um sie vor dem Zerfall zu retten, wir bewahren sie würdig auf und sind dabei, ihre Herkunft aufzuklären, um Wege für einen angemessenen Umgang damit zu finden.

„No Humboldt 21“ bemängelt auch, dass bei Ihnen viel von Toleranz, Weltoffenheit und Dialog die Rede sei, aber für die hier lebenden Menschen mit afrikanischem Hintergrund, die zur Initiative gehören, das nicht gelte. Ein Widerspruch?

So ist es einfach nicht: Die Museen arbeiten zum Teil sehr eng mit hier lebenden Menschen aus anderen Kulturen zusammen, etwa mit einer Hindu-Gemeinde aus Neukölln, auch zu einer Gruppe aus Kamerun und vielen anderen. Es muss das Ziel sein, diese Verbindungen weiter zu intensivieren und auszubauen. In Berlin gibt es Menschen aus über 180 Nationen – die hier ein Stück ihrer Kultur und ihrer Geschichte im Zentrum der Stadt wiederfinden können. Nirgends ist die eigene Kultur wichtiger als in der Fremde. Es ist eine unserer zentralen Aufgaben, diesen Dialog zu befördern – und hier ist noch Etliches zu tun. Eine lohnende Aufgabe, wie ich finde, denn die Beschäftigung mit den Sammlungen kann sehr wohl zum Zusammenhalt der Gesellschaft beitragen.

Können Sie sich vorstellen, mit „No Humboldt 21“ wieder ins Gespräch zu kommen?

Wir sind immer für den Dialog offen. Aber er muss sinnvoll und konstruktiv sein. An einer Plattform für aggressive, absurde Polemik werde ich mich nicht beteiligen. Zum Beispiel, wenn behauptet wird das Humboldt-Forum verletze die Würde von Menschen aus anderen Kulturen, es sei dazu da, den Kolonialismus zu rehabilitieren und Alexander von Humboldt sei einer der größten Leichenfledderer gewesen.

Können Sie verstehen, dass die Initiative die Idee, den Schlossplatz in Nelson-Mandela-Platz umzubenennen, als Kosmetik empfindet, zumal von deren Seite schon länger dafür geworben wird, die problematische „Mohrenstraße“ nach Mandela umzubenennen?

Es kommt darauf an, die Menschen zu sensibilisieren für den zum Teil auch vergessenen rassistischen Hintergrund solcher Begriffe. Deshalb spräche aus meiner Sicht doch einiges für eine Umbenennung der Mohrenstraße. Ob der Schlossplatz aber unbedingt einen anderen Namen braucht und welchen – das müsste man noch sehen. Nelson Mandela würde schon passen, aber man sollte darüber durchaus noch weiter nachdenken.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 24/15.

Kommentare (17)

goedzak 12.06.2015 | 09:19

Nelson Mandela würde schon passen, aber man sollte darüber durchaus noch weiter nachdenken.

Haha, der Mann weiß genau (und denkt vielleicht selbst genauso, das Reden von "unserer" und "ihrer" Kultur wäre dafür jedenfalls eine gute Basis), dass das längst etablierte "Wir Deutsche müssen wieder mehr Patrioten und dürfen auch wieder ein bisschen stolz auf unsere Nation sein"- Denken ganz subtil verhindern wird, dass der zentralste nationale Mythen-Ort nach einem "Fremdkulturellen" benannt wird. Da bin ich zu Wetten bereit.

Da könnte es mit der etwas abgelegeneren Mohrenstraße schon eher klappen. Aber ich höre schon die Witze der "Ich bin bestimmt kein Rassist, aber..."-Fraktion, wenn ausgerechnet eine Mohren-Straße in Mandela-Straße umbenannt wird.

Columbus 13.06.2015 | 11:20

Es wäre je schön und gut, wenn große Museen ihre alten, mit Kultur und Wissen verbundenen, Aufträge nicht immer häufiger zurückstellen müssten.

Das Humboldt- Forum muss nun in eine Stadtschloss- Teilrekonstruktion einziehen und gleichzeitig wurde es mit einer Menge zusätzlicher Ansprüche belastet.

Es soll Repräsentanz der Außendarstellung Deutschlands, im Umgang mit anderen Kulturen und Nationen sein, aktuelle Bezüge praktisch jeden Tag seiner Öffnungszeiten abbilden.

Es soll den materiellen Tätigkeitsnachweis, nein, Beweis für Bundes- und Stadtpolitiker Berlins erbringen, mit einer "Multiplex- Idee", die zwar anders ist, als die der Elbphilharmonie, aber vom gleichen Geist getragen.

Daher müssen Sammlungen in eine Stadtschloss- Attrappe. Daher muss da auch noch Platz für Events sein, die vom hochrangigen Delegations- und Diplomatiebesuch, bis zum Tageszeiten orientieren Großstadtevent, alles abdeckt. - So wie das Runde ins Eckige muss, und die Oper auf den Speicher drauf.

Das Forum soll zudem vor allem die außereuropäischen ethnologischen Sammlungen zeigen, ohne den Aneignungscharakter zu vernachlässigen und weil das nicht reicht, kommt auch noch ein naturwissenschaftlich- technische und medizinhistorische Sammlung dazu.

Alles das, färbt auf die leitenden Manager, die diese Aufgabe bewältigen sollen, ab.

Weil das Forum ideologisch vielfältige Anforderungen erfüllen soll, gehen die "Intendanten", die man nicht mehr einfach Museumsdirektoren nennen darf, weil sie eher Ausstellungen und Eventflächen "bespielen", -auch das eine sehr modische Vokabel in den Kreisen, die sich für zuständig halten-, so vor, wie es sich für maßgebliche Politiker oder auch Konzernchefs längst zur Gewohnheit entwickelt hat.

Man signalisiert immer und hartnäckig Gesprächsbereitschaft, alles andere wäre ein Fauxpas, wird möglichst niemals wirklich konkret und arbeitet, praktisch ohne große Außenbeteiligung und Öffentlichkeiten, daran, die durchaus mit viel Geld ausgestattete Inszenierung und ihren Plan in die Tat umzusetzen.

Schade ist, dass durch die geplante Trennung der deutschen und europäischen Volkskultur, die weiter in Dahlem oder woanders ausgestellt wird, die eben schon frühe Vernetzung der Kulturräume, mindestens seit der Jungsteinzeit, vernachlässigt wird. Auch Europäer sind ein bisschen Afrikaner und Zentralasiaten.

Bei Namen und Nennungen, das beweist die Vergangenheit, ob es sich um Universitätsnamen oder Straßenzüge handelt, rasten die meisten Menschen, ob nun in Macht und Verantwortung, oder nur als Bürger interessiert, völlig aus.

Die Nebensächlichkeiten werden zu Hauptsachen, vielleicht auch deshalb, weil an den Hauptentscheidungen, auch wenn sie grundsätzlich falsch sind, nichts mehr geändert werden kann.

Die Geschichte der Kolonisierung und des Imperialismus ist nicht einförmig schwarz- weiß. Keine Geschichte ist das. Ein bekanntes Beispiel dafür sind gerade die Herero, ein Bantu- Volk das ausnahmesweise Vieh züchtete und wanderte, sich Verdrängungskämpfe brutalster Art mit den Nama lieferte, bevor dann die deutschen Kolonisatoren einen Völkermord an beiden afrikanischen Völkern begingen.

Beste Grüße

Christoph Leusch

miauxx 13.06.2015 | 11:42

Es fügt sich sehr gut für Hrn. Parzinger, in einem Interview mit dem Themenschwerpunkt Kolonialismus und Genese von Museumssammlungen diesen Museumsdirektor aus Vanuatu zitieren zu können. Und man wird von einem Präsidenten der SPK sicher nicht hören, dass Provenienzforschung rigoros unter dem Vorzeichen eines abstrichlosen Eingestehens der strukturellen Unrechtssituation Kolonialismus zu geschehen habe. Denn dann läge die Gefahr nahe, die archäologischen und ethnologischen Sammlungen zugunsten von Restitutionen an die Ursprungsorte nahezu leeren zu müssen. Es bliebe den Museen für Schätze aus Übersee wohl fast nur noch der Leihverkehr übrig; repräsentative Sammlungen gehörten der Geschichte an.

Logischerweise argumentiert Hr. Parzinger für feine Differenzierungen - man müsse eben hinsehen, wo tatsächlich ein unmittelbarer Raubkontext vorliege. Immerhin gibt er aber zu, dass auch Gaben lokaler Größen - Könige, Häuptlinge etc. - unter einer Kolonialsituation nicht als Austausch auf Augenhöhe anzusehen seien. Dem entgegen steht wiederum die Aussage "Kolonialer Kontext ist nicht automatisch Unrechtskontext." Wie gesagt, für einen Mann in seiner Position und Funktion ist so eine gewundene Argumentation freilich wenig erstaunlich. Allerdings wird es so nach außen hin schwierig, nachzuvollziehen, wie ernst ein eindeutiges Positionieren zur Kolonialgeschichte genommen und wie abstrichlos Provenienzforschung betrieben wird und vor allem, welche Konsequenzen daraus gezogen werden.

Columbus 13.06.2015 | 12:08

"...vor allem, welche Konsequenzen daraus gezogen werden."

Das, Miaux, ist die spannende Frage! Wie würden Sie es machen?

Wäre nicht eine Lösung, die wahrlich formidablen sachlichen, technischen und ökonomischen Voraussetzungen der Berliner Museen zu nutzen, um gar nicht erst den Eindruck entstehen zu lassen, dies seien vorzüglich Sammlungen, um die eigene Fähigkeit und Überlegenheit, sich etwas anzueignen, auszustellen?

Ich würde z.B. derzeit nicht unbedingt Werke nach Südafrika, Zimbabwe, Zentralafrika oder in die Subsahara- Staaten schicken. Wahrscheinlich sind die meisten Werke, selbst für eine fernere Zukunft, genau in den Museen preußischer Kulturbesitz am besten konserviert, restauriert, betreut, beforscht und ausgestellt. - Manche Rückgabeforderungen wären der sichere Weg in die Vernachlässigung oder gar Vernichtung der Objekte. - Der Unrechtskontext besteht übrigens auch innerhalb Europas (GB,D, F zu GR). Aber trotzdem ist das Motiv, die museale Sammlungsidee, eine durchaus westliche, italienische, englische, französische und deutsche Vorstellung, nicht eine einfache Kette die nur aus Verbrechen und Unrechten zusammengesetzt wurde.

Beste Grüße

Christoph Leusch

miauxx 13.06.2015 | 12:14

Ich glaube, es ist auch nicht unwesentlich, dass zuvorderst die lobbygetragene städtebauliche Idee einer historischen "Wiederherstellung" der Spreeinsel stand. Freilich unter der Ausradierung des geschichtlichen Zeugens 'Palast der Republik', der freilich nicht nur in seiner Bausubstanz, sondern auch im übertragenen Sinne seines vermeintlichen Symbolwertes wegen als Asbestverseuchung im Herzen Berlins anzusehen sei.

So, und dann musste sich eben eine möglichst bedeutungsschwangere Nutzungsidee finden lassen, die gleichermaßen den Eindruck einer allzu deutlichen Sehnsucht nach Hohenzollern-Herrlichkeit - zumal im trendigen, nach Weltstadt-Flair greifenden Berlin von heute - verschwinden zu lassen weiß. So kam dann zum doch recht konstruierten Plan des Humboldt-Forums, als, wie Sie richtig sagen, "Mulitplex" des Treffens der Kulturen und Geschichtsepochen unter der Prämisse des Multi-Kulti-Dialogs usw. usf.

Dazu kommt: Berlins Geschichte, Kultur- wie Stadtgeschichte, ist schwer nachvollziehbar. Dazu haben zuvorderst der 2. WK und die deutsche Teilung ihren wesentlichen Anteil. Viele geschichtliche Zeugen sind ausradiert und Berlin hat auch keine wirkliche Mitte; hat mehrere Zentren. Es ist unübersichtlich und abgesehen von den populären Hotspots nur sehr schwer zu erkunden. Doch anstatt eines Schaffens von mehr Orientierung in der Vielfalt und v.a. unglaublichen Versprengtheit der Entdeckungsmöglichkeiten, werden geschichtliche Zeugen fortgesetzt ausradiert, umgestaltet, und umgedeutet.

miauxx 13.06.2015 | 12:40

Das ist eine sehr schwierige Frage! Zwar kritisiere ich Parzinger, bin gleichermaßen aber auch kein Vertreter der radikalen "Lösung", dass alles, was im Kontext der Kolonialisation gewonnen wurde, zurückzuschicken sei. Ich denke, es ist am besten, Provenienzforschung so tief und weit es eben geht durchzuführen und darauf in den Kontakt mit lokalen Verantwortlichen zu treten. Damit kann man bestimmt auch dem Argument, dass im Fall der Fälle im europäischen Museum bessere konservatorische Bedingungen herrschen, gerecht werden. Ich denke, dass gerade die Museumsverantwortlichen in Ländern mit schwierigen Umständen da auch vielfach zustimmen würden. Allerdings haben die das ja nicht allein zu entscheiden. Rückgabe und Austausch von Kulturgütern wird ja auf hoher diplomatischer Ebene verhandelt.

Kurz: Es müssen in fraglichen Fällen Dialoge und Verhandlungen zustandekommen. Und zwar auf Augenhöhe. Ich kann also nicht einfach hingehen und sagen: Die Sachen bleiben bei uns, weil die Wahrscheinlichkeit ihrer Erhaltung hier höher ist. Jedoch glaube ich auch, dass die Bereitschaft zu derartigen Verhandlungssituationen hierzulande seitens der Direktoren und Kulturpolitiker nicht gerade hoch ist. Schnell dabei ist man immer nur, wenn es um die eigenen Bestände im Ausland geht. Etwa in Russland und anderen Ländern der ehemaligen SU.

Columbus 13.06.2015 | 13:32

Parzinger ist nicht allein, bei dieser Art "Intendanten"- Kultur. Er muss sich mit dem nominellen Primus inter pares, Neil MacGregor, ebenso abstimmen, wie mit Horst Bredekamp.

Ich glaube, wir beide wissen ziemlich sicher, dass nun ein Kernelement der Identität der Bundesrepublik und der Stadt Berlin, nämlich ihre, immer wieder propagierte "Weltoffenheit",- Das ist eigentlich ein sehr schönes, romantisches, philosophisches und anthropologisches Wort, mit Wurzeln in der Renaissance, das sich gar nicht vollständig in andere, universalere Sprachen übersetzen, sondern dort nur umschreiben lässt. -, in einen dagegen völlig inerten Schloss- (Fassaden-)Nachbau, der dazu auch noch eine strenge vierte Fassade (Franco Stella) und ein Innenleben von äußerster Schachtelung und Geschlossenheit erhält, eingepflanzt wird.

Die Fakten sind geschaffen, das Richtfest wurde gefeiert, in Berlin, vor kurzem in Hamburg an der Elbe.

Was wäre alles denkbar, wenn nicht 600 + x Millionen € in diesen Bau geflossen wären, sondern nur je 150- 200 Millionen, für die man adäquate, dem Anspruch entsprechende, Architekturen für die Sammlungen hätte erstellen können.

So aber, leidet das Forum, das weniger Flächen haben wird als gedacht, schon an dieser "Multiplex"- Kultur.

In Hamburg ist das ähnlich. Weil man Symbole mit viel Geld bezahlt, kostet ein Opernneubau nicht 80- 150 Millionen, vielleicht 200 Millionen, sondern eben mindestens 800 Millionen Euro.

Alles Schnee von gestern und längst entschieden. Die Initiatoren solcher Projekte sonnen sich am Oberdeck, manche zogen fort und weiter, ihre Tatwerke an anderer Stelle zu wiederholen.

Ihre Idee, die Herkünfte genau zu klären und so viel als möglich mit den Herkunftsländern und Rechtsnachfolgern zu kooperieren, dürfte Parzinger selbst vorantreiben. Dazu könnten ja noch Stipendien, Forschungszugänge und Projektkooperationen treten.

Es bleibt der Mühlstein des Schloss-Baus.

Man wird, wie bei jedem ordentlichen Otto-ECE- Center (Kleiner Scherz, ich denke mit realem Grund), auf die schiere Größe und die Anmutungsqualität der Materialien der Höfe und der Innenräume setzen. So also, Eindruck schinden wollen.

Gutes WE

Christoph Leusch

miauxx 13.06.2015 | 15:20

"Ihre Idee, die Herkünfte genau zu klären und so viel als möglich mit den Herkunftsländern und Rechtsnachfolgern zu kooperieren, dürfte Parzinger selbst vorantreiben.(...)"

Nun ja, sehen wir mal. Auch in diesem Interview hier gibt er immerhin einiges an Versprechen ab.

"(...) Dazu könnten ja noch Stipendien, Forschungszugänge und Projektkooperationen treten."

Es ist derzeit auch so, dass Provenienzforschung ein großes Thema geworden ist und in einschlägigen Institutionen die Bereiche geschaffen oder ausgeweitet werden. Jedoch heißt das so gut wie nie, dass dafür Planstellen geschaffen werden. Obwohl gerade dieser Bereich langfristig angelegt sein, ja, als Daueraufgabe verstanden werden müsste, geht es, wie mittlerweile nahezu generell üblich, nur über Drittmittelprojekte eng umgrenzter Laufzeit. Und gerade auch die SPK, immerhin Deutschlands größte und mächtigste Kulturorganisation, setzt anscheinend vornehmlich auf die von Ihnen angesprochenen möglichst nach außen hin repräsentativen Protzprojekte (das Humboldt-Forum ist dabei nur ein Beispiel unter mehreren in Berlin betreff. die SPK), während nach innen hin die Personalstärke kontinuierlich zu schrumpfen hat. Die Abwägung der Mittel unter langfristigen und nachhaltigen Gesichtspunkten spielt offensichtlich eine untergeordnete Rolle. Es zählt, was erst einmal toll aussieht.

Columbus 13.06.2015 | 16:36

>>Es zählt, was erst einmal toll aussieht.<<

Das ist leider überall so: TV- Studioräume von epischer Dimension, selbst für einfachste Nachrichtensprecherei und die krawattierten Anchors. Pop-Kultur, je größer und je altmodischer, je lieber. Dienstgebäude, wieder mit Zaun, Wallanlage und angedeutetem Wassergraben, im Schlitzfenster-Beton Look oder als rückspiegelnder Monolyt.

Fassadenabwicklungen, die auch zwischen 33 und 45 Wettbewerbe gewonnen hätten.

Kliniken und Klinikverbünde in Privatbesitz, mit wunderbaren Eingangsbereichen und großzügigen Verwaltungsbüros, aber wenig Dienstpersonal und überlasteten Ärzten, die nicht einmal mehr eigene Zimmer haben. Firmensitze ganz analog dazu gestaltet.

Das alles und noch viel mehr, z.B. , die ewiggleichen Lieblingseinkaufslandschaften und der Potsdamer- Platz, der so irgendwo auf der Welt, in Baku, in Shanghai, in Chicago, gebaut sein könnte; Gewerbe und Hotel-Hochhäuser, die nur aus Prestigesucht immer höher hinaus wollen, dient nur zu Tarnung der sonstigen Verwüstung der Natur, der Kultur und der Geister.

Dazu werden dann praktisch täglich Festspiele veranstaltet, vom Sport bis zum Mord.

Dawei

Christoph Leusch

Berufsjugendlicher v2.0 13.06.2015 | 19:00

Stadtschloss- Teilrekonstruktion

"Die Deutschen lassen ihren Hass immer an Steinen aus"

ZEIT ONLINE: Wie gefällt Ihnen denn der Entwurf des Italieners Franco Stella für das alte, neue Schloss mit seinen historisierten Fassaden?

Prasser: Ich habe nichts gegen Architekten, die etwas Neues bauen wollen. Aber man kann keine Potemkinsche Fassade errichten und dahinter ein Stahlbeton-Skelett. Ein solches Schloss ist gesellschaftspolitisch und historisch, Entschuldigung, Scheiße. Wenn historisch, dann richtig.

Columbus 13.06.2015 | 20:09

Sehr witzig. Das ist die gute Seite des Berliners. Er hat Fantasie und Widerstandswillen. Die unangenehme Seite: Alle wichtigen Straßen Berlins sind so lang und breit, dass er schon häufiger denkt die Welt gesehen zu haben, wenn sie bei ihm Unter den Linden und entlang des Tauentzien flaniert und er selbst das Adlergestell einmal auf und ab gefahren ist.

Allerdings, damit die CDU einer Namensänderung auch reinem Herzens zustimmen kann und die SPD ihre Bauschmerzen Kopfschmerzen sein lässt, müsste die Geschichte dazu wohl so lauten:

Gustav Adolf Freiherr von und zu Möhren, noch unbekannter Widerstandkämpfer gegen Hitler und Stalin, der in letzter, hochadeliger Verzweiflung sogar Sozialdemokraten und Reformkommunisten an einer alldeutschen Einheitsregierung beteiligen wollte, aber hoffnungslos überstimmt wurde.

Von und zu Möhren stammt aus einer angesehenen preußischen Junkerfamilie, deren Mitglieder, verlässlichen Quellen zufolge, an allen wichtigen, fehlgeschlagenen Versuchen, Deutsche für die Demokratie und die Furchtlosigkeit in der Welt zu gewinnen, beteiligt waren.

Seine Gattin, Freifrau Barbara von und zu Möhren, geborene von Streusand, ist die unbekannte, aber in Wikipedia schon erwähnte, ernorm erfolgreiche Sammlerin wertvoller Posamenten in Schwarz- Rot- Gold Wirkerei, aus der alten 48er Barrikadenzeit.

Bekannt sind auch zwei Nachttöpfe, aus ihrer deutschen Erinnerungssammlung, mit entsprechender Randzierleiste in Nationalfarben, die nach einschlägigem Urteil als Wurfgeschosse auf den Barrikaden dienten, wovon noch einige Dellen in Topfrändern und Böden zeugen. Die historisch wichtigen Töpfe, können zukünftig im Eingangsbereich der Humboldt- Forums gezeigt werden, nachdem die Kulutrstiftung des Bundes und der Länder den verarmten und in Erbstreitereien erschöpften Nachfahren ein Angebot machen konnte, dass diese unmöglich ablehnen konnten. Für die feierliche Audstellung, in einer nicht näher zu bezeichnenden Zukunft, konnte jetzt schon der Bundespräsident als Redner gewonnen werden. Es wird eine programmatische Rede erwartet.

Einer der Töpfe soll anno dazumal nur knapp am Kartätschenprinzen vorbeigeflogen sein. Wäre er entscheidend eingeschlagen, die Weltgeschichte sähe heute anders aus.

Beste Grüße

Christoph Leusch

philipp9x 14.06.2015 | 10:48

@Berufsjugendlicher v2.0 - siehe den Link bei Berufsjugendlicher V2.0
Herrliches Interview, unbedingt lesen:

Mit einer Plastikattrappe hat ein geschickter Kaufmann aus altpreußischem Adel (in Verbindung mit der Zehlendorfer CDU, Lehmann-Brauns, Wilmersdorfer Witwen usw.) den Realsozialismus noch einmal besiegt.

Dabei hat Boddien auf Staatskosten auch selber, in bewährter Tradition des preuß. Kriegeradels, seinen Status sichern können (nachdem er sein Familienunternehmen in die Insolvenz geführt hatte).

Meine Meinung:
- Der Hauptmann von Köpenick war ebenfalls Provinzposse, aber lustig!
- Die "Stiftung Preußischer Kulturbesitz" hat auch schon erheblich bessere Zeiten gesehen: Das altpreußische Lied "Wes Brot ich ess" könnte sie weniger salbadernd singen, als sie es hier im Freitag tut.
- Ein weiterer Ort in Mitte ist den Berlinern weggenommen und mit sehr viel Steuergeld der Tourismusindustrie übergeben.

Paris hat ein weltberühmtes Stadtschloß (Louvre) und eine revolutionäre Geschichte. Berlin hat nun die Attrappe der Attrappe. Das hat noch nicht einmal Potemkin geschafft!